Ludger Beerbaum Getty Images / Power Sport Images

RTL-Beitrag soll Ludger Beerbaum beim Barren zeigen

Enthüllungen über verbotene Trainingsmethoden RTL-Beitrag soll Ludger Beerbaum beim Barren zeigen

Der Fernsehsender RTL hat am Abend des 11. Januar 2022 eine Ausgabe der Sendung "Extra" ausgestrahlt, die Springprofi Ludger Beerbaum zeigen soll, wie er Pferde im Training von einem Helfer barren lässt.

Der Beitrag schlug in der Pferdewelt ein wie eine Bombe: Es wurden vier kurze Videosequenzen gezeigt, auf denen Pferde über dem Sprung von einer Person am Boden gegen die Vorderbeine geschlagen werden. Offenbar werden Stangen eingesetzt, diese sind jedoch nur undeutlich zu erkennen. Auf zwei Filmsequenzen ist ein Schlag zu hören, als die Stange auf die Pferdebeine trifft. Der Reiter in den Videos soll laut RTL Ludger Beerbaum sein.

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Aufgenommen hat die Videos dem Sender zufolge eine Dame, die sich regelmäßig auf der Reitanlage Beerbaums aufhielt. Im März 2020 wandte sie sich mit schweren Vorwürfen der Tierquälerei gegen ihn an den Investigativjournalisten Günther Wallraff. Im Gespräch mit Wallraff war die Informantin auch im TV-Beitrag zu sehen, ihr Bild und ihre Stimme waren unkenntlich gemacht.

Reporterin findet Stangen mit Stacheln

RTL hat für den Beitrag eine Reporterin undercover auf Ludger Beerbaums Anlage in Riesenbeck eingeschleust, sie arbeitete dort drei Wochen als Marketingpraktikantin. Während ihres Aufenthalts entdeckte sie laut ihrem Bericht mehrkantige Stangen auf der Anlage sowie eine Hindernisstange mit spitzen Kunststoffstacheln in einem Schuppen neben dem Reitplatz. Mindestens sechs weitere solcher Stangen fand die Reporterin auf einem Dachboden. Was Ludger Beerbaum oder sein Personal mit den Stangen machen, konnte sie jedoch nicht herausfinden.

Ob Ludger Beerbaum die verbotene Methode des Barrens eingesetzt hat, lässt sich anhand des unscharfen Videomaterials im Beitrag nicht feststellen. Zum einen sind die Personen nicht eindeutig erkennbar. Zum anderen wäre möglich, dass die Methode als erlaubtes Touchieren eingeordnet wird. Die FN benannte die in den Videos sichtbare Methode zumindest bisher nicht als Barren, sondern will das Filmmaterial zuerst analysieren. Sie fordert dazu das gesamte Video- und Beweismaterial von RTL. Experte und Fachtierarzt für Tierschutz Dr. Maximilian Pick legt das Gezeigte jedoch als tierquälerische Trainingsmethode aus.

FN-Richtlinien verbieten Barren, aber erlauben Touchieren

Die FN räumt in ihrer Pressemitteilung ein, dass es ihr schwerfalle abzugrenzen, wo der Unterschied zwischen erlaubtem Touchieren und verbotenem Barren liege. Das habe die Anfrage von RTL der FN bereits 2020 vor Augen geführt. Die Richtlinien der FN verbieten zwar das Barren, das Touchieren mit einer Stange über dem Sprung aber erlauben sie. Eine Touchierstange darf laut Richtlinien nicht schwerer als 2000 Gramm sein und nicht länger als drei Meter. Sie muss rund und aus glattem, nicht splitternden Material sein, darf aber nicht aus Metall bestehen. Der Einsatz von kantigen oder stacheligen Stangen wäre demnach eindeutig verboten.

Im RTL-Beitrag kommen Experten zu Wort, die sich weiter zum Unterschied zwischen Barren und Touchieren äußern. Pferdefachtierarzt Dr. Maximilian Pick erklärt, dass auf den Videosequenzen Barren zu sehen sei, da ein Schlag auf die Pferdebeine zu hören ist. Touchieren bedeute aus seiner Sicht ein leichtes Berühren, der hörbare Knall im Video spreche dagegen für heftiges Schlagen.

Richtlinien zu Trainingsmethoden werden noch immer geprüft

Offenbar handelt es sich bei den nun ausgestrahlten Videos um jene Aufnahmen, die RTL bereits 2020 angekündigt hatte. Bereits im Juli 2020 trat die RTL-Redaktion laut FN mit einer Anfrage zum Einsatz von eventuell tierschutzwidrigen Methoden im Pferdesport an den Verband heran. Die FN forderte damals das vollständige Material, erhielt es nach ihren Aussagen jedoch nicht. Im Mai 2021 erstattete die FN Anzeige gegen Unbekannt, die Behörden sollten den Fall aufklären. Die Ermittlungen wurden jedoch im November 2021 eingestellt.

Im Zuge der RTL-Recherchen berief die FN im Januar 2021 eine Kommission ein, die strittige Trainingsmethoden in den Richtlinien prüfen und überarbeiten sollte. Ende 2021 sollten die Ergebnisse präsentiert werden, aufgrund der Komplexität des Themas Touchierens dauere die Arbeit der Kommission jedoch an, schreibt die FN. Eine Interviewanfrage zum Thema im Mai 2021 lehnte die FN ab, auch jetzt will sie laut Pressemitteilung keine Wasserstandsmeldung abgeben.

Ludger Beerbaum äußert sich zu Vorwürfen

Ludger Beerbaum veröffentlichte am 12. Januar ein Statement auf seiner Internetseite. Die im Film sichtbaren Mehrkantstangen würden ausschließlich für den Bau und die Reparatur der Weidezäune benutzt. "Gut im Film sichtbar sind die an den Stangen befestigten Isolatoren für die Zaunbänder." Die Stangen mit Noppen würden ebenfalls nicht im Training genutzt. Weiter schreibt er: "Die im Beitrag gezeigten Szenen auf dem Reitplatz haben mit Barren nichts zu tun. Es handelt sich dabei um erlaubtes Touchieren, das von einem erfahrenen, routinierten Pferdefachmann durchgeführt wurde. Der im Video zu sehende Gegenstand erfüllte die Vorgaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für ein zulässiges Touchieren: nicht länger als drei Meter, maximal zwei Kilogramm schwer."

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