Teil des
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CAVALLO-Serie: So setzen Sie Hilfszügel richtig ein

Den Bogen überspannt

Abgeklemmte Venen, verhungerte Muskeln, überdehnte Bänder entstehen, wenn Sie Hilfszügel falsch einsetzen. Der letzte Teil der Serie zeigt, welche Tabus für die Helfer gelten.

Weil es immer mehr Hilfszügel gibt, wachsen die Probleme mit den Strippen aus Gummi, Seil oder Leder, die nur für den kurzfristigen Einsatz gedacht sind. Die Vielfalt verlockt dazu, Hilfszügel ohne Nachdenken und über längere Zeit einzusetzen. Falsch angewandt, falsch verschnallt und falsch verstanden, schaden sie den Pferden bedenklich: Die Tiere verkrampfen, Sehnen, Bänder und Muskeln im Hals können überdehnt werden, das Maul leidet. Daher gibt es klare Tabus beim Einsatz von Hilfszügeln.

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Anlehnung ist eine Täuschung

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Salata
Der Halsverlängerer wird zum Halsverkürzer, wenn sich Pferde gegen ihn stemmen oder die Nase auf die Brust nehmen.

Tabu ist es, diese Form per Hilfszügel ­mechanisch zu erzwingen, etwa, indem man den Pferdekopf so fixiert, dass der Nasenrücken immer senkrecht zum Boden zeigt. Dahinter steckt ein Täuschungsmanöver: Ein Hilfszügel bringt das Pferd so in Form, dass es für den Zuschauer an der Bande so scheint, als ginge es locker am Zügel. „Wer so denkt, presst das Pferd lediglich in eine Form und vergisst die reelle, gesunde Arbeit über den Rücken bei einer aktiven Hinterhand“, warnt Christoph Hess, Ausbildungsleiter der Deutschen ­Reiterlichen Vereinigung (FN). Hess hat wenig gegen den ­Einsatz bestimmter Hilfszügel, „solange sie ausnahmslos kurzfristig und bedacht, sprich: mit einem klar definierten Ziel eingesetzt werden.“

Dass die Praxis ganz anders ist, das weiß Christoph Hess ­jedoch genauso wie der Wiener Fachtierarzt für Physiotherapie und Rehabilitationsmedizin Dr. Robert Stodulka. Bei ihm sind Pferde trauriger Alltag, die durch Hilfszügel krank wurden (siehe CAVALLO 4/2009, Folge 1). „Grundsätzlich tabu sind jegliche fest stehenden Systeme, die den Kopf in eine Haltung zwängen wollen“, warnt der reitende Tierarzt. „Sie verhindern völlig, dass sich ein Pferd vorwärts-abwärts dehnen kann.“

Zu den starren Systemen zählen Hilfszügel wie der im Trabrennsport eingesetzte Aufsatzzügel, der Stoßzügel und der klassische Ausbinder. Letzterer richtet mehr Schaden an, als die meisten glauben. Stodulka: „Sind die Ausbinder zu kurz verschnallt, kommt der Kopf in eine Rückwärts-Abwärts-Position. Das behindert die ­Atmung und begünstigt gegen die Reiterhand kämpfende Muskeln. Die Pferde sind zwar stark aufgerichtet, jedoch nicht mehr in der Lage, über den Rücken zu arbeiten.“

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Hinter verkürzen sich die Muskeln

Außerdem schadet dieser so­genannte falsche Knick dem Nackenband und der Nackenmuskulatur. Der Rücken hängt durch, die Muskeln verspannen sich, und die Hinterbeine können nicht mehr geschmeidig vortreten. Stattdessen staksen sie hinten heraus. „Das erzeugt eine bleibende Verkürzung der sogenannten Hosenmuskeln, weil sie nicht mehr gedehnt ­werden“, erklärt Dr. Stodulka.

Werden Pferde mechanisch zu eng verzurrt, erhöht sich durch ihre Gegenwehr zudem die Grundspannung der Muskeln (Muskeltonus) im Hals. Die untere Halsmuskulatur verkrampft sich aktiv, während der obere Teil des Halses passiv bleibt. „Das ist total kontraproduktiv“, warnt Stodulka. „Wenn ein Pferd in Beizäumung geht, sollte es sich von selbst tragen, den Hals aktiv wölben. Nur dann formt sich die Hals-Oberlinie ohne eine schädliche Kontraktion im Unterhals.“

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Die Muskeln verhungern

Die Folge: „Wenn der Blutstrom zum Herzen hin zugedrückt wird, der sauerstoffarmes Blut abtransportiert, kann umgekehrt vom Herzen kein Sauerstoff als Treibstoff für die Muskeln nachkommen“, erklärt der Gefäßchirurg und Ausbilder Dr. Hans Walter Dörr vom Nikolaushof in Fürstenfeldbruck. „Dann nehmen die Muskeln ab. Pferde, die ­häufig mit Schlaufzügeln geritten werden, erkennt man zum Beispiel an einem Loch der Muskulatur im Bereich des Schulterblatts.“

Ein weiteres Tabu: Manche schnallen beim Longieren den inneren Ausbinder kürzer, um das Pferd gebogen zu halten. „Das schränkt die innere Schulter im Raumgriff ein“, erklärt Dr. Stodulka. Ist die Longe dann auch noch am Gebiss verschnallt, „zieht man am Gebiss, zwingt ein Pferd in eine feste Halsposition und nimmt ihm die Balance“, so der Tierarzt und Ausbilder.

Hans Walter Dörr bezeichnet das als „galoppierende Dumm-heit“. Seine Begründung: „Wenn ein Pferd auf einer Seite bereits steif ist, drückt es sich erst recht gegen den Ausbinder, der es nach innen biegen soll. Infolgedessen wird bereits vorhandene falsche Muskulatur verstärkt.“

Erst recht tabu sind Ausbinder mit Gummieinsätzen, die früher häufig in Reiterwett­bewerben auftauchten. „Sie sind mittlerweile in der Leistungsprüfungs-Ordnung (LPO) der FN gestrichen“, sagt Christoph Hess. Der Grund: „Jegliche Hilfszügel aus elastischen Materialien wirken wie Expander, die sich abrupt zusammenziehen, sobald sich das Pferd vom Gebiss abstoßen möchte“, beschreibt Hess. „Das Pferd kann sich dadurch nicht vertrauensvoll ans Gebiss herandehnen.“

Ähnlich wirkt der missverständlich so genannte Halsverlängerer, den die FN ebenfalls aus der LPO geworfen hat. Er ist eher ein Halsverkürzer, denn er gibt dem Pferd keine Chance, sich vorwärts-abwärts zu ­dehnen. „Der Halsverlängerer vereinigt drei Nachteile: die der Ausbinder, die der genickbeeinflussenden Hilfszügel und die des dehnbaren Materials“, sagt Robert Stodulka. „Pferde lümmeln sich bei gummiartigem Kontakt aufs Gebiss und werden mit der Zeit tot im Maul.“ Das macht jede Anlehnung zunichte. Es führt außerdem dazu, dass die Pferde konsequent auf der Vorhand laufen.

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Halsverlängerer drücken im Genick

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Kuczka
Das Pessoa-Geschirr verleitet ein Pferd zum Einrollen.

„Sehr viele Pferde vertragen das nicht“, beobachtet Dr. Stodulka. „Nehmen sie den Kopf hoch, drückt der Hals­verlängerer nicht nur von oben, sondern zieht parallel in den Maulwinkeln. Um dem zu ­entkommen, haben Pferde nur eine Möglichkeit: Einrollen.“

Mit den zuvor schon genannten Konsequenzen. „Der Halsverlängerer verhindert eine konstante Anlehnung zwischen Hand und Maul“, sagt Christoph Hess. „Das Pferd wird nicht ­veranlasst, seinen Rücken zu ­gebrauchen, sondern drückt diesen eher weg.“

Auch die Psyche leidet. Ein Pferd braucht die Freiheit, sich bei Gefahr umblicken zu können. Wird ihm das verwehrt, kann es panisch werden. Hess: „In kritischen Situationen kann der Halsverlängerer gefährlich sein. Steigt ein Pferd damit, kann es sich überschlagen.“

Zum Steigen mit möglichem Überschlag animiert auch der Stoßzügel, der beim Westernreiten unter dem Namen Tie Down zum Einsatz kommt. Dieser fest stehende Hilfszügel ist so unnachgiebig, dass er jeden Zug des Pferds mit einem Ruck im Maul quittiert. Weil viele Pferde bei einem Ruck im Maul den Kopf nicht senken, sondern instinktiv hochreißen, führt dieser Hilfszügel zu einem verspannten Unterhals – oder zum Einrollen. Wer auch noch ein zu kurzes Verbindungsstück (Longierbrille) zwischen die beiden Trensenringe schnallt, bestraft sein Pferd zusätzlich: Das System drückt selbst dann permanent im Maul, wenn das Pferd in ­korrekter Haltung geht.

Extremen Zug aufs Maul kann auch das vermeintlich harmlose Martingal liefern, wenn es zu kurz verschnallt wird. Dann wirkt es wie eine Umlenkrolle, über die der Zügel von der Hand zum Maul läuft. „Das kann zu einer dauerhaften Hebelwirkung führen. Das Pferd stumpft ab, bildet falsche Muskeln und kann sich nicht ausbalancieren“, so Christoph Hess.

Ebenfalls kritisch bis tabu sind Hilfszügel wie das Pessoa-Geschirr oder andere Hilfsmittel, die sich um den Pferde­körper schlingen und es Pferden angeblich besonders einfach machen, sich zu gymnastizieren. „Solche Systeme beeinträchtigen den Bewegungsablauf erheblich“, erklärt Hess. „Egal wie und in welcher Gangart sich das Pferd bewegt: Es spürt immer einen unangenehmen Widerstand.“

Ähnlich riskant ist die Longierhilfe. Sie besteht aus einem Seil, das dem Pferd über den Rücken gelegt, dann hinter den Ellenbogen zwischen den Vorderbeinen hindurchgeführt und in die Gebissringe eingehakt wird. Sie veranlasst das Pferd durch die Rechts-links-Bewegung der Vorderbeine, sich selber nach unten zu riegeln. Viele Pferde verkriechen sich hinter der Senkrechten. Ist die Longier-hilfe lang verschnallt, besteht die Gefahr des Reintretens.

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Schlaufzügel sollte nicht jeder benutzen

Das sollte auch für den Schlaufzügel gelten, von dem es immer wieder heißt, dass Profis sehr wohl mit ihm umgehen könnten. Das ist falsch, „weil hinten grundsätzlich einer dranhängt“, hat Hans Walter Dörr beobachtet. „Mit Schlaufzügeln rollen sich Pferde stets auf, egal was ihre Reiter behaupten.“

Dörr lehnt Hilfszügel noch aus einem anderen Grund ab. „Es stimmt nicht, dass ein ­Hilfszügel die Hand imitiert. Ein starres Stück Leder ersetzt niemals die Sensibilität der menschlichen Hand.“ Das Fazit des Chirurgen und Ausbilders: „Es ist selten, dass Hilfszügel ein Problem gelöst haben. Aber es ist unglaublich häufig vorgekommen, dass sie neue Probleme geschaffen haben.“ Diese Warnung sollte jeder beherzigen, der Hilfszügel einsetzt – auch wenn er scheinbar perfekt damit umgeht.

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