CAV Dülmener Wildpferde 1 Hans Kuczka
CAV Dülmener Wildpferde Rasse Pferd
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CAV Dülmener Wildpferde Rasse Pferd 11 Bilder

Rasse-Porträt: Dülmener Wildpferde unter dem Sattel

Dülmener Wildpferde - Eine Alternative für Reiter?

Dülmener Wildpferde unter dem Sattel: Auf Turnieren zeigt Pinocchio Konkurrenten eine lange Nase, von Reitern fordert er Konsequenz. So klug sind die seltenen Wildfänge.

Pinocchio, ein Dülmener Wildpferd, ist aus besonderem Holz geschnitzt. Missfällt ihm etwas, streckt der Falbe seinen Unterhals durch und galoppiert mitsamt seiner Reiterin Jana Kamps davon. Um kurz darauf konzentriert eine perfekte Galopppirouette zu springen.

Anders als die Holzpuppe, von der er seinen Namen geerbt hat, ist der DülmenerWallach grundehrlich. Der Punkt, an dem der mehrfach M-Dressur-platzierte Wildfang auf stur schaltet, ist immer dann, wenn er zu viel Druck verspürt. Etwa, wenn Jana Kamps eine Hilfe übertreibt. „Pinocchio ist schlau. Er möchte vom Arbeiten überzeugt werden“, sagt die 26-jährige Reiterin aus Hamminkeln/Nordrhein-Westfalen. Sie reitet den 19-jährigen Wallach schon seit über 13 Jahren. „Obwohl wir uns so lange kennen, fällt es manchmal schwer zu unterscheiden, ob mein Pony im Moment einfach faul ist oder ein Signal missversteht. Werde ich dann zu stark, brennt er mit mir durch.“

Pinocchio hat seine junge Reiterin zu klaren Ansagen erzogen. Davon pro tiert Jana Kamps, die Anfang des Jahres mit dem Wildpferd ihren ersten S-Dressurstart absolvierte, auch im Umgang mit ihren Warmblütern. „Missverständnisse gibt es selten.“

Wie sensibel die urigen Wilden reagieren können, weiß auch Ausbilderin Hannah König aus Hattenhofen/Bayern. Sie besitzt ein neunjähriges Wildpferd. „Wenn ich im Training den Moment verpasse, an dem Kashmir mich entweder missversteht oder müde wird, kann es vorkommen, dass er mich anschließend total ignoriert. Er will gefordert werden, verlangt mehr Klarheit und Gerechtigkeit als domestizierte Pferde“, sagt König. „Auch viel Einfühlungsvermögen, Lob und Anerkennung spielen eine Rolle. Beachte ich das, fühlt sich Kashmir verstanden und dankt es mit innigem Brubbeln. Und dann kann ich auch alles mit ihm machen.“

Wildfang ignoriert Menschen

Selbst der bekannte Pferdetrainer Frédéric Pignon kam bei einem Lehrgang erst nicht an Kashmir heran. Hannah König erinnert sich: „Mein Pony tat, als ob der Mann Luft wäre. Peinlich.“ Pignon blieb laut Hannah König cool und wartete ab, bis Kashmir auf ihn zuging. „Es ist typisch für Wildpferde, dass sie entscheiden, wann ein Kontakt zustande kommt“, erklärt die Ausbilderin. Das mag verwirren. „Dülmener Wildpferde sehen zwar aus wie knu ge Kinderponys“, sagt Pinocchios Besitzerin Britta Becker. „Man darf aber nicht vergessen, dass sie das erste Lebensjahr ohne Kontakt zum Mensch aufwachsen. Sie haben eine größere Individualdistanz, kennen keine Berührungen.“

Am liebsten verlassen sich die Dülmener Wildpferde auf sich selbst. Das ist pfiffige Überlebensstrategie. In der Wildbahn müssen die Tiere in Bruchteilen von Sekunden reagieren und Entscheidungen fällen. Wie klug sie sind, zeigt sich auch bei der Haltung: Gefriert im Winter beispielsweise eine Tränke, klopft ein Wildpferd das Eis lässig mit den Hufen auf, während domestizierte Pferde in der Regel hilflos davor stehen. Wo lernen die Ponys ihr cleveres Verhalten?

Originale Dülmener Wildpferde werden im Merfelder Bruch, einem fast 400 Hektar großen Naturschutzgebiet 12 Kilometer westlich von Dülmen/Nordrhein-Westfalen, geboren. Männliche Absetzer werden jeden letzten Samstag im Mai beim traditionellen Wildpferdefang verkauft. Das Gelände ist Eigentum der Herzog von Croÿ‘schen Verwaltung. Dülmener sind Pferde, die von Privatzüchtern gezogen werden – auch wenn die wilden Verwandten ebenfalls oft nur „Dülmener“ genannt werden.

Die Wildlinge leben mehr oder weniger sich selbst überlassen. Sie müssen mit wechselndem Nahrungsangebot und jeder Witterung klarkommen. Nur bei extremem Frost gibt es Heu an wenigen Futterstellen. Echte Wildpferde sind die Originale rein zoologisch betrachtet aber nicht. Sie alle haben deutliche Domestizierungsmerkmale wie lange Mähne und Schopf. Der typische Aalstrich ist das auffälligste Merkmal ihrer ursprünglichen Herkunft. Die Falben gibt es in verschiedenen Farbabstufungen. Weiße Abzeichen sind nicht erwünscht.

Was macht ein Wildpferd aus?

Was ein Wildpferd ausmacht, spürt auch CAVALLO-Redakteurin Regina Kühr beim Testritt. Auf drei von vier extra für heute bereitgestellten Dülmenern fühlt sie sich anfangs zwar geduldet und sicher, bekommt aber wenig Zugang zu ihnen. Nur Westernpferd King Lu, den sie gebisslos auf Bosal steuert, ist sofort kommunikationsbereit.

Im Februar 1994 wurde die Rasse in die „Rote Liste der bedrohten Haustierrassen“ aufgenommen und aktuell sogar zur gefährdeten Nutztierrasse des Jahres 2014 bestimmt. Der Zuchtbestand wird auf zirka 290 Tiere beziffert, wovon etwa 250 wild leben, der Rest befindet sich in Privathand. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) stuft Dülmener Wildpferde als stark gefährdet ein. Will niemand die coolen Zottelponys?

„Ein Problem ist womöglich, dass man die Tiere nicht richtig einordnen kann“, sagt Britta Becker, Veranstaltungsleiterin der Interessengemeinschaft des Dülmener Wildpferdes. „Mit einem Zuchtziel von 1,25 bis 1,35 Metern Stockmaß sind sie für große Erwachsene zu klein, für Kinder unter Anleitung eines Erwachsenen aber geeignet. Ich denke, man sollte die Zuchtziele auf größere Exemplare erweitern.“ Dazu kommt, dass manche Wildfänge wenig kosten. Hannah Königs Kashmir ging für nur 250 Euro nach Bayern. „Oft schlagen unerfahrene Leute zu, die kein Geld für eine solide Ausbildung haben“, weiß Britta Becker. „Aufzucht und Training eines Jährlings erfordern jedoch viel Geduld und Fachwissen – nicht nur bei Wildpferden.“

Wer ihre Sprache versteht und die Tiere nicht unter Druck setzt, hat jedoch ein gutmütiges, trittsicheres und nervenstarkes Pony für alle Reitsportdisziplinen an seiner Seite. Das 13-jährige Testpferd Moses etwa war bis vor kurzem noch Hengst, ist wie der siebenjährige Pegasus bis A-Dressur und E-Springen ausgebildet und wird von Besitzerin Andrea Loru aus Wesel im Schulbetrieb eingesetzt. „Ich reite ihn regelmäßig selbst und achte sehr darauf, dass die Kinder ihn artgerecht behandeln“, erklärt die Reitlehrerin. „Davon profitieren beide Seiten, das Pferd und der Nachwuchs.“

Horsemanship für Wildpferde

Auch der Dülmener Pinocchio lässt sich längst problemlos am ganzen Körper von Kindern krabbeln, putzen oder spazieren führen. „Die Kleinen fordern ja auch keine S-Lektionen“, grinst Britta Becker. Dass ihr einst so scheuer Wallach einmal Star im Dressurviereck wird, hätte sie im Jahr 1995 niemals gedacht.

„Pinocchio sollte als Beistellpony einer Stute von mir Gesellschaft leisten.“ Natürlich sollte es nicht dabei bleiben und der Wallach ein paar Reitpferdebasics lernen. Das war zunächst gar nicht so einfach. „Ich konnte ihn draußen nicht einfach anfassen oder zu mir locken, beim Einfangen bekam er Panik.“ Becker musste sich Schritt für Schritt an den Jährling herantasten. „Aufhalftern ging anfangs nur in einer Box, weil er sonst stiften gegangen wäre.“

Im Stall imitierte die erfahrene Reiterin Fellpflege, um Vertrauen aufzubauen. Fürs Training an der Frischluft schnappte sie eine Longe, ließ diese lang und ging so mit ihrem Falben auf sicherem Gelände spazieren. „Ich habe den Abstand jeden Tag ein bisschen verkürzt, bis sich Pinocchio an mich gewöhnte.“

Wer sich für ein Dülmener Wildpferd interessiert, sollte sich vorab mit Horsemanship auseinandersetzen und die Tiere im Umgang miteinander beobachten. Das erleichtert den Zugang zu den Wildfängen. Die sind von Natur aus sehr sozial und lassen sich ohne Umstände in eine fremde Gruppe integrieren. „Das liegt daran, dass sie in einer sehr großen Herde aufwachsen und gelernt haben, Artgenossen deutliche Signale zu geben“, sagt Ausbilderin Hannah König. Ihr Kashmir erzieht sogar Fohlen – und wurde als Kleinster unter vielen Großpferden in Kürze unangefochtener Chef.

Im Dressurviereck haben die vielseitig talentierten Wildpferde freilich mehr zu kämpfen. Das weiß Jana Kamps nach 12 Jahren Turniererfahrung mit Pinocchio. Sobald das heute auch durch Messen und Showauftritte bekannte Paar den Abreiteplatz betritt, tuscheln Zuschauer wie Richter. „Du reitest nett“, musste sich Jana Kamps etwa von einem Richter anhören. „Nur das Gerät unter deinem Hintern, das geht nicht“, erzählt die Reiterin und stellt fest: „Mit Warmblütern muss ich weniger exakt reiten. Von Pinocchio verlangen Richter meist einen Tick mehr.“

Den Wallach kümmern solche Kommentare nicht, solange seine Menschen bei ihm sind. Denn dann ist die Welt für den klugen Dülmener Wildfang in Ordnung – und Pinocchio zeigt der Konkurrenz eine lange Nase. Weitere Infos unter: ig-duelmener.de oder www.wildpferde.de

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Hans Kuczka
Galopp marsch: Die Testpferde Pegasus, Pinocchio, King Lu und Moses (von links) zeigen auch im Gelände gute Nerven.

Auf dem blanken Rücken reiten

Ein gesundes, gut bemuskeltes Pferd sollte keine Probleme haben, wenn es ohne Sattel geritten wird. Vorausgesetzt, man übertreibt es nicht, denn je nach Gangart und Sitz des Reiters kann der Druck das 1,2- bis 1,5-Fache seines Gewichts betragen. Manche Pferde gehen ohne Sattel sogar deutlich entspannter.

Reitanfänger lernen einen unabhängigen Sitz, Fortgeschrittene gewinnen ihn zurück. So sitzen Sie richtig: Nehmen Sie so dicht wie möglich am Widerrist Platz. Schlecht bemuskelte oder empfindliche Pferde drücken den Rücken weg oder bocken, wenn Reiter zu weit hinten auf der Wirbelsäule hoppeln.

Drücken Sie sich mit den Oberschenkeln ähnlich wie im leichten Sitz nach oben, damit Sie nicht in den Stuhlsitz fallen. Das erfordert anfangs etwas Training und Körperbeherrschung. Atmen Sie entspannt, dann bleibt das Becken locker. Treiben Sie impulsartig, um das Hinterbein zu aktivieren (Bild), ansonsten baumeln die Beine locker.

Festigt sich Ihr Sitz, können Sie alle gewohnten Lektionen reiten. Mit Pinocchio gelingen CAVALLO-Redakteurin Regina Kühr beim Testritt sogar Ansätze zur Piaffe.

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Hans Kuczka
CAVALLO Redakteurin beim Ritt ohne Sattel.
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