Themen-Schwerpunkt Besser Atmen Lisa Rädlein

Wie Reiter richtig atmen

Richtig atmen beim Reiten Was der Atem bewegt

Motivieren, beruhigen, Lektionen reiten – all dies gelingt besser mit der richtigen Atmung. Auf diese Punkte sollten sie dabei achten.

Eine Reiterin traute sich kaum noch auf ihren Spanier, weil er ständig unerwartet Gas gab. 45 Minuten lang konzentrierte sie sich unter Anleitung ihrer Reitlehrerin Frauke Behrens nur auf ihre Atmung – ohne dass ihr Pferd ein einziges Mal einen Sprint einlegte. Zufall?

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Keineswegs, findet Behrens, die sich auf Sitzschulungen für Reiter spezialisiert hat. "Die Atmung ist der Herzschlag des Bewegungsdialogs zwischen Pferd und Reiter", erklärt die Physiotherapeutin. Denn während der Mensch ein- und ausatmet, ist nicht nur die Lunge beschäftigt: Viele Regionen und Organe des Körpers sind involviert. Weil die Reiterin bewusst ihre Atmung gezählt hat, konnte sie sich mental und körperlich wieder ins Gleichgewicht bringen. Ein Zustand, der ihrem Pferd Sicherheit und Stabilität signalisiert hat.

Warum spielt unsere Atmung beim Reiten eine wichtige Rolle?

Pferde nehmen hochsensibel wahr, vor allem, wenn es um ihre Balance geht. Als Fluchttiere sind sie darauf angewiesen, dass sie ihren Körper und ihre Bewegungen beherrschen können. Deshalb stürmen junge Pferde, die das erste Mal einen Reiter auf ihrem Rücken tragen, häufig davon, weil sie aus ihrem gewohnten Gleichgewicht geraten, meint Frauke Behrens. "Jede Atembewegung des Reiters bedeutet eine Aktion auf dem Pferderücken. Sowie wir den Atem anhalten oder zu viel Spannung mit der Atmung aufbauen, hält das Pferd mit der Rückenmuskulatur dagegen, um Dysbalancen auzugleichen. Oft jedoch, ohne dabei seine Tragemuskulatur aktivieren zu können."

Was passiert in unserem Körper, wenn wir ein- und ausatmen?

Obwohl wir es nicht bewusst wahrnehmen, bewegt sich unser Körper während jeden Atemzugs. Muskeln dehnen sich, entspannen und sind aktiv, um unseren Körper in einer aufrechten Position zu belassen. Wann immer unsere Muskulatur aktiv wird, sind auch Gelenke beteiligt.

Die Lungenatmung, bei der Sauerstoff aufgenommen und Kohlendioxid abgegeben wird, steuert das Gehirn. Der wichtigste Muskel bei der physiologischen Atmung ist das Zwerchfell. Beim Einatmen durch die Nase senkt es sich ab, der Brustkorb öffnet sich und dehnt sich sternenförmig in alle Richtungen aus. Dabei wölbt sich die Bauchdecke leicht auf. Die Bewegung beim Einatmen setzt sich fort bis zum Beckenboden, der elastisch nachgibt und entspannt. Beim Ausatmen spannt der Beckenboden wieder an und das Zwerchfell entspannt sich.

An diesem Punkt wird deutlich, warum die Atmung für den Reitersitz so eine große Rolle spielt: Das Wechselspiel der Spannungsverhältnisse im Ober- und Unterkörper wirkt sich auf die tiefe Muskulatur aus: auf die Hals- und Rückenmuskulatur, Bauchmuskeln, Außendreher der Hüfte, Oberschenkel-Innenmuskulatur, Hüftbeuger und seitliche Rumpfstabilisatoren. "Diese Muskeln stehen alle in einem biomechanischen Zusammenhang, den wir für einen tiefen, aufrechten und losgelassenen Sitz benötigen", erklärt Frauke Behrens.

Was kann die Atmung des Reiters das Pferd beeinträchtigen?

Wenn sich Brustkorb und Bauchraum beim Einatmen nach innen bewegen, spricht man von einer paradoxen Atmung. Diese ist nicht physiologisch und ein Zeichen dafür, dass der Mensch nicht entspannt atmet. Durch dauerhafte Fehlhaltungen, Schmerzen, Stress oder Angst wird das Zwerchfell in Spannung versetzt. "Wer viel am Schreibtisch sitzt oder in eine Situation kommt, die Ängste auslöst, kann meist nicht mehr richtig atmen", betont Frauke Behrens. Sogar länger zurückliegende Ereignisse wie ein Bandscheibenvorfall, eine Operation, Schwangerschaft oder ein schwerer Sturz vom Pferd können den Reiterkörper in ein Langzeit-Trauma versetzen. Die Folge: Eine korrekte physiologische Atmung ist nicht mehr möglich.

Die unphysiologische, paradoxe Atmung ist eine Atmung, die oft mit einer Schon- oder Schutzhaltung einhergeht. Wer so atmet und auf dem Pferd sitzt, kann keine korrekten Hilfen mehr geben. Das Pferd wird unsicher und verspannt sich. Ein Teufelskreis, den Reiter jedoch mit ein bisschen Übung sehr gut durchbrechen können. Wie das gelingt, lesen Sie hier.

Übung am Boden – Basis-Übung: Atemzüge zählen

Die Grundlage dafür, korrekt zu atmen und Ihren Atem bewusst einzusetzen: Sie müssen Ihren persönlichen Atem-Rhythmus finden. Frauke Behrens erklärt, wie es geht:

Sie liegen auf dem Rücken. Legen Sie eine Hand auf Ihren Brustkorb und eine auf Ihren Bauch (unterhalb des Bauchnabels). Schließen Sie die Augen. Versuchen Sie mit Ihren Händen nachzuspüren, wie sich Brustkorb und Bauchdecke beim Einatmen gleichzeitig sanft anheben. Probieren Sie die Übung am besten abends vor dem Einschlafen aus. Dann können Sie sich besser konzentrieren.

Sobald Sie spüren, wie sich Ihr Körper beim Einatmen bewegt, zählen Sie Ihre Atmung. Folgen Sie Ihren persönlichen ruhigen, nicht vertieften Atemzügen. Es kann sein, dass Sie bis drei oder vier beim Einatmen zählen und dann wieder bis drei oder vier beim Ausatmen. Es ist egal, ob die Zahlen gleich oder unterschiedlich sind.

Versuchen Sie dann, die Atmung hauptsächlich in den Bauch zu leiten und danach hauptsächlich in den Brustkorb. Hierbei zählen Sie auch. Danach stehen Sie auf und versuchen die gleiche Übung, zuerst im Stehen und danach beim Gehen. Wichtig: Nicht betont tief atmen.

Übung am Boden – Herzliche Stimmung: Wie Sie Pferde beruhigen und positiv begleiten

Menschen, die sich in Herzkohärenz befinden, sind eine angenehme Gesellschaft. Das spüren nicht nur wir Menschen, sondern selbstverständlich auch die Pferde. Sie suchen dann gerne unsere Nähe, weil wir für sie eine positive Ausstrahlung haben und vertrauenswürdig wirken.

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Atmen für mehr Ruhe: Weil Pferde so gut auf unsere Körpersprache reagieren, nehmen sie auch unsere Atmung wahr. Denn durch die Art, wie Sie atmen, verändert sich auch Ihr Körper. Eine ruhige, gleichmäßige Atmung geht mit einer entspannten Körperhaltung einher. So können Sie sich und Ihr Pferd herunterfahren.

Aber was ist Herzkohärenz und wie stellt man sie her? Sie wird definiert als "ein optimierter Zustand, in dem Herz, Geist und Emotionen geordnet und im Gleichklang sind" (Heartmath Institute). Herzkohärenz ist trainierbar und kann sehr hilfreich sein, um sich selbst, auch in Stress-Situationen, in eine ruhige, gelassene Stimmung zu versetzen.

Anke Recktenwald hat die Erfahrung gemacht, dass die Herzkohärenz Reiter in vielen Situationen unterstützt: Etwa wenn sie sich ihrem Pferd nähern, ein ausgebüxtes Tier einfangen oder nach einer Schrecksituation wieder gelassen werden möchten. Die Ausbilderin übt mit ihren Reitschülern die Herzkohärenz über die "Tellington Herzumarmung".

So kommen Sie am leichtesten in Herzkohärenz: Atmen Sie über fünf Sekunden lang ein und über fünf Sekunden lang aus, eine Minute lang. Stellen Sie sich vor, Sie atmen mit dem Herz ein aus und verbinden das mit einem positiven Gefühl und einem Lächeln.

Dabei unterstützt die "Herzumarmung", eine der TTouches von Linda Tellington Jones: Sie legen beide Hände übereinander auf Ihr Brustbein. Schieben die Haut auf einem imaginären Zifferblatt von der Sechs über die Neun, Zwölf, Drei, Sechs bis zur Neun. An diesem Punkt halten Sie inne und atmen tief und lächelnd in ihr Herz. Den nächsten TTouch versetzen Sie ein kleines Stück. Schon nach kurzer Zeit kommen Sie so nah an die Herzkohärenz.

Schaffen Sie Ihre störungsfreie Zone (alle Atem-Typen, vor allem A und D): Das Zählen und Atmen belegt viele Straßen im Gehirn. Oberflächliche Sorgen und Ängste wirken sich dann nicht mehr auf Ihre Gedanken und damit auch auf Ihren Körper und Ihre Muskulatur aus. Für Erwartungen und Enttäuschungen, die Sie beim Training mit sich und Ihrem Pferd verbinden, ist dann kein Platz. Und die Zuschauer an der Bande sind nicht mehr wichtig. Deshalb hilft die Konzentration auf die Atmung auch Ihrem Pferd: Es kann sich besser auf sie einlassen und Ihr Dialog wird harmonischer.

Übung am Boden – Tempo: Antraben und durchparieren an der Hand

Diese Situation kennen Sie sicherlich: Der Schmied oder der Tierarzt ist da und Sie sollen das Pferd an der Hand im Trab vorführen. Das hört sich erst mal ziemlich einfach an. "Doch wenn wir ehrlich sind, reagieren Pferde oft sehr zögerlich", meint Bodenarbeitsexpertin Dr. Claudia Münch.

Dabei ist es allein durch die Atmung möglich, das Pferd zu beschleunigen. Wichtig: Ihr Schultergürtel muss parallel zu den Schultern des Pferds ausgerichtet sein, also offen nach vorne. Ihre Arme sollten locker und nicht steif oder durchgedrückt sein. Achten Sie vor allem die korrekte Führposition: "Der Mensch muss sich unbedingt hinter den Ohren des Pferds befinden, da er weiter vorne bremsend einwirkt", so Claudia Münch.

Der Tipp der Expertin, um Ihr Pferd an der Hand mit feinen Hilfen anzutraben: Einatmen und nach oben denken, also den Körper deutlich aufrichten und gefühlt "Richtung Himmel strahlen". Am Anfang dürfen Sie Ihr Pferd mit Ihrem freien Arm, den Sie treibend hinter Ihrem Körper einsetzen, unterstützen. Später brauchen Sie diese zusätzliche Hilfe nicht mehr.

Alleine über Ihre Atmung können Sie Ihr Pferd auch durchparieren, ohne dabei an seinem Kopf zu ziehen. Führen Sie beim Traben die Hand, in der Sie den Strick halten, ein kleines Stück nach vorne und atmen Sie gleichzeitig betont aus. Ihr Pferd wird darauf unmittelbar reagieren, indem es bremst. "Das funktioniert garantiert", weiß Münch.

Das betonte Ein- und Ausatmen können Sie auch nutzen, um das Gangmaß zu vergrößern oder zu verkleinern. Fortgeschrittene benötigen für die Bodenarbeit weder eine Gerte noch den freien Arm als treibende Hilfe. "Je klarer Sie Ihre Atmung und Körperhaltung einsetzen, desto mehr wird Ihr Pferd darauf achten", sagt Münch. So können Sie Ihr Pferd fast von Zauberhand bewegen.

Übung am Boden – Pause: Entspannen als Belohnung

Pausen gehören beim Reiten als auch bei der Bodenarbeit in jede Trainingseinheit, damit das Pferd immer wieder körperlich und mental entspannen oder nachdenken kann, betont Dr. Claudia Münch. Um es dabei zu unterstützen, können Sie die Atmung bewusst nutzen – nicht nur Ihre eigene, sondern auch die Ihres Pferds.

Zu Anfang bauen Sie diese Übung nur dann ein, wenn das Pferd eine Pause zulässt, also sich bereits in einem entspannten Zustand befindet. Sie selbst atmen in der Pause betont ruhig ein und aus. Achten Sie dabei auf die Atmung Ihres Pferds und warten Sie darauf, dass es einmal tief ausatmet. Danach können Sie die Arbeit wieder aufnehmen, denn es ist bereit für eine neue Runde.

Solche Atem-Pausen können Sie etablieren, auch als Belohnung nach einer gelungenen Lektion: Sie leiten eine Pause ein, atmen ruhig und einmal betont ganz tief aus. Oft wird Ihr Pferd dann das Gleiche tun. "Das klappt mit der Zeit ganz automatisch", weiß Dr. Münch aus Erfahrung. "Mit meinem Pferd war das ein festes Ritual."

Für Reiter, die unregelmäßig atmen (Atem-Typ B): "Diese Typen sind oft sehr sensibel und orientieren sich zu stark an ihrer Umwelt. Ihnen fehlt die Erdung", sagt Frauke Behrens. Die passende Übung: Sie stehen barfuß, Ihre Füße sind eine Schulterbreite auseinander, die Knie leicht gebeugt. Stellen Sie sich vor, Ihre Füße schlagen Wurzeln in den Boden. Formen Sie mit beiden Händen eine Kugel vor Ihrem Unterbauch. Bewegen Sie die Kugel ganz langsam entgegen dem Uhrzeigersinn, dabei das Becken ganz leicht in die Bewegung mitnehmen. Nach fünf Minuten wechseln Sie die Richtung und wiederholen die Übung.

Übung am Boden – Ruhig stehen: Für den Zappelphilipp

Ihr Pferd hampelt beim Putzen herum oder bleibt nicht stehen, wenn Sie es kurz "parken" möchten, um sich eine Jacke anzuziehen oder einen Hufkratzer zu angeln? Sie würden sich wünschen, Ihr Zappelphilipp würde einfach mal ruhig stehenbleiben, wenn Sie das möchten?

Dann halten Sie vermutlich die Luft an. "Wenn Sie nur noch daran denken, dass Ihr Pferd stillstehen soll, sind Sie selbst schon unter Spannung – und dann vergessen Sie zu atmen", erklärt Dr. Claudia Münch. Ein kribbeliges Pferd bleibt dann erst recht nicht ruhig.

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Atmen für mehr Motivation: Menschen, die flach und schnell atmen, befinden sich meistens in einem angespannten Zustand. Das ist für Pferde stressig. Doch Sie können eine aktivierende Atmung einsetzen, um Ihr Pferd zu beschleunigen. Dann benötigen Sie dazu keine Gerte als Hilfsmittel mehr, wie auf diesem Foto.

Die Bodenarbeits-Expertin empfiehlt eine einfache Übung, die Wunder wirkt: Sie selbst stehen entlastend. Das heißt: Ihre Knie sind nicht durchgedrückt, sondern locker. Sie verlagern Ihr Gewicht ganz lässig auf ein Bein, sodass Ihre Hüfte zur Seite abknickt. Atmen Sie ruhig ein und aus und versuchen Sie, beim Einatmen den Bauchraum zu wölben.

Übungen beim Reiten – Basis-Übung für alle Typen: Atmung zählen im Sattel

Frauke Behrens erklärt, wie Sie die Basis-Übung am Boden auf das Reiten übertragen. Sie benötigen dafür eine Person, die Ihnen hilft. Bitten Sie Ihren Helfer, Ihr Pferd zunächst nur zu halten, während Sie im Sattel sitzen.

Legen Sie eine Hand auf den Brustkorb und eine Hand unterhalb des Bauchnabels. Spüren Sie, wie sich Ihre Bauchdecke und Ihr Brustkorb gleichzeitig heben und senken.

Wenn das gut funktioniert, beginnen Sie, die Atmung zu zählen, wie in der Basis-Übung am Boden beschrieben.

Danach führt Ihr Helfer das Pferd im Schritt ganze Bahn. Spüren Sie dabei zunächst wieder Ihrer Atmung mit beiden Händen nach und setzen dann mit dem Zählen ein. Wichtig: Folgen Sie beim Zählen Ihrer Atmung und nicht umgekehrt. Dann öffnen Sie die Augen, reiten selbständig Schritt und zählen.

Übungen beim Reiten – Takt: Atmen und leichttraben

"Wer den eigenen Atemrhythmus beim Reiten aufrechterhalten kann, macht es dem Pferd leichter", sagt Frauke Behrens. "Pferde können dann ihren Takt gleichmäßig halten." Weil die richtige Atmung sich unmittelbar auf Ihren Körper auswirkt, sind Sie frei von negativen Spannungen und besser im Gleichgewicht, erklärt sie. Vielen Reitern gelingt das im Schritt und im Galopp noch gut. Im Trab jedoch, vor allem beim Leichttraben, geraten sie häufig aus dem eigenen Rhythmus. Wenn Sie sich im Takt des Pferds bewegen, indem Sie im Sattel aufstehen und wieder einsitzen, wird Ihre Atemfrequenz schneller. Deshalb können Sie beim Leichttraben nicht in Ihrem gewohnten Atemrhythmus bleiben, sondern müssen für diese Gangart eine "Extra-Version" entwickeln:

Zählen und atmen Sie während des Leichttrabens vier Runden ganze Bahn, ohne im Takt des Trabs zu atmen. Alleine dadurch, dass Sie sich Ihre Atmung bewusstmachen, verändern sich neuronale Prozesse im Körper. Je mehr Sie üben, desto leichter wird es deshalb, erprobte Muster wieder abzurufen. Versuchen Sie, vor jeder Trainingseinheit das Zählen der Atmung in der Lösungsphase bewusst durchzuführen.

Übungen beim Reiten – Losgelassenheit: Den Atem fließen lassen

Gleichmäßige Atemzüge strahlen Ruhe und Sicherheit aus. Das spürt Ihr Pferd und hilft ihm, gelassen zu sein. Testen Sie mal, über wie viele Schritte Ihres Pferds Sie ein- und über wie viele Schritte Sie ausatmen:

Schaffen Sie es, innerhalb von ein bis zwei Schritten ein- und auszuatmen? Dann dürfen Sie entspannter werden. Achten Sie darauf, wo im Körper Sie Atembewegung spüren. Auch im Rücken? Alleine dadurch, dass Sie sich Ihre Atmung bewusstmachen, verändern sich Ihre Atemzüge automatisch. Anke Recktenwald beobachtet häufig den unmittelbaren Effekt dieser Übung aufs Pferd: Oft schnaubt es ab und atmet selbst tiefer. Sie betont: "Für Pferde ist die gelassene Atmung essentiell. Sie gibt ihnen Sicherheit und und versetzt sie in einen Zustand, in dem sie aufmerksam sind und lernen können."

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Atmen für mehr Losgelassenheit: Nach dem Takt steht die Losgelassenheit als zweiter Punkt auf der Ausbildungsskala. Dabei hängt beides eng zusammen. Ein wichtige Voraussetzung für beide Ziele: Der Reiter atmet ruhig und gleichmäßig.

Pferde, die ein Schnauben über mehrere Tritte hinweg nicht herauslassen können, wollen Ihrem Reiter oft damit sagen, dass er mal ordentlich atmen soll. Wenn der Reiter dann betont ausatmet, kann sich das Pferd plötzlich entspannen und seinen "Frosch im Hals" ausschnauben.

Übungen beim Reiten – Takt und Balance: Gemeinsam im Gleichgewicht sein

"Pferde atmen eigentlich immer im gleichen Rhythmus", betont Frauke Behrens, "außer wir stören sie." Das beeinflusst nicht nur ihre Atmung, sondern behindert auch ihren Takt und ihre Balance.

Sie sind für Ihr Pferd der beste Begleiter, wenn Sie nicht in seine Atmung eingreifen. Der Mensch macht innerhalb einer Minute 12 bis 18 Atemzüge, das Pferd acht bis 16. Nur im Schritt können Reiter und Pferd auf die gleiche Atemfrequenz kommen – wenn es dem Reiter gelingt, gleichmäßig zu atmen. "Dann ist das Pferd absolut taktrein", so Behrens. "In den anderen Gangarten darf das Pferd in seinem eigenen Rhythmus atmen, wird sich aber an Ihrer Atmung orientieren."

Wer mit zu viel Druck über oder unter Tempo reitet, behindert das Pferd beim Atmen. Dann hält das Pferd dagegen und kann seinen Brustkorb nicht ausdehnen. Angespannte Pferde atmen verhalten. Bei einem losgelassenen Pferd dagegen kann der Reiter dessen Atmung spüren.

Für Reiter, die flach atmen (Atem-Typ C): Flachatmer atmen nur in den Brustkorb, aber nicht in den Bauch. Um eine tiefe, ruhige Bauchatmung zu üben und zu spüren, empfiehlt Frauke Behrens folgende Übung: Sie liegen auf dem Rücken und legen sich ein dickes, schweres Buch auf den Bauch. Versuchen Sie, beim Einatmen das Buch mit Ihrem Bauch anzuheben. Klappt das, nehmen Sie das Buch weg und versuchen, beim Einatmen Brust und Bauch gleichzeitig anzuheben. Wenn Ihnen das gelingt, haben Sie eine gesunde, physiologische Atmung erreicht.

Übungen beim Reiten – Tempo: Motivieren und beruhigen

Mit Ihrer Atmung können Sie auch Einfluss auf das Tempo Ihres Pferds nehmen. Gemütliche Pferde atmen Sie einfach munter – und Energiebündel ruhiger.

Viele Reiter, die ein temperamentvolles Pferd haben, atmen automatisch mehr in den Bauch, weil das auf das Pferd beruhigend wirkt. Sie atmen dabei nicht tiefer, sondern gleichmäßig in den leicht angespanntem Unterbauch. Wenn Sie ein eher antriebsarmes Pferd besitzen, setzen Sie vermehrt die Brustatmung ein: Vor dem Ausatmen ein bisschen Spannung im Zwerchfell halten, dann die Luft nicht zu tief nach unten in den Bauch lassen. "Nach den Gründen für die Antrieblosigkeit zu suchen, steht jedoch an erster Stelle", betont Frauke Behrens, "denn kein Pferd ist von Natur aus faul."

Versuchen Sie, Tempiwechsel innerhalb eines Tempos zu reiten, indem Sie sanft zwischen Brust- und Bauchatmung wechseln. "Das bedarf etwas Übung, aber wenn es gelingt, fühlt sich das Pferd traumhaft leicht an", betont Frauke Behrens.

Übungen beim Reiten – Versammlung: Ganze Parade und Piaffe

Versammelnde Lektionen, wie eine ganze Parade oder eine Piaffe, können Sie mit Ihrer Atmung aktiv unterstützen, erklärt Frauke Behrens. Hierbei dürfen Sie, wie beim Motivieren, kurzzeitig die Brusatmung einsetzen. So geht’s:

Um eine ganze Parade einzuleiten, atmen Sie bewusst aus, ohne zusammenzusacken. Lassen Sie dabei sanft nur den Bauch los, während Sie ausatmen. Achten Sie darauf, dass Ihr Oberkörper nicht nach hinten kippt.

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Atmen für mehr Versammlung: Sie können das Tempo Ihres Pferds über Ihre Atmung gezielt verlangsamen oder beschleunigen, indem Sie Spannung herausnehmen oder einbringen. Vor allem bei Paraden und zur Vorbereitung der Versammlung kann bewusstes Atmen Sie bei der Hilfengebung gut unterstützen.

Bei allen vorbereitenden Übungen zur Versammlung atmen Sie vermehrt in den Brustkorb. Reiten Sie eine versammelte Lektion, wie beispielsweise eine Piaffe, atmen Sie in den Brustkorb und halten dort ein wenig den Atem an. Dann lassen Sie die Luft stoßweise mit Unterbauchspannung wieder hinaus und stellen sich dabei vor, sie fließt über Ihre Schenkel hinunter. Achten Sie darauf, nicht zu tief zu atmen.

Das Zwerchfell ist der wichtigste Muskel für unsere Atmung. Sein Stamm ist am unteren Ende der Wirbelsäule befestigt. Deshalb bewegt sich beim Atmen nicht nur die Lunge, sondern auch der gesamte Rücken und das Becken.

Die Atmung bewegt den ganzen Körper, als ob die Luft durch ein bewegliches inneres Rohr strömt. Beim Ausatmen entspannt sich das Zwerchfell und der Brustkorb zieht sich zusammen. Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell ab und der Brustkorb dehnt sich aus.

Atemtypen unter den Reitern

A Hält beim Handwechsel die Luft an. Also auch beim aus dem Zirkel wechseln, aus der Ecke kehrt etc.

B Atmet unregelmäßig, hält immer wieder unkontrolliert die Luft an.

C Atmet flach in den Brustkorb.

D Ist sich seiner Atmung auf dem Pferd nicht bewusst.

Was bedeutet das fürs Pferd?

A Jedes Anhalten des Atems ist wie eine Taktstörung des gemeinsamen Bewegungsdialogs. Es ist, als würde der Dirigent eines Orchesters mit seinem Taktstock innehalten. Bei einem gut eingespielten Orchester bedeutet das einen kurzen Stopp.

B Siehe (A)

C Der Reiter hält eine Spannung im Körper aufrecht, die das Pferd als Antrieb empfindet: ein immerwährender Spannungsbogen. Unter diesem Spannungsbogen kann es schwer werden, als Pferd Losgelassenheit und Durchlässigkeit zu entwickeln.

D Siehe (A) (B) (C)

Luft anhalten: gut oder schlecht?

"Wer die Luft anhält, hält sich automatisch auch im Körper fest", erklärt Bodenarbeitsexpertin Dr. Claudia Münch. Die Spannung überträgt sich dann direkt aufs Pferd, was eine gute Zusammenarbeit mit ihm erschwert.

Für Frauke Behrens macht es einen Unterschied, ob ein Reiter unbewusst die Luft anhält oder ob er bewusst den Atem ein Stück länger anhält. Während Ersteres den Reiterkörper und das Pferd blockiert, kann Letzteres das Pferd unterstützen, zum Beispiel in einer versammelnden Lektion. Das dient dazu, die Energie kurz zu sammeln. Wie bei einem Sprinter, der beim Starten die Luft anhält und erst im Ziel wieder ausatmet.

Dass Reiter unbewusst die Luft anhalten, beobachtet Frauke Behrens häufig bei Handwechseln. Sie stoppen am Wechselpunkt ihre Atmung. Ihr Tipp: Am Wechselpunkt gedanklich von 22 bis 26 zählen.

Die Experten

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Frauke Behrens ist Physiotherapeutin und hat den korrekten Reitersitz im Fokus. Sie bietet Präsenz- und Onlinekurse sowie Reitsimulator-Training an. www.kentauros-system.de

Frauke Behrens ist Physiotherapeutin und hat den korrekten Reitersitz im Fokus. Sie bietet Präsenz- und Onlinekurse sowie Reitsimulator-Training an.

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Münch
Dr. Claudia Münch hat sich als Ausbilderin auf die Bodenarbeit spezialisiert und die Bodenarbeits-Abzeichen der FN mitentwickelt. www.bodenarbeit.net

Dr. Claudia Münch hat sich als Ausbilderin auf die Bodenarbeit spezialisiert und die Bodenarbeits-Abzeichen der FN mitentwickelt.

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Anke Recktenwald ist Lehrerin für die Tellington TTouch Methode, Feldenkrais-Pädagogin und unterrichtet Centered-Riding nach Sally Swift. www.anke-recktenwald.de

Anke Recktenwald ist Lehrerin für die Tellington TTouch Methode, Feldenkrais-Pädagogin und unterrichtet Centered-Riding nach Sally Swift.

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