Ein brausender Wind streicht durch die violettblau blühenden Lupinen, während unter mir Islandpferd Léttfeti den schmalen Pfad entlangschreitet und scheinbar mühelos über jeden Stein kraxelt. Vor wenigen Tagen bin ich noch durch das quirlige Reykjavik geschlendert. Jetzt wirkt die Welt auf einmal unendlich weit, ruhig und unberührt.
Island ist einfach ein Land der Gegensätze. Feuer und Eis, Vulkane und Gletscher, tosende Wasserfälle und heiße Quellen prägen die größte Vulkaninsel der Erde. Mit rund 103 000 Quadratkilometern ist Island ungefähr so groß wie Baden-Württemberg und Bayern zusammen.
Während in den beiden Bundesländern fast 25 Millionen Menschen leben, zählt Island gerade einmal rund 400 000 Einwohner – die meisten davon im Großraum Reykjavík. Je weiter man nach Norden fährt, desto stiller wird das Land. Rund 350 Kilometer von der Hauptstadt entfernt werden die Straßen leerer, die Höfe seltener und die Natur rauer. Mitten in der eindrucksvollen Fjordlandschaft des Skagafjörður befindet sich Yogihorse Iceland.
Ein Instagram-Post als Auslöser
Die beiden Coaches Hlín und Manoj haben sich hier einen Ort geschaffen, an dem Yoga, Achtsamkeit und Islandpferde auf ganz besondere Weise zusammenfinden. Auf Yogihorse aufmerksam geworden bin ich durch einen Instagram-Post von YouTube-Yoga-Star Mady Morrison. Sie verbrachte im Juni 2022 einige Tage auf diesem Hof – und ihre Bilder ließen mich nicht mehr los. Damals speicherte ich den Beitrag ab. Vor Kurzem entdeckte ich ihn zufällig wieder und buchte sofort diese Reise. Manche Träume sollte man nicht ewig aufschieben.
Doch wer glaubt, bei Yogihorse lediglich einen Reiturlaub zu verbringen, irrt gewaltig. Das sechstägige Retreat "Innere und äußere Balance auf dem Pferderücken" verbindet Yoga, Islandpferde und Ayurveda zu einem außergewöhnlichen Gesamtkonzept.
Balance ist hier ein Gesamtkonzept
Gastgeberin Hlín begrüßt uns herzlich. Die gebürtige Saarländerin lebt seit mittlerweile 30 Jahren auf Island und gehört zu den ersten Absolventinnen des Studiengangs für Reitlehre und Pferdetraining an der nur wenige Kilometer entfernten Universität Hólar. Zusammen mit ihrem Mann Manoj, Yogalehrer, Ayurveda-Therapeut und leidenschaftlichem Koch aus Indien, hat sie verschiedene Reitprogramme entwickelt. Ihr gemeinsames Ziel: Mensch und Pferd körperlich wie mental in Einklang zu bringen.
Der Tag beginnt mit Yoga
Wie konsequent sie diesen Gedanken leben, zeigt sich bereits am ersten Morgen. Jeder Tag beginnt mit einer Yogaeinheit. Manoj unterrichtet Hatha-Yoga in leicht verständlichem Englisch. Im Mittelpunkt stehen Beine, Hüfte, Schultern und ein stabiles Körpergefühl, ergänzt durch Atemtechniken und Meditation. Schon nach kurzer Zeit wird spürbar, dass diese Einheiten weit mehr sind als ein angenehmes Warm-up vor dem Reiten.
Ayurvedische Küche auf Island
Anschließend wartet bereits das Frühstück auf uns. Hausgemachter Porridge, frisches Obst, Skyr und selbst gebackenes Brot liefern Energie für den Tag. Mittags und abends verwöhnt uns Manoj mit aromatischer ayurvedischer Küche. Seine Suppen, Currys und Gemüsegerichte schmecken so hervorragend, dass manche Teilnehmerinnen lachend sagen, allein dafür noch einmal nach Island reisen zu wollen.
Aus Theorie wird Praxis: Jetzt zählt der Sitz
Diese Philosophie spiegelt sich auch im Umgang der Pferde mit den Menschen wider. Schon beim Putzen fällt auf, wie freundlich, gelassen und aufmerksam die Tiere sind. Geduldig stehen sie am Putzplatz und beobachten neugierig ihre Umgebung.
Dann ist es endlich so weit. Gemeinsam reiten wir los. Zunächst drehen wir einige Runden im Schritt auf dem Reitplatz. Hinter dem Viereck ragen schneebedeckte Berge in den Himmel – eine Kulisse, die selbst routinierte Reiter kurz innehalten lässt.
Feines Reiten in spektakulärer Landschaft
Noch einmal erinnert Hlín uns an die wichtigsten Sitzhilfen, bevor wir den Platz verlassen und in die weite Landschaft des Skagafjörður eintauchen. Die Wege führen über sanfte Hügel, vorbei an glasklaren Flüssen und durch endlose Felder violettblau blühender Lupinen.
"Die Zügel sind das Unwichtigste."
Unter mir reagiert Islandpferdewallach Léttfeti sofort. Sein Rücken wölbt sich auf, die Hinterhand arbeitet aktiv mit, und fast unmerklich findet er in einen gleichmäßigen, fließenden Tölt.
Raues Wetter kommt auch Ende Juni vor
Eigentlich, erzählt Hlín, herrscht Ende Juni meist T-Shirt-Wetter. In diesem Jahr zeigt sich Island jedoch von seiner raueren Seite: zehn bis zwölf Grad, kräftiger Wind und immer wieder Regenschauer. Islandpullover und Regenjacke gehören dazu; und ich bin froh über meine Winterreithandschuhe.
Jedes Pferd wird auf seine Weise zum Lehrmeister
Gerade das macht Island aus. Das Wetter kann sich innerhalb weniger Minuten komplett verändern. Ebenso faszinierend ist die Trittsicherheit der Islandpferde. Im Laufe der Woche lerne ich gleich mehrere Pferde kennen – und jedes fühlt sich völlig anders an. Léttfeti, ein schlanker Rappe, trägt mich bei meinem ersten gelungenen Tölt durch die blühenden Lupinen.
Valli dagegen sucht von sich aus den Weg nach vorne und trägt mich mit seinem weichen, fließenden Tölt scheinbar mühelos durch die wunderschöne Natur.
Úlfhildur, von allen nur liebevoll Úlla genannt, gehört mit ihren 28 Jahren zu den ältesten Pferden des Hofes.
Mehr als nur Reiten
Yogihorse vermittelt weit mehr als Reiten. Nach den Ausritten besuchen wir Mutterstuten mit ihren Fohlen und fahren nach Hólar, dem traditionsreichen Zentrum der isländischen Pferdeausbildung.
Mit Yoga zu mehr Balance im Sattel und mit sich selbst
Die Zeit bei Yogihorse prägt den Gedanken, nicht möglichst viel zu machen, sondern nur so viel wie nötig, damit sich das Pferd frei und gesund bewegen kann. Denn guter Tölt beginnt nicht in der Hand. Er beginnt im Sitz – so, wie Hlín es vom ersten Tag an immer wieder gesagt hat.
In einer Welt, in der wir ständig kontrollieren, festhalten und korrigieren wollen, zeigt diese Woche auf Island einen anderen Weg: weniger machen, mehr fühlen. Mehr Balance mit dem Pferd – und vielleicht auch mit sich selbst.
Warum Yoga so gut für Reiter ist
- Mehr Beweglichkeit: Lockere Hüften, flexible Schultern und eine elastische Wirbelsäule helfen dabei, den Bewegungen des Pferdes besser zu folgen.
- Mehr Stabilität: Eine kräftige Körpermitte verbessert Balance und Sitz – ohne sich im Sattel festzuklammern.
- Mehr Achtsamkeit: Yoga schult die Körperwahrnehmung. Wer seine eigene Spannung besser erkennt, kann feiner und pferdefreundlicher reiten.
HlÍns drei Tipps für einen besseren Tölt
- Über den Sitz töltenDer wichtigste Impuls kommt aus der Körpermitte – nicht aus der Hand.
- Den Rücken arbeiten lassenEin guter Tölt entsteht nur, wenn das Pferd den Rücken aufwölbt und aktiv aus der Hinterhand arbeitet.
- Den Hals nicht festhaltenDer Hals ist die Balancierstange des Pferdes. Eine ruhige, elastische Verbindung zum Pferdemaul ist wichtiger als kurze Zügel.
Yogihorse Iceland – Reiten, Yoga & Island erleben
Das erwartet dich:
- tägliche Yoga-Einheiten (Englisch)
- Theorieunterricht zum biomechanisch korrekten Reiten
- täglicher Reitunterricht und Ausritte (alle Gangarten inklusive Tölt)
- ayurvedische Vollpension
- kleine Gruppen mit persönlicher Betreuung
Unterkunft: Gemütliche Einzel- oder Doppelzimmer.
Reisezeit: Februar bis September. Besonders reizvoll sind Juni und Juli mit blühenden Lupinen.
Wichtig zu wissen: Das Wetter auf Island kann auch im Sommer kühl, windig und regnerisch sein. Mehrere Kleidungsschichten sowie wasserdichte Reitbekleidung gehören unbedingt ins Gepäck.
Extra-Tipp: Nimm für Island unbedingt Winterreithandschuhe mit.
Preis: Ab 1 990 Euro inklusive Unterkunft im Doppelzimmer, Vollpension sowie Reit- und Yogaprogramm (Flug und Transfer exklusive).
Informationen: yogihorse.comInstagram: @yogihorseiceland





