Working Equitation Lisa Rädlein

Working Equitation

Darum wollen immer mehr Reiter Worker werden

Eigentlich wollten sich nur ein paar südeuropäische Rinderhirten in ihrem Können zu Pferd messen. Daraus entstand die Working Equitation. Wir verraten, was die Disziplin so anziehend macht.

Schnell im Galopp durch den Slalom, dann in Windeseile um zwei CAVALLO-Helfer herum, seitwärts über eine Stange und ab ins Ziel. Wie rasant und spaßig es bei der Working Equitation zugeht, zeigten die amtierende Teamweltmeisterin Mirjam Wittmann und drei weitere Reiterinnen bei der diesjährigen CAVALLO ACADEMY am 29. Juni 2019 auf Schloss Wickrath/Mönchengladbach.

Teamgeist, Rittigkeit und Nervenstärke sind gefragt

Zwei Teams mit je einem Profi und einem Working-Equitation-Neuling traten gegeneinander an. Die 33-jährige Horsemanship-Expertin Claudia Miller wagte den Parcours sogar ohne Sattel und nur mit Halsring. Das Publikum feuerte die Reiterinnen lautstark an. Pferdetrainerin Yvonne Gutsche (38 Jahre) und Mirjam Wittmann (42 Jahre) waren am schnellsten. „Es hat mega viel Spaß gemacht“, sagt Yvonne Gutsche. Nicht nur die Reiterinnen hatten richtig viel Spaß, auch für viele Besucher war dieses Battle das Highlight unserer diesjährigen Veranstaltung.

Faszinierend war nicht nur die Begeisterung im Publikum, sondern auch die Reaktion der beiden Pferde, für die diese Art von Wettbewerb und die Trail-Hindernisse neu waren. Quarter-Horse-Stute Chex Me von Yvonne Gutsche stand schön an den Hilfen. Und Claudia Miller aus Solingen fand: „Meine Stute Gipsy war sehr aufmerksam und wir konnten gut im Team zusammenarbeiten. Die Abwechslung hat uns sehr gutgetan.“

Wettbewerbe für Worker werden turniertauglich

Ob CAVALLO ACADEMY, Equitana oder Americana, auf jeder großen Pferdeveranstaltung steht momentan Working Equitation auf dem Programm. Selbst auf Turnieren wie der „Pferd International“ in München gibt es neben den klassischen Dressur- und Springprüfungen mittlerweile ebenso Wettbewerbe für „Worker“, wie die Reiter der Working Equitation umgangssprachlich genannt werden.

Und auch hier fiebern nicht nur eingefleischte Turnierfans mit, sondern ebenso überraschend viele Freizeitreiter, die der klassische Turniersport wie Dressur und Springen nicht mehr interessiert. Was löst diese Begeisterung bei Zuschauern und Reitern aus? „Für die Zuschauer hat die Working Equitation einen entscheidenden Vorteil“, sagt Volker Raulf (60 Jahre) aus Mönchengladbach, der auf Events wie der CAVALLO ACADEMY oder Equitana moderiert. „Man darf anfeuern und jubeln. Das ist ja während klassischer Dressur- und Springprüfungen eher nicht erwünscht.“

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Thomas Hartig

Großes Grillfest statt bierernster Wettbewerb

Das finden auch immer mehr Reiter gut. „Noch vor ein paar Jahren hatten wir oft nur zwei Hände voll Starter auf unseren Turnieren“, berichtet Mirjam Wittmann, die in Grafing bei München in Bayern lebt und sich auch als Bundestrainerin der deutschen Worker-Jugend engagiert. „Heute haben wir teilweise weit über 100 Nennungen.“

Vor allem die Anmeldungen in den einfachen Klassen nehmen zu. „Ich glaube, dass die Hemmschwelle, sich bei uns anzumelden, nicht so hoch ist wie auf einem normalen FN-Dressurturnier. Wir reden miteinander und tauschen uns aus. Das ist eher wie ein großes Grillfest als ein bierernster Wettbewerb“, sagt Wittmann.

Auch ein Haflinger oder Tinker taugt zum Worker

Auch die Voraussetzungen, um überhaupt bei der Working Equitation mitzumachen, sind andere. „Selbst für leichte Dressur- und Springprüfungen braucht man heutzutage ja schon richtig gute Pferde, um auf den vorderen Plätzen zu landen. Aber wer bitte will und kann sich so ein Pferd leisten?

Außerdem haben viele Reiter gar kein Warmblut, sondern einen Andalusier, Tinker oder Haflinger im Stall stehen“, sagt Mirjam Wittmann, die erfolgreich S-Dressuren geritten ist, bis sie mit einem Lusitano an den Start von FN-Turnieren ging. „Plötzlich kam ich nicht mehr über den 4. Platz hinaus. Ich hatte keine Chance mehr gegen die Warmblüter. Das und das blöde Gerede der Leute am Viereck war ich irgendwann leid“, berichtet sie.

Wittmann hängte ihre Dressurkarriere an den Nagel. Stattdessen startete sie bei Working-Equitation-Turnieren und landete mit ihrem damals bereits über 20-jährigen Lusitano auf den vordersten Plätzen. Im vergangenen Jahr gelang ihr dann der Super-Erfolg mit einem PRE: Sie wurde Weltmeisterin mit der deutschen Mannschaft. Die anderen Pferde des WM-Teams waren übrigens ein Oldenburger, ein Golden Pinto und ein Trakehner.

Die meisten Pferderassen sind geeignet

Rasse und Kaufpreis des Pferds sowie die Reitweise sind egal. „Wir Worker sind da sehr tolerant“, berichtet Mirjam Wittmann. „Unsere Pferde müssen gerne mit dem Menschen zusammenarbeiten und mitdenken sowie geschickt, ausdauernd, nervenstark und rittig sein. Solche Talente findet man in jeder Rasse.“ Anders als in „normalen“ Dressurprüfungen ist zum Beispiel das Gangpotenzial weniger entscheidend.

Auch das Outfit von Pferd und Reiter ist zweitrangig. Es gibt Worker im Dressur- sowie im Westernsattel. Andere Reiter schwören auf spezielle Working-Equitation-Modelle. Die Vielfalt der Working Equitation zeigt sich nicht nur bei den unterschiedlichen Pferden und dem Equipment, sondern ebenso in den vier Teil-Disziplinen, die dazugehören: Dressur passend zur Lieblingsmusik des Reiters, Trail-Parcours mit verschiedenen Hindernissen, Speed-Trail auf Zeit und Rinderarbeit.

Vielseitige Arbeit auf dem Trail

Die Working Equitation ist auf Vielseitigkeit ausgelegt. „Diese Disziplin fordert das Pferd auf allen Ebenen“, sagt Parelli-Instruktor Ralf Heil (54 Jahre) aus Geisenheim in Hessen, der seit ein paar Jahren Working Equitation lernt. Für ihn ist die Disziplin die perfekte Ergänzung zum Horsemanship-Programm von Pat Parelli. Er fasst die Vorteile so zusammen: „Die Dressur fordert das Pferd körperlich, der Trail ist vor allem Kopfarbeit und die Rinderarbeit spricht das Pferd auf emotionaler Ebene an.“

Letzteres bedeutet: Eher ängstliche Kandidaten wachsen am Rind über sich hinaus und werden mutiger; selbstbewussten und intelligenten Pferden bieten die Rinder eine abwechslungsreiche Herausforderung. Die Pferde arbeiten dementsprechend gerne mit.

Rinderarbeit fordert nicht nur das Pferd, sondern auch den Reiter. In der Königsdisziplin der Working Equitation werden alle Fähigkeiten im Sattel gleichzeitig abgefragt. Bei den Zuschauern stößt diese Teil-Disziplin jedoch an Grenzen ihrer Akzeptanz. Nicht jeder findet die Rinderarbeit gut – aus Tierschutzgründen. „Das ist ein großer Diskussionspunkt“, sagt Gernot Weber (39 Jahre) aus Behringen in der Lüneburger Heide, Mitglied der nationalen Working-Equitation-Mannschaft. „In Deutschland wurde das Reglement immer wieder angepasst, um die Prüfung für die Rinder so stressfrei wie möglich zu gestalten.“

Tierschützer protestieren gegen Rinderarbeit

Eine wichtige Änderung bei nationalen Wettbewerben: „Früher wurde im Team getrieben. Das erzeugte einen größeren Druck auf die Rinder. Heute geht man alleine rein und muss sehr vorsichtig agieren, um nicht die ganze Herde in Bewegung zu setzen, denn es darf nur ein Rind über die festgelegte Linie laufen.“ Außerdem müssen die Reiter einen „Rinderschein“ vorweisen (siehe „Rinderarbeit“). „Soweit mir bekannt ist, wurde noch nie ein Rind bei einem Working-Wettbewerb in Deutschland verletzt“, ergänzt Weber.

Je beliebter die Working Equitation wird, desto mehr stehen auch die Reiter im Fokus der Öffentlichkeit. „Vorbei sind die Zeiten, wo man sich nur zum Feiern und Reiten traf“, schmunzelt Gernot Weber und gibt zu: „Damals sind wir schon etwas ruppiger mit den Pferden umgegangen. Fehlendes reiterliches Können haben wir durch viel Aktion am Zügel ausgeglichen.“

Von ruppig zu feinem Reiten

Heute sieht man vielerorts ein anderes Niveau. Auf feines Reiten wird immer mehr Wert gelegt. Die Top-Worker zeigen präzise ausgeführte Lektionen, Eleganz sowie Pferde, die sich leicht durch den Parcours steuern lassen. „Der Anspruch an Pferd und Reiter ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen“, berichtet Gernot Weber. „Die Disziplin an sich hat sich nicht verändert, es kommen aber immer mehr gute Reiter aus anderen Reitweisen dazu. So manch ein erfolgreicher Worker von früher zieht heute ein langes Gesicht, weil er bei dem Niveau nicht mehr mithalten kann.“

Auch Gernot Weber und seine Kollegen haben an ihren reiterlichen Fähigkeiten gefeilt. „Ich möchte mit meinem Pferd ein harmonisches Team bilden“, sagt er. „Außerdem haben wir festgestellt, dass jede grobe Hilfe im Parcours Zeit kostet. Je rittiger das Pferd, desto schneller sind wir im Speed-Trail und desto besser meistern wir auch die anderen Teil-Disziplinen.“

Wie gut die Jungs mittlerweile sind, haben sie im vergangenen Jahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die drei Männer mit Mirjam Wittmann als einzige Frau im Team setzten sich gegen die starke Konkurrenz aus Portugal und Frankreich durch und wurden Teamweltmeister.

Gute Gymnastik und Vertrauen

Wie trainiert man dafür? „Um so gut zu werden, braucht es zwar viel Übung, aber längst nicht jeden Tag eine Rinderherde oder aufwändige Trail-Hindernisse“, sagt Mirjam Wittmann. Das Geheimnis der Profis: „Wir setzen auf ein gut gymnastiziertes, extrem rittiges Pferd, das dem Reiter vertraut. So meistern die Pferde auch Situationen, die sie noch nicht kennen“, verrät die Trainerin.

Wie gut diese Strategie aufgeht, bestätigt Wittmanns Schülerin Lea-Sophie Jell aus Breitbrunn am Chiemsee. „Durch die Working Equitation entsteht eine sehr intensive Verbindung zum Pferd“, sagt die 16-jährige Reiterin. Sie postet auf Instagram (@lea_jell_working_equitation) über Working Equitation und hat über 123 000 Follower.

Ein rittiges Pferd, das dem Reiter in jeder Situation vertraut und fein an den Hilfen steht – das wünschen sich nicht nur Worker, sondern ebenso viele andere Reiter. „Auch für Freizeitreiter ist unsere Disziplin ideal“, sagt Mirjam Wittmann. Einfache Trail-Elemente wie Pylonen und Stangen sind da hilfreich: Der Fokus geht weg von der Technik zur konkreten Aufgabe. „Man lernt intuitiver zu reiten und Lektionen wie Schulterherein oder Travers und sogar fliegende Galoppwechsel auf eine spielerische Art zu erarbeiten“, sagt die Trainerin.

Speed-Wissen: Woher kommt Working Equitation?

Die vergleichsweise junge Sportart hat sich aus der traditionellen Arbeitsreitweise der Rinderhirten in Portugal, Spanien, in der französischen Camargue und im italienischen Maremma entwickelt. Von dort kam die Working Equitation vor rund zehn Jahren nach Deutschland.

Das erste große Turnier in Deutschland fand 2008 in Pullman City in Eging am See statt. 2018 wurde das deutsche Team in München erstmals Weltmeister mit der Mannschaft.

Zur Working Equitation gehören vier Teil-Disziplinen: Dressur, Stil-Trail, Speed-Trail und Rinderarbeit. Die Teil-Disziplinen orientieren sich an den Anforderungen an Arbeitspferde und ihre Reiter bei der Rinderarbeit auf freiem Feld.

Working Equitation als Turniersportart ist in Deutschland – ähnlich wie in der Dressur – in die Klassen E bis S eingeteilt. E und A sind die Klassen für Einsteiger. Dabei wird eine Dressur- und eine Stil-Trail-Aufgabe geritten. Ab Klasse L kommen Speed-Trail und Rinderarbeit hinzu. Die Klasse S wird auch als Masterclass bezeichnet.

Was ist ein Speed-Trail?

Bei diesem Hindernisparcours wird die Zeit gestoppt, für Fehler werden Strafsekunden notiert. Meist ist der Speed-Trail so aufgebaut, dass ein Durchrasen nicht möglich ist. Passagen mit mehr Versammlung und Sprints wechseln sich hier ab. Die Pferde müssen also dementsprechend rittig sein und gut an den Hilfen stehen.

Was ist ein Stil-Trail?

Bei dieser Disziplin müssen Hindernisse wie Seitwärts über eine Stange, Slalom oder Öffnen und Schließen eines Tors sauber und korrekt absolviert werden. Dabei kommt es auf Rittigkeit, Vertrauen und Gehorsam an. Auf dem Platz steht je nach Leistungsklasse ein Parcours mit zehn bis 15 Hindernissen.

Working Equitation und Rinderarbeit

In der Königsdisziplin muss der Reiter auf nationalen Turnieren innerhalb von 100 Sekunden ein Rind aus einer Herde trennen und es über eine vorher festgelegte Linie treiben. Bevor Reiter auf einem Turnier mit Rindern arbeiten dürfen, müssen sie in einem Kurs einen sogenannten Rinderschein erwerben. Dieser dient der Gewöhnung des Pferds an die Kühe, ist aber auch aus Tierschutzgründen erforderlich, damit die Reiter wissen, wie sie die Rinder richtig einschätzen und möglichst stressfrei behandeln.

Working Equitation ist auch Dressur

Die klassische Dressur ist bei der Working Equitation zwar der unspektakulärste Teil, aber eine unverzichtbare Basis. Bei Wettbewerben wird zu Musik geritten; die Lektionen entsprechen der Leistungsklasse der Prüfung. Erwünscht ist ein durchlässiges, rittiges Pferd.

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