Was sagt die Vollblut-Züchterin zu bewährten Hengsten?
Wenn man in der Reitpferdezucht einen Vollblüter für seine Stute auswählt, möchte man ihn für Gesundheit, Reaktionsvermögen und eine schnellere Regeneration einsetzen. Bevor ein Vollbluthengst gekört wird und in die Zucht gehen darf, hat er in der Regel bereits sportliche Eigenleistung auf der Rennbahn erbracht. Es gibt bestimmte Mindestanforderungen für die Zulassung zur Körung, zum Beispiel wie viele Rennen ein Hengst absolvieren und welche Leistung er dabei erbracht haben muss. Anschließend wird er von der Körkommission eines Zuchtverbands nach den üblichen Kriterien beurteilt. Die Züchter setzten eher etablierte Vollbluthengste ein – junge Hengste müssen ihren züchterischen Wert erst beweisen und bekommen weniger Stuten. Trotzdem werden auch verdiente Vollbluthengste seit Jahren immer weniger nachgefragt, weil der Trend zu den modernen Hengsten geht, deren Nachkommen sich vermeintlich besser vermarkten lassen. Dabei wäre jetzt der Zeitpunkt auf Vollblüter zu setzen, um wieder Härte und Stabilität in die Reitpferdezucht zu bringen.

Birgit Lehnhardt betreibt das Vollblutgestüt Söderhof mit EU-Besamungsstation in Walsrode/Niedersachsen. Mehr Infos unter vollblutgestuet.soederhof.de
Das sagt der Experte für Warmblutzucht zu Modehengsten
Langbeinige Modehengste wecken Begehrlichkeiten und man dachte wohl, dass jetzt das Zeitalter anbricht, wo jeder Nachkomme herausragendes Potential hat. Gerade, wenn sich Fohlen dieser Hengste auf den Auktionen gut verkaufen. Das Züchten für die Fohlenauktion kann aber kein nachhaltiges Zuchtziel sein. Als Auswirkung sehen wir, dass der Genpool in der Warmblutzucht sich auf wenige Linien verengt hat. Linienzucht ist nicht per se schlecht, weil sie Merkmale festigen kann, aber bei zu viel Verwandtschaft in der Population nehmen auch Gebäudemängel und Krankheiten zu. Statt jungen Hengsten mit aufwändigen Bewegungen eine riesige Plattform zu geben, sollten sich die Hengste stärker über den Sport qualifizieren. Häufig stellt sich erst im Laufe einer Sportkarriere heraus, ob ein Hengst über genügend Rittigkeit verfügt, ob er Tragkraft entwickeln kann und einen gebrauchsfähigen Rücken hat. Viele Hengste, die in jungen Jahren unscheinbar sind, entwickeln sich später zu Leistungsträgern. Das Grundbestreben in der Zucht muss ein langes und gesundes Pferdeleben sein und ein Markt mit guten Reitpferden – auch für die Amateurreiter, die bereit sind, viel Geld in den Sport zu investieren.

André Hascher ist Vorstandsvorsitzender des Zuchtverbandes für deutsche Pferde e. V. und Mitbegründer des Dressurleistungszentrums Walldorf. Außerdem ist er Teil der Initiative R-haltenswert, die sich für den pferdegerechten Sport einsetzt. Mehr Infos unter www.r-haltenswert.de
Die Chefin der Hengststation über den zu frühen Deckeinsatz von Hengsten
Ich sehe ein Problem, wenn Hengste in jungen Jahren sehr viel eingesetzt werden. Talent lässt sich früh erkennen, aber die Haltbarkeit offenbart sich erst später. Der Markt fragt nach dem Neuen – vor allem in der Dressurpferdezucht. Während man in der Springpferdezucht eher versucht, Leistungsgenetik über sporterfolgreiche Hengste abzusichern, verkauft man im Dressursport häufig die Hoffnung auf Erfolg – zum Beispiel das Fohlen, das wie ein Gummiball durchs Viereck trabt. Ein junger Hengst kann frische Genetik und Impulse bringen. Aber: Nutzen wir wenige Modehengste sehr viel, während bewährte Althengste kaum noch nachgefragt werden, geht die Blutvielfalt in der Zucht verloren. Wir sollten unsere Hengste viel genauer unter die Lupe nehmen – nicht nur durch Tests und Röntgenbilder, sondern auch durch ordentliche Exterieurbeurteilung und die dauerhafte sportliche Leistung. Würden wir die Bedeckungen von jungen Hengsten in den ersten Jahren begrenzen, wären Züchter gezwungen, sich auch bei spätreifen Hengsten umzusehen oder sich für Blutalternativen zu interessieren. Als Züchter haben wir die Verantwortung, nicht zu vermehren, sondern für die Zukunft gesunde und stabile Reitpferde zu züchten.

Caroline Rohmann ist Inhaberin der Hengststation Rohmann in Marl/NRW und bietet Hengste für die Zucht von Reitpferden und -ponys. Mehr Infos unter www.hengste-rohmann.de





