Heuanalyse richtig interpretieren: Das bedeuten die Werte

Heuanalyse richtig deuten
So wird aus Zahlen eine passende Ration

ArtikeldatumVeröffentlicht am 01.10.2026
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Zwei Ponys oder Kleinpferde fressen gemeinsam Heu im Freien, weitere Tiere im Hintergrund.

Wichtig ist zunächst: Ruhe bewahren. Denn auch wenn die Analyse auf den ersten Blick Herausforderungen für die Winterfütterung zeigt, lässt sich die Ration in der Regel gezielt anpassen.

Da ist sie nun, die Heuanalyse

Zwei Seiten, drei Spalten, ein paar Dutzend Zahlen, und irgendwo dazwischen die Antwort auf die Frage, was das Pferd eigentlich frisst. Denn es ist ja schön und gut eine Ration zu berechnen – das edle Ross muss die aber auch fressen hinterher.
Aber kommen wir zurück zu dem Thema: Die Heuanalyse ist da und liegt jetzt auf dem Tisch. Und die meisten Pferdebesitzer fangen jetzt an der Stelle an zu lesen, die sie am meisten beunruhigt. Meistens ist das Zink, manchmal der Zuckerwert. Das ist verständlich, führt aber regelmäßig zu Fehlschlüssen — weil man mit dem Feinen anfängt, bevor das Grobe steht.

Conny Röhm im Porträt
Constanze Röhm
Die Expertin

Ich lese solche Berichte immer in derselben Reihenfolge. Und zwar deshalb, weil man in genau dieser Reihenfolge auch die Ration rechnet. Erst die großen Blöcke, dann die Mengenelemente, zum Schluss die Spurenelemente. Jeder Schritt setzt auf dem vorherigen auf. Vielleicht mache ich mir beim lesen schon die eine oder andere Notiz.

Bevor es losgeht, ein Punkt, ohne den sowieso alles Weitere schiefgeht: Die Prozentwerte im Bericht beziehen sich auf die Trockensubstanz bzw. es werden sowohl Trocken- als auch Frischsubstanz ausgewiesen. Man muss sich entscheiden ob man seine Ration in Trockensubstanz berechnet (was wissenschaftlich genauer wäre) oder in Frischsubstanz (was bei Pferde mit wenig Kraftfutterbedarf pragmatischer ist). Und manche Werte werden in % angegeben, andere in Gramm oder Milligramm. Man muss es also für sich erstmal sortieren. Wer den Schritt überspringt, neigt zu Fehlern. Also erstmal auch ganz genau schauen: Was ist Gramm, was ist % und was ist Trockensubstanz und was ist Frischsubstanz. Nicht durcheinander werfen! Und dann fange ich an, in dieser Reihenfolge zu lesen:

Erster Block: Energie, Eiweiß, Zucker... und Schwefel

Hier entscheidet sich, wie viel Heu überhaupt gefüttert wird. Und weil sich alle folgenden Zahlen auf diese Menge beziehen, geht es nicht anders herum.

Ein weißes Pferd frisst Heu von einem großen Heuhaufen im Freien.
Lisa Raedlein

Energie

Die erste Frage lautet: Reicht die Energiedichte, um den Bedarf des Pferdes mit einer Heumenge zu decken, die mein Pferd auch tatsächlich frisst? Oder anders herum: Wieviel dürfte es davon fressen ohne dick zu werden? Daraus entstehen zwei entgegengesetzte Situationen, und beide sehe ich regelmäßig. Bei energiearmem Heu wird die rechnerisch nötige Menge irgendwann größer als das, was reinpasst. Dann ist die Lücke real und muss anders geschlossen werden. Bei energiereichem Heu liegt die bedarfsdeckende Menge unter dem, was das Pferd physiologisch braucht. Wer dann streng rechnerisch füttert, produziert Stress. Wer nach Beschäftigungsbedarf füttert, produziert ein dickes Pferd. Das ist die Ausgangslage, mit der man arbeiten muss. An dieser Stelle fällt also die erste Entscheidung über die grobe Heumenge. Alles Weitere hängt daran. Und das kann man sich schonmal notieren. Also wieviel muss/soll/kann mein Pferd davon fressen?

Eiweiß

Jetzt in der Regel Gramm umrechnen, nicht in Prozent stehenlassen. Ein Heu mit sechs Prozent Rohprotein klingt dünn — bei 8,8 Kilogramm Trockensubstanz sind das trotzdem gut 500 Gramm. Umgekehrt hilft ein hoher Prozentwert wenig, wenn die Heumenge knapp bemessen ist.

Und der Blick geht in beide Richtungen. Ein Defizit fällt auf, ein Überschuss meistens nicht. Überschüssiges Protein wird nicht gespeichert, sondern abgebaut oder umgebaut; der Stickstoff geht über Leber und Niere raus, das kostet Wasser und macht sich am Ende im Stallklima bemerkbar.

Zucker

Ob dieser Wert im Bericht steht, hängt vom gebuchten Paket ab. Wenn er drinsteht, achte zuerst darauf, welche Fraktion ausgewiesen ist — WSC schließt die Fruktane mit ein, ESC im Wesentlichen nicht. Deshalb liegt ESC in derselben Probe immer niedriger. Wer zwei Berichte nebeneinanderlegt, ohne darauf zu achten, vergleicht nicht zwei Heue, sondern zwei Messverfahren. Viele Labore weisen es unabhängig voneinander aus. Also WSC und Fruktane separat. Genau hinschauen!

Und dann wieder in Gramm rechnen, nicht nur pro Tag, sondern auch pro Mahlzeit. Bei einem insulindysregulierten Pferd ist die Verteilung über den Tag Teil der Frage und nicht nur die Tagesmenge.

Schwefel

Schwefel wird gerne mal überlesen. Und manchmal ist er auch schlicht irrelevant. Vor allem dann, wenn man sehr artenreiches Heu hat, ausreichend oder üppig Eiweiß. Dann ist er in der Regel auch "üppig". Wenn nicht, schaut man genauer hin. Er steht deshalb hier oben und nicht bei den Mineralstoffen, weil Schwefel Teil der schwefelhaltigen Aminosäuren ist, also inhaltlich zum Eiweißblock gehört.

Praktisch relevant wird er aus einem anderen Grund: Er gibt uns eine Idee, wie es um die Menge der schwefeltragenden Aminosäuren ungefähr bestellt sein könnte.

Zweiter Block: Mengenelemente

Jetzt steht die Heumenge ja +/- ungefähr fest. Damit lässt sich rechnen, wie viel von jedem Element aus der Grundration kommt. Calcium und Phosphor schaue ich mir grundsätzlich gemeinsam an. Die Einzelmengen sind das eine, das Verhältnis zueinander ist das andere — und praktisch oft das Entscheidende. Beide konkurrieren bei der Aufnahme. Überwiegt Phosphor deutlich, leidet die Calciumverwertung. Geht das Verhältnis zu weit auseinander, warten weitere Probleme. Grasheu liegt beim Calcium-Phosphor-Verhältnis meist ganz ok. Kritisch wird es fast immer erst durch das, was dazukommt: Kleie, manche Getreideprodukte, Reisfuttermehl. Diese Komponenten sind phosphorreich und kippen das Verhältnis. Oder größere Getreidemengen. Wenn ich den Ausgangswert im Heu nicht kenne, kann ich das Ergebnis am Ende auch nicht beurteilen. Deshalb lese ich diese beiden Zeilen immer als Paar. Allerdings schaue ich sie mir im Rahmen der Rationsberechnung immer mal wieder an. Gerade im Hinblick auf weitere Futtermittel.

Magnesium hängt eng am Kalium. Heu enthält bei intensiverer Düngung und je nach Boden reichlich Kalium, und ein hohes Kaliumangebot beeinflusst die Magnesiumverwertung ungünstig. Als Kaliummangel spielt das beim Pferd praktisch keine Rolle — als Frage an das Magnesium schon. Natrium ist die einzige Zeile, deren Antwort ich meistens schon vor der Analyse kenne. Salz gehört in der Regel dazu und zwar verlässlicher als loses Salz im Futter denn als Leckstein — an dem lecken manche Pferde begeistert und andere nie.

Ein Schimmel auf der Weide steht vor einem Zaun, an dem ein Himalaya-Salzleckstein hängt.
Eileen Groome/ gettyimages

Dritter Block: Spurenelemente

Zum Schluss die Elemente, die in Milligramm je Kilogramm angegeben werden. Und hier lese ich bewusst in einer bestimmten Reihenfolge, nämlich Eisen, Zink, Mangan, Kupfer — nicht alphabetisch und nicht nach Auffälligkeit. Eisen zuerst. Aus zwei Gründen. Erstens kann ein hoher Eisenwert ein Erdbefund oder ein Fütterungsbefund sein: tiefer Schnitt, Maulwurfshügel, Wenden unter ungünstigen Bedingungen. Aber auch stark eisenreiche Erden und verschiedene Wetterphänomene können den Eisenwert in der Pflanze ansteigen lassen. Zweitens beeinflusst Eisen die Verwertung von Kupfer und Zink, wenn er besonders hoch ist und es keine Korrektur über die Fütterung gibt. Ein üppiges Eisenangebot verändert also die Beurteilung der beiden Zeilen, die noch kommen. Deswegen steht Eisen bei mir am Anfang.

Zink und Mangan danach. Zink ist in unseren Heuen oft niedriger als der Bedarf, beim Mangan ist es sehr unterschiedlich. Kupfer zum Schluss. Ob das Kupfer im Heu beim Pferd auch ankommt, hängt am Eisen, am Zink und am Schwefel — und alle drei habe ich zu diesem Zeitpunkt schon gelesen. Eine Kupferzeile isoliert zu betrachten und daraufhin zu ergänzen, führt regelmäßig in die Irre. Kupfermängel beim Pferd treten regelmäßig auf und können unter anderem den Fettabbau erschweren. Was aber nicht dazu verleiten darf, blind zu füttern frei nach dem Motto: Viel hilft viel. Auch Kupfer kann toxisch werden. Selen steht in vielen Berichten mit dabei, und meistens ist es niedrig. Für weite Teile Mitteleuropas ist das der Regelfall und keine Überraschung. Ergänzt wird trotzdem nach Rechnung und nicht nach Reflex — Selen hat einen vergleichsweise engen Bereich zwischen zu wenig und zu viel. Und es ist ein weit verbreiteter Mythos das "ganz Deutschland" ein Selenmagelgebiet sei. Das ist nicht richtig. Man muss schon ein bisschen genauer hinsehen.

Warum diese Reihenfolge auch die Reihenfolge der Rationsberechnung ist

Weil jeder Schritt die Grundlage für den nächsten liefert.

Ohne die Energiedichte weiß ich nicht, wie viel Heu gefüttert wird. Ohne die Heumenge kann ich nicht ausrechnen, wie viel Calcium, Magnesium oder Zink aus der Grundration kommt. Und ohne diese Grundration weiß ich nicht, was ein Mineralfutter überhaupt ergänzen soll.

Wer umgekehrt anfängt — Selen ist niedrig, also gebe ich Selen — ergänzt eine einzelne Zeile statt einer Ration. Manchmal geht das gut. Zuverlässiger wird es dadurch nicht.

Zwei Sätze zum Schluss, die zur Interpretation gehören: Ein rechnerisches Defizit in der Grundration ist ein Hinweis auf Ergänzungsbedarf, keine Diagnose. Ob ein klinisch relevanter Mangel vorliegt, entscheidet sich am Pferd und gehört, wo Krankheitswert im Raum steht, zur behandelnden Tierärztin /Tierarzt zusammen mit der korrekt durchgeführten Rationsberechnung. Rationsberechnung ist trotzdem nie absolut. Ein Pferd bleibt ein Pferd. Mal frisst es 10 Kilo, mal 9 Kilo und dann auch mal 12 Kilo. Aber im Durchschnitt muss eine Ration schon passen. Und der Grundstein dafür ist die Rationsberechnung.