Pferdegedächtnis Lisa Rädlein

Gutes Gedächtnis: Wie lange erinnern sich Pferde?

Pferdegedächtnis Wie lange erinnern sich Pferde?

Pferde haben ein echtes Elefantengedächtnis. Sie erkennen bekannte Gesichter sogar auf Fotos und wissen, wie unsere Laune beim letzten Besuch war. Denken Sie beim nächsten Training daran!

Waren Sie mal länger von Ihrem Pferd getrennt? Schön ist das nicht! Doch in Zukunft wissen Sie: So schnell vergisst Ihr Pferd Sie nicht. Was Pferdebesitzer erlebt haben, ist nun Stand der Forschung: Pferden haben eine hochentwickelte Fähigkeit, sich an Gesichter zu erinnern.

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Pferdegedächtnis Was können sich Pferde alles merken?
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Studie zum Wiedererkennen

Französische Wissenschaftler um Léa Lansade fanden heraus, dass Pferde ihre Besitzer sogar auf Fotos wiedererkennen. Und die Pferde erinnerten sich an ihren Menschen auch dann, wenn sie ihn zuvor sechs Monate lang nicht mehr gesehen hatten ("Female horses spontaneously identify a photograph of their keeper, last seen six months previously", 2020).

Völlig überraschend ist diese Fähigkeit für die Forscher nicht – immerhin sind Pferde soziale Tiere. Daher ist es für sie nützlich, sich daran zu erinnern, ob ein anderes Pferd bei der letzten Begegnung freundlich oder aggressiv war. So können sie ihr eigenes Verhalten entsprechend anpassen.

Auch ob eine Begegnung mit einem Menschen für sie positiv oder negativ war, wissen Pferde noch Monate später. Das zeigen frühere Forschungsergebnisse von Léa Lansade.

Pferde erinnern sich an menschliche Gefühle

Das emotionale Gedächtnis von Pferden nahmen auch englische Forscher rund um Leanne Proops unter die Lupe ("Animals Remember Previous Facial Expressions that Specific Humans Have Exhibited", 2018). Sie zeigten, dass Pferde menschliche Gefühle sogar auf Bildern entschlüsseln können.

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„Hey, dich kenn ich doch!“ Pferde können sich erstaunlich gut an Gesichter erinnern.

Im Experiment sahen die Pferde zwei Minuten lang das Foto einer Person, entweder mit ärgerlichem oder glücklichem Gesichtsausdruck. Trafen sie diese Person einige Stunden später mit neutralem Gesichtsausdruck, zeigten die Pferde eine andere Reaktion, je nachdem welches Foto sie zuvor gesehen hatten.

War die Person zuvor verärgert, schauten sie diese signifikant häufiger zuerst und auch länger mit dem linken Auge an, das Pferde für negative oder potenziell gefährliche Reize bevorzugen. Außerdem zeigten sie häufiger Übersprungshandlungen wie Scharren, Schnüffeln am Boden oder Lecken und Kauen.

Hatten sie den Menschen zuvor glücklich gesehen, gab es für den ersten Blick auf die Person kein eindeutig bevorzugtes Auge. Die Pferde betrachteten den Menschen aber insgesamt länger mit dem rechten Auge, das für die Wahrnehmung positiver sozialer Reize zuständig ist.

Das Trainings-Ende bleibt in Erinnerung

"Die Ergebnisse zeigen nochmal, wie wichtig ein positiver Abschluss des Trainings ist, damit das Pferd motiviert bleibt", findet Dr. Vivian Gabor, Pferdewissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für Verhalten und Kommunikation in Greene/Niedersachsen. Kann das Pferd die letzte Aufgabe gut meistern und wird dafür auch noch belohnt, wird es beim nächsten Mal gerne mitarbeiten.

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Dr. Vivian Gabor lässt ihr Pferd auch bei der Bodenarbeit bewusst stehen und Pause machen.

Nicht nur das Gedächtnis für Emotionen ist beim Herdentier Pferd gut entwickelt. "Als Bewegungstier hat das Pferd auch ein ausgeprägtes Kleinhirn. Es ist für die Motorik und die Koordination zuständig, was natürlich für ein Fluchttier sehr wichtig ist", sagt Dr. Vivian Gabor. Auch wenn das Pferd neue Bewegungsabläufe lernt, wird das Kleinhirn aktiviert.

Damit Pferde sich nach Jahren noch an Lektionen erinnern, sollte man diese regelmäßig wiederholen. "Dann werden sie – ähnlich wie bei uns das Fahrradfahren – als automatisierte Prozesse tief abgespeichert und nicht mehr verlernt", betont Vivian Gabor. Das betrifft etwa Seitengänge oder auch Zirkuslektionen wie spanischen Schritt.

Was hinter scheinbarem Gedächtnisverlust steckt

Manchmal können Fluchttier-Körper und -Gedächtnis im Training auch irritieren. Beim Pferd liegen die Augen seitlich und sehen unabhängig voneinander (monokular). Das linke Auge ist mit der rechten Gehirnhälfte verbunden, das rechte Auge mit der linken. Bei der Verknüpfung hakt es jedoch.

Deshalb scheuen Pferde häufig, wenn sie ein längst bekanntes Schreckgespenst zum ersten Mal aus der anderen Richtung kommend passieren. "Wir müssen uns als Pferdehalter dieser Eigenschaften bewusst sein und dürfen nicht sauer werden, wenn der Fluchtinstinkt unseres Pferdes einsetzt, weil es vermeintlich unter Gedächtnisverlust leidet", so Dr. Vivian Gabor.

Für die Verhaltensforscherin ist die Konzentrationsfähigkeit während des Trainings der Schlüssel zur Erinnerung. Denn nur ein aufmerksames und konzentriertes Pferd kann Informationen aus dem Gedächtnis abrufen.

Pausen helfen beim Speichern im Gedächtnis

Pausen sind für die Trainerin das A und O, damit sich Pferde beim nächsten Mal gut an neu Gelerntes erinnern: "30 Sekunden am langen Zügel Schritt gehen oder entspannt stehen, ohne etwas vom Pferd zu fordern, reichen oft schon aus.

Auch Pausentage sind sinnvoll, zwei bis drei Einheiten in der Woche reichen, um Neues zu festigen." (Mehr zum Lern-Training lesen Sie in Vivian Gabors neuem Buch "Mein Pferd kann’s", Müller Rüschlikon)

Wer diese Regeln beherzigt, wird staunen, was sich Pferde alles merken. Vivian Gabor sieht es so: "Unsere Pferde haben ein richtiges Elefantengedächtnis und können sich langfristig an mehr erinnern als gedacht. Nun liegt es bei uns Pferdebesitzern, ob die Erinnerungen an uns negativ oder positiv sind."

"Wir bestätigen Vermutungen"

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Pferdeverhaltensforscherin Prof. Konstanze Krüger erklärt, wie Alltagserfahrung und Forschung zusammenspielen.

Pferdeverhaltensforscherin Prof. Konstanze Krüger erklärt im Interview, wie Alltagserfahrung und Forschung zusammenspielen.

CAVALLO: Dass Pferde ihre Menschen kennen, und das auch nach längerer Zeit, ist Reitern nicht neu. Warum beweisen Studien oft scheinbar schon Bekanntes?

Konstanze Krüger: In der Wissenschaft geht es darum, Vermutungen zu bestätigen oder zu widerlegen. Auf persönliche Erfahrungen ist im Prinzip kein Verlass, weil sie immer subjektiv sind. Wir wollen Verhaltensmuster zuverlässig testen und nachweisen, dass es sich nicht um Zufall handelt.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Erforschung des Pferdegedächtnisses?

Das Kurzzeitgedächtnis von Pferden über eine Spanne von zehn Sekunden bis zwei Minuten ist mit Hilfe von Lern- und Merkfähigkeitstests schon relativ gut erforscht – das ist übrigens ziemlich miserabel. Interessant und noch wenig erforscht ist das Langzeitgedächtnis über Jahre. Solche Langzeitstudien durchzuführen, ist aber nicht einfach, weil zum Beispiel die Pferde und ihre Besitzer über sechs bis zehn Jahre dabeibleiben müssen.

Hat Sie überrascht, dass Pferde ihre Besitzer laut einer aktuellen französischen Studie nach sechs Monaten noch auf Fotos erkennen?

Einerseits nicht wirklich, denn wir sind in unseren Studien immer davon ausgegangen, dass Pferde die Personen kennen, die sich um sie kümmern. Andererseits war bisher nicht klar, ob sie diese auch auf Fotos erkennen würden, da die visuelle Wahrnehmung von Pferden anders ist als die von Menschen.

Wie kommt die Pferde-Forschung überhaupt zu ihren Themen?

Oft geht es darum, Wissen aus der Bevölkerung zu überprüfen. Der Input von Pferdebesitzerin ist für uns auch wichtig, beispielsweise lassen meine Kolleginnen und ich uns für unser Buch-Projekt "The Beautiful Equine Mind" von originellen und besonders cleveren Verhaltensweisen erzählen, die Pferde an den Tag legen. Das ist sehr beeindruckend und so kommen Forschung und Alltagsbeobachtungen zusammen.

Wo hat die Pferde-Wissenschaft denn schon falsche Annahmen von Reitern über Pferde entlarvt?

Wir konnten den Mythos der alleinigen Leitstute widerlegen. Man ist davon ausgegangen, dass eine Gruppe von der ranghöchsten Stute und dem ranghöchsten Hengst geführt wird. Allerdings ist das nicht der Fall. Bei gezielten Beobachtungen stellten wir fest, dass Stuten sich die Leitung der Gruppe teilen. Selbst rangniedrige Tiere bewegten die Gruppe, allerdings viel seltener.

Erfahrungen der CAVALLO-Leser

"Nach sieben Jahren erkannte mich mein Wallach wieder und konnte die gemeinsam gelernten Zirkuslektionen immer noch"

Aufgrund seiner EMS-Erkrankung gab ich meinen Wallach schweren Herzens ab. Er zog in einen weit entfernten Offenstall, da es bei mir in der Umgebung keinen geeigneten gab. Ihn in der Zwischenzeit zu sehen, hätte zur sehr geschmerzt. Nach sieben Jahren habe ich nun einen eigenen Offenstall und holte ihn zurück. Die früheren Besitzer hatten mit ihm keine Zirkuslektionen geübt. Jeanette Hutfluß, per Facebook

"Als wir uns wiedersahen, schleckte er mich zur Begrüßung ab – so wie er es als Fohlen immer gemacht hatte"

Vor Jahren verliebte ich mich in eine trächtige Stute und kaufte sie kurzerhand. Der kleine Kerl kam bei mir zur Welt, nach dem Absetzten gaben wir ihn an den Besitzer zurück. Drei Jahre später besuchte ich ihn. Er kam auf mich zugetrabt und schleckte mir hingebungsvoll durchs Gesicht. Etwas ungezogen, aber so hatte er mich auch als Fohlen immer begrüßt. Sonst mache er das bei niemandem, sagte mir sein Besitzer. Marie Klaus, per E-Mail

"Beim Anblick des ehemaligen Besitzers fiel dem Pferd sofort ein, wo der es immer so schön gekrault hatte"

Ich erinnere mich noch gut daran, was ein Freund von mir mit seinem Wallach erlebte. Er hatte das Pferd verkauft und besuchte es nach etwa einem Jahr im neuen Stall. Das Pferd stand auf der Koppel, sah den Mann, kam prompt zum Zaun – und wendete ihm gleich das Hinterteil zu: Es wusste offenbar genau, dass dieser Mensch seine Lieblingskraulstelle kannte. Linda Krüger, CAVALLO-Chefredakteurin

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