hautnah bei Kathrin Kienapfel Lisa Rädlein
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Kathrin Kienapfel: Kämpferin fürs Pferdewohl

Dr. Kathrin Kienapfel im Porträt Wissenschaft fürs Pferdewohl

CAVALLO hautnah: Dr. Kathrin Kienapfel kämpft mit den Waffen der Wissenschaft fürs Pferdewohl. Bei ihren Pferden schafft sie eine friedliche Oase.

Es ist eine kleine heile Welt, in der wir in Dr. Kathrin Kienapfels Heimatstadt, dem nordhrein-westfälischen Datteln, ankommen. In Cowboystiefeln ist sie dabei, ihre Stute Shadow zu bürsten. Die steht frei mitten auf dem Hof vor einem Stallgebäude aus Klinker. Kienapfel spricht leise mit der Stute – und immerhin einen Tick langsamer als sonst. Denn wenn es um ihr Fach geht, denkt die Wissenschaftlerin nicht nur schnell, es sprudelt auch nur so aus ihr heraus.

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Im Porträt: Kathrin Kienapfel Mit Wissenschaft für mehr Tierwohl
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Kein Blatt vor den Mund nehmen, das klingt abgedroschen – doch bei der 36-Jährigen passt es. Kaum ein Turnier besucht sie ohne einen Gang zu den Stewards, bringt unbequeme Wahrheiten über den Turniersport ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die heile Welt hier ist auch ein Ausgleich zu dem, was sie täglich in ihrer Arbeit tut: Stress-Signale von Pferden zählen, Rollkur-Ritte analysieren und Gewalt gegen Pferde messbar machen.

Immer wieder legt die Forscherin den Finger in die Wunden des Reitsports. Wie oft es an korrekter Ausbildung und Harmonie mangelt, führt sie anhand messbarer Daten vor Augen – CAVALLO berichtete immer wieder über ihre Erkenntnisse und führte gemeinsam mit der Wissenschaftlerin zum Beispiel Zügelkraftmessungen durch.

Besonderes Aufsehen erregte eine Pilotstudie von Dr. Kienapfel aus dem Jahr 2018. Anhand von gemeinsam mit dem WDR-Fernsehen erstellten Filmaufnahmen konnte sie zeigen, dass Grand-Prix-Dressurpferde im Schnitt 100 Unmutsäußerungen wie Schweifschlagen oder ein geöffnetes Maul innerhalb von drei Minuten zeigten. Aufgenommen wurden die Pferde nicht irgendwo, sondern auf dem "Weltfest des Pferdesports", dem CHIO. Schon 2017 hatte Kienapfel gemeinsam mit dem WDR auf dem Abreiteplatz beobachtet, dass Pferde in zu enger Kopf-Hals-Haltung geritten wurden.

Kienapfel ist unbequem für Verbände, wünscht sich aber den Schulterschluss

Beide CHIO-Besuche lösten Debatten aus, die auch in den sozialen Medien hochkochten – persönliche Angriffe hat Kienapfel glücklicherweise nicht erlebt. Und sie hat etwas erreicht: "Hätten wir ab 2018 Info-Stewards auf den Abreiteplätzen des CHIO gehabt, wenn der WDR und ich 2017 nicht da gewesen wären? Nein! Da braucht es eben manchmal erst den Druck von außen." Die Stewards sollten fürs Pubikum ansprechbar sein und für eine bessere Kontrolle des Abreitens sorgen.

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Homeoffice am Laptop: Bei Besuchen in der Heimat arbeitet die Forscherin mobil, sonst in ihrem Büro in der Schweiz.

So unbequem Kienapfel für Verbände wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) oder die internationale "Fédération Equestre" (FEI) ist, so sehr wünscht sie sich einen Schulterschluss mit ihnen. "Im Dialog könnten beide Seiten gewinnen." Der Schweizerische Reitsportverband unterstützt bereits Kienapfels aktuelles Forschungsprojekt am Schweizerischen Nationalgestüt in Avenches, wo sie fest angestellt ist. Es soll helfen, die Rollkur genauer zu definieren und eine Videokamera zu entwickeln, die den Genickwinkel automatisch analysiert. Ein Instrument, das etwa zur Kontrolle auf Abreiteplätzen zum Einsatz kommen könnte.

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In Reitvideos markiert Kienapfel Punkte an Genick und Pferdekopf. Eine Kamera soll später Rollkur automatisch erkennen.

Zurück zum Kontrastprogramm auf dem Hof. Für den Besuch auf der Koppel schnappt Kathrin Kienapfel sich gleich eine ganze Hand voll Möhren – "Die werden hier immer in so großen Mengen geliefert", meint sie fast entschuldigend. Beim Reiten mit Barebackpad und selbstgemachtem Sidepull ("handgeklöppelt, mundgeblasen") behält sie eine Möhre direkt in der Hand. Wenn eine Lektion gut lief, hält sie unmittelbar an, beißt ein Stück ab und lässt es von der Hand in Shadows Mäulchen wandern. "Wir brauchen endlich mal ein Gerät, mit dem man auf Knopfdruck vom Sattel aus mit Futter belohnen kann", überlegt Kienapfel. Zwei Firmen haben tatsächlich an so einer "Leckerli-Pumpe" getüftelt, sie aber nie auf den Markt gebracht, fällt ihr ein. Die Wissenschaftlerin reitet eben immer mit.

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Wälzen nach dem Training tut gut! Danach noch liegen zu bleiben, lernte Shadow mit positiver Verstärkung.

Das ist nicht immer einfach, denn Kienapfel ist sich vieler Dinge bewusst, die andere Reiter gerne mal verdrängen. Ab und zu kommen auch bei ihr mal für kurze Momente mehrere Kilogramm an Zug auf den Zügel – zum Beispiel beim Übergang vom starken Galopp in die Pirouette. Das hat sie nachgemessen, was sonst. "Da bin ich einfach noch nicht gut genug, da muss ich noch feiner werden", meint sie selbstkritisch. Dabei ist das Jammern auf hohem Niveau: Kienapfels Stute Shadow schwingt wunderbar locker über den Rücken, zeigt eine Dehnungshaltung wie aus dem Bilderbuch und beherrscht hohe Lektionen wie Galopppirouetten oder den Schulhalt mit Leichtigkeit.

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„Ich nutze Futterlob. Wir arbeiten doch auch nicht ohne Bezahlung.“

Mit Unterstützung ihrer Reitlehrerin Daniela Wilsing nimmt Kienapfel sich für solche Lektionen viel Zeit. Ruhe ist gefragt in der Arbeit mit ihrer "Motti", die ein sehr extrovertiertes Pferd ist – gleich und gleich gesellt sich eben gern. "Für mich ist sie mein absolutes Traumpferd, ich guck die an und denke: Das ist das schönste Pferd auf dem Planeten."

Durch eine zufällige Begegnung fand sie ihren wissenschaftlichen Mentor

Gezogen hat die Stute mit Sandro Hit- und Donnerhall-Blut, die für andere mit ihren nur 1,67 Stockmaß, wie Kienapfel meint, wohl eine "Stoppelhopserte" wäre, Kienapfels Vater. Durch seine Tochter kam er selbst zum Pferd, kaufte ihr das erste eigene und fuhr sie wochenends zum Turnier. "Klassenarbeiten konnte ich ja auch nachts korrigieren", meint der pensionierte Mathematik-Lehrer schmunzelnd.

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Kathrin Kienapfels Vater hält gerne ein Pläuschchen mit Stute Shadow, die er selbst gezogen hat. Heraus kam ein echtes Traumpferd.

Als Reitbeteiligung durfte die junge Reiterin damals ein S-Dressurpferd reiten. Unschöne Details fielen ihr schon damals auf. "Der hatte Sporenlöcher im Fell." Und auch zu eng gerittene Pferde störten sie früh: "Seit ich 15 war, fand ich eng reiten blöd. Ich habe schon als Kind gespürt, dass die Pferde sich dabei nicht wohlfühlen."

Ihr Berufswunsch war zu dieser Zeit noch Tierärztin – heute ist nur die Wundversorgung zu einer Art Hobby geworden. Nebenbei hat Kienapfel begonnen, die Hufe ihrer Pferde selbst zu bearbeiten, natürlich nach gründlichem Selbststudium. Auch deshalb trägt sie dezente Kunstnägel. "Die sind robuster als die echten, mit denen kann ich auch Füße machen." Während eines Wartesemesters für die Tiermedizin fing sie ein Biologie-Studium an und fand über eine Zufallsbegegnung im Präparier-Saal ihren Weg.

"Wir arbeiteten beide vor uns hin, als eine Kommilitonin mich fragte, was ich denn mal machen wolle. Ich sagte: Was mit Pferden. Eine Woche später saß ich mit ihrem Doktorvater am Tisch." Professor Holger Preuschoft wurde für Kienapfel zum wichtigen Mentor. Gemeinsam mit ihm begann sie, sich dem Thema Rollkur zu widmen und errechnete 2011, welch ungünstige Hebelverhältnisse dabei fürs Pferd herrschen.

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Erklär-Pferd: Das Holzmodell zeigt die Kraftverhältnisse von Genick und Zügel.

Bei unserem Besuch zückt sie zur Verdeutlichung ein Holzmodell, das sie gerne für Vorträge nutzt. Ihr Mann (gelernter Schreiner, die Hochzeit feierte das Paar in der Reithalle) hat es gebaut. Bewegt man verschiedene am Modell befestigte Fäden, spürt man sofort: Das Pferd hat es sehr schwer, sich aus der zu engen Haltung zu befreien, ist dem Reiter ausgeliefert. Noch etwas hat Kienapfel durch Messungen gezeigt: Der Kopf-Arm-Muskel des Pferds ist in Rollkur-Haltung unter Dauerspannung. Weil er auch das Vorderbein nach oben zieht, erzeugt das spektakuläres Lampenaustreten. Ein Grund, warum die Rollkur so beliebt ist.

Wie Komplimente auf dem Turnierplatz die Welt ein Stück besser machen

Brutale Szenen erlebt Kienapfel immer wieder mit, ob am Abreiteplatz beim Dorfturnier ums Eck oder im internationalen Sport. Einfach mal entspannt was trinken am Turnierplatz, das geht für sie nicht. "Ich geh dann immer Pferde gucken, auch wenn meine Freunde sagen: Lass mal, du kriegst da immer so einen roten Kopf und so eine hässliche Ader auf der Stirn", erzählt sie selbstironisch.

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„Am wohlsten fühlen wir uns ohne Sattel. Und wir springen auch regelmäßig.“

Sieht sie junge Reiter, die übermäßig riegeln oder ihr Pferd treten und kein Steward ist zu finden, spricht sie sie an: "Ist dir klar, was du da gerade machst?" Doch Kienapfel will nicht nur das Schlechte sehen, sondern auch Gutes fördern. "Wenn ich einen harmonischen Ritt beobachte, laufe ich oft hin und sage: Für mich hast du gewonnen, mach weiter so!" Wer weiß, vielleicht wird das Stückchen heile Welt ja auf diese Art langsam ein bisschen größer.

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