Offenstall-Check: 15 Aktivställe inkognito geprüft

Red flags & green flags bei der Stallsuche
Der große Offenstall-Check

ArtikeldatumVeröffentlicht am 10.10.2026
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Das Foto zeigt mehrere Pferde in einem Offenstall/Paddock auf befestigtem Hofboden, im Vordergrund ein braunes und ein weißes Pferd. Im Hintergrund befinden sich eine überdachte Heuraufe, ein Holzunterstand sowie eine lange Stallanlage mit Boxen.
Foto: Lisa Raedlein

Dort draußen muss doch einer sein, der zu mir passt! Die Suche nach dem passenden Bewegungsstall fürs eigene Pferd kann manchmal genauso anstrengend sein wie Dating – nix Vernünftiges in Sicht. Oder sehen wir das zu pessimistisch, zu erbsenzählerisch? Welche Red Flags treten bei Stallsuchen auf, wie oft sind sie tatsächlich im Stall-Alltag vertreten – und was sind die Green Flags bei Haltungssystemen?

Wir wollten es genauer wissen und sind zum großen Stall-Check losgezogen. 15 Ställe, die explizit mit Bewegungsanreizen für Pferde warben, nahmen wir vom Norden über den Westen bis in den Süden Deutschlands in den Blick; inkognito, jeweils unter dem Vorwand, einen Einstellplatz für unsere Pferde zu suchen. Immer mit dabei: Handykamera, ein umfangreicher Bewertungsbogen für unsere Notizen und ein Laser-Messgerät. Unseren Fokus legten wir dabei auf vier Knackpunkte: Größe und Beschaffenheit der Liegeflächen, den Aspekt Futter (Zugang für alle, Fresszeiten und Menge), tatsächlicher Bewegungsanreiz (inkl. Flächenangebot) und Stress-Pegel in der Gruppe.

Bei der Beurteilung der Ställe orientierten wir uns einerseits an den geltenden Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen, herausgegeben vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) – und andererseits an der Überarbeitung dieser Leitlinie, die die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) dem BMLEH bereits vor einigen Jahren als Neufassung vorgeschlagen hat. Unsere Beobachtungen haben wir zudem mit erfahrenen Haltungsforscherinnen besprochen – Dr. Margit Zeitler-Feicht, Dr. Miriam Baumgartner und Leonie Teschke, den Köpfen hinter dem Stall-Bewertungstool BestTUPferd. Sie ordnen unsere Notizen in den großen Kontext aus ihren BestTUPferd-Beobachtungen ein, erklären, welche Mankos wie oft auftreten und welche Kriterien nicht verhandelbar sind.

Die Expertinnen

Porträtaufnahme einer stehenden Person im Halbformat vor einer dunklen Holzwand mit direktem Blick in die Kamera. Die Person trägt ein dunkles Langarmshirt mit Gürtel, filigrane Halsketten und eine Armbanduhr; die Haare sind zu einem seitlichen Pferdeschwanz gebunden und das Motiv lächelt.
Dr. Miriam Baumgartner
Die Expertin
Porträtaufnahme einer älteren Frau, die lächelnd in die Kamera blickt. Sie trägt eine dunkelblaue Steppjacke und ein gemustertes Halstuch; der Hintergrund ist weich unscharf und wirkt wie ein Innenraum. Der Fokus liegt auf Gesichtsausdruck und Oberkörper.
Dr. Margit Zeitler-Feicht
Die Expertin
Das Foto zeigt eine Frau in Nahaufnahme neben einem fuchsfarbenen Pferd mit breiter weißer Blesse; sie hält den Kopf des Tieres und blickt lächelnd in die Kamera. Es handelt sich um ein Outdoor‑Porträt mit geringer Tiefenschärfe vor einem grünen, unscharfen Naturhintergrund. Die Komposition betont die Nähe zwischen Mensch und Tier.
Leonie Teschke
Die Expertin

Liegen & Ruhen

Ein Liegebereich erinnert uns an eine Grotte: direkt an der Wand eines alten Stallgebäudes, mehrere Meter weg von den beiden Eingängen, tiefe Decke, dunkel, muffig – und tagsüber abgesperrt, weil die Pferde hier sonst nur pinkeln, sagte uns der Betreiber eines Stalls, den wir besuchten. Die würden eh viel lieber draußen schlafen. Kein Wunder, so ein Liegebereich ist ein Albtraum fürs Pferd.

"Pferde wollen nicht in dunklen Höhlen schlafen, sondern einen Rundumblick haben", sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht. Die ideale Liegefläche ist möglichst lang bei geringer Tiefe (in Relation 3:1, also z.B. 9 m lang und 3 m tief). Ihr Untergrund sollte trocken und verformbar sein, die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) fordert Einstreu. Und die Liegefläche muss ausreichend groß sein: "Das ist in der Realität ein ganz großes Manko", sagt Dr. Miriam Baumgartner, die Dutzende Ställe für BestTUPferd bewertet hat: "In 50 Prozent der Gruppenhaltungen entsprach die Größe der Liegefläche nicht den Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen."

Red Flag bei der Stallsuche. Denn selbst die vorgegebene Liegefläche in den Leitlinien (≥(2x Widerristhöhe)² pro Pferd) entspricht seit mehr als zehn Jahren nicht mehr der aktuellen Forschung. Damit alle Pferde einer Gruppe unter Einhaltung ihrer Individualdistanzen liegen können, wäre eine Liegefläche von (2xWh)² plus 50% pro Pferd optimal. Eine Studie aus Schweden (Kjellberg 2021) zeigte sogar, dass Pferde ab einer Widerristhöhe von 1,71 m sogar 18m² Liegefläche benötigen.

Das Foto zeigt zwei Pferde in einem Stall auf einer dicken Strohschicht; im Vordergrund liegt ein braunes Pferd, im Hintergrund steht ein graues Pferd (Schimmel) vor einer Holzwand. Die Szene zeigt die Liegefläche eines Offen- bzw. Laufstalls.
Lisa Raedlein

Bei unserem Check fanden wir nur in einem Stall großzügig bemessene Liegeflächen; rund 15 m² standen jedem Pferd zur Verfügung. Bei etwas mehr als der Hälfte der Ställe berechneten wir rund 11 m² pro Pferd; das würde laut Leitlinien ungefähr für ein Pferd mit Stockmaß von 1,60 m ausreichen. Bei ca. einem Drittel der besuchten Ställe war die überdachte Liegefläche zu klein. In zwei Fällen blieben sogar nur wenige Quadratmeter pro Pferd übrig. Da helfen auch weitere Bereiche im Außenbereich nicht, die uns als zusätzliche Liegeflächen gezeigt wurden; denn Liegeflächen müssen überdacht und trocken sein. Zwei Wände bzw. Windschutznetze ausgerichtet zur Hauptwindrichtung sind, neben dem Dach, laut TVT-Leitlinie ein Muss.

Zurück zur Einstreu: Nicht immer waren Liegehallen vollständig eingestreut. Fläche ohne Einstreu zählt aber nicht als Liegefläche. "Gummi- oder Kunststoffmatten sind als alleinige Liegeunterlagen nicht ausreichend tiergerecht", betont Dr. Zeitler-Feicht. Stroh-Einstreu kann zum Problem werden, wenn Raufutter reglementiert ist und die Pferde zum Knabbern in die Liegehalle gehen. Oder zum Spielen, weil die Böden bei schlechtem Wetter rutschig werden. "Überschneiden sich die Funktionskreise Fress- und Liegeverhalten, sorgt das für Unruhe", so Dr. Zeitler-Feicht. Mögliche Folge: Die Pferde schlafen nicht ausreichend und entwickeln eine REM-Schlafstörung.

Fazit: Grundvoraussetzung zum Liegen ist ein ausreichend großer bzw. mehrere Liegebereiche mit weicher, verformbarer Einstreu; entweder nicht fressbar oder – im Fall von Stroh – mit alternativer Raufuttergabe.

Wie viel bewegen sich Pferde wirklich?

Gute Idee: Wollen die Pferde von den Heuraufen zur Tränke, passieren sie ein Tor, das nur zum Wasser hin öffnet. Hinter der Tränke führt der Weg in großem Bogen fast 400 Meter lang um verschiedene Grünareale, bis er wieder an den Heuraufen endet. Doch: Die Einbahnstraßen-Regelung ist aufgehoben, das Tor steht offen, die Pferde pendeln nur wenige Meter zwischen Raufe und Tränke – und der Trail ist an unserem Besuchstag so vermatscht, dass wir knöcheltief im Schlamm versinken. Zwei Mankos, die uns bei unseren Stall-Checks oft begegnen: mangelhaft befestigte Böden und fehlender Bewegungsanreiz für die Pferde.

Bei einem Stall etwa war zwar ein kleiner Trail angelegt, aber die Heuraufe stand direkt neben Tränke und Liegehalle. Bewegungsanreiz: null. Während unserer 90 Minuten vor Ort bewegte sich auch keins der Pferde von hier weg. Oder ein anderer Stall: zwar mehr als 4000 m² (abgegraste) Weide, die nicht als Futter-, sondern nur als Auslaufmöglichkeit dient, und das für nicht mal 10 Pferde. Doch: Raufe, Tränke, Liegefläche nur wenige Meter voneinander entfernt. Auch hier klebten die Pferde trotz üppig Platz bei unserem Besuch rund um die Raufe.

Es gibt auch positive Beispiele: Ein Stall besteht aus einem Trail in Dreiecksform; in der einen (platzmäßig erweiterten) Ecke finden sich die Heuraufen, in der nächsten die Tränke mit Mineralbar, in der dritten die Liegehalle. Bei einem anderen Stall waren Tränke und Raufen durch einen langen Trail voneinander getrennt. Bei sechs der besuchten 15 Ställe gab es klug konzipierte Haltungssysteme, die Pferde wirklich zu Bewegung animieren.

Das Foto zeigt eine Gruppe von Pferden, die auf einem Schotterweg innerhalb einer eingezäunten Koppel in Richtung Kamera gehen. Holz-Zäune, ein Reitstall-Umfeld und klarer blauer Himmel bilden die ländliche Kulisse.
Lisa Rädlein

Aber: "Der Bewegungsanreiz alleine reicht oft nicht aus, um Pferde in einem idealen Body Condition Score zu halten", erklärt Leonie Teschke. Sie untersuchte für ihre Masterarbeit 15 Ställe nach dem Paddock-Paradise-Konzept, das auf viel Bewegung ausgerichtet ist: "Nur bei einem Betrieb waren alle Pferde normalgewichtig. In zwölf hingegen gab es zu dicke Pferde; in fünf davon war sogar mehr als ein Drittel der Pferde zu dick." Dr. Miriam Baumgartner kann das nur unterstreichen: "Während der Entwicklung von BestTUPferd wurde von 415 Pferden in 23 Gruppenhaltungen die Körperkondition anhand des BCS erfasst. 19 Betriebe überschritten den Grenzbereich von über 30% an zu dicken Pferden." Vor allem bei leichtfuttrigen Rassen, ist also trotz Haltung im Bewegungsstall zusätzliche Bewegung nötig. Wichtig für alte Pferde: "Für sie sollte die Tränke nicht zu weit vom Fressplatz entfernt sein", sagt Dr. Zeitler-Feicht.

Auch in punkto Bodenbefestigung begegneten uns immer wieder Mankos: etwa wenn Bodenplatten nach oben quollen, große Teile des Auslaufs aus tiefer Matschfläche bestanden, wenn sich in Bodenrastern Mistreste sammelten (können das Hufhorn angreifen). Oder auch, wenn große Flächen mit Verbundsteinen befestigt sind. Super für die Stallbetreiber, weil leicht zu reinigen. Aber abrasiv für die Pferdehufe – und keine gelenkschonende Gelegenheit, um sich in allen Gangarten zu bewegen. "Bewegungsställe sollten ganzjährig galoppierfähige Böden bieten", sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht. Das fanden wir bei zwei Drittel der besuchten Ställe vor; teilweise sogar mit unterschiedlichen Bodenbelägen wie Rasengitter, Sand, Naturböden und Paddockmatten für variierende Reize – top!

Fazit: Nicht jeder Stall, der mit Bewegung wirbt, setzt auch echte Anreize für die Pferde, sich von einem Bereich zum nächsten zu bewegen. Klug angelegte Wege und räumlich getrennte Funktionsbereiche sind Green Flags, ebenso wie befestigte Böden, auf denen die Tiere ganzjährig gut laufen können.

Futterangebot & Fressplätze

So ist die Versorgung mit Raufutter ideal gelöst: Heuraufen, um gemeinsam zu fressen; die jedes Pferd satt machen, aber zu viel Energie vermeiden; gesteuerte Zugangszeiten; Heu zur freien Verfügung für die, die’s nötig haben; und Strohraufen, an denen alle knabbern können, wenn die Heuraufen geschlossen sind. Und vor allem: Genügend Fressplätze für alle Pferde.

Denn: "Nicht jeder Fress-Durchlass an einer Raufe zählt als ein Fressplatz. Der Sozialabstand, den jedes Pferd braucht, variiert; gute Freunde können auch schon mal Bauch an Bauch fressen, aber manchmal nimmt auch ein Pferd eine komplette Längsseite einer Raufe in Beschlag", betont Dr. Margit Zeitler-Feicht. In den Leitlinien zur Pferdehaltung heißt es, dass jedem Pferd mindestens ein Fressplatz zur Verfügung stehen muss. Laut Forschung ist das gewährleistet, wenn an Raufen ein Tier-Durchlass-Verhältnis von 1:2 eingehalten wird; für entspanntes Fressen sogar ein Verhältnis von 1:3.

Die Praxis hinkt hier oft hinterher, sagt Dr. Miriam Baumgartner. "In einer Stichprobe für BestTUPferd von 16 Betrieben mit Gruppenhaltung bestand bei über 60% der Betriebe ein Verhältnis von Fressplätzen zu Pferden von 1-1,2: 1". Nur bei zwei Betrieben lag es bei 1,75-2,6: 1. Bei vier Ställen gab es sogar weniger Fressplätze als Pferde.

In den meisten Ställen, die wir besuchten, lag das Tier-Fressplatz-Verhältnis zwischen eins und zwei pro Pferd. Drei Durchlässe pro Pferd zählten wir nirgends. Dafür aber einige Engpässe beim Raufutter: In einem Stall gab es nur vier Einzelabrufautomaten mit Heu für über 30 Pferde (plus einen kleinen, beschränkten ad-libitum-Bereich und einer gemeinsamen Strohraufe). Nach 20 Minuten ging hier der Schieber in den Einzelautomaten wieder runter.

Gleich zwei Punkte, die nicht ideal sind: Die TVT empfiehlt pro Einzelautomat maximal vier Pferde; ebenso wie die Hersteller von Bewegungsstall-Konzepten. "Eine Fresszeit von 20 Minuten ist viel zu kurz, sie sollte bei mindestens 30 Minuten in Einzelautomaten und 45 Minuten bei zeitgesteuerten Raufen liegen", betont Dr. Zeitler-Feicht. Doch Raufutter alleine reicht nicht aus, um den Bedarf an Nährstoffen zu decken. In sechs gecheckten Ställen waren Kraft- und Mineralfutter nicht inklusive. In drei Ställen gab es keinen Salzleckstein.

Fazit: Genügend Fressplätze (idealerweise 3 Fressdurchlässe pro Pferd) und ausreichend lange Fresszeiten sind Anzeichen für ein gutes Stallmanagement. Bei zeitgesteuerten Raufen müssen mindestens 30 (bei Einzel-) bzw. 45 Minuten (bei Gruppenautomaten) gewährleistet sein.

Den kompletten Artikel zur Offenstall-Bewertung und die große CAVALLO-Checkliste für eure Stall-Suche findet ihr hier:

Fazit