Ausbildungsskala (Teil 4)
So kommt Ihr Pferd richtig in Schwung

Schwung ist nur was für Bewegungswunder? Stimmt nicht! Im Rahmen seiner Möglichkeiten kann jedes Pferd Schwung entwickeln – unspektakulär, aber reell.

Ausbildungsskala Schwung
Foto: Lisa Rädlein

Ein Pferd, das sich korrekt schwungvoll bewegt, fühlt sich toll an: Es sucht Kontakt zur Hand, tritt aktiv unter und nimmt den Reiter noch mehr mit in die Bewegung. Wie das gelingt? "Beim Thema Schwung ist es besonders wichtig, die Grundlagen der Ausbildung weiterhin zu berücksichtigen und im Fokus zu behalten", erklärt Ausbilderin Bianca Rieskamp. Takt, Losgelassenheit und Anlehnung dürfen also nicht verloren gehen, wenn das Pferd mehr Schwung entwickelt. "Heutzutage werden aber häufig gespannte Tritte mit Schwung verwechselt", bedauert Rieskamp.

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Was also bedeutet Schwung im klassischen Sinne? Bianca Rieskamp beschreibt ihn als elastisches Gehen bei flüssigem Vorwärts. Das Pferd ist in der Hinterhand aktiv, schwingt mit den Hinterbeinen nach vorne durch und lässt den Reiter dabei angenehm sitzen, weil es locker im Rücken ist. "Wenn das Pferd Schwung entwickelt, können wir seine Kraft noch mehr spüren, aber ohne Verspannung oder Vertrauensverlust", beschreibt Rieskamp. Schwung entwickelt das Pferd nicht erst in Verstärkungen: Auch ein flüssiger Arbeitstrab erfordert Schwung. Er entsteht allmählich im Lauf der Ausbildung des Pferds.

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Levente Janos – stock.adobe.com
Als Pyramide ist die Skala der Ausbildung in den Richtlinien für Reiten und Fahren der FN dargestellt.

Schwung im klassischen Sinne kann jedes Pferd entwickeln. Das sieht nicht unbedingt spektakulär aus, sondern bei einigen Pferden auch einfach nur wie ein flüssiges "Dahingehen". "Wie viel Schwung ein Pferd zeigt, hängt auch von der Veranlagung des Pferds ab und vom Talent des Reiters", betont die Ausbilderin. "Das sollte jeder Reiter im Kopf haben, um keine unrealistischen Vorstellungen zu bekommen und daraus das Pferd zu überfordern." Wie Sie den Schwung Ihres Pferds im Rahmen seiner Möglichkeiten ganz ohne Show fördern? Lesen Sie in den Experten-Tipps.

"Die größeren Tritte spüren"

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Lisa Rädlein
Svenja Braun ist Pferdewirtin und Trainerin für Islandpferde im badenwürttembergischen Wört.

Svenja Braun ist Pferdewirtin und Trainerin für Islandpferde im badenwürttembergischen Wört.

Trippel, trappel, trippel, trappel – so ähnlich klingt es für viele, wenn Islandpferde sich bewegen. Doch dass Pferde die Frequenz erhöhen, statt die Tritte zu verlängern und sich wirklich schwungvoller zu bewegen, kann für jeden Reiter zur Herausforderung werden. Doch keine Sorge: Islandpferdetrainerin Svenja Braun hat Übungen im Repertoire, die mit großen Tritten vorwärtsbringen.

Zunächst lässt sie ihre Schüler gerne leichte Tempounterschiede reiten. Die Reiter sollen fühlen, wann das Pferd nur die Trittfrequenz erhöht und wann die Tritte wirklich größer werden.

"Je besser ich zum Treiben komme und je besser sich das Pferd an die Hand herandehnt, desto eher gelingt letzteres", so Braun. Wichtig ist, eine Rahmenerweiterung zuzulassen. "Man kann ruhig auch mal mit unterschiedlichen Halspositionen spielen. Dehnt sich der Hals, nimmt er den Rest des Körpers mit und erleichtert es, die Tritte zu verlängern", erklärt die Trainerin.

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Braun
Tipp: Für ein aktives Hinterbein und schöner gesprungenen Galopp im Kopf über Cavaletti reiten.

Zum Schwung gehört auch ein kräftiges und aktives Abdrücken mit der Hinterhand vom Boden – besonders für eine gute Galopp-Note ist das in Gangpferdeprüfungen wichtig. Svenja Brauns Tipp für mehr Energie aus der Hinterhand: Sich im Galopp vorstellen, über kleine Cavaletti zu springen.

Um das Pferd im Trab mehr zum Schwingen durch den Körper zu bringen, reitet die Islandpferdetrainierin dagegen gerne ganz langsames Tempo an der Grenze zum Schritt – "dabei bewusst Energie mitnehmen in dieses langsame Tempo, so dass sich das Pferd mehr vom Boden abdrückt."

"Das Pferd soll sich auf das Vorwärts freuen"

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Lisa Rädlein
Richard Hinrichs lehrt klassische Reitkunst und leitet das Institut für klassische Reiterei Hannover.

Richard Hinrichs lehrt klassische Reitkunst und leitet das Institut für klassische Reiterei Hannover.

Der Begriff Schwung ist moderner, als Sie vielleicht denken – in alten Versionen der H.Dv.12 wurde primär die Schubkraft des Pferds erwähnt. "Ziel war er trotzdem schon" – ohne Schwung geht es nun mal nicht. Eng verbunden ist Schwung mit einem guten Vorwärtszug und der Gehfreude des Pferds.

Richard Hinrichs hat ein eigenes Rezept, um beide zu fördern: Er fordert vom Pferd anstrengende Lektionen, etwa ein Schulterherein oder einen versammelten Trab, und entlässt es zwischendurch immer wieder in eine frische Vorwärtsbewegung. "Dabei nehme ich meine Hilfen bewusst zurück, so dass das Pferd das Vorwärts als Phase der Entspannung genießen kann und sich beim nächsten Mal bereits darauf freut." Triebige Pferde ohne Vorwärtszug kommen so auf den Vorwärts-Geschmack.

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Lisa Rädlein
Schwungvolles Vorwärts als Phase der Entspannung, hier in der Dehnung, födert die Gehfreude.

Ebenso ein wichtiges Lernziel für schwunglose Pferde: reaktiver auf den Schenkel werden. Richard Hinrichs hat einen "Wachmacher" entwickelt: "Um wieder eine Reaktion zu bekommen, nehme ich meine Schenkel etwas weg vom Pferd, atme geräuschvoll ein und treibe dann bei Bedarf mit zunehmender Energie kurzzeitig staccatoartig mit den Schenkeln. Geht das Pferd fleißig vorwärts, höre ich sofort auf und treibe nur noch so viel wie nötig, um den Takt zu erhalten."

Taktmäßiges Treiben kann auch bei überdrehten Pferden helfen, ein ruhiges Tempo zu finden und mehr zum Schwingen durch den ganzen Körper zu kommen, weiß Richard Hinrichs.

"Scheinübergänge fördern ein energisches Hinterbein"

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Lisa Rädlein
Claudia Butry ist Trainerin A mit Schwerpunkt Dressur und Bewegungstrainerin nach Eckart Meyners. Sie lebt bei Kempten im Allgäu.

Claudia Butry ist Trainerin A mit Schwerpunkt Dressur und Bewegungstrainerin nach Eckart Meyners. Sie lebt bei Kempten im Allgäu.

Schwung und das dazugehörige energischere Abfußen des Hinterbeins entwickelt sich erst im Laufe der Ausbildung, wie Ausbilderin Claudia Butry betont – ideal fördern lässt es sich nach ihrer Erfahrung mit Wechseln zwischen vermehrtem Fokus auf Schub- oder Tragkraft.

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Lisa Rädlein
Pferd und Reiterin sind in guter Harmonie. So klappen „Scheinübergänge“ im Trab auch nur über Sitzhilfen.

"Ich reite dazu in einer Gangart sozusagen Scheinübergänge", verrät sie. "Dabei nehme ich das Tempo im Trab so weit raus, bis ich fast im Schritt bin." Wichtig dabei: Das funktioniert über den Sitz, indem Sie den Bauchnabel einziehen und der Bewegung langsamer folgen. Die Hand spielt nur eine untergeordnete Rolle. Ist das Pferd fast im Schritt, lassen Sie es wieder energisch lostraben.

"Dazu muss sich das Pferd mit der Hinterhand richtig anschieben, um wieder Tempo aufzunehmen", so Butry. Mit dieser Übung integrieren Sie für ein paar Tritte zugleich bereits versammelnde Arbeit in Ihr Training. Wer hier schon weiter ist, kann auch Schulterherein im verkürzten Trab reiten und das Pferd anschließend im Geradeaus vorwärts schicken.

"Das Pferd muss erst lernen, auf den Schenkel zu reagieren"

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Lisa Rädlein
Gunnar Wiedner ist Légèreté-Ausbilder und bildet sich regelmäßig bei Philippe Karl weiter. Er findet: Jeder kann von Ideen der Légèreté profitieren.

Gunnar Wiedner ist Légèreté-Ausbilder und bildet sich regelmäßig bei Philippe Karl weiter. Er findet: Jeder kann von Ideen der Légèreté profitieren.

Im Ausbildungssystem der Ecole de Légèreté spricht man statt von "Schwung" wie in der FN-Skala von "Impulsion" – sie bezeichnet die Reaktivität des Pferds auf den Schenkel, wie Gunnar Wiedner erklärt. Gehfreude spielt also hier wie dort eine wichtige Rolle für korrektes Reiten. Dass der Schenkelimpuls des Reiters Vorwärts bedeutet, muss das Pferd aber erst lernen. Darum verknüpft Gunnar Wiedner den Schenkelimpuls im Sattel bei jungen Pferden mit der Gerte. Diese lernen sie zuvor schon vom Boden aus als treibende Hilfe kennen. Der Ausbilder tippt beim Reiten mit der Gerte direkt hinter seinem Schenkel an. "Reagiert das Pferd nicht, erhöhe ich die Frequenz", erklärt er.

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Lisa Rädlein
Für ein schwungvolles Vorwärts muss das Pferd fein auf den Schenkel reagieren und soll das Tempo halten, ohne langsamer zu werden oder wegzueilen.

Antwortet das Pferd wie gewünscht mit einem Vorwärtsimpuls, lobt er. Etwas entlastend zu sitzen, macht es dem Pferd leichter. "Wichtig dabei: Ich bremse in dem Moment nicht mit der Hand – ich nutze immer entweder Hand oder Bein." Das Pferd soll in der Bewegung sein Tempo selbständig beibehalten. "Wird es langsamer, protestiere ich mit der Gerte", erklärt Wiedner. "Nur wenn ich das Grundtempo erhöhen möchte, komme ich mit dem Bein. So stumpft das Pferd nicht gegenüber dem Schenkel ab", erklärt der Légèreté-Ausbilder seine Hilfengebung.

Dieses Vorgehen ist nicht nur das Richtige für Jungpferde, sondern kann auch triebige Pferde wieder reaktiver auf die Schenkelhilfen machen.

"Überstreichen in der Verstärkung ist die perfekte Selbstkontrolle"

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Lisa Rädlein
Bianca Rieskamp ist Pferdewirtin und Reitpädagogin. Sie unterrichtet klassische Reitlehre und Freiheitsdressur.

Bianca Rieskamp ist Pferdewirtin und Reitpädagogin. Sie unterrichtet klassische Reitlehre und Freiheitsdressur.

Wenn es um das Thema Schwung geht, warnt Ausbilderin Bianca Rieskamp vor Übereifer: "Es besteht die Gefahr, zu viel und zu eilig vorwärtszureiten, um Schwung zu erzeugen. Daraus entsteht Spannung im Pferd, was dazu führt, dass der Reiter das Pferd festhält, worunter die leichte Anlehnung leidet", erklärt sie den Teufelskreis. Doch sie verrät auch, wie man gar nicht erst hineingerät: auch in den Verstärkungen immer wieder mit beiden Zügeln überstreichen. "Damit überprüft der Reiter, ob das Pferd davoneilt und kontrolliert die Selbsthaltung", erklärt sie. Auch eine Rahmenerweiterung wird so möglich.

Ein weiterer Vorteil, der für das Überstreichen in den Verstärkungen spricht: Der Reiter muss dabei unabhängig von der Hand sitzen und kann sich nicht an den Zügeln festhalten. Das sollte auch nicht nötig sein, denn richtig entwickelter Schwung nimmt den Reiter in die Bewegung mit.

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Lisa Rädlein
Volle Konzentration im Galopp beim Sprünge zählen. Der Pferdeschweif pendelt locker.

Vertrauen Sie Ihrem Pferd blind? Jedenfalls sollten Sie Ihren Ohren trauen und die Augen auch in der Verstärkung ruhig mal ein paar Momente schließen, um sich auf Gefühl und Gehör zu konzentrieren. Hört man das Pferd in der Verstärkung laut stampfen, ist sie nicht korrekt. "Die Bewegungen des Pferds sollen weiterhin fließend, elastisch und damit nicht verschleißend sein", erklärt Bianca Rieskamp.

"Man kann den Reitschüler dabei auch an die Longe nehmen und Verstärkungen auf einem durchlässigen Pferd reiten lassen, um das Gefühl zu schulen – und zwar mit offenen und geschlossenen Augen. Dabei geht der Longenführer etwas mit, um dem Pferd mehr Raum für die Verstärkungen zu lassen, die nicht so ausgeprägt sein müssen wie später auf der ganzen Bahn", erklärt die Reitlehrerin. Damit der Takt vor lauter Fokus auf den Schwung nicht verloren geht und Schwungentwicklung nicht zu eiligem Reiten führt, hilft es vor allem im Galopp, die Sprünge in der Verstärkung mitzuzählen. Müssen Sie schneller zählen, ist das Pferd eilig geworden.

"So erzieht sich der Reiter auch zu gleichmäßigem Treiben und vermeidet, dass er das Pferd mit seinen Hilfen quasi überfällt", erklärt Bianca Rieskamp.

Das sind die bisherigen Teile unserer Serie "Die Ausbildungsskala":

Die aktuelle Ausgabe
12 / 2022

Erscheinungsdatum 23.11.2022

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