Zu Fuß unterwegs mit Pferd Lisa Rädlein

9 Tipps: Zu Fuß unterwegs mit Pferd

Am Boden bleiben Als Fußgänger mit dem Pferd unterwegs

Mit dem Pferd zu Fuß unterwegs – ist das der neue Ausritt? Immer mehr Menschen bewegen sich lieber neben statt auf dem Pferd. Bloße Tüdelei? Von wegen! Spaziergänge bringen Pferd und Reiter viele große Schritte weiter. Doch es gibt ein paar Stolpersteine.

45 Prozent der nichtorganisierten Reiter und 28 Prozent der z. B. im Verein organisierten Reiter bekennen sich zur "Beschäftigung mit dem Pferd ohne zu reiten". Das hat eine 2019 von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) beauftragte Studie des Marktforschungsinstitutes IPSOS ergeben.

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Zu Fuß unterwegs mit Pferd
Mehr als Bodenarbeit Mit dem Pferd zu Fuß unterwegs
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"Den Trend beobachten wir schon länger, dass es immer mehr Menschen gibt, die gar nicht reiten, sondern lieber mit dem Pferd spazieren gehen oder Bodenarbeit machen", sagt Soenke Lauterbach, FN-Generalsekretär aus Warendorf.

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Bei fleißigem Vorwärts lässt das Pferd den Hals fallen und den Schweif pendeln.

Neben klassischer Bodenarbeit liegt Spazieren mit dem Pferd im Trend. Welche Chancen bietet es, wenn Mensch mit dem Pferd zu Fuß unterwegs ist? Und welche Grenzen gibt es? Muss ein Pferd regelmäßig geritten werden? Ein Streitthema! Wir beleuchten Chancen und Grenzen.

Chance 1: Qualitätsschritt etablieren

Jeder Reiter wünscht sich einen guten Schritt: Dressurreiter, weil diese Gangart im Turniersport doppelt bewertet wird. Wanderreiter oder Geländereiter wollen auch im Schritt flott vorankommen.

Für die Gesunderhaltung des Pferds ist ein fleißiger und raumgreifender Schritt wichtig, weil er den Körper durchbewegt und die Losgelassenheit fördert. Deshalb erklärt Osteopath Stefan Stammer das Spazierengehen zum Schritt-Training. Runter vom Reitplatz, auf dem ständig die nächste Ecke lauert. Raus in die Natur.

Dort kann sich der Schritt entwickeln, und das verbessert die Qualität der Gangart ungemein. "Für Pferde, die zum Pass neigen oder die nicht gut vorwärts gehen, ist ein Spaziergang ideal, ohne Reiter und dessen eventuell hemmenden Einfluss von Sitz und Hand", erklärt Stefan Stammer. Dazu gehört auch, dass beim Führen die Nickbewegung von Kopf und Hals nicht von den Reiterhänden blockiert werden kann.

Spazieren bewertet Stammer höher als die Bewegung in einer Führanlage oder auf einem Laufband, weil die selten dem individuellen Tempo entsprechen. "Man bekommt unterwegs ein Gefühl für das individuelle Tempo des Pferds, das man auch einhalten sollte – und der Mensch schult seinen Blick für einen wirklich losgelassenen Mittelschritt: Die Schulterblätter bewegen sich gleichmäßig links und rechts, die Kruppe geht auf und ab. Das Pferd macht beim Gehen den Hals lang und lässt ihn fallen, um so den Rücken frei zum Schwingen zu geben."

Anne Krüger-Degener schaut sich beim nebeneinander Laufen gerne die Oberflächenspannung des Pferdes an, blickt auf die Hufe, wie sie auffußen, und ob Schultern, Hals und Schweif locker und losgelassen sind. Wenn man dieses beobachtete Bewegungsmuster später im Sattel mit seinem Gespür zusammenbringt, bekommt der Reiter eine komplettere Vorstellung zum Thema Losgelassenheit.

Praxistipp: Relaxen und Training abgrenzen

Mal Training, mal Erholung: Stefan Stammer differenziert dabei das Spazieren als gemütlichen Ausflug an der Hand und "einfach mal die Seele baumeln lassen" gegenüber dem effektiven fleißigen Mittelschritt, der übrigens für den Zweibeiner wie ein strammes Walking-Programm und ein intensives Herz-Kreislauftraining wirkt.

Grenze 1: Die Lunge ordentlich lüften

Spaziergänge an der Hand haben Schritt-Tempo. Selbst die sportlichen Zweibeiner, die ihrem Pferd beigebracht haben, neben ihnen zu joggen, müssen wissen: Das Pferd atmet im Schritt und auch noch im Trab relativ ruhig.

Tierärztin Dr. Nicole Beusker betont: "Wenn man nur Schritt führt oder reitet, wird die Lunge nur zum Teil belüftet. Gerade für Pferde, die chronisch husten und unter der chronisch obstruktiven Bronchitis leiden, ist es extrem wichtig, dass die Lunge regelmäßig und ausreichend genutzt wird." Sonst bilden sich in den Bronchien Verklebungen, und vorhandenes Sekret kann sich nicht lösen. Voraussetzung für den frischen Galopp ist natürlich ein fieberfreies Pferd.

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Geweitete Nüstern nach einem flotten Galopp.

Für gesunde Pferde ist es zumindest eine Zeitlang kein größeres Problem, wenn die Lungenkapazität nicht ausgenutzt wird, weil ihre Bronchien dadurch nicht verkleben. Dennoch hat ausschließlich langsames Training auch auf sie Auswirkungen.

Erst im flotteren Trab und vor allem im Galopp, je nach Tempo und Dauer, atmet das Pferd so tief, dass die Luft die gesamte Lunge durchpustet. Erst dann wird die Sauerstoffaufnahme des Körpers erhöht, was wiederum wichtig für die Muskelarbeit und den Muskelaufbau ist. Dabei macht es keinen Unterschied, ob das Pferd an der Longe oder unterm Sattel galoppiert.

Dr. Beusker empfiehlt für ein durchschnittlich trainiertes Pferd mehrmals wöchentlich Trainingsintervalle mit wiederholt fünf bis acht Minuten Trabund Galopparbeit, dazwischen Schrittpausen. Ein Beispiel:

  • 20 Minuten Schritt,
  • fünf bis acht Minuten Trab und Galopp,
  • zehn Minuten Schritt,
  • acht bis zehn Minuten Trab,
  • zehn Minuten Schritt.

Je nach Kondition und Gesundheitszustand auch mehr oder kürzer.

Praxistipp:

Spaziergänge und Training für die Lunge lassen sich im Trainingsplan ideal miteinander kombinieren. Dr. Beusker empfiehlt den Wechsel: "Einen Tag intensiveres Training, das die Lunge durchlüftet, am Folge-Tag eine Pause, zum Beispiel Schritt führen oder reiten, wahlweise nur Weidegang, wenn vorhanden Führmaschine oder locker am Halfter longieren – im Sinne von bewegen, nicht arbeiten".

Vorschlag für ein nicht zu stark beanspruchtes Freizeitpferd

Montag: etwa einstündiger Spaziergang

Dienstag: 60 Minuten reiten mit insgesamt 30 Minuten Trab- und Galoppanteilen oder alternativ ein Spaziergang zum Aufwärmen und 30 Minuten an der Longe mit insgesamt 20 Minuten Trab-/Galopp-Reprisen

Mittwoch: Pause (bei entsprechender Haltung mit Auslauf)

Donnerstag: etwa einstündiger Spaziergang

Freitag: Bodenarbeit mit Aufgaben, etwa Equikinetic oder Zirkuslektionen – für die Kopfarbeit.

Samstag: 60 Minuten reiten mit insgesamt 30 Minuten Trab- und Galoppanteilen oder alternativ ein Spaziergang zum Aufwärmen und 30 Minuten an der Longe mit insgesamt 20 Minuten Trab-/Galopp-Reprisen.

Sonntag: Kombination aus Spazieren und Freiarbeit mit der Möglichkeit fürs Pferd zu galoppieren.

Chance 2: Die Körperwahrnehmung verbessern

Die unaussprechliche Bezeichnung Propriozeption ist in aller Munde. "Spazierengehen an der Hand ist das perfekte Training dafür", erklärt Dr. Ina Gösmeier, Tierärztin aus Marl. "Propriozeptoren sind quasi die Fühler in den Muskeln, in den Hufen und in der Haut des Pferds, die Unebenheiten im Boden bemerken und die das Balancegefühl ausbilden", erklärt die Tierärztin.

"Wenn kein Reiter im Sattel sitzt, wird das Pferd nicht reguliert und es bleibt ihm die Eigenbewegung. Die muss das Pferd allein und unabhängig vom Reiter trainieren und lernen." Damit schult das Pferd den Sinn, der zuständig ist für Spontanbewegungen, für das unwillkürliche Auffußen.

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Schotterwege sprechen die Propriozeptoren an, ebenso wie Unebenheiten auf Asphalt.

Die Propriozeptoren können und müssen trainiert werden, sonst verkümmern sie, was der Grund für häufiges Stolpern beispielsweise alter Menschen oder alter Pferde sein kann – weil sie sich etwa weniger und wenig abwechslungsreich bewegen. Als Expertin für die Traditionelle Chinesische Medizin sieht Dr. Gösmeier das Pferd in der Gesamtheit seines Körpers.

Das Training der Propriozeption macht Pferde gesund. Und wer ein gutes Körpergefühl hat, bekommt eine bessere Bewegungsfähigkeit und ein gutes Selbstbewusstsein.

Praxistipp: Abwechslungsreiche Wege suchen

Es geht weniger darum, Steigungen zu kraxeln, als vielmehr die kleinen Unebenheiten im Boden, die fast in jeder Umgebung zu finden sind, für sich zu nutzen: mal Schotter, mal über einen ausgefahrenen Feldweg, einen wurzelüberzogenen Waldweg oder auf Asphaltwegen mit Löchern und Absenkungen.

Spaziergang, aber sportlich

Dr. Matthias Baumann, Tierarzt und Vielseitigkeitsreiter, weiß, dass es gerade sportlichen Pferden schnell langweilig wird. Deshalb empfiehlt er eine Art Cross-Country-Spaziergang: "Wenn Sie in der Nähe des Stalls einen See oder Bach mit gutem Untergrund haben, trainieren schon 30 Meter, die Sie mit dem Pferd hin und her durchs Wasser laufen, seinen Rücken!" Der Führende braucht freilich gute Gummistiefel. Für alle, die ihr Pferd über einen puren Spaziergang hinaus trainieren wollen, sind Naturtrails oder Extreme-Trails eine gute Idee.

Deutschlandweit gibt es inzwischen zahlreiche Möglichkeiten an Kursen teilzunehmen oder gegen eine kleine Gebühr die Parks mit Treppenstufen, Wasserstellen, Holzbrücken, künstlichen Hügeln, geschlängelten Pfaden, Baumstammmikado oder ähnlichem zu nutzen. Einige Adressen findet man bei der German Extreme Trail Association e. V. (GETA).

Grenze 2: Muskeln, Tragkraft und Kondition stärken

Regelmäßige Spaziergänge an der Hand sorgen für einen gewissen Erhalt der Muskeln, meint Tierärztin Dr. Nicole Beusker. "Schrittgehen spricht fast alle Muskelpartien an: Hals, Rücken, durch Nickbewegung und Unterschieben der Hinterhand auch etwas die Tragkraft im Rücken. Aber so ein Spaziergang ist kein reelles Krafttraining." Es wäre unfair, mit einem Pferd, das wochenlang nur Spazieren geführt wurde, an einer kraftraubenden Dressurstunde teilzunehmen.

Einen reellen Muskelaufbau durch bloßes Spazierengehen sieht der Osteopath Stefan Stammer nicht. "Im Gegensatz zum Schritt haben Pferde im Trab und Galopp eine Schwebephase, in der exzentrische Muskelaktivität gebraucht wird", erklärt der Osteopath. Dabei entwickelt der Muskel in seiner Dehnungsphase eine hohe Spannung – was im Schritt nicht passiert.

Spazieren alleine reicht also nicht aus, um ein starkes Pferd zu formen. "Es gibt aber genügend Methoden und Programme, um Pferde gut vom Boden aus zu gymnastizieren", sagt Dr. Vivian Gabor, aber gibt zu bedenken: "Eigentlich machen wir das ja alles, um das Pferd gesund auf das Reiten vorzubereiten. Wir trainieren die Pferde so, dass sie uns auf gesunde Weise tragen können." Deshalb zieht Dr. Gabor ein Fazit, das die anderen Experten teilen: Sowohl Bodenarbeit als auch Spazieren UND Reiten – die Mischung macht’s!

Praxistipp:

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Übungen zwischendurch wie Rückwärtsrichten tun dem Rücken gut.

Übungen zwischendurch wie Rückwärtsrichten tun dem Rücken gut. Zusätzliche Trab- und Galopparbeit an der Longe beansprucht die Muskulatur aber viel intensiver. Muskelarbeit vom Boden geht zum Beispiel mit Equikinetic, Longieren über Stangen oder Freispringen. Die besten Fitness-Trainings am Boden: www.cavallo.de/bodenfitness

Chance 3: Eine bessere Beziehung erlaufen

Stimmen die Voraussetzungen, ist der Spaziergang ein Beziehungsförderer: Mit dem Pferd unterwegs erkundet man gemeinsam die Welt und meistert so manche Herausforderung. Der Mensch hat wie bei der Bodenarbeit die Chance, das Zwiegespräch durch seine Körpersprache immer feiner zu gestalten – nur dass die Umgebung abwechslungsreich und die Natur unter den eigenen Füßen spürbar ist.

Es ist ein bisschen wie Wandern mit Freunden: Wer längere Zeit nebeneinander läuft, fühlt sich verbunden, plaudert fröhlich und öffnet sich.

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Gemeinsam zu gehen, kann das Vertrauen ineinander stärken.

Jede Beziehung wird besser durch das Beobachten des anderen: "Wir können am Boden und vor allem beim Spazierengehen sehr viele Signale des Pferds wahrnehmen", sagt Anne Krüger-Degener. Ein Vorteil der Beobachtung ist, dass man von unten sieht, wie sich das Pferd bewegt, wenn es zum Beispiel einem Bodenschatten ausweicht. Oder einen Satz zur Seite macht und dann ruhig weiter geht.

Diese Erfahrung um typische Reaktionen – deren Bewegungen von unten meist harmloser aussehen als man sie im Sattel spürt – hilft manchem, sich beim Reiten souveräner zu fühlen. Nimmt das Pferd aus Neugierde, Vorsicht oder gar Angst seinen Kopf hoch, spitzt die Ohren, verändert die Körperspannung, schaut mit großen Augen und ohne Lidschlag in eine andere Richtung, reagiert der Mensch oft falsch: "Meistens schaut der Mensch auch dorthin, wo das Pferd hinschaut. Wer hat also wem die Spur vorgegeben? Das Pferd nämlich dem Menschen", erklärt Anne Krüger-Degener.

Aus dem kleinen Moment wird schnell ein Lernmuster fürs Pferd. Dem Pferd helfen würde hingegen, wenn der Mensch sich unbeirrt auf seine Ziele konzentriert und dem Pferd Orientierung gibt.

Praxistipps

Konzentration lenken: Manche Pferde richten den Großteil ihrer Aufmerksamkeit beim Spaziergang auf die Umwelt. Wenn das Pferd den Blick auf vermeintliche Monster fixiert, die Muskulatur erstarrt, das Adrenalin einschießt, dann ist es fast schon zu spät.

Deshalb rät Vivian Gabor, Pferdewissenschaftlerin und Trainerin: "Möglichst vorher schon die Aufmerksamkeit auf den Menschen lenken – mit Mimik, Gestik und Körpersprache. Das kann man üben und es ist ein ständiger Prozess." Dafür integriert die Ausbilderin Übungen in den Spaziergang: Mal lässt sie die Hinterhand, mal die Vorhand zwei, drei Schritte weichen. Oder das Pferd geht für einige Meter seitwärts.

Himmelsrichtung halten: Anne Krüger-Degener setzt auf das "Spur halten" und die Bestimmung der "Himmelsrichtung": "Wenn Pferde in einer Herde grasen, dann meist mit derselben Blickrichtung. Das macht Sinn, denn im Falle einer plötzlich nötigen Flucht rennt keiner den anderen um. Eine gemeinsame Laufrichtung bedeutet Schutz."

Sicher und ausgerüstet: Wenn Anne Krüger-Degener mit ihren Pferden spaziert, achtet sie auf festes Schuhwerk und Handschuhe. Das Pferd ist mit einer Trense, einem Knotenhalfter oder einem Kappzaum ausgerüstet. "Wichtig ist, dass ich unter Umständen auch mal die Tür nach vorne schließen kann", umschreibt sie die Notbremse an der Hand. Während die einen gerne vier oder fünf Meter lange Bodenarbeitsstricke nutzen, greift Anne Krüger-Degener zur Longe. "Die kann ich gut nachfassen und führe immer zweihändig", sagt sie.

Wichtig: Führleine oder Longe niemals um die Hände wickeln.

Grenze 3: Vom Ausweg zur Fortschrittsbremse

Zu den Beweggründen, zu Fuß zu gehen, gehört manchmal die Angst im Sattel. Das erklärt Mentaltrainerin Angelika Wirtsberger: "Die emotionale Gehirnhälfte arbeitet mit dem Unterbewusstsein zusammen. Wenn das Unterbewusstsein viele negative Erlebnisse abgespeichert hat, dann ist es logisch, dass Angst entsteht."

Angst vor dem Ausreiten entwickeln nicht nur diejenigen, die selber einen Sturz erlebt haben. Auch wer lediglich einen Unfall beobachtet oder gar nur eine Erzählung davon gehört hat, kann Ängste aufbauen. "Je nachdem, wie man sich da reinsteigert und es aufnimmt, können die Ängste relativ stark werden, obwohl man sich nie selbst verletzt hat", erzählt Angelika Wirzberger.

"Vor der Angst kann ich nicht flüchten. Ich kann sie vielleicht kurzfristig verdrängen, aber sie kommt stärker zurück. Das ist ein Jojo-Effekt wie beim Abnehmen", sagt die Expertin. "Wenn ich meine Angst loswerden möchte, muss ich mich meiner Angst stellen. Das heißt nicht, dass ich sie im Stall jedem präsentieren muss. Aber ich muss mir selber sagen, wovor ich Angst habe. Und ich muss mir bewusst sein, ob es mir so wichtig ist, dass ich es verändern möchte."

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Sehnen Sie sich eigentlich nach dem Reiten? Dann sollten Sie Ihre Angst angehen.

"Ich hatte eine Reiterin, die hatte nur Angst vor dem Ausreiten – Springen, Dressur, Turniere, das war alles kein Problem", erzählt Angelika Wirtsberger von einem Fall. "Wir haben gearbeitet, sie ist nie in die Veränderung gegangen. Ich fragte sie: ‚Wie wichtig ist dir das Ausreiten?‘" Die Antwort: Es war ihr nur fürs Pferd wichtig, und das ging regelmäßig mit der Reitbeteiligung ins Gelände.

"Warum also etwas ändern, wenn es nicht wichtig ist!? Man sollte es sich nur eingestehen und klar sagen: Das mache ich und das mache ich nicht", rät die Mentaltrainerin. Wer eigentlich ausreiten möchte, sollte seine Angst angehen. Wem das Spazierengehen reicht, der sollte es sich klarmachen. Alles andere blockiert nur die Zweisamkeit mit dem Pferd.

Praxistipp: Selbstgespräche und Singen

Ob beim Spazierengehen oder beim Ausreiten, zwei Strategien zur Angstbewältigung verrät Angelika Wirzberger:

Selbstgespräche: Schreiben Sie zehn bis 20 einfache, aber positive Sätze auf wie "Der Wald ist schön" oder "Der blaue Himmel leuchtet über den Bäumen". Lernen Sie diese stumpf auswendig und sagen sie unterwegs pausenlos auf. Darauf muss man sich konzentrieren und muss trainieren, um mögliche Zwischenfälle zu bestehen. Drei Punkte machen das Selbstgespräch erfolgreich:

1. Solange ich rede, bleibe ich in der positiven Gedankenspirale. Der Körper fühlt sich von den Gedanken positiv oder zumindest neutral beeinflusst.

2. Solange ich spreche, atme ich gleichmäßig – das verhindert die klassische Angstreaktion des Atem-Anhaltens – was sich schnell auf das Pferd überträgt.

3. Die meisten Anspannungen, die wir körperlich wahrnehmen, entstehen im Kiefergelenk. Wenn ich spreche, bewege ich mein Kiefergelenk und verhindere dort ein Anspannen.

Die Notfallvariante ist das Singen bei unerwarteten Schrecksituationen. "Mit dem Singen schalte ich für ein bis zwei Minuten das Angstzentrum im Gehirn aus", erklärt die Mentaltrainerin.

Das Selbstgespräch ist nachhaltiger, weil die positiven Verknüpfungen ins Unterbewusstsein gehen. Das Singen ist SOS und hilft nur kurzfristig und kann überbrücken.

Chance 4: Perfekt vorbereitet auf den Ausritt

Der gemeinsame Spaziergang ist die ideale Vorbereitung für den Ausritt, ob für junge Pferde oder ängstlichere Reiter. Dr. Vivian Gabor sagt dazu: "Was auf dem eingezäunten Reitplatz und an der Hand im Gelände geübt ist, gibt Sicherheit und eine bessere Einschätzung des Pferds. Das lässt sich gut auf die neue Situation übertragen, wenn man dann im Sattel sitzt."

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Spaziergang und Ausritt zu kombinieren, steigert die Anforderungen langsam und gibt ein gutes Gefühl.

Dabei geht es vom Einfachen zum Schwierigen. Man probiert Situationen aus, in denen man sich gut fühlt. Entweder wird die Fünf-Minuten-Runde um den Stall erst an der Hand, dann im Sattel absolviert – idealerweise mit einer Begleitung zu Fuß oder auch zu Pferd.

Oder der Zweibeiner spaziert eine längere Runde mit dem gesattelten Pferd und steigt unterwegs immer wieder auf und ab, um streckenweise für ihn vertraute Wege zu reiten.

Wer Angst im Sattel hat, dem empfiehlt Mentaltrainerin Angelika Wirzberger, nicht länger als 15 bis 20 Minuten im Sattel zu bleiben. Manchmal genügen auch fünf oder zehn Minuten. "Ist der Reiter nämlich seinen Ängsten zu lange ausgesetzt, trainiert er diese Ängste!", sagt Angelika Wirzberger. "Ich muss die Grenze der Angst schon erreichen und mich eine Zeitlang darin bewegen. Aber dann muss ich wieder zurück in meine Komfortzone."

Wo die Grenze der Angst beginnt und wie lange jeder einzelne sich in der Zone bewegen soll, ist absolut individuell – das muss jeder für sich herausfinden und akzeptieren. Entweder hat man einen Mentaltrainer, der Ratschläge gibt. Oder man wagt sich selbst in Mäuseschritten voran. Und wenn es unterwegs nur ein einmaliges Auf- und wieder Absitzen ist. Jeder wie er kann und es sich zutraut.

Praxistipp: Vorausschauen ist auch beim Absteigen angesagt

"Absteigen ist unterwegs keine Schande, nur das Timing ist wichtig", empfiehlt Dr. Vivian Gabor. Also runter, bevor sich das Pferd erschreckt festglotzt. Deshalb ist es gut, wenn man die Spazierstrecken gut kennt und die Reaktion des Pferds einschätzen kann. "Stellen Sie dem Pferd vor dem Anhalten und Absitzen noch eine kleine Aufgabe, etwa rückwärtsgehen oder seitwärtstreten lassen. Dann ist Absteigen auch eine kleine Belohnung", sagt die Ausbilderin.

Danach geht der Mensch selbstbewusst zu Fuß weiter und signalisiert mit seiner Körpersprache zum Beispiel am Garten mit dem bellenden Hund, dass er die Sache im Griff hat.

Wo darf ich spazieren?

Beim roten Reiten-Verboten-Schild ist Reiten verboten, aber Führen gestattet (OLG Dresden 2015, Beschluss vom 10.09.2015 – OLG 26 Ss 505/15).

Das runde blaue Schild mit einem weißen Reiter kennzeichnet einen Reitweg. Für diesen gilt eine Reitwegbenutzungspflicht. In dem Fall muss man im Sattel oder beim Führen an der Hand den gekennzeichneten Reitweg nutzen.

Mehr Infos dazu: www.bussgeldkatalog.net/pferde-imstrassenverkehr

Grenze 4: Verlust der Sicherheit

Spazierengehen ist nur eine Option, wenn sich Pferd und Reiter sicher fühlen. Sonst kann der Ausflug zu Fuß mehr schaden als nützen. Dr. Vivian Gabor analysiert die Situation aus Pferdesicht: "Spazierengehen könnte auch schaden: Wenn das Pferd Stress hat, wird das zum Erfahrungswert: ‚Da draußen ist keiner, der mich beschützt!‘"

Deshalb muss die Sache mit der Rangordnung geklärt sein. Erst wenn das Pferd seinen zweibeinigen Begleiter als positive Leitfigur anerkennt, fühlt es sich sicher und lässt sich fürs Spazierengehen begeistern. Deshalb ist die Vorarbeit so wichtig.

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Wer in allen Gangarten hohes Selbstvertrauen hat, fühlt sich mitunter im Sattel sicherer als am Boden.

Manche Pferdemenschen fühlen sich am Boden, andere im Sattel wohler. "Einige Reiter fühlen sich vom Boden aus sicherer, weil sie der Meinung sind, eine größere Handlungsfähigkeit zu haben", erklärt die Mentaltrainerin Angelika Wirzberger. Das sind die Reiter, die unter Umständen beim Ausreiten ängstlich sind.

"Diejenigen, die wenig Erfahrung mit Bodenarbeit haben, fühlen sich am Boden eher unsicher und im Sattel viel wohler, weil sie von oben ihre Techniken beherrschen", beobachtet Dr. Vivian Gabor. "Wir haben von oben auch mehr mechanische Einwirkung: Zügelhilfe, Bein, Gewichtshilfe, auch Sporen oder Gerte. Das suggeriert manchem Reiter mehr Sicherheit, als wenn er neben dem Pferd steht. Aber wenn ich keine gute Beziehung habe und auch vom Sattel aus keine sinnvolle Reaktion bekomme, ist das eine vermeintliche Sicherheit."

Praxistipps

  • Genau beobachten, ob das Pferd Stress hat oder ob es sich wohl fühlt. Ein sicheres Merkmal für Gelassenheit ist wie beim Reiten das losgelassene Schreiten.
  • Horchen Sie in sich hinein und entscheiden selbst, ob Sie sich im Sattel oder beim Führen sicherer fühlen.

Chance 5: Effektive Reha

Wer selber schon ein Pferd mit Sehnenverletzung hatte, kennt das: Der Tierarzt verordnete Boxenruhe und minutenweise steigerndes Führen auf festem Boden. Horrorvorstellung für manche Pferdebesitzer, die sich oft nur in die kleine Longierhalle trauen, weil das Pferd nach der langen Zwangspause an der Hand explodiert.

Das, so beobachtet Tierärztin Dr. Nicole Beusker, hat sich gewandelt: "Inzwischen gilt Heilen durch Bewegung von Anfang an, sicherlich je nach Grad der Entzündung; aber in den seltensten Fällen wird komplette Boxenruhe verordnet. Und die Pferdeleute sind viel eher zum Spazierenführen bereit, als sie es früher waren."

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Bei Sehnenschäden fördert Bewegung auf harten, ebenen Böden die Heilung.

Das ist gut so, erklärt die Tierärztin: "Das regelmäßige Schritt-Führen fördert die künftige Belastungsfähigkeit. Die geschädigte Sehne baut sich in annähernd normaler Struktur und Verlaufsrichtung auf, das gebildete Narbengewebe verklebt nicht, wird dehnbar und damit belastbar."

Praxistipp

Die Umgebung des Spaziergangs sorgfältig aussuchen, besser ruhige Wege wählen. Je nach Diagnose führt man auf festem oder weichem Boden oder gar auf abwechslungsreichen Untergründen, was unterschiedliche Reize ausübt (siehe Propriozeption). Außerdem sinnvoll: In guten Zeiten Halftergehorsam und die Halfterführigkeit trainieren und festigen – als Vorsorge für den Krankheitsfall, weil das den Spaziergang noch schwieriger macht.

Spazieren – Je nach Alter: Erziehung oder Erholung

"Mit dem Thema Spazierengehen rennen Sie bei mir offene Türen ein", sagt Stefan Stammer. Seit über 20 Jahren behandelt er Pferde osteopathisch und hat in dieser Zeit manches Pferd bis ins hohe Alter begleitet. Unter seinen Kunden gibt es inzwischen viele, die mit ihren Pferden an der Hand spazieren gehen. Der Osteopath differenziert aber je nach Pferdetyp und -alter sowie nach der Zielsetzung, was Reiter und Pferd miteinander erreichen möchten.

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Spazierengehen kann in jeder Lebensphase bereichern! Alten Pferden verleiht es eine Aufgabe.

Jungpferde an der Hand: "Hier geht es in erster Linie um Erziehung", sagt Stefan Stammer. Es komme auf das Temperament des Pferds an, aber um ein ungestümes Pferd sicher in der freien Natur spazieren zu führen, dafür brauche man laut Stefan Stammer "Ausbilderqualitäten und Erfahrung im Umgang mit jungen Pferden.

Wie schnell erschrickt ein unerfahrenes Tier und springt zur Seite. Da bin ich Sicherheitsfanatiker", gibt er zu. Dennoch sieht er das Spazieren an der Hand als wertvollen Ausbildungsbaustein und empfiehlt es – mit entsprechend versiertem Zweibeiner.

Das Pferd im besten Alter: Für die Pferde, die mitten im Leben stehen, ist das Spazierengehen von hohem Wert als Bewegungsergänzung. "Und nicht nur für Boxenpferde. Eine halbe bis ganze Stunde im fleißigen Schritt ist immer gut – auch für Pferde, die in Aktivställen oder anderen Offenställen stehen. Denn selbst dort bewegen sich die Pferde niemals 20 oder 30 Minuten am Stück.

Und genau das ist eine echte Gesundheitsvorsorge", findet Stefan Stammer. Ausschließlich an der Hand spazieren zu gehen, findet Dr. Vivian Gabor zu einseitig, wenn es um gesunde und trainierte Pferde im besten Alter geht: "Ein Pferd braucht zwar das Reiten nicht – aber es hat ein Grundbedürfnis auf Bewegung. Wir müssen ihm ermöglichen, sich kognitiv genauso wie physisch und psychisch auszulasten."

Aktive alte Pferde: "Wenn der Bewegungsbedarf der älteren Pferde langsam abnimmt, kann man das Reiten reduzieren und öfters mal zu Fuß spazieren. Das soll aber das Pferd bestimmen – und keinesfalls das Alter, das im Pferdepass steht", sagt Stefan Stammer.

Schwierig zu entscheiden, wie lange man spaziert, ist es bei Pferden, die ohne Freude mitlaufen: Ist es Unlust oder Unvermögen? Solange das Pferd klar geht, liegt es im Einfühlungsvermögen des Zweibeiners, dies zu entscheiden. Für Stammer ist die regelmäßige Bewegung gerade für Arthrose-Pferde Gold wert. Spaziergänge erhalten für ältere Pferde die drei Bs: Beziehung, Beschäftigung und Bewegungsfreude.

Stammers Fazit: "Solange es geht, so viel wie geht – es gibt kein Zuviel an Spazierengehen, wenn es dem Pferd soweit damit gut geht. Sie werden sehen, die Pferde zeigen sich dankbar."

CAVALLO-Kommentar

Spaziergehen ist genauso vielfältig wie Reiten – fast alles ist möglich: von Bummeln bis Büffeln. Nur den gemeinsamen Galopp auf dem langen Wiesenweg kann es nicht ersetzen, wenn der Gegenwind ins Gesicht bläst, wenn man die Freude des Pferds spürt, das seine Kraft auspowert. Oder das Hochgefühl gelungener Momente, in denen man mit der Pferdebewegung zusammenschwingt.

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Cornelia Höchstetter, CAVALLO-Autorin

Cornelia Höchstetter, CAVALLO-Autorin

Mein Fazit: Reiten und Spazierengehen – alles hat seine Zeit, und vor allem in der Kombination bereichert es die Pferd-Mensch-Freundschaft. Deshalb werde ich mich künftig nicht mehr über die blöden Sprüche ärgern, die ich immer wieder höre, wenn ich mit meinem Pony zu Fuß unterwegs bin – ob zum Feierabendspaziergang oder weil ich mich nicht alleine am benachbarten Hühnerstall vorbeizureiten traue …

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