Wie Freiarbeit auch das Reiten verbessert

Besser reiten dank Freiarbeit

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Besser reiten dank Freiarbeit

Fotostrecke

Freiarbeit wird oft unterschätzt und als Spielerei gesehen. Dabei ist sie ein geniales Training fürs Reitpferd – mental und körperlich.

Freiarbeit mit Pferden ist gerade hip. Vor allem junge Mädchen zeigen in zahlreichen Videos im Internet, wie sie ohne Halfter und Strick mit ihren Pferden über Wiesen rennen, sie steigen lassen oder im Kompliment ablegen.

Ganz klar: Die spielerische Beschäftigung mit dem Pferd am Boden fördert die Kommunikation und stärkt die Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Aber dass die Freiarbeit auch für die Ausbildung unter dem Sattel unglaublich viele Vorteile bringt, wird oft unterschätzt.

Motivation zeichnet Freiarbeit aus

Motivation ist der Faktor, der die Freiarbeit auszeichnet. „Ein frei laufendes Pferd kann sich dem Menschen viel leichter entziehen als beim Reiten oder der Bodenarbeit am Seil“, sagt Klassik-Dressurausbilderin Bianca Rieskamp (losgelassen-reiten.de). Der Mensch ist also in der Freiarbeit besonders darauf angewiesen, dass sein Pferd freiwillig mit ihm zusammenarbeitet. Er muss es überzeugen, dass die Arbeit Spaß macht und ihm guttut.

Für Westerntrainer Thomas Günther ist die Eigenmotivation des Pferds der größte Vorteil der Freiarbeit. „Die Aufgaben, die ich meinem Pferd stelle, führt es viel besser aus, wenn es Spaß daran hat. Es lernt sogar, sich aus eigenem Willen in gesunder Haltung zu bewegen. Stellung, Biegung und auch die Versammlung kommen von ganz alleine, ohne Zwang.“

Verstehen ist das A und O

Doch das Pferd muss nicht nur wollen, sondern auch verstehen. Bevor ein Pferd einer Hilfe folgen kann, muss es wissen, was der Reiter damit meint. Deshalb muss jede Hilfe klar und eindeutig sein. „Wer in der Freiarbeit herausgefunden hat, wie er seine Einwirkung, sein Lob und seine Korrektur richtig timen und dosieren kann, wird das auch im Sattel besser umsetzen können“, meint Bodenarbeits-Expertin Dr. Claudia Münch (bodenarbeit.net). Pferde, die mit ihrem Menschen gut kommunizieren, seien oft auch weniger schreckhaft, ergänzt die Trainerin. „Sie haben gelernt, sich auf den Menschen zu fokussieren.“

Auch wir lernen in der Freiarbeit, das Pferd zu verstehen. Mehr als das sogar: Wir lernen, uns voll und ganz aufs Tier einzulassen. Wer mit einem frei laufenden Pferd zusammenarbeiten möchte, muss ihm seine volle Aufmerksamkeit schenken. Während beim Reiten eine kurze Unterhaltung mit einem Zuschauer noch funktionieren mag, stören bei der Freiarbeit schon kleinste Ablenkungen.

„Ich muss im Hier und Jetzt sein“, erklärt Bianca Rieskamp. Das zu können, bringt unglaublich viel. „Indem ich mein Pferd genau beobachte, entwickele ich ein Verständnis für seine Bewegungen“, erklärt Bianca Rieskamp. „Wenn ich weiß, welche Bewegungen ihm schwerfallen, kann ich beim Reiten darauf Rücksicht nehmen.“

Freiarbeit als Grundlage für die Ausbildung

Freiarbeit legt also die Grundlagen für die Pferdeausbildung. Das Pferd entwickelt Spaß an der Zusammenarbeit mit dem Menschen und ein Verständnis für die Hilfengebung. Der Mensch wiederum lernt, sich in sein Pferd hineinzuversetzen, sich verständlich zu machen, genau zu beobachten und Probleme schneller zu erkennen. Auf dieser Basis kann das Pferd leichter als beim Reiten körperliche Fähigkeiten entwickeln und Lektionen lernen. Es wird kräftig und fit.

Auch Verhaltensforscher Professor Klaus Zeeb, der sich intensiv mit der Freiheitsdressur von Pferden im Zirkus beschäftigte, beobachtete, wie Freiarbeit dazu beiträgt, dass Pferd und Mensch sich gegenseitig kennenlernen. „Sie schafft Vertrauen, ohne das kein pferdegerechtes Training funktioniert.“ Fredy Knie senior (1920 – 2003), der als Begründer der pferdegerechten Freiheitsdressur im Zirkus gilt, sagte: „Jedes Pferd hat eine innere Kraft, und wenn es die behalten und entwickeln darf, hat es Freude an der eigenen Leistung und setzt diese Kraft für den Menschen ein.“

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Besser reiten dank Freiarbeit

Die korrekte Haltung kommt von ganz alleine: Mit zunehmender Ausbildung wird es sich dabei freiwillig in der Haltung bewegen, die es auch braucht, um den Reiter tragen zu können. Auch Stellung und Biegung sowie ein vermehrtes Untertreten der Hinterhand ergeben sich aus der eigenen Motivation des Pferds, weil es die Aufgaben, die ihm der Mensch stellt, erfüllen möchte.

Partnerschaftliches Pferdetraining

Aus der Partnerschaft wächst also die Bereitschaft, etwas zu leisten. Zeeb, der die Pferde Fredy Knies lange beobachtete, stellt fest: „Das Stadium der vollkommenen Dressur kann nur erreicht werden, wenn das Pferd Vertrauen zum Menschen hat und für das Verlangte geeignet ist. Jede Ausbildung, ob Freiheitsdressur oder unter dem Sattel, ist nur dann gut, wenn sie den Anlagen des Pferds entspricht.“

Knies Freiheitsdressur unterscheidet sich damit vom reinen Dressieren, also dem Abrichten der Pferde auf bestimmte Kunststücke, wie es zuvor praktiziert wurde. Weder die berühmte Kunstreiter-Familie Franconi im Pariser Cirque Olympique (19. Jahrhundert) noch der chinesische Kaiser Xuanzong (685 – 762), der sich zur Unterhaltung tanzende Pferde hielt, haben sich vermutlich Gedanken über partnerschaftliches Pferdetraining gemacht.

Auf Partnerschaft beruht auch die Horsemanship-Bewegung, die Reiter wohl am ehesten mit Freiarbeit in Verbindung bringen. Pat Parelli gründete 1982 ein Ausbildungskonzept, das heute weltweit verbreitet ist. Wer die sieben Spiele mit einem frei laufenden Pferd beherrscht, hat das höchste Ausbildungsziel erreicht und kann das Gelernte direkt aufs Reiten übertragen.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Besser reiten dank Freiarbeit

Probleme sehen und beim Reiten berücksichtigen: Ein großer Vorteil der Freiarbeit: Sie sehen, ob es Ihrem Pferd schwerfällt, bestimmte Bewegungen auszuführen – zum Beispiel die Biegung oder die innere Lastaufnahme auf einer bestimmten Hand. Am Boden können Sie gezielt daran arbeiten.

Was am Boden zwingend ist, nützt auch beim Reiten

Sie dürfen nur so viel verlangen, wie das Pferd leisten kann. „Mit hohen Erwartungen, Eile oder zu viel Druck erreiche ich gar nichts. All das darf im Pferdetraining aber generell keine Rolle spielen“, erklärt Pferdefachbuch-Autorin Karin Tillisch (persischer-pferdetanz.de).

Fragen Sie sich daher immer, welche Aufgaben das Pferd mental und körperlich erfüllen kann. „Junge Pferde etwa können sich nur wenige Minuten lang konzentrieren“ sagt Tillisch. „Ebenso sollten untrainierte Pferde nicht auf einem engen Zirkel laufen müssen. Das schaffen sie körperlich noch nicht.“

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Besser reiten dank Freiarbeit

Probleme sehen und beim Reiten berücksichtigen: Und beim Reiten helfen Ihnen Ihre Beobachtungen, weil Sie genauer einwirken und bewusst Rücksicht auf die Probleme Ihres Pferds nehmen können.

Finden Sie heraus, was Ihrem Pferd besonders liegt

... und was es weniger gut kann. Übungen, die es aus dem Effeff beherrscht, können Sie nutzen, um Ihrem Pferd nach einer schwierigen Aufgabe eine Pause zu gönnen und es motiviert zu halten.

Gehen Sie im Training auf seine Vorlieben ein, kann es sich frei entfalten. Es bekommt mehr Ausdruck, weil es sich in seinem Körper wohlfühlt – sowohl in der freien Arbeit wie auch unter dem Sattel. Dann kann Reiten sich so anfühlen und aussehen, wie es Freiheitsdressur-Meister Fredy Knie senior beschreibt: „Dressur ist sichtbar gemachte Liebe.“

Das ist übrigens unabhängig von der Reitweise. Sowohl die klassische Dressur als auch das Westernreiten verfolgen das Ziel, ein Reitpferd auszubilden, das sich unter dem Sattel gesund bewegen kann. Den Weg beschreibt die Skala der Ausbildung: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung (Nachgiebigkeit), Versammlung (Aktivierung der Hinterhand), Geraderichtung und Durchlässigkeit sind die gemeinsamen Ziele beider Reitweisen. Auf der Grundlage dieser Ausbildungsziele können Sie Freiarbeit gestalten – ein geniales Training, das sich fürs Reiten auszahlt. Wie es geht, lesen Sie im Artikel "Auf die klassische Tour".

18.12.2018
Autor: Nadine Szymanski
© CAVALLO
Ausgabe 12/2018