Titelthema volle Konzentration Lisa Rädlein

Warwick Schiller

So machen Sie Ihr Pferd aufmerksam

Pferdetrainer Warwick Schiller zieht Pferde mental in Bann – und steuert sie mit der Kraft seiner Gedanken. Wir verraten sein Grundrezept für aufmerksame Pferde und zeigen drei Übungen aus Schillers Trainingskonzept.

Meditation habe vieles in seinem Leben verbessert, sagt Warwick Schiller – und er meint damit auch die Arbeit mit den Pferden. Der Pferdeausbilder trainierte viele Jahre auf der Grundlage des klassischen Natural Horsemanship. Bis er herausfand, wie fein die Antennen der Pferde für seine Atmung, Gedanken und Gefühle sind – und begann, damit zu arbeiten: Seine Pferde reagieren scheinbar ohne Hilfen. Von dieser Idee fasziniert, reisten die österreichischen Horsemanship-Trainerinnen Barbara Dorfmeister und Simone Braun nach Kalifornien, um Schiller auf seiner Ranch zu besuchen.

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Konzentration beim Pferd Voll bei der Sache - Übungen für mehr Aufmerksamkeit
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„Teaching to be present“

Der Pferdetrainer nutzt die Kraft seiner Gedanken zunächst als erste Energiestufe, um dem Tier eine Aufgabe zu stellen. Danach steigert er die physischen Hilfen schrittweise, bis es reagiert. Diese Hilfen fährt er nach und nach wieder zurück – bis das Pferd sich scheinbar nur auf seine Gedanken hin bewegt. Scheinbar?

„Pferde lesen unsere innere Einstellung, unsere Energie, unsere Aufmerksamkeit und unsere Präsenz, die wir für sie durch unser Unterbewusstsein sehr eindeutig körpersprachlich zum Ausruck bringen“, erklärt Schiller. Nur wer bei der Arbeit mit dem Pferd konzentriert bei sich und dem Tier ist, darf auch von seinem vierbeinigen Partner die volle Aufmerksamkeit erwarten.

Wie das gelingt, können Sie lernen: mit den folgenden drei Übungen aus Warwick Schillers Trainingskonzept „Teaching to be present“.

Startschuss fürs Training: Still stehen und aufmerksam sein (Basisübung)

Wenn das Pferd nicht ruhig neben Ihnen stehen kann, liegt seine Aufmerksamkeit überall sonst in Ihrem Umfeld – nur nicht bei Ihnen. Mit der folgenden Übung rücken Sie sich in den Fokus.

Ihre Position: Etwa einen Meter neben dem Pferd, Blick auf den Boden richten. Die linke Hand hält das durchhängende Führseil, die rechte Hand einen Stick (an dem Sie ein Stück Stoff oder Plastik als Fahne befestigen können).

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Stillstehen kann Milo gut. Nur die Ohren sind noch woanders. Wäre er aufmerksam bei Paulina, würde eines seiner Ohren in ihre Richtung zeigen.

So geht’s: Geht das Pferd los und auf dem Seil entsteht Zug, mit der Fahne seitlich Richtung Flanke wackeln oder die Fahne vom Pferdebauch Richtung Flanke streichen. Dabei drehen Sie sich gegebenenfalls um die eigene Achse mit. Gehen Sie nie rückwärts, denn dadurch animieren Sie das Pferd, dass es sich zu Ihnen bewegt. Das Pferd soll auf die Fahne reagieren, indem es mit der Hinterhand weicht, stehenbleibt und Sie anschaut. Dann sofort das Führseil locker lassen und entspannen. Das Prinzip dieser Übung: Wir sagen dem Pferd nicht, was es nicht tun soll (bewegen), sondern was es tun soll (stehen und uns anschauen).

Die Bewegungen des Pferds werden sich reduzieren und es wird länger stehen bleiben, Ihnen seine Ohren zuwenden und Entspannungszeichen zeigen (Kopf senken, Kopf schütteln, abschnauben, lecken und kauen). Die Verbindung zu Ihnen ist da, sobald es Sie länger anschaut. Nun atmen Sie tief in den Bauch hinein, ohne dem Pferd in die Augen zu schauen. Bitte bewegen Sie sich nicht und verzichten Sie darauf, das Pferd zu berühren. Das ist der Startpunkt des „Teaching to be present“ und der erste Schritt, zum Mittelpunkt Ihres Pferds zu werden. Lassen Sie Ihr Tier wieder zurück auf die Koppel bzw. in die Box, damit es die Übung verarbeiten kann.

Probleme lösen:

• Das Pferd bewegt sich am durchhängenden Führseil? Keine Aktion erforderlich. Erst wieder bei gespanntem Führseil wie eben beschrieben reagieren.
• Das Pferd wiehert nach seinen Artgenossen? Keine Aktion erforderlich.
• Das Pferd bleibt am durchhängenden Führseil stehen und schaut sich um? Keine Aktion erforderlich.
• Das Pferd drängt Sie ab oder rempelt Sie an? Auf das Pferd zugehen, damit es weicht, ggf. mit Fahne Richtung Schulter unterstützen.
• Das Pferd beginnt zu traben/galoppieren? In der Nähe einer Begrenzung (Bande) arbeiten und es dagegen lenken, damit es stehenbleiben muss.

Ruhiges Zirkeln mit Energie und Körpersprache (Übung am Boden)

Nun bauen Sie die Verbindung zum Pferd weiter aus: Sie schicken das Pferd auf den Zirkel und laden es nach wenigen Tritten wieder zu sich ein. Das Pferd soll lernen, auf Ihre Körpersprache und Energie zu reagieren. Bei dieser Übung achten Sie auf das Ohrenspiel: Zeigt ein Ohr in Ihre Richtung, haben Sie die Aufmerksamkeit Ihres Pferds.

Ihre Position: Etwa ein bis zwei Meter frontal vor dem Pferd. Die linke Hand hält das durchhängende Führseil, die rechte Hand einen Stick mit Fahne.

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Paulina braucht noch viel Energie, um Milo auf den Zirkel zu schicken.

So geht's: Arbeiten Sie mit folgenden Energiestufen (Beispiel linke Hand):

1. „Mental Picture“ – Stellen Sie sich vor, wie das Pferd mit der Schulter weicht und im Schritt im Zirkel links um Sie herumgeht.

2. Seilarm langsam nach links zur Seite heben, Blick auf die linke Pferdeschulter richten.

3. Einen Schritt auf die linke Pferdeschulter zugehen, dabei die eigene Körperenergie aktivieren, Oberkörper etwas nach vorne beugen und „Energie-Blase“ (siehe unten) Richtung Pferd verschieben.

4. Mit der Fahne seitlich wackeln, je nach Sensibilität und Reaktion gegebenenfalls deutlicher werden, indem Ihre Bewegungen größer werden oder Sie nach vorne Richtung Pferdeschulter wackeln oder diese berühren (denn das Pferd soll mit der Schulter ja nach außen weichen).

Geht das Pferd los, richten Sie den Blick etwas hinter die Reiterschenkellage (mittlerer Rippenbogen), reduzieren Ihre Energieeinwirkung und drehen sich um Ihre eigene Achse in die Bewegungsrichtung.

Nach wenigen Tritten laden Sie das Pferd ein, zu Ihnen zu kommen: Ihr Blick wechselt auf die Hinterhand, Sie gehen gleichzeitig mehrere Tritte rückwärts, schalten Ihre Energie-Blase aus und richten Ihren Blick auf den Boden, damit das Pferd auf Sie zukommen kann. So laden Sie Ihr Pferd ein, Sie anzusehen und zu Ihnen eine Verbindung herzustellen.

Gehen Sie rückwärts, bis beide Pferdeohren nach vorne klappen. Dann sofort stehenbleiben und mit Pause und positiven Gedanken belohnen. Das ist der Moment, in dem die Aufmerksamkeit voll auf Sie gerichtet ist und die Verbindung entsteht.

Probleme lösen:

• Das Pferd kann nicht ruhig frontal vor Ihnen stehen bleiben und bewegt sich mal nach rechts, mal nach links? Gehen Sie zurück zur Basisübung 1: Sobald sich das Führseil strafft, mit der Fahne die Hinterhand verschieben.
• Das Pferd kommt uneingeladen zu Ihnen herein? Vielleicht ist Ihr Blick unabsichtlich zu weit nach hinten auf die Hinterhand gefallen. Ihr Blick soll beim Zirkeln permanent auf Höhe der Reiterschenkellage liegen.
• Das Pferd reagiert nicht auf Ihre Einladung und läuft weiter? Womöglich haben Sie den Stick unabsichtlich auf das Pferd gerichtet. Haben Sie Ihre Energie-Blase rechtzeitig deaktiviert? Lösung: Mit dem Rücken zu einer Begrenzung (Bande) gehen, bis Sie anstoßen und Energie (Blick, gegebenenfalls Stick) Richtung Hinterhand schicken. An der Begrenzung muss das Pferd stehen bleiben. Anschließend gehen Sie am Hufschlag ein paar Tritte rückwärts, laden das Pferd zu sich ein und bleiben stehen. Mit einer Pause belohnen und Energie-Blase herunterfahren. Läuft das Pferd wieder in die andere Richtung davon, wiederholen Sie das Gleiche – bis es länger stehenbleiben kann und seine Aufmerksamkeit auf Sie richtet.
• Das Pferd kommt Ihnen zu nahe oder bedrängt Sie? Sofort wieder auf den Zirkel schicken. Auf das Pferd energisch zugehen, damit es weicht, gegebenenfalls die Energieeinwirkung mit Stick Richtung Schulter unterstützen.

Mentales Bild und Energie-Blase:

Bild im Kopf: Bevor Sie Ihr Pferd zu einer Übung auffordern, stellen Sie sich diese zunächst bildlich vor. Warwick Schiller spricht davon, ein „mental picture“ entstehen zu lassen.

Energie an- und ausschalten: Ihre Energieaura umhüllt Sie wie eine große Blase. Stellen Sie sich diese vor wie Ihr persönliches Kraftwerk, das Sie nach Bedarf ein- und ausschalten können. Schalten Sie es ein, indem Sie sich vorstellen, groß und stark zu sein. Schalten Sie es aus, indem Sie sich entspannen und tief ausatmen.

Die „Rechts/Links-Aufgabe“ (Übung im Sattel)

Diese Übung erhöht nicht nur die Aufmerksamkeit des Pferds, sondern lehrt es auch, auf die Fragen des Reiters zu warten und auf geraden Linien zu gehen. Außerdem kann sie angespannte Pferde lösen und beruhigen.

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„Mit dieser Übung konnte ich Milos Aufmerksamkeit wieder gut auf mich lenken“, berichtet Paulina Ulherr.

So geht's: Beide Zügel vor dem Sattel in eine Hand nehmen und locker durchhängen lassen. Sie reiten im Schritt. Ihr Pferd kann frei entscheiden, wohin es gehen möchte. Sobald es in eine neue Richtung abbiegt, lenken Sie in die entgegengesetzte Richtung, indem Sie mit der Hand langsam an einem Zügel hinabgleiten, die Finger schließen und den Zügel sanft waagerecht auf Höhe des Oberschenkels ziehen (Hand nicht auf den Oberschenkel legen, sonst bleibt das Pferd stehen). Schlägt das Pferd die neue Richtung ein und das innere Ohr bewegt sich nach hinten zu Ihnen, Zügel sofort fallen lassen. Sie signalisieren dem Pferd dadurch: „Ich merke, dass du deine Aufmerksamkeit auf mich richtest.“ Ihr Pferd wiederum denkt in die neue Richtung und nimmt Verbindung zu Ihnen auf. Durch den fallenden Zügel belohnen Sie diese Reaktion.

Für Pferde mit „Torschlusspanik“

Durch die ständig wechselnden Richtungen lernt das Pferd, keine eigenen Entscheidungen zu treffen, sondern konzentriert auf den Reiter zu warten. Diese Übung eignet sich besonders gut für Pferde, die stark Richtung Ausgang drängen. In diesem Fall achten Sie darauf, das Pferd immer möglichst in die entgegengesetzte Richtung abbiegen zu lassen.

Wichtig bei dieser Übung: Lassen Sie das Pferd zuerst den „Fehler“ (also die Richtungsänderung) machen. Danach reagieren Sie sofort (binnen zwei Sekunden) mit „Gegenlenken“.

Praxis-Check:

Auch die Autorinnen haben die Übungen, die sie bei Warwick Schiller kennengelernt haben, zu Hause mit ihren Pferden ausprobiert. Das sind ihre Erfahrungen:

01 Startschuss fürs Training: Still stehen und aufmerksam sein: Im gewohnten Umfeld fällt uns diese Übung leicht. In der freien Natur fällt es einem unruhigen Pferd schwer, sich länger auf uns zu konzentrieren. Da es die Übung aber bereits kennt, kommen wir sehr bald zu einem schönen Ergebnis und belohnen es mit Grasen.

02 Ruhiges Zirkeln mit Energie und Körpersprache: Besonders das phlegmatische Pferd reagiert auf unsere Energie wesentlich feiner als auf die Hilfen mit dem Stick. Unsere eigene Präsenz verbessert sich deutlich. Noch nie haben wir uns dermaßen auf das Lesen des Ohrenspiels konzentriert.

03 Die „Rechts/Links-Aufgabe“: Ist besonders effektiv bei einem dominanten Pferd, das gerne seine eigene Meinung durchsetzt. Durch den ständigen Wechsel der Bewegungsrichtung erhalten wir auf sanfte Weise mehr Aufmerksamkeit.

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