Neuer Streit um Herpes-Schutz bei Pferden

Deutscher Tierärztetag fordert eine Impf-Pflicht
Neuer Streit um Herpes-Schutz

ArtikeldatumVeröffentlicht am 06.02.2026
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Neuer Streit um Herpes-Schutz
Foto: Lisa Rädlein

Pferdebesitzer wollen ihre Tiere schützen – vor Erkrankungen und vermeidbaren Risiken. Wird ein Erreger jedoch als bestandsrelevant eingestuft, ob berechtigt oder nicht, verändert sich die Entscheidungsebene: Aus individueller Vorsorge wird ein Thema für Stallbetreiber, Verbände und Behörden – und schon ist man mitten in der Herpes-Debatte.

Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) führt die Impfungen gegen Tetanus, Influenza und Herpes seit 2011 als Core-Komponenten – jedes Pferd sollte zu jedem Zeitpunkt über einen Impfschutz verfügen, unabhängig von Alter, Haltung oder Nutzung. In ihrer jüngsten Stellungnahme hält die StIKo Vet ausdrücklich auch für die Herpes-Impfung an diesem Status fest.

Erst im Oktober 2025 beschloss der 30. Deutsche Tierärztetag, die Pferdesportverbände aufzufordern, die Herpes-Impfpflicht wieder in ihre Regularien aufzunehmen. Doch wie gut lässt sich die Annahme belegen, dass die Impfung das einzelne Pferd schützt – und darüber hinaus ganze Bestände?

Offener Brief der Kritiker

Ein Fachmann, der das Thema seit Jahrzehnten aus nahezu allen denkbaren Blickwinkeln bearbeitet, ist Prof. Dr. Dr. habil. Peter Thein. Der seit mehr als 40 Jahren praktizierende Fachtierarzt für Pferde und Fachtierarzt für Mikrobiologie beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit Equinen Herpesviren – in Forschung, Lehre, Klinik und Industrie.

Über mehr als drei Jahrzehnte hielt er an der Tierärztlichen Fakultät der LMU München Vorlesungen zum Thema Infektionskrankheiten der Pferde und Möglichkeiten ihrer Bekämpfung – eine Lehrveranstaltung, so berichtet er, die heute an keiner tiermedizinischen Fakultät mehr existiert. In den 1970er-Jahren entwickelte er den ersten inaktivierten Impfstoff gegen EHV-1 und daraus den Kombinationsimpfstoff Resequin.

Gemeinsam mit Dr. Michael Düe, Pferdepraktiker und früherer Leiter der Abteilung Veterinärmedizin der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), formulierte er einen offenen Brief, in dem beide eine wissenschaftlich begründete Gegenposition zur StIKo-Vet- Empfehlung vertreten. Darin greifen die Autoren Kernfragen auf, die auch Pferdebesitzer umtreiben: Wie wirksam, wie sicher und wie notwendig ist die Herpes-Impfung?

Gibt es Erkrankungen, gegen die eine EHV-1-Impfung schützt?

EHV-1 führt bei erwachsenen Pferden gelegentlich zu leichten Atemwegssymptomen; Bei einigen tragenden Stuten kann ein Spätabort die Folge sein. Individuell lässt sich dieser, so die weltweite Datenlage, durch die Impfung nicht verhindern.

Equine Herpesviren (EHV-1 und EHV-4) verbleiben nach der Erstinfektion lebenslang im Pferdekörper, etablieren sich in verschiedenen Zellsystemen und können jederzeit reaktiviert werden. Dann vermehren sie sich, gelangen ins Blut (Virämie) und werden über die Atemwege ausgeschieden. Eine sterile Immunität lässt sich durch die Impfung nicht erreichen. Bis zu 90 % aller Pferde gelten daher als latente Träger und potenzielle Virusausscheider.

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Die StIKo Vet räumt ein, die Wirksamkeit der EHV-Impfstoffe sei "auf Basis der publizierten Daten nicht zweifelsfrei zu belegen". Auch eine Metaanalyse von Prof. Klaus Osterrieder (früher selbst Mitglied der StiKO Vet) et al., die 35 Studien auswertete, kommt zu dem Schluss, "dass kommerzielle und experimentelle Impfstoffe die Häufigkeit klinischer Erkrankungen im Zusammenhang mit einer EHV-1-Infektion nur minimal verringern”. Ein belastbarer Schutz vor Infektion oder Erkrankung ließ sich nicht nachweisen.

Mildert die Impfung Symptome?

Die StIKo Vet führt als Argument für die Impfung an, dass geimpfte Pferde im Erkrankungsfall mildere Verläufe zeigen könnten. In ihrer Stellungnahme verweist sie auf "hochsignifikante Unterschiede" zwischen geimpften und ungeimpften Tieren.

Die Metaanalyse von Prof. Klaus Osterrieder zeichnet ein anderes Bild: Die verfügbaren Impfstoffe zeigten nur geringe Effekte auf klinische Symptome; die Evidenzqualität der ausgewerteten Studien wird als "gering bis mäßig" eingestuft. Damit wird ein zentraler Punkt der Diskussion sichtbar: Meta-Analysen basieren nur auf veröffentlichten Studien – und damit auf deren Auswahl, Methodik und Bewertung.

Die Autoren des offenen Briefs, Prof. Peter Thein und Dr. Michael Düe, kritisieren genau das: "Grundlage der StIKo-Empfehlung sind wenige experimentelle Studien mit kleinen Gruppen und hohen, künstlich gesetzten Infektionsdosen."

Schützt eine Impfung vor EHM?

Die Equine Herpesmyeloenzephalopathie (EHM) ist die neurologische Verlaufsform einer EHV-1-Infektion. Die Bilder des Ausbruchs in Valencia 2021 haben viele Pferdebesitzer verunsichert – und werden von der StIKo Vet häufig als Argument für die Impfung angeführt. Doch genau hier zeigt sich eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Erwartung an die Impfung und dem Stand der Wissenschaft.

"Wir wissen noch zu wenig über die genauen Mechanismen, die zu EHM führen", sagt Prof. Thein. Die Symptome wie Hinterhand-Lähmungen und im schlimmsten Fall Paralysen, könnten auch Folgen einer immunologisch vermittelten Gefäßerkrankung des Rückenmarks sein, deren Auswirkungen einem Bandscheibenvorfall beim Menschen ähneln. Entstehung und Verlauf von EHM beruhten auf einem Zusammenspiel verschiedener Einflüsse, die bis heute nur teilweise verstanden seien – von der individuellen Immunlage bis zu Stress, langen Transporten oder häufigen EHV-1-Impfungen. Was allerdings bekannt ist: "Wir haben bei EHM eine Selbstheilungsquote von etwa 50 Prozent", ergänzt Prof. Thein.

Für Pferdebesitzer entscheidend: Gegen EHM kann nicht geimpft werden. Darauf weisen sowohl Thein und Düe als auch internationale Fachgremien einschließlich der FEI hin. Allerdings beansprucht auch kein zugelassener Impfstoff einen derartigen Schutz.

Birgt die Impfung Risiken?

Thein und Düe weisen auf einen Punkt hin, der in der Diskussion meist untergeht: Wiederholte EHV-Impfungen könnten das Risiko für neurologische Verläufe erhöhen. Mehrere internationale Fallserien zeigten, dass regelmäßig geimpfte Pferde unter den EHM-Fällen überrepräsentiert waren; dies betraf auch die betroffenen Pferde in Valencia. Demzufolge könnten wiederholte Impfungen ein Risiko darstellen. Je häufiger die Pferde geimpft werden – dazu gehören ja vor allem Turnierpferde – und je höher die Frequenzen sind, desto mehr häufen sich die EHM-Fälle.

Die StIKo Vet widerspricht einem direkten Zusammenhang, räumt jedoch ein, dass neurologische Fälle auftreten können, wenn häufiger geimpft wird als empfohlen.

Scheiden geimpfte Pferde kürzer und weniger Viren aus?

Damit wird häufig argumentiert. Thein und Düe kritisieren, dass die StIKo Vet diese Annahme auf einige experimentelle Studien mit kleinen Gruppen und hohen Infektionsdosen stütze, in denen geimpfte Stuten tatsächlich über kürzere Zeit Viren ausschieden.

In Feldstudien ließ sich eine reduzierte Virusausscheidung jedoch nicht nachweisen; die Metaanalyse von Prof. Klaus Osterrieder kommt hier zu einem ernüchternden Ergebnis: Weder inaktivierte noch andere Impfstoffe senkten die nasale Virusausscheidung signifikant.

Prof. Thein fasst die Gesamtdatenlage zusammen: "Eine verlässlich reduzierte Virusausscheidung geimpfter Pferde ist unter Feldbedingungen bislang nicht belegt. Darüber hinaus gibt es weder Wissen noch Daten über die minimale infizierende Virusdosis, die beim Pferd zu einer haftenden Herpesvirusinfektion führen würde."

Gibt es Herdenimmunität durchs Impfen?

Während Fachleute sich weitgehend einig sind, dass die Herpes-Impfung keinen individuellen Schutz bietet, bleibt die Vorstellung eines Bestands- oder Herdenschutzes eines der zentralen Argumente fürs Impfen. Herdenimmunität bedeutet, dass Infektionsketten durch eine ausreichend hohe Durchimpfungsrate unterbrochen oder verlangsamt werden und eine epidemische Ausbreitung gestoppt wird.

In seinen Untersuchungen kommt Prof. Thein zu dem Ergebnis, dass rund 25 % der Pferde immunologisch nicht ausreichend auf die Impfung ansprechen – sogenannte Non-Responder sind. Um rein rechnerisch den notwendigen Anteil von 75 % wirksam geschützter Tiere zu erreichen, müssten also praktisch 100 % geimpft werden – mit dem jeweils wirksamsten Impfstoff und das in einem Bestand, der vollständig durch eine Hand betreut wird. Er formuliert deshalb: "Herdenimmunität ist unter realen Bedingungen niemals erreichbar."

Kommt die Impfpflicht zurück?

Die Initiative für eine erneute Impfpflicht kommt aus dem Arbeitskreis 1 "Tierschutz im Pferdesport"; die Delegierten fordern die Pferdesportverbände auf, die Herpes-Impfpflicht wieder in ihre Regularien aufzunehmen. Auf Anfrage teilte die FN mit, dass sie nach der Aufhebung der Impfpflicht 2024 zwar der StIKo-Empfehlung folgt und weiter zur Impfung rät, derzeit jedoch keinen weiteren Handlungsbedarf sieht.

Für Pferdebesitzer bedeutet das: Die Herpes-Impfung bleibt formal eine individuelle Entscheidung; in der Praxis gilt das jedoch nur eingeschränkt. Wer nicht impfen lässt, steht oft unter sozialem Druck, in manchen Ställen droht sogar die Kündigung.

Verzicht ist begründet: Aus wissenschaftlicher Sicht kommen Prof. Thein und Dr. Düe zu dem Schluss: "Herpes ist nicht impfpräventabel. Existente Impfstoffe können weder die Infektion, Virusausscheidung, Erkrankung noch die EHM verhindern." Aus diesen Zusammenhängen folgern Thein und Düe, dass nur Influenza und Tetanus echte Core-Komponenten darstellen – nicht jedoch Herpes. Die Einstufung der Herpes-Impfung als Core-Impfung bezeichnen sie als "fundamentalen Fehler".

Ihr Fazit: "Impfungen können nur zur Pferdegesundheit beitragen, wenn sie wirksam und indiziert sind. Ist das – wie bei EHV – nicht gegeben, ist der Verzicht sachlich begründet."

Impfstoffe gegen EHV

In Deutschland sind laut Paul-Ehrlich- Institut aktuell folgende Impfstoffe gegen Equine Herpesviren zugelassen: Equip EHV 1,4 (Zoetis), EquiShield EHV (Dechra).

Die zugelassenen Indikationen umfassen: – respiratorische Erkrankungen durch EHV-1 und/oder EHV-4 – Verminderung des Abortrisikos bei immunkompetenten Stuten infolge EHV-1

Keiner der Impfstoffe beansprucht einen Schutz vor der Equinen Herpesmyeloenzephalopathie (EHM). Deshalb dürfen sie weder für einen EHM-Schutz beworben noch zu diesem Zweck eingesetzt werden – das wäre ein Off-Label-Use, also eine Anwendung außerhalb der gesetzlich verbindlichen Zulassung.

"Wer impft, trägt Verantwortung”

Ein Appell von Prof. Dr. Dr. Peter Thein an Veterinäre:"Die in der Pferdepraxis mit Impfungen betrauten Tierärzte müssen sich deutlich mehr als bisher über Ziel, Qualität, Legalität und Inhalte von Impfstoffen inklusive deren Gebrauchsanweisungen informieren. Vor allem müssen sie die Pferdebesitzer darüber auch aufklären.

Medizin ist ein Fachgebiet, das Verantwortung mit sich bringt. Tierärzte sollten sich daher ihrer ethischen und medizinischen Verantwortung gegenüber ihrem Klientel – das sind die Pferde und deren Nutzer und Besitzer – insofern verpflichten, als dass sie nicht jeder Vorschrift von Institutionen unterschiedlicher Interessen kritiklos folgen. Dazu haben sie sich auch unter "Deutsche Impfempfehlung", Deutsches Tierärzteblatt, 2006, verpflichtet.

Bedauerlicherweise werden von eigentlich verantwortlichen Stellen Impfempfehlungen gegeben, die zum Teil unkorrekte und wissenschaftlich konträre Anwendungspraktiken unterstützen.”

Impf-Glossar

Core-Komponenten sind Erreger, gegen die nach Einschätzung der StIKo ein Impfschutz jederzeit bestehen sollte, weil sie als bestandsrelevant und potenziell gefährlich gelten.

EHM: Die Equine Herpesmyeloenzephalopathie ist die neurologische Verlaufsform einer Herpesinfektion. Sie ist selten, aber schwerwiegend – und wird von keinem zugelassenen Impfstoff abgedeckt.

Latent bedeutet, im Körper verborgen. Herpesviren bleiben nach der Erstinfektion lebenslang nachweisbar und können jederzeit reaktiviert werden – unabhängig vom Impfstatus.

Off-label-Use: Anwendung oder Bewerbung eines Arzneimittels außerhalb zugelassener Indikationen. Die Gebrauchsinformation ist rechtlich bindend.