Heizen mit Mist Lisa Rädlein/Silke Quitzsch

Neue Energiequelle

Heizen mit Mist

Wenn aus Pferdeäpfeln Strom und Wärme gewonnen werden, stecken clevere Systeme dahinter – die sich für Stallbetreiber durchaus lohnen.

Hach, wär’ das schön, wenn wir Reiter aus Pferdemist Gold machen könnten. Dann wären sämtliche Tierarztrechnungen, Reitstunden und Futtersäcke bezahlt. Nun gut, Gold ist noch nicht möglich – aber zumindest Strom und Wärme lassen sich aus dem Mist gewinnen. Das spart Geld oder spült sogar welches in die Kasse des Stallbetreibers – sofern er das Potenzial im Mist nutzt.

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Das macht beispielsweise ein Stallbesitzer aus Bayern. Auf seinem Hof steht eine neuartige Biogasanlage, die jeden Tag reichlich gefüllt wird. Denn allein die 120 Tiere des Stalls produzieren täglich 3,8 Tonnen Mist; dazu kommt eine Tonne Gras- und Raufutterabfall. Oder: früher Abfall, heute wertvoller Rohstoff.

Eine Biogasanlage kann sich quasi selbst bezahlen

Denn der Mix wird in der Anlage von Bakterien zersetzt. Die entstehenden Gase werden in einem Blockheizkraftwerk verbrannt und produzieren damit Strom.

Heizen mit Mist
Lisa Rädlein/Silke Quitzsch
Wenn aus Pferdeäpfeln Strom und Wärme gewonnen werden, stecken clevere Systeme dahinter – die sich für Stallbetreiber durchaus lohnen.

Der Stallbetreiber speist auf diesem Weg bis zu 8 760 Kilowattstunden grünen Strom ins Netz ein; das ist mehr, als zwei Vier-Personen-Haushalte im Durchschnitt pro Jahr verbrauchen. Für jede Kilowattstunde kassiert der Stallchef 23 Cent. Und weil Kleinvieh bekanntlich Mist macht, kommen so pro Jahr rund 150 000 Euro Einnahmen zusammen. Die Anlage bezahlt sich in nur sieben Jahren selbst, inklusive laufender Kosten, und erwirtschaftet im Anschluss einen hübschen finanziellen Überschuss.

Spezielle Biogasanlage nötig

Klingt genial. Warum stehen solche Anlagen nicht auf jedem Pferdehof? Ganz einfach: Weil der Mist bislang nicht so leicht verwertet werden konnte. Das lag zum einen an der Struktur des Pferdeapfels, zum anderen am meist hohen Strohanteil im Mist. A

nders sieht es hingegen mit den neu entwickelten Biogasanlagen der Goffin-Energy-Gruppe aus: Deren Millionen von Mikroorganismen und Enzymen sind in der Lage, auch Einstreu mit hohem Strohanteil zu verwerten. Nur das Lignin aus der pflanzlichen Zellwand des Strohs bleibt als unverdaulicher Reststoff übrig. Ansonsten wandeln die Bakterien alle organischen Stoffe wie Gülle, Grünschnitt oder Brotreste in Gas um.

Gesteuert werden die Bakterien übrigens von einer Künstlichen Intelligenz. Jahrelang sammelte Goffin Energy Daten von laufenden Anlagen. So kann anhand von pH-Wert, Temperatur oder Ausgangsstoff vorhergesagt werden, wie wohl sich die Bakterien fühlen und wie groß ergo die „Ernte“ des Biogases sein wird.

Die Künstliche Intelligenz in Form eines Algorithmus kann auch helfend eingreifen, wenn sich etwa die Zusammensetzung des Mists verändert. Das System gibt dann Tipps, damit die Bakterien weiter fleißig Gas produzieren. Das erhöht die Gas-Ausbeute um zehn bis 15 Prozent pro Jahr.

Stallbetreiber profitieren dreifach von der Anlage

Ob die Biogasanlage nun clever mitdenkt oder nur Gas produziert, Thomas Brüse, Geschäftsführer von Goffin Energy, sieht in einer solchen Anlage so oder so gleich drei Vorteile für Pferdelandwirte: erstens den Gewinn an „grünem“ Strom oder Wärme. Beides kann entweder für den eigenen Bedarf im Stall verwendet werden oder gegen eine Vergütung ins öffentliche Netz fließen.

Wer eine Anlage mit einer Leistung von bis zu 75 Kilowatt zu 80 Prozent mit Gülle und Mist betreibt, bekommt die besonders hohe Einspeisevergütung von 23 Cent pro Kilowattstunde bezahlt.

Zweiter Vorteil: die Verwertung des Mists. „Ich kenne Landwirte, die mehr als 2 000 Euro an monatlichen Entsorgungskosten für Mist haben“, so Thomas Brüse. Statt dafür zu zahlen, wandert der Mist einfach in die Anlage. Innerhalb von 20 Tagen entsteht zudem ein saatenfreier Dünger voller Mineralien. Der kann aufs eigene Feld wandern oder weiter verkauft werden – der dritte Vorteil.

Im Pferdemist steckt also ein gewaltiges Energiepotenzial. Dieses nutzt auch der Verein „Native Power“ aus Hannover mit seinen Biomeilern: Diese Meiler können die natürliche Wärme auffangen, die beim Kompostvorgang entsteht. Die Wärme verschwindet so nicht in den Himmel überm Stall, sondern wird zum Heizen verwendet.

Ein solcher Meiler steht auf dem Weberhof in Tirol. Der Bauernhof mit Pferdebetrieb und Ferienwohnungen nutzt die Mist-Wärme, um Stall- und Wohngebäude zu beheizen. Auch das Brauchwasser wird mit dem bis zu 60 Grad heißen Wasser aus dem Mist erwärmt. Seit zwei Jahren setzt der Hof auf diese Lösung.

Der Mist erwärmt Wasser, das die Heizung speist

Das System dieser Mist-Heizung ist dabei recht einfach: „Auf die Mistplatte kommt zuerst eine Schicht Mist, dann setzen wir einen Wärmetauscher obenauf“, erklärt Vereinssprecher Heiner Cuhls. Ein Wärmetauscher überträgt Energie von einem Material zum anderen; in diesem Fall vom Mist auf Wasser, das durch ein im Misthaufen eingebautes Rohrsystem geleitet wird.

Mist und Wärmetauscher werden abwechselnd aufeinander geschichtet. Der Stallbesitzer muss nur dafür sorgen, dass die täglich frisch aufgeschichteten Pferdeäpfel gehäckselt sind. So bilden diese eine lockere Masse, die von Bakterien besiedelt und kompostiert werden kann – das sorgt für Wärme. „Gleichzeitig verliert der Dung etwa die Hälfte an Masse, sodass der Vorgang bis zu einem Jahr wiederholt werden kann“, so Cuhls. Oder bis der Misthaufen zwei Meter hoch ist und instabil wird. Dann wird der Meiler abgebaut, der Kompost als Dünger genutzt und der Biomeiler mit frischem Mist neu aufgeschichtet.

„Mehr Arbeit als vorher macht das Kompost-Wärmesystem nicht“, sagt Cuhls. Die tägliche Arbeitszeit liegt bei zehn bis 20 Minuten, der Häcksler kostet 60 bis 80 Cent pro Tageseinsatz. „Alles in allem kostet das System 6 000 Euro, exklusive Häcksler“, so Cuhls.

Dafür rechnet sich die eingesparte Energie. Der Weberhof spart etwa 3 500 Euro Heizkosten pro Jahr. Dazu kommt: Das Heiz-System ist in Ställen von sechs bis zu mehreren Hundert Pferden anwendbar. Eine clevere Lösung mit simplem System. So einfach lässt sich manchmal aus Mist Geld machen.

Wie funktioniert eigenltich eine Biogasanlage?

Das Prinzip ist immer gleich: Ein Gärbehälter (Fermentor) wird mit Biomasse gefüllt. Bakterien im Behälter wandeln diese in Gas um. Der übliche Aufbau sieht folgendermaßen aus:

Heizen mit Mist
Fachverband Biogas e.V.
Wie funktioniert eine Biogasanlage?

1 Lager für die Biomasse.
2 Die Biomasse wird ggf. aufbereitet, gereinigt, sortiert.
3 Eine Pumpe transportiert die Masse hinein bzw. hinaus.
4 Rührwerke vermischen die Bakterien mit der Biomasse.
5 Eine Heizung hält den Behälter auf Temperatur (üblicherweise 40 Grad).
6 Gasspeicher zur kurz- oder mittelfristigen Speicherung
7 Gasreinigungssysteme zur Entschwefelung/Entwässerung
8 Leitungen für Gärsubstrate und Biogasleitungen
9 Drucksicherungen und Sicherheitsventile als Sicherheitstechnik
10 Ein Blockheizkraftwerk produziert Strom und Wärme.
11 Ggf. Umwandlung von Biogas zu Biomethan
12 Lager für die ausgefaulten Gärprodukte

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