Lisa Rädlein

Schätze aus Egon von Neindorffs Bibliothek

Aus der Bibliothek Egon von Neindorffs: Teil 1 Schlicht und ergreifend

Dieses Buch rührte die Redakteurin zu Tränen: Warum Reiten eine Gefühlssache und kein Handwerk ist, erklärt eine besondere Reitvorschrift.

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski hütet den Schatz der Redaktion: die Privatbibliothek des 2004 verstorbenen Reitmeisters Egon von Neindorff. Über 50 Jahre lang vermittelte er an seinem Reitinstitut in Karlsruhe sein Wissen über die klassische Reitkunst und kämpfte für die korrekte Ausbildung von Pferd und Reiter.

Lisa Raedlein
CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski

Nach einer Reitstunde, die voller Selbstzweifel endete, schickte mir meine Reitlehrerin kürzlich eine Nachricht mit dem Foto einer Buchseite aufs Handy: "Dem Geist der Schwere sollst du feind sein. Das macht dich dem Pferde leicht. Wenn dein Herz leicht ist, ist es auch deine Hand. Wenn dein Herz leicht ist, treibt es dich vorwärts." Dieses Zitat berührte mich so, dass ich mir ein paar Tränen verdrücken musste. Die Seite stammte aus der "Reitvorschrift für eine Geliebte" von Rudolf G. Binding, veröffentlicht im Jahr 1926.

In unserer Redaktion bewahren wir wohlbehütet die Privatbibliothek aus dem Nachlass von Reitmeister Egon von Neindorff auf, die unser Verlagshaus gekauft hat. Als ich die erste "Schatzkiste" öffnete, fiel mir Bindings Büchlein in die Hände. Erst einmal aufgeklappt, musste ich es mir gleich von Anfang bis Ende durchlesen. Ich gebe es zu: Mich ziehen die poetisch-emotionalen Zeilen Bindings viel schneller und leichter in den Bann als die schweren, gebundenen Bücher mit geballtem Wissen wie die von Gustav Steinbrecht oder James Fillis, die ich erst mal ehrfürchtig wieder zur Seite lege.

Das heißt nicht, dass diese kleine Reitvorschrift kein Gewicht hat. 1928 wurde dem Autor dafür bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille verliehen – damals wurden auch künstlerische Leistungen ausgezeichnet. Heute ist der Inhalt vielleicht sogar aktueller denn je. Der Pferdesport wird von Pferdefreunden und Medien kritisch beäugt. 2018 dokumentierte der WDR gemeinsam mit Pferdewissenschaftlerin Dr. Kathrin Kienapfel, dass die Dressurpferde beim Abreiten im Schnitt innerhalb von drei Minuten rund 100 Stressanzeichen zeigten.

Harmonie zwischen Reiter und Pferd? In vielen Fällen Fehlanzeige – nicht nur in Aachen, sondern auch auf vielen anderen Turnierplätzen, auf denen keine Profis unterwegs sind. "Wer reitet, um einen Sport zu treiben und es könnte auch ein andrer sein, weiß nichts von der Gewalt der Gänge, weiß nichts von ihrer Magie, weiß nichts von ihrem Geheimnis", schreibt Binding, denn Reiten sei "erst dann eine wahre Freude, wenn du durch eine lange Schule der Geduld, der Feinfühligkeit und der Energie gegangen bist, die dir das Pferd erteilt". Geduld und Gefühl, das sind die Grundlagen für Bindings Reitlehre, die heute oft fehlen. Das Ziel: "Du musst eins werden mit deinem Pferde."

Und doch finden sich auch praktische Tipps für Pferde, die noch nicht eins mit ihrem Reiter sind: Rudolf Binding erklärt, dass der Reiter schon halb gewonnen habe, wenn er sein Pferd vorwärts treiben kann. Ein paar Zeilen später lese ich: "Niemand als das sich widersetzende Pferd lehrt besser, dass Vorwärts alles ist."

Das kommt mir doch bekannt vor. 1937 erschien die überarbeitete Reitvorschrift H.Dv.12, übrigens die Grundlage für die aktuellen FN-Richtlinien fürs Reiten. "Bei Widersetzlichkeiten des Pferdes ist stets die Vorwärtsbewegung der beste Verbündete des Reiters", lese ich dort. Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade, hören die Reitschüler auch heute. Aber auch dieser Satz ist alt. Aus dem Jahr 1884 nämlich. Von Gustav Steinbrecht. Und übrigens auch ein Satz, der oft missverstanden wird.

Kurz-Info zum Buch:

Die "Reitvorschrift für eine Geliebte" von Rudolf Georg Binding erschien 1926. Pferde spielten im Leben des Schriftstellers eine große Rolle: Er führte einen Rennstall, liebte Englische Vollblüter, handelte mit Pferden und war in der Szene ein anerkannter Fachmann. Im ersten Weltkrieg wurde er Rittmeister und später Stabsoffizier. In seiner Autobiographie schreibt er über die Ausbildung seiner Reitpferde und die enge Verbindung mit ihnen. Bindings Reitvorschrift schlummert nicht nur in Antiquariaten. Die Neuauflage ist erschienen im Olms Verlag, ISBN 978-3-487-08596-8 und kostet 29,80€.

Dieser Artikel kann Links zu Anbietern enthalten, von denen cavallo eine Provision erhält. Diese Links sind mit folgendem Icon gekennzeichnet:
Zur Startseite