Heidi Siefert
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Auftrieb der Pferde in Spanien

Auftrieb der Pferde in Spanien Die wilden Stuten der Doñana

In den Sümpfen des Naturparks Doñana leben die Ahnen iberischer Pferde. 1000 dieser Marismeños werden jedes Jahr von den Hirten zum Markt getrieben.

Es ist heiß. Staub schmirgelt in den Augen und knirscht zwischen den Zähnen. Es ist die Zeit der Siesta in Andalusien. Bei Almonte in der Region Huelva hat sich an diesem Tag ein besonderer Treck im hitzeflirrenden Pinienwäldchen niedergelassen: Männer mit flachen Hüten und Halstüchern, Großfamilien, die an langen Tafeln beieinandersitzen. Pickups, Kutschen, Traktoren und viele, viele Pferde. Es ist la Saca de las Yeguas, der Austrieb der Stuten, bei dem jedes Jahr im Sommer die wilden Pferde der Doñana zusammengetrieben, registriert und präsentiert werden.

Heidi Siefert

"Seit 1504 feiern wir am 26. Juni la Saca de las Yeguas", erzählt Carmen zwischen zwei Gabeln Arroz marinero, einem köstlichen Reisgericht mit Meeresfrüchten. In einem Fischlokal in Sanlúcar de Barrameda beginnt unsere Reise ins größte ökologische Reservat Europas. Zwischen Meer und Wald, Marschland und Wanderdünen finden unzählige Tiere ideale Lebensbedingungen: Kaiseradler, iberische Luchse und die einheimische Pferderasse der Marismeños gehören dazu. Kleine, elegante aber auch robuste Pferde, die in den Weiten des knapp 54 Hektar großen Weltnaturerbe-Gebietes ideale Lebensbedingungen vorfinden. Uns bringt die Fähre über den Fluss in diese andere Welt. Der Trubel der Arkaden gesäumten Strandpromenade und das bunte Treiben der Badegäste sind nach wenigen Minuten unendlich weit weg. Vereinzelte Sonnenanbeter tupfen mit bunten Tüchern den hellen Sand. Insgesamt gibt es 36 Kilometer Strand. Spuren von Mountainbike Reifen erinnern daran, dass man sich auch mit Muskelkraft durch den Park bewegen darf. Das sei alles kein Problem im Naturschutzgebiet: Im tiefen Gelände werde es bald so beschwerlich, sich fortzubewegen, dass sich auch ohne Restriktionen kaum einer ins Hinterland verlaufe, erzählt Carmen, während wir über hohe Sprossen in einen der froschgrünen, geländegängigen Busse der Nationalparkverwaltung klettern. Sie bieten die einzige Möglichkeit, motorisiert in den Park zu gelangen.

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Als nach wenigen Metern eine Wildschweinfamilie den Weg kreuzt, wird ihr Auftauchen noch aufgeregt kommentiert. Schon bald nehmen wir sie nur noch beiläufig wahr. Viel zu viel gibt es unterwegs zu sehen: Hirsche, Rinder mit gewaltigen Hörnern, die Schatten im Gebüsch suchen, und elegante Rehe, die auf langen Beinen über das von der Hitze aufgerissene Marschland staksen. Und immer wieder Gruppen von Marismeños. Schwarz, Weiß, Braun. Viele Fohlen auf noch unsicheren Beinen, ganz nah bei den Müttern.

Durch die offenen Busfenster duftet es nach Pinien. "Wenn im Herbst ihre Kerne geerntet werden, schlafen die Piniensammler in diesen Hütten." Carmen zeigt auf eine Gruppe strohgedeckter Häuschen. Heute Nacht werden hier die Cowboys schlafen. In wenigen Stunden ziehen dort die Männer ein, die im Morgengrauen ihre Pferde zur Saca de las Yeguas treiben. Einer von ihnen ist Gregorio Maraver. Schlank, groß, schwarzes Haar über dem sonnengebräunten Gesicht. 1982 war sein Vater Cristóbal einer derjenigen, die die Vereinigung zum Erhalt der Pferderasse gründete. Gregorio selbst war 15 Jahre Präsident der Asociación Nacional de Criadores de Ganado Marismeño. Neun Pferde hat er. Drei daheim, sechs weiden das ganze Jahr über in Doñana. In abgegrenzten Bereichen halten die Züchter ihre Tiere. Ziel sei es, die Zahl der Marismeños auf 4000 zu steigern und so die Rasse zu erhalten. "1800 gibt es derzeit", so Gregorio Maraver, während er einem seiner Pferde das cremefarbene Fell krault. Sicherheitshalber habe man auch Sperma eingefroren, doch im Augenblick vermehre sich die extrem fruchtbare Rasse auch ohne Zutun. So ist man zuversichtlich, dass die Marismeños der Doñana eine Zukunft haben.

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Natürlich sind die Pferde das Thema der Männer, während sie abends überall im Park ihre Lager aufgeschlagen haben. Es wird gegessen und geredet. Freudige Aufregung liegt in der Luft. Früh am Morgen des 26. Juni ziehen auch wir wieder in den Park. Erneut geht es mit dem froschgrünen Bus in die Doñana. Glutrot erhebt sich der Sonnenball. Flamingos stehen im Wasser. Ganz in der Nähe liegt das Dorf El Rocío mit seiner Zuckerbäcker-Kirche wie ausgestorben da. Die staubigen Straßen erinnern an Westernfilme. Man kann sich kaum vorstellen, dass wenige Stunden später tausende Schaulustige die schnurgerade Hauptstraße säumen, um die Pferde auf ihrem Weg zum Segen vor der Wallfahrtskirche zu bewundern.

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Die Reiter haben ihre erste Etappe schon hinter sich. Überall gibt es Koppeln, innerhalb derer Mensch und Tier pausieren. Während die Pferde getränkt werden und Grasbüschel rupfen, sitzen die Männer mittendrin am Frühstückstisch. In gusseisernen Pfannen werden Spiegeleier und Kartoffeln gebraten. Es duftet nach Kaffee. Während sich die einen noch stärken, packen die anderen schon zusammen. Töpfe, Pfannen, Tische und Stühle landen neben den zusammengerollten Matratzen auf Planwagen, die von Traktoren oder Maultiergespannen gezogen werden. Gelenkt von den alten Männern, denen der lange Ritt im Sattel zu beschwerlich ist. Als alles gepackt ist, kommt Bewegung in die Herde. Die Koppeln werden geöffnet und mit ruhigen aber bestimmten "Oj-Oj"-Rufen dirigieren die Reiter die Wildpferde.

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Die meisten von ihnen sind keine Landwirte. So wie Gregorio Maraver, der hauptberuflich Physiotherapeut ist. Die Marismeños sind ihre Leidenschaft. "Bei uns ist es Tradition, zur Geburt ein eingerittenes Pferd zu bekommen", erklärt der Präsident und, dass er selber gerade dabei sei, seiner Nichte eines vorzubereiten. Bei den Saca de las Yeguas habe er als Siebenjähriger erstmals im Sattel gesessen. "Bei uns ist Reiten Männersache", erklären die Cowboys. Nur wenige Frauen sind dabei, wenn die Herde über das weite Grasland nach El Rocío getrieben wird. Traditionell bereiten sie das große Festessen im Wald vor, zu dem sich mehr als die nächsten Verwandten treffen. In El Rocío herrscht inzwischen reges Treiben. Dicht gesäumt sind Straßen und Kirchplatz. Polizisten auf Motorrädern machen den Weg frei. Und dann kommen die Pferde. Etwa 1300 Stuten und Fohlen rennen durch das sonst menschenleere Dorf. Dazwischen die stolzen Reiter mit ihren langen Chivatas, den Stöcken, mit denen sie die Herde dirigieren können. Kleinkinder werden den Männern gereicht. Ab jetzt sitzen Mädchen und Buben beim Papa im Sattel. Zum Segen vor der Wallfahrtskirche der Jungfrau Blanca Paloma sind sie dabei. So, wie viele Stunden später, wenn sich der Tross nach der großen Hitze wieder aufmacht, um vom mittäglichen Lager auf einer letzten kurzen Etappe sein endgültiges Ziel zu erreichen: den großen Fohlenmarkt, der tagelang mit einer Feria gefeiert wird.

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