Lisa Rädlein
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Geniale Pony-Quadrille: Mit Hirn, Charme und kleinen Kanonen

Geniale Pony-Quadrille Mit Hirn, Charme und kleinen Kanonen

Klein, aber oho: Das geniale Pony-Showteam vom Fohlenhof Farbenfroh aus dem Allgäu begeistert mit eifrigen Ponys, ausgefallenen Nummern und harmonischem Reiten. Hut ab!

Wenn sie auf die Showbühne kommen, stellen sie die "Großen" regelmäßig in den Schatten. Das Pony-Showteam vom Fohlenhof Farbenfroh ist herzallerliebst und verbreitet einfach gute Laune. Aber das Beste ist: Hier gibt es kein schlechtes Reiten. Kinder und Jugendliche steuern die Ponys mit feinen Händen und unsichtbaren Hilfen durch anspruchsvolle Quadrillen – im Sattel und im Sulky. Alle Pferdenasen sind da, wo sie hingehören, nämlich vor der Senkrechten. Ein schönes Bild, das keine Selbstverständlichkeit ist. Denn dahinter steckt viel Mühe und Engagement, aber auch Herzblut und Teamwork.

Bei so einem bunten Haufen von Ponys und Kindern muss einer den Hut aufhaben und die Fäden in der Hand halten. Das ist Artur Nieberle. Wir besuchen ihn auf seinem Hof im Allgäu. Im Städtchen Kaufbeuren hat er den Fohlenhof Farbenfroh gegründet. Dort züchtet er Deutsche Classic-Ponys, Shetlandponys, Welsh A und Deutsche Reitponys – mit Leidenschaft und mit Erfolg. Im letzten Jahr wurden zum Beispiel alle seine vorgestellten Classic-Pony-Fohlen vom Bayerischen Zuchtverband mit Gold prämiert – sechs an der Zahl. Zwei davon waren außerdem die höchstbewerteten Fohlen in ganz Bayern.

Viel Gefühl für die Ponys ist das Allerwichtigste

Klein hat Artur Nieberle angefangen – mit ein paar Ponys. Kinder aus der Umgebung kamen zu ihm, um ein bisschen zu reiten. Die Zucht wurde größer, die Kinder älter – und irgendwann wurde ein Weihnachtsauftritt auf der Reitanlage des Bruders organisiert. Weil alle einen Riesenspaß daran hatten, machten sie weiter. Sie trafen sich regelmäßig, dachten sich Shownummern aus und wurden immer besser. Heute ist das Team vom Fohlenhof Farbenfroh die beste Showpony-Gruppe Deutschlands und tritt auf großen Pferdemessen und -veranstaltungen auf, wie in der "Hop Top Show" auf der EQUITANA 2017.

Die jungen Reiterinnen des Showteams sind zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Alle Mädels haben vor etwa vier bis fünf Jahren bei Artur Nieberle mit dem Ponyreiten angefangen – und ihr Händchen für Pferde entdeckt. "Nach einer gewissen Zeit merke ich, wie viel Gefühl die Kinder für die Ponys haben. Manche tun sich einfach leichter als andere." Gefühl für die Tiere, das ist für Nieberle das Allerwichtigste überhaupt: "Mit meinen Ponys müssen sie immer fair umgehen. Das lernen sie bei mir von Anfang an."

Denn Artur Nieberles Herz hängt an jedem einzelnen Tier. Freilich kann er als Züchter nicht alle behalten. Umso wichtiger ist es ihm, für jedes einen guten Platz zu finden. "Ich fahre das Pony meistens selbst zu den neuen Besitzern, damit ich mich vergewissern kann, ob es dort gut gehalten wird. Oft halte ich den Kontakt. Viele Ponys kommen auch zu Pferdeleuten, die ich kenne, und bleiben damit in der Nähe."

Doch trotz aller Bemühungen hatte er auch schon Pech. Eine seiner Stuten kaufte er zurück : verwahrlost, hochgradig dämpfig und auf einem Auge erblindet. "Sie wurde einfach vergessen, als die Kinder keine Lust mehr zum Reiten hatten. In einem dunklen Verschlag vegetierte sie vor sich hin und wurde krank", erzählt Nieberle. Dass viele Ponys nicht genug geschätzt werden, macht ihn traurig. "Haben die Kinder keine Lust mehr oder werden sie zu groß, landen die Ponys auf dem Abstellgleis oder werden weiterverkauft. Eine ordentliche Reitausbildung bekommen die Tiere normalerweise nicht. So werden sie selten ernst genommen, obwohl sie genauso viel leisten können wie die großen Warmblüter."

Nieberles Ponys sind prima ausgebildet – dank der talentierten Kinder, die unter dem strengen Blick von Nieberle richtig reiten lernen. Der ansonsten so gelassene Mann wird nur streng, wenn es um seine Ponys geht. Ein Ziehen am Zügel, ein böses Wort oder ein klopfender Schenkel sind unter seinen Augen verboten. Die Kinder verstehen das. Sie lieben ihren "Ati", auch wenn er mal mit ihnen schimpft.

Artur Nieberle legt eben Wert auf faires Reiten. Mal mahnt er, ("Nicht zu viel mit der Gerte!"), mal hilft er auf die Sprünge ("Pony loben!"). Die Ansprüche sind hoch. "Das ist ein Ei und kein Kreis", sagt er beim Training zu den Mädchen, die versuchen, mit ihren Sulkys hintereinander auf einem runden Zirkel zu fahren. "Die Abstände sind nicht gleich! Achtet auf die Abstände!". Erst als die Figur perfekt ist, nickt er zufrieden. "So muss das sein", meint er.

Hengste und Stuten laufen nebeneinander

Den Kindern ist nicht anzumerken, wie anspruchsvoll ihr Job ist. Mit strahlendem Lächeln und ohne jede Anstrengung sitzen sie auf ihren zufriedenen Ponys und alles, was sie reiten, sieht leicht aus. Von wegen: Auch wenn die Ponys durch gewissenhafte Ausbildung, artgerechte Haltung und viele Auftritte supercool und motiviert sind, ganz unkompliziert sind sie nicht.

Denn unter den Showponys sind auch die Zuchthengste von Artur Nieberle. Sie laufen in den Shownummern vor dem Sulky und unter dem Sattel nicht nur mit Wallachen, sondern auch mit Stuten. Und ab und zu will so ein ganzer Kerl natürlich auch mal den anderen Bescheid sagen, wie toll er ist. Einem der kleinen Hengste geht es beim Training so. Er quiekt und kickt in einer energiegeladenen Kapriole nach hinten aus. Seine Reiterin lässt das Macho-Gehabe kalt. Kein Schimpfen, kein Strafen. Nieberle ist das wichtig: "Ich möchte, dass die Kinder unbeeindruckt, aber bestimmt weiterreiten. Die Hengste haben so einen feinen Charakter, dass sie sofort wieder runterkommen. Aber auch sie müssen lernen zu trennen, wann sie arbeiten und wann sie Hengst sein dürfen."

So hoch konzentriert die Mädchen im Umgang mit den Pferden sein müssen, so lustig dürfen sie sein, wenn sie Pause haben. Beim Schrittreiten quasseln sie munter durcheinander und in den Pausen dürfen sie Gummibärchen essen. In den Ferien verbringen sie richtig viel Zeit mit den Ponys. Die erfahrenen Kinder reiten in dieser Zeit junge Tiere an. Zwischendurch geht es viel ins Gelände, mal wird gegrillt, mal ein gemeinsamer Ausflug unternommen. Die elfjährige Leonie fasst zusammen, was ihr am meisten Spaß macht: "Dass wir immer Gummibärchen bekommen. Und dass wir gescheit reiten lernen."

Zwischen Disziplin und Immenhof-Gefühl

"Bei uns herrscht deshalb trotz Shows und Disziplin immer ein bisschen ‚Immenhof‘-Feeling", sagt Martina Bauer, genannt "‚Tini", die Artur Nieberle beim Reitunterricht unterstützt und in den Pausen die Gummibärchen verteilt. Die erfahrene Reiterin ist früher selbst Ponys geritten und erklärt den fortgeschrittenen Kindern der Showgruppe Hilfengebung, Bahnfiguren und Lektionen. Denn der Chef des Showteams kümmert sich lieber um die organisatorischen Dinge, die Choreografien und natürlich um das Wohl seiner Ponys.

Artur Nieberle hat sein Wissen übers Pferdetraining, wie er sagt, durch Zuschauen und Nachfragen erworben – bis auf sein Fahrabzeichen. "Ich habe auf dem Hof meiner Eltern als Kind Ponys geritten und meine Liebe zu Pferden entdeckt. Später habe ich ausprobiert, was ich für richtig hielt, und manchmal auch Dinge, die ich skeptisch sah. Manches hat dann doch funktioniert – je nach Pferd."

Nieberle macht viel aus dem Bauch heraus: vollkommen richtig im Umgang mit den sensiblen Tieren. So hält er es auch mit seinen jungen Reitschülern: "Wenn eine Übung nicht sofort klappt, ist das nicht schlimm. Hauptsache, sie bleiben fair. Sie müssen Geduld haben und immer wieder ausprobieren. Irgendwann kriegen sie es dann hin."

Martina Bauer und Artur Nieberle schaffen mit ihrer Arbeit für die Kinder eine wertvolle Basis. Dazu gehört nicht nur ein tolles Hobby, das den Kindern Spaß macht: Im Showteam lernen sie, Verantwortung zu tragen und auf ihre Team-Kameradinnen und andere Lebewesen Rücksicht zu nehmen – eine Schule fürs ganze Leben. Was sie auch mitnehmen, ist eine gute Reitausbildung von der Pike auf. "Wenn die Kinder zu groß für die Ponys werden, steigen sie aufs Fahren um. So können sie weiterhin aktiv im Team bleiben", erzählt Martina Bauer. "Alle älteren Jugendlichen sind inzwischen mit ihren eigenen Groß- pferden richtig tolle und erfolgreiche Reiter. Manche machen nun sogar eine Ausbildung zum Pferdewirt." Artur Nieberles Nichte Romina zum Beispiel hat ihre Warmblutstute in der Dressur bis auf S-Niveau gebracht und reitet im bayerischen Landeskader.

Viel Unterstützung bekommen die Kinder auch von ihren reitenden Mamas. Sie haben Spaß daran, mit den Ponys am Boden Zirkuslektionen zu trainieren und Freiarbeit zu machen. Pony Fantastico zum Beispiel zeigt Spanischen Schritt in der Freiarbeit. Sein Kollege Flic Flac piaffiert unter seiner grinsenden Reiterin Johanna, wenn ihre Mutter sie aus einigem Abstand mit Stimme und Gerte unterstützt. "Die Ponys sind schlau und lernen gerne. Es ist doch kein Wunder, dass sie sich Unfug einfallen lassen und frech werden, wenn sie nur auf der Wiese stehen und sich niemand mit ihnen beschäftigt", findet Artur Nieberle.

Auf der Wiese chillen dürfen die Ponys vom Fohlenhof Farbenfroh selbstverständlich auch. Die meiste Zeit ihres Lebens sogar. Der Stall von Artur Nieberle ist fast ausgestorben. Die Tiere haben große Weiden zur Verfügung, die genug Platz und Unterstellmöglichkeiten bieten. Krank sind sie kaum. "Den Tierarzt sehen sie in der Regel nur zum Impfen", so Nieberle. Zwischen den Trainingsphasen haben sie auch mal mehrere Wochen komplett frei. "Wenn wir sie dann wieder zur Arbeit holen, sind sie gleich voll bei der Sache. Die Ponys vergessen nichts."

Der Nachwuchs vom Fohlenhof Farbenfroh genießt die ersten Lebensjahre auf der Koppel. "Ich übe am Anfang mit ihnen die Halfterführigkeit und Hufe geben. Danach haben sie ihre Ruhe, bis sie dreieinhalb bis vier Jahre alt sind. Erst wenn ich mir sicher bin, dass ein Pony vom Kopf her und körperlich erwachsen genug ist, holen wir es zum Anreiten", so Nieberle.

Das Motto: Geht nicht, gibt’s nicht!

Die Hengste leben auf einer Alm und werden täglich betreut. Sie wohnen in einer Männer-WG. Ob das gut geht? "Das funktioniert prima, wenn sie nicht mitten im Deckeinsatz sind – und wenn sie keine Stuten in der Nähe haben", ist Nieberles Erfahrung.

Artur Nieberle ist ohnehin ein Freund des Mottos "Geht nicht, gibt’s nicht". Mit Zucht-Experimenten, die müde belächelt wurden, feiert er heute Erfolge. Wie bei den Tigerschecken. "Die wurden nur auf Farbe gezüchtet. Ihr Körperbau war eher stämmig und sie hatten einen schweren Kopf", erklärt er. Nieberle wollte einen eleganteren Typ und hat Tigerschecken mit feingliedrigen einfarbigen Ponys gekreuzt. Es hat funktioniert. Der bunte Fürst Farbenfroh etwa ist als Elitehengst im Deckeinsatz.

Auch für seinen Plan, zehn Hengste und Stuten zusammen vor den Wagen zu spannen, wurde Artur Nieberle für verrückt erklärt. "Die schlausten Kommentare kamen von denen, die selbst noch nie einen Zehnspänner gefahren haben", erinnert er sich. Doch Nieberle überlegte, wie er seinen Plan verwirklichen kann. Inzwischen ist der Zehnspänner eine feste Shownummer.

So ist "Ati" nicht nur das von allen geliebte Herzstück des Teams, sondern auch der kreative Kopf. Zusammen mit den Kindern denkt er sich witzige und ungewöhnliche Schaubilder aus, wie zum Beispiel die "Wiener Hofreitschule". Die aufwendigen Kostüme mit den vielen kleinen Details nähen die Mütter der Kinder selbst. Die Hofreitschul-Fräcke mit Stiefeln, Knöpfen und Pferdeschmuck sehen fast aus wie ihre Originale.

"So muss das sein", würde Artur Nieberle sagen. Erst fast perfekt ist gerade gut genug für das tolle Team vom Fohlenhof Farbenfroh.