CAV Frage des Monats: Was nützt Liegen fürs Vertrauen? penquitt

Frage des Monats: Was nützt Liegen fürs Vertrauen?

Frage des Monats: Was nützt Liegen fürs Vertrauen?

Die Frage des Monats in der aktuellen CAVALLO beschäftigt sich mit dem Thema Ablegen von Pferden. Hier finden Sie Antworten und Tipps unserer Experten.

Nathalie Penquitt, Ausbilderin aus Engeln in Niedersachsen:

Jede Zirkuslektion hat ihren konkreten, meist gymnastischen Nutzen. Nur beim Hinlegen ist das anders. Sie ist gymnastisch nicht besonders wertvoll, dafür aber ein besonderer Vertrauensbeweis. Deshalb gelingt sie nur, wenn die Ausbildung zuvor korrekt abgelaufen ist und keine gravierenden Fehler gemacht wurden. Nicht jedes Pferd muss sich hinlegen lassen, verbeißen Sie sich bloß nicht in diese Idee. Wenn es doch klappt, umso besser.

Generell gilt, dass Sie mit der Übung nicht beginnen sollten, wenn Ihr Pferd nicht auf der Weide, dem Paddock oder in der Box entspannt liegen bleibt, wenn Sie sich nähern. Auch später sollten Sie das Hinlegen nur abfragen, wenn die Situation passt. Fühlt sich das Pferd unwohl oder ist es aufgeregt, ist nicht der richtige Moment.

Ist das Vertrauen grundsätzlich vorhanden, kann man das Hinlegen über mehrere Stufen entwickeln. Das Pferd lernt zuerst das Kompliment und gleichzeitig die Bergziege. Sitzt das Kompliment, kommt das Knien dazu. Wenn man darin das Pferd auffordert, die Hinterbeine wie bei der Bergziege vorzusetzen, legt es sich irgendwann von alleine hin, ohne dass man es umschmeißen oder anders überraschen muss. Sobald das Pferd liegt, wird es im liegen ausgiebig gelobt, gerne auch mit Leckerli.

Alternativ können Sie auch normale Liege-Situationen nutzen, etwa das Wälzen in der Halle. Mit Lob oder, wenn Ihr Pferd das Klicker-Training kennt, mit einem Klick zur rechten Zeit können Sie den Moment einfangen. Wenn Sie wissen, wann und wo sich Ihr Pferd hinlegen wird, können Sie versuchen, diese Situation mit einem Stimmkommando zu begleiten und so langsam die Kontrolle über die Übung übernehmen.

Ich mag diese Methode sehr gerne, weil sie stressfrei und pferdeschonend ist. Allerdings muss man damit rechnen, dass es bis zum sicheren Hinlegen auf Kommando deutlich länger dauern kann als auf herkömmlichem Weg. Es kann aber auch schnell gehen, wenn man Glück hat. Meine sechsjährige Stute zum Beispiel legte sich drei Jahre lang nie in der Halle zum Wälzen. Dann machte sie es eines Tages doch, ich klickerte den Moment und seitdem kann ich sie ablegen, auch bei Shows.

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In aller Ruhe: Lektüre zu zweit.

Eva Wiemers, Zirkus-Trainerin aus Zurndorf, Österreich:

Bodenarbeit wirkt generell vertrauensbildend. Aber keine der anderen Arten der Bodenarbeit erreicht dies in solcher Intensität und – sobald die Lektion gekonnt wird – so zeitgenau und so zeitsparend wie das Abliegen auf Kommando. Es ist die Krone aller vertrauensbildenden Maßnahmen und gehört für mich zur Grundausbildung eines jeden jungen Pferds, hat aber auch für das alternde Pferd einen besonderen Stellenwert, sofern es die Lektion in jungen und gesunden Jahren gelernt hat.

Ich sehe das Ablegen nicht als Unterwerfungsübung. Was man gemeinhin als Respektserziehung bezeichnet, sollte vorher abgeschlossen sein, so dass schon eine Beziehung zwischen Pferd und Mensch vorhanden ist, die Lernen ohne Zwang möglich macht. Bei einer Ausbildung ohne Zwang ist die Lektion für das Pferd so positiv besetzt, dass man dem Pferd in Stresssituationen wie einer fremden Umgebung gezielt Entspannung verordnen kann und in der Folge erneute Konzentration erhält.

Zudem kann man damit jederzeit zeitsparend und intensiv die gemeinsame Beziehung bestätigen. Auch in der Tierwelt werden Beziehungen in regelmäßigen Abständen durch körperliche Nähe bestätigt. Die intensivste Form ist gemeinsames Liegen, die zweitbeste ist gemeinsames Fressen. Das ist besonders für ein alterndes Pferde bedeutsam: Natürlich spürt es, dass es zu vielen Dingen, mit denen es früher seinen Menschen erfreuen konnte, nicht mehr in der Lage ist. Gemeinsames Liegen und Kuscheln bestätigt ihm, dass es noch wertvoll für uns ist, noch einen geschützten Platz bei uns hat.

Die Übung hat auch einen körperlichen Nutzen. Beim Hinlegen biegt sich das Pferd, wölbt den Rücken auf und beugt alle Gelenke. Niederlegen und wieder Aufstehen erfordert eine gewaltige Kraftanstrengung, schon dreimal in Folge macht das Pferd müde.

Schonender ist der Wechsel zwischen Flach- und Aufrechtliegen. Auch hier sind Muskeln von Kopf bis Schweif beteiligt. Wenn ein Pferd in jungen und gesunden Jahren gelernt hat, sich balanciert und langsam abzulegen, haben wir also eine zusätzliche Möglichkeit, seine Kraft und Biegsamkeit zu fördern, vor allem dann, wenn aus Alters- oder Krankheitsgründen andere Gymnastik nicht mehr so gut möglich ist.

Bei der Ausbildung der Lektion ist entscheidend, dass das Pferd freiwillig mitarbeitet. Lässt man dem Pferd nicht die Wahl, seine Befindlichkeit zu signalisieren oder missachtet seine Signale, wird sie kontraproduktiv. Unpässlichkeit aller Art kann erforderlich machen, dass man auf die Lektion auch einmal verzichtet. Denn gegen den Willen des Pferdes durchgesetzt ist das Ablegen immer schädlich.

Eine gute Lernmotivation entsteht durch den überwiegenden Einsatz positiver Verstärkung. Wer erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes ignoriert, bekommt ein mutiges Pferd, das Lösungen sucht und begeistert lernt.

Nützlich für jede Ausbildung ist eine Abfolge in kleinsten aufeinander aufbauenden Lernschritten (die sog. „ladder of aproximation“, die Leiter der Annäherung an das Endziel). Verhaltenswissenschaftler haben bewiesen, dass Verhalten, welches so gelernt wurde, fester und länger sitzt als solches, welches als ein Ganzes zufällig entdeckt und verstärkt wurde. Bezogen auf Zirkuslektionen heißt das: Bei mir lernen Pferde das Liegen über einen stufenweisen Weg in die Tiefe. Zuerst das Kompliment Stufe für Stufe, dann am besten auch das Knien, danach erst das Liegen.

Wenn ein guter, liebevoller Beobachter sich mit seinem Pferd über das Wälzen kreative Wege zum Liegen sucht und die Lektion als Ganzheit erarbeitet, handelt er sich leider zwei gravierende Probleme ein: Es ist schwieriger, ein eindeutiges Signal zu konditionieren damit das Pferd dann und dort liegt, wenn und wo es soll. Und im Falle auftretender Probleme kann er nicht einfach einen Schritt zurück gehen, um den Faden wieder zu finden.

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In der Gruppe entspannt am Boden.

Grundvoraussetzung für das Liegetraining ist, dass das Pferd drei Jahre alt ist (Konzentrationsfähigkeit!) und seine Grundschule hinsichtlich Gehorsam und Vertrauen durchlaufen hat. Ferner sollte es die seelisch und körperlich vorzuordnenden zirzensischen Lektionen schon gelernt haben.

Der Trainer muss die Geduld und die Zeit zu geben bereit sein, damit das Pferd verstehen und dann selber wollen kann. Es ist schwierig, sich zurückzuhalten und auf Zwang zu verzichten, wenn man es lieber schneller hätte oder momentan ratlos ist. Er braucht Wissen über das Ausdrucksverhalten der Pferde und eine liebende Beobachtungsgabe, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Hilfreich ist zudem Kreativität im Suchen nach Wegen und beim Einteilen der Lernstufen, die das Pferd zum Ziel führen.

Wie oft Sie üben, hängt von vielen Faktoren ab: Wie oft möchten Sie Ihre Beziehung bestätigen, wie tiefgehend wünschen Sie sie sich? Auch meine alten Pferde haben nach Jahren zirzensischer Praxis bestimmt ein- bis zweimal in der Woche das ausgesprochene Bedürfnis nach einer Kuschel-Sitzung.

Beim lernenden Pferd entscheidet seine Kraft und Konzentrationsfähigkeit über die Länge der Sitzung, hier gilt: lieber kürzer, dafür vielleicht dreimal in der Woche. Dabei muss der Trainer das Ausdrucksverhalten des Pferdes beobachten. Zeigt es Unwohlsein, Angst oder Aggression sofort Stopp, bei gelangweilter Reaktion nach einem baldigen positiven Ende suchen.

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