Ängste besiegen

Mutmacher: 11 Tipps für ängstliche Pferde

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Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Anti-Angst-Training - Die neuen Mutmacher

Kopfsenken

Eine einfache Entspannungsübung ist das Kopfsenken. Denn lässt das Pferd den Hals fallen, kommt es buchstäblich runter. Krisenmomente können Sie so entschärfen, jedoch nicht auf Teufel komm raus. „Manche Tiere senken den Kopf roboterartig, weil sie das eben irgendwie gelernt haben. Mit Entspannung hat das aber nichts zu tun“, warnt Ruth Herrmann. Achten Sie darauf, dass Sie Ihrem Pferd die Übung in angenehmer, ruhiger Atmosphäre schmackhaft machen. Nur dann verbindet es das Kopfsenken mit Entspannung.

So gehen Sie vor: Sie stehen neben dem Pferdekopf, fassen mit einer Hand in die Nackenmuskulatur hinterm ersten Halswirbel. Ermuntern Sie das Pferd, den Kopf zu senken, in dem Sie gleichzeitig sanft am Strick zupfen. Sobald das Pferd nachgibt, den Druck weglassen und loben – auch, wenn das Tier den Kopf sofort wieder anhebt. Wiederholen Sie die Übung. „Auf diese sanfte Weise lernen Pferde das Kopfsenken in der Regel sehr rasch und gerne“, sagt Ruth Herrmann.

Gegen-Konditionieren

Voraussetzung: Das Pferd hat bereits gelernt stillzuhalten und wird dafür mit Futter unter der Verwendung von Clicker oder einem Signalwort belohnt. Dann können Sie neue Reize in kleinen Schritten einführen und verstärken, so dass es dem Tier auf jeder Stufe möglich ist, stillzuhalten – und es dafür belohnt werden kann. „Die Pferde lernen meist schnell, dass der Reiz zwar immer etwas stärker wird, aber aushaltbar und, dank Futterlob, lohnenswert ist“, sagt Ruth Herrmann.

Schirm und Pylone: In der Praxis ist das Gegenkonditionieren mit Belohnung auf viele Arten einsetzbar. Ruth Herrmann empfiehlt: Regenschirme. Sie sind mit die schrecklichsten Dinge, die einem Pferd im Alltag begegnen. Etwa bei einem Ausritt, wenn ein Spaziergänger seinen Schirm plötzlich öffnet.

Und so geht’s: Gewöhnen Sie Ihr Pferd anfangs aus einer größeren Entfernung ans Aufund Zuklappen des Schirms. Dazu vier Hütchen im Abstand von zirka jeweils zwei Metern in der Reitbahn aufstellen und sich einen Helfer suchen. Er spielt Schirmträger und platziert sich damit an einem Ende der Pylonenreihe. Sie selbst parken mit Ihrem Pferd am anderen Ende mit Blick zu Schirm und Helfer. Dieser öffnet den Schirm und Sie geben ein Leckerli – egal wie Ihr Pferd reagiert hat. Wichtig: Die Anfangsdistanz sollte so groß sein, dass das Öffnen des Schirms fürs Pferd kein Problem darstellt.

Nun kommen Helfer und Schirm Hütchen für Hütchen näher. Das Prinzip ist immer das gleiche: Schirm öffnen, Leckerli. „Wiederholen Sie das Prozedere auf jeder Distanzstufe mindestens drei Mal, bis das Pferd keine Reaktion mehr zeigt.“ Erst dann verringern Sie die Distanz.

Betteln - gestattet! In Kürze werden Sie merken, dass Ihr Pferd erwartungsvoll zu Ihnen schaut, sobald sich der Schirm öffnet. Heißt: „Der potenzielle Fluchtauslöser ist zum Signal für ein Leckerli geworden“, erklärt Herrmann. Das ist auch der Grund, warum Sie in der Übungsphase stets ein Leckerli geben, egal wie das Pferd auf den Reiz reagiert. Keine Bange – Sie belohnen keine Schreckreaktionen. Sie stärken nur die Kombi „Schirm öffnet sich = Leckerli“. Bettelt Ihr Pferd, ist das ausnahmsweise okay – und im Zweifel besser händelbar als die Flucht.

Umwelt kontrollieren

Fühlt sich ein Pferd ernsthaft bedroht, wird es panisch. Etwa wenn es nicht vor einem Angstauslöser wie dem berüchtigten Traktor im Gelände ausweichen kann. Reiter fürchten solche Momente wie die Hölle. „Lernt das Tier indes, dass es bei potenzieller Gefahr mitbeeinflussen kann, was gerade passiert, wird es richtig mutig“, sagt Herrmann.

Ihr Tipp: Schicken Sie Ihr Pferd hinter einem Traktor her. „Das Pferd speichert ab, dass das vermeintliche Monster vor ihm weicht.“ So geht’s:

Monster jagen: Bitten Sie den Traktorfahrer, sein Fahrzeug im Gelände zu parken. Laufen Sie darauf zu, der Traktor fährt ein Stück weg. Nach einigen Wiederholungen lassen Sie Ihr Pferd in ausreichender Distanz hinter dem weiterfahrenden Traktor hergehen. „Mit der Zeit zieht das Pferd zum Traktor“, so Herrmann. Versuchen Sie die Distanz zu verkleinern. Reiten Sie schließlich so dicht wie möglich hinterher, erst im Schritt, dann im Trab.

Der Clou: Mit zunehmender Übung wird das Pferd sogar Spaß am Monster-Treiben gewinnen und seine Furcht verlieren. Der neue Mut kann sich auf andere Situationen übertragen! Tipp: Nehmen Sie sich anfangs ein erfahrenes Pferd-Reiter-Paar mit und jagen Sie gemeinsam Monster.

Signale etablieren

Überlegen Sie in jeder Trainingssituation, wie die jeweils richtige Hilfe aussieht. Üben Sie das Signal, bis das Pferd es versteht und in jeder Lebenslage reflexartig umsetzen kann. Das gibt ihm Sicherheit. Versteht es hingegen nur Bahnhof, nährt das die Angst. Beispiel: Sie wollen es vom Schreckgespenst abwenden? Dazu müssen die entsprechenden Hilfen automatisiert sein! Wer stattdessen am Zügel zieht oder mit den Beinen bolzt, nährt die Angst.

Reize aushalten

Manche Pferde haben höllische Angst vor Reizen wie einer Berühung. Der Klassiker: Tierärztliche Behandlungen, aber auch normale Alltagssituationen wie Putzen oder Hufe bearbeiten.

Negative Belohnung: Damit ein Pferd lernt, einen unangenehmen Reiz auszuhalten und diesem künftig nicht mehr ausweicht, nutzt Ruth Herrmann die sogenannte „Gegenkonditionierung mit negativer Belohnung“. Im Klartext: „Ein Reiz wird eingeführt, aber erst entfernt, wenn das Pferd das erwünschte Verhalten wie Stillstehen zeigt.“ Sobald Sie den Reiz entfernt haben, Leckerli geben! „Im Idealfall empfindet das Pferd den Reiz nachher als völlig unspektakulär.“

Wichtig: Starten Sie stets mit möglichst kleinen Reizen, damit das Pferd nicht überfordert wird – und weder Sie noch Ihr Pferd in Gefahr kommen, weil es starke Abwehrreaktionen zeigt. Steigern Sie die Reizstärke langsam, damit das Pferd sein neues Zutrauen zum Reiz behält. Denken Sie zwischen den einzelnen Schritten zudem jeweils an eine kurze Pause, in der das Pferd ein Leckerli erhält. „Pferde lernen so erstaunlich schnell, sich mit unangenehmeren Reizen abzufinden, weil diese vorhersehbar und kontrollierbar sind“, erklärt Ruth Herrmann.

Ängste besiegen: Auf dieser Grundlage können Sie sogar eingefleischte Phobien in den Griff bekommen, etwa bei der Angst vor Spritzen. Bringen Sie Ihrem Pferd zunächst bei, wie eine Statue zu stehen, wenn Sie mit der Hand an den Hals fassen. Sobald es kurz stillsteht, Hand entfernen, Leckerli geben. Steigern Sie nach diesem Prinzip den Reiz, indem Sie erst eine Hautfalte fassen, dann sanft in die Haut kneifen. Mit der Zeit können Sie fester kneifen oder mit einem Kuli in die Haut piksen.

Hinschauen zum Reiz

Kennen Sie das? Wenn Sie sich vor etwas fürchten, schauen Sie lieber weg. Vielen Pferden geht es genauso. Oder sie haben erst gar keine Gelegenheit hinzuschauen, weil Reiter dazu neigen, alles Unheimliche von ihnen wegzuhalten. Um Pferden die Furcht vor einem Angstauslöser zu nehmen, sollten sie jedoch lernen, sich damit auseinanderzusetzen.

Neugier wecken: Bringen Sie Ihrem also Pferd bei, unheimliche Gegenstände oder Ecken zu erkunden. Dazu verteilt Ruth Herrmann allerlei Gegenstände wie Bälle, Kartons, Planen oder Pylonen auf dem Reitplatz. „Alternativ können Sie Ihr Pferd aber auch zu typischen Angstauslösern wie einem Stapel Rundballen führen – vor der Stalltür oder beim Spazieren beispielsweise“, so Herrmann. Die Faustregel: Das Pferd geht selbst zum Angstauslöser hin. Nur so wächst sein Mut! Nur wie bekommmt man Pferde dazu?

Trick mit Target: Ruth Herrman weckt die Neugier auf fremde Gegenstände gerne mit Hilfe eines Targets. Und zwar so: Halten Sie dem Tier das Zielobjekt vor die Nase. Stupst es dagegen, sagen Sie ein Signalwort wie „Keks!“. Dann sofort ein Leckerli füttern und das Target verstecken.

Schon nach ein paar Wiederholungen wissen die meisten Pferde, dass sie das Zielobjekt mit der Nase berühren sollen. Fehler wie das Herumkauen auf dem Stock ignorieren Sie. Der Clou mit Target: Hat das Pferd verstanden, dass es diesem mit der Nase folgen soll, führen Sie das Target schrittweise zum Angstauslöser. Und schon wandert die Pferdenase automatisch dorthin – und das vermeintliche Monster erscheint gar nicht mehr so übel!

Zum Reiz lenken

Hinschauen zum Reiz ist das eine. Hinoder Vorbeilaufen das andere. Das kennen wir alle, sei es im Gelände oder in der Reitbahn. „Und wenn es nur die typische Abschwitzdecke über der Bande, ein Blumentopf im Dressurviereck oder der berüchtigte Holzstapel am Wegesrand ist“, sagt die Verhaltenstierärztin.

Vorhand zum Monster steuern: Vergessen Sie jede Lektion oder Erziehungsmaßnahme. Setzen Sie sich lediglich zum Ziel, die Vorderbeine Ihres Pferds so dicht und ruhig wie möglich zum Monster zu steuern (Schulterkontrolle). Schritt für Schritt. Egal wie schräg das aussieht und wie lange es dauert.

Übernehmen Sie das Steuer! Der Clou: Indem Sie sich nur auf die Platzierung der Vorderhufe konzentrieren, kontrollieren Sie die Richtung, ohne das Pferd in der Situation mit weiteren Anforderungen zu überfordern. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Sie Ihr Pferd in einer anspruchsvolleren Lektion wie einem Seitwärtsgang am Monster vorbeilotsen wollten.

Loben Sie jede Bewegung in Richtung Schreckgespenst! Einmal dort angekommen, wandelt sich Furcht meist in Neugier. Sie werden sehen: „Bei der nächsten Passage am Reiz vorbei, werden Sie beide damit schon viel besser zurechtkommen“, sagt Ruth Herrmann. Hat Ihr Pferd seine Angstspannung erst einmal verloren, dann können Sie sich auch wieder auf die eigentliche Aufgabe wie eine Dressurlektion konzentieren!

Gespenster-Ecke angenehm machen

Sie können Ihr Pferd prima in Richtung Angstauslöser steuern? Glückwunsch. Das heißt leider noch lange nicht, dass es sich jetzt wohl fühlt. „Gerade unterm Sattel fühlen sich unsichere Pferde wie Dynamit an, der jeden Moment in die Luft fliegt“, sagt Ruth Herrmann. Wie können Reiter den Sprengstoff entschärfen?

Gespenster-Ecke angenehm machen

Kraulen bei Gefahr: Gestalten Sie Ihrem Pferd vermeintliche Gespensterecken so angenehm wie möglich, gerade wenn es dort zappelt.

Heißt: Kraulen Sie Ihr Pferd in einer Gruselecke, was das Zeug hält, etwa vor dem Widerrist. „Die Berührung ist dem Pferd äußerst angenehm, senkt nachweislich den Cortisolspiegel im Blut und damit auch den Stresslevel“, erklärt Herrmann.

Parken vorm Gespenst

Angsthasen sind zwar nicht lernfähig, aber in der Lage, auf gut eingeübte Signale zu hören. Damit diese in Schreckmomenten wichtiger als alles andere sind, müssen Reiter vorab selbst scheinbar einfache Dinge wie ruhig stehenbleiben üben. „Und dann wird Ihr Pferd in Gruselmomenten auch nicht einfach losspurten“, verspricht Ruth Herrmann.

Vorübung anhalten: Entscheidend für Schreckmomente: Das Pferd parkt an einer Stelle Ihrer Wahl und bewegt sich erst, wenn Sie es dazu aufforden – etwa durch Schnalzen oder ein Signalwort wie „Auf!“. „Anfangs übe ich das Anhalten am Führseil, später soll es sogar frei am Platz bleiben“, erklärt Herrmann. „Auch, wenn ich mich abwende oder weglaufe.“ Und so geht’s: Zupfen Sie beim Führen leicht an Strick oder Zügel. Sobald das Pferd stehenbleibt, lassen Sie mit dem Zug nach. Reagiert das Pferd sofort und fein, können Sie vor dem Zupfen ein Stimmsignal wie „Halt“ geben. Klappt das, loben. Nun wieder anführen, erneut stehenbleiben und sich einen Schritt vom Pferd wegbewegen. Bleibt das Tier stehen, wieder auf es zugehen, loben. „Mit der Zeit kann ich die Distanz erhöhen, und das Pferd selbstständig stehenlassen,“ so Herrmann.

Die Parkübung: Etablieren Sie das neue Verhaltenmuster an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Alltagssituationen, denn: „Pferde generalisieren ganz schlecht“, erklärt Ruth Herrmann. Nur wenn das Parken und Angehen auf Kommando bombenfest sitzt, können Sie das Verhalten auch in Gespensterecken abrufen. Gibt es etwa eine Baustelle in der Nähe? Dann nichts wie hin und Parken üben – Schritt für Schritt immer näher am Monster.

Belohnen & Entspannen

Probleme kann man zwar nicht wegfüttern, aber: „Futter kann in Schreckmomenten kleine Wunder bewirken“, sagt Ruth Herrmann. Setzen Sie es beispielsweise immer dann ein, wenn das Pferd trotz Anspannung stillgehalten hat oder, wenn der Reiz erscheint (siehe Gegenkonditionierung). „Auf diese Weise wird Futter ein regelrechter Mutmacher und fördert zusammen mit Pausen die Entspannung.“

Futter - aber richtig! Erste Voraussetzung: „Ihr Pferd sollte das Futter wirklich mögen, sonst können Sie ihm unangenehme Situationen nicht schmackhaft machen“, so Herrmann. Auch sollten Sie davon absehen, das Tier zunächst mit Futter abzulenken, um es dann erneut mit etwas Unangenehmem zu überraschen. Herrmann: „Das verstärkt die Angst und schürt bei Pferden Misstrauen, weil wir unvorhersehbar werden.“

Pausen machen stark: Gönnen Sie Ihrem Pferd nach jedem überstandenen Schreckmoment eine kleine Pause. „Kann es sich kurz entspannen, verdaut es das Erlebte schneller.“ Das beruhigt auch Pferde, die immer etwas erwarten, sich in Gegenwart eines Menschen nicht erholen können. „Bleiben Sie einfach zusammen stehen und genießen Sie den Moment“, rät Ruth Herrmann.

Pferde effektiv ablenken

Die sogenannte Reizüberschattung ist eine weitere klasse Strategie, um Pferde in Schreckmomenten herunterzufahren – und Pferde vom Angstauslöser abzulenken. Die Methode: Das Pferd lernt eine operante Übung. Hierbei bringt Ruth Herrmann das Pferd aktiv dazu, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, um diese in einem potenziellen Angstmoment abzurufen. „Eine nachhaltige Vorgehensweise mit schnellen Erfolgen“, findet Ruth Herrmann.

Verhalten auslösen: Um das gewünschte Verhalten bei einem Pferd auszulösen, nutzt die Verhaltenstierärztin eine Form von Druck, etwa durch einen Zug am Führseil, einen Tick mit der Gerte oder durch Körpersprache, Reiterhilfen oder Stimme. Sobald das Pferd wie gewünscht reagiert, den Druck entfernen. Herrmann: „Wer das konsequent mit seinem Pferd übt, kann den Druck schnell minimieren.“

Vor und zurück: Eine effektive Ablenkmethode im Angstmoment ist zum Beispiel die Schaukel. Dabei wird das Pferd vom Boden aus jeweils zwei Schritte vor und zurück geschickt. Das Bewegungsmuster lässt sich später in allen möglichen Gruselmomenten abrufen. Sogar, wenn der vielgefürchtete Tierarzt kommt. „Soll das Pferd etwa eine Spritze erhalten, kann der Veterinär das Tier am Hals berühren, während es diese Übung ausübt“, erklärt Herrmann.

Cool beim Tierarzt: Während der Tierarzt den Reiz am Hals schrittweise verstärkt, geht’s fürs Pferd immer weiter vor und zurück. Herrmann: „Denken Sie zwischendurch an eine Pause, um den Lerneffekt zu beschleunigen.“

Wichtig für Gruselmomente: „Es kann natürlich sein, dass das Pferd nicht mehr so leicht auf Ihre Signale wie den Zug am Führseil reagiert, weil es vom Reiz am Hals abgelenkt ist.“ Nach einigen Wiederholungen aber reagiert es immer besser – und der Tierarzt kann problemlos die Spritze setzen.
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