In welchem Stall fühlt sich mein Pferd wohl?

5 Ställe - 5 Möglichkeiten, Pferde unterzubringen

Foto: Lisa Rädlein

Fotostrecke

Woran erkennen Reiter, ob sich ihr Pferd im Stall wohlfühlt? Und was tun die Hofchefs dafür? Besichtigen Sie mit uns fünf Betriebe mit Boxen und Offenställen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Wie realistisch ist es, einen Wohlfühlstall fürs Pferd zu finden – und woran erkenne ich ihn? Als Reiter kann ich heute wählen, wie ich mein Pferd unterbringen möchte.

Aber welche Haltungsform passt zu meinem Pferd? Paddockbox, kleine Offenstallgruppe, moderner Bewegungsstall oder doch ein eigener Stall am Haus?

Loading  

Wie viel Wohlfühlqualität bietet der heimische oder ein möglicher neuer Stall fürs Pferd?

Um das herauszufinden, begibt sich CAVALLO auf Stallsuche. Wir picken uns einen Ort (Goslar/Niedersachsen) auf der Landkarte heraus und suchen nach Pensionsställen im Umkreis von rund 30 Minuten Fahrzeit: eine authentische Situation für einen Pferdebesitzer auf Stallsuche. Außerdem schauen wir uns eine Privathaltung am Haus an. Dabei möchten wir sehen, wie Hofbetreiber verschiedene Haltungssysteme in der Praxis umsetzen. Bewusst besichtigen wir Betriebe im Winter, wenn keine Weidesaison ist – gerade dann ist genug Auslauf oft ein Problem.

Wir checken: Was bieten die Pensionsbetriebe an? Was lassen sie sich einfallen, um Pferden das Leben schöner zu machen (siehe clevere Ideen)? Wo lauern Tücken? Wie verhalten sich die Pferde?

Bei der Wohnungssuche holen wir uns Rat vom Profi: Dr. Vivian Gabor begleitet uns. Sie forscht an der Uni Göttingen zum Verhalten von Pferden und baute selbst eine prämierte Anlage mit Aktivstall und Paddockboxen (www.ivk-menschundpferd.com).

Sie würden am liebsten Ihr Pferd fragen, ob ihm ein Stall gefällt? Unsere Expertin zeigt Ihnen, wie Sie das am Verhalten erkennen können und was in einem Stall für Wohlbefinden sorgt.

Reicht es nicht aus, sich auf ein Gütesiegel zu verlassen?

Für Laufställe gibt es etwa die LAG-Plakette. Vielleicht haben Sie auch schon ein FN-Schild gesehen, das Betriebe nach einem Sternesystem bewertet. Diese Gütesiegel zeigen, dass Prüfer die pferdegerechte Haltung abgenommen haben. Eine Nachprüfung ist meist nach drei Jahren fällig. Doch in der Zwischenzeit kann sich viel verändern. „Wer sich für einen Pensionsbetrieb interessiert, sollte sich Zeit für die Besichtigung nehmen“, rät Dr. Vivian Gabor.

Sie sind neugierig, worauf die Expertin beim Stall-Check alles achtet? Dann lassen Sie uns gemeinsam Stallluft schnuppern.

Gut Wennerode

Eine Herde mit 35 Pferden bewegt sich viel im großen AKTIVSTALL. Schleusen ermöglichen eine individuelle Fütterung.

Gut Wennerode: 5-Sterne-LAG-Stall, 2013 Sieger des LAG-Wettbewerbs
Betreiber: Landwirt Hauke Zeiser
Preis: 374 Euro (Vollpension)
www.gut-wennero.de

Das Gut Wennerode liegt abseits von Häusern im Grünen. Der Betrieb hat von 25 auf 35 Pferde aufgestockt: „Das entspricht einer Arbeitskraft und ist wirtschaftlicher“, erklärt Hofchef Hauke Zeiser. Wir sehen allerdings nur ein Pferd auf dem Paddock. Wo sind wohl die anderen? Ein Teil ruht in der mit Stroh eingestreuten Liegehalle. Zum Rest sind wir einige Minuten unterwegs – der Aktivstall bietet viel Platz. Auf dem Laufweg der Pferde liegt rutschfester Kunstrasen vom Fußballplatz. Top, darauf könnten Pferde trotz Frost sicher galoppieren!

Doch die Pferde malmen gerade Heu an der zeitgesteuerten Raufe: Alle drei Stunden gehen die Tore hoch und geben das Futter frei. Das soll verhindern, dass die Herde den ganzen Tag nur an der Raufe herumlungert. „Ein gutes System. Es kann aber dazu führen, dass die Pferde zu den Futterzeiten ans Heu drängeln“, meint Dr. Vivian Gabor. Das ist hier nicht der Fall: Die Tiere scheinen zu wissen, dass sie stets genug zu futtern haben. Einige dösen in der Morgensonne, andere fressen. Schleusen steuern, welche Pferde auf die Weide dürfen und für wen es Kraftfutter gibt. So ist individuelles Füttern in der Gruppenhaltung möglich. „Ein wichtiges Kriterium für Besitzer von Rehepferden“, erläutert die Expertin.

Fels-Hof Lengde

Vier Pferde wohnen im OFFENSTALL, Ponys in der LAUFBOX und die Reiter genießen familiäre Atmosphäre.

Fels-Hof Lengde: Offenstall für 4 Pferde, Laufbox, Paddockbox
Betreiber: Gesundheitstrainerin Sabine Fels
Preis: 300 Euro (ohne Kraftfutter)
www.barockenhexen.de

Der Betrieb von Sabine Fels ist familiär: Sieben Pferde leben dort. Der Offenstall grenzt ans Wohnhaus. Die Trainerin für klassisch-barocke Reiterei legt Wert auf Gesundheit: Die Pensionspferde bewegt sie täglich in der Führmaschine; die Einsteller können in der Reithalle an Boulderwand und Hängeleiter klettern.

Der Offenstallhaltung stand die Ausbilderin lange skeptisch gegenüber. Sie hatte den elterlichen Hof übernommen und die Boxenhaltung weitergeführt – „bis ich mich am Fuß verletzte und nicht mehr so viel führen wollte.“

Das Platzangebot ist begrenzt, aber gut durchdacht. Der überdachte Bereich des Offenstalls ist rund angelegt, der Ausgang groß – so geraten Pferde nicht in eine Sackgasse, wenn sie bei Streit ausweichen müssen.

Die Stuten und Wallache im Offenstall futtern entspannt. „Es sollte immer mehr Futterplätze geben als Pferde, damit auch Rangniedrige ans Heu kommen“, erklärt Vivian Gabor. Das ist hier gegeben und schafft Harmonie. Die ist in einer kleinen Gruppe nicht automatisch da: „Je mehr Pferde es gibt, desto mehr verteilt sich der Stress. Das zeigen Studien“, weiß die Forscherin. Die Gruppe sollte aber auch nicht riesig sein – das erschwert etwa Gesundheitskontrollen.

Lindenhof-Seesen

Aus einer Gärtnerei ensteht ein heller Wintergarten für Pferde mit PADDOCKBOXEN.

Lindenhof-Seesen: Paddock-, Innen- und Laufstallboxen, 40 Pferde
Betreiber: Pferdewirt Falko Kuster
Preis: 310 Euro (Vollpension)
www.lindenhof-kuster.de

Nun besuchen wir den Hof eines echten Pferdemanns: Falko Kuster ritt mit 14 Jahren sein erstes S-Springen auf einer selbst ausgebildeten Stute. Später lernte er Pferdewirt. Vor 18 Jahren baute er seine eigene Anlage. Er bietet ein Rundumpaket mit Pension und Unterricht. Die Qualifikation des Betreibers kann ein Kriterium für die Stallwahl sein: „Manchen Hofchefs fehlt Pferdeverstand. Kuster ist qualifiziert und als Ansprechpartner da“, sagt Dr. Gabor. Vor den Paddocks der Boxen sind Vorhänge. So können die Pferde wählen, ob sie rein oder raus wollen. „Die Tiere wirken zufrieden“, meint die Verhaltensforscherin (wie sie das an der Mimik erkennt, lesen Sie den 4-Punkte-Check für zufriedene Pferde).

Falko Kuster hat den Hof erweitert und eine Gärtnerei zu Paddockboxen umgebaut. Der Stall ist hell und luftig; das Dach lässt sich öffnen. Es gibt Bewegungshallen und Ausläufe – aber wenig Weide. Die Pferde können höchstens vier Stunden täglich grasen. Reicht die Zeit? „Das ist okay, weniger sollte es aber nicht sein“, sagt Dr. Gabor. Einsteller sollten die Reitzeiten dann so einrichten, dass sie dem Pferd keine Weidezeit stehlen.

Pferdehof Gitter

In der BOX schlafen und fressen die Pferde. Den Tag verbringen sie in Kleingruppen auf 20x20-m Ausläufen.

Pferdehof Gitter: „Offenstall-Boxen“, Innenboxen, 40 Pferde
Betreiber: Stallbauer Arne Köhne
Preis: 280 Euro (Vollpension)
www.pferdehof-gitter.de

Stadtnah an der Bahnlinie liegt der große Hof von Arne Köhne. 13 Hektar Weide grenzen direkt an. Der Stallbauer ist überzeugt von seinem Konzept, „Offenstall-Boxen“ nennt er es: tagsüber Auslauf, nachts Box. „Wir können jedes Pferd aufnehmen, außer Hengste.“ 12 Quadratmeter sind die Boxen groß. Die Stallgasse ist mit Windnetzen von den Gruppenausläufen abgetrennt. „So gelangen Luft und Licht in den Stall, es zieht aber nicht“, sagt Köhne.

Seine Frau Marina füttert morgens und bringt die Pferde dann auf die etwa 20 x 20 Meter großen Paddocks. „Die liegen zur Südseite, damit auch im Winter viel Sonnenlicht darauf strahlt und der Boden möglichst schnell abtrocknet.“

Auf den quadratischen Ausläufen haben die Pferde Sozialkontakt und sind schnell greifbar für die Besitzer – sie bewegen sich aber wenig, fällt uns am Besichtigungstag auf. „Von 10 bis 16 Uhr ist auch eine relativ lange Zeit ohne Futter“, meint Dr. Gabor. Der Stallbauer verzichtet bewusst darauf, um nicht Futterneid und Verletzungen zu provozieren. Im Sommer grasen die meisten Pferde auf der 24-Stunden-Weide. Damit die Reiter ihre Vierbeiner gut bewegen können, erneuert Arne Köhne derzeit Außenplatz und Longierzirkel.

Traum vieler Reiter: die PRIVATHALTUNG. Drei Pferde wohnen im umgebauten Rinderstall direkt am Haus.

Privathaltung: Offenstall für drei Pferde am Haus, Privatstall auf landwirtschaftlichem Betrieb
Besitzerin: Virginia Kaune, pferde-gestützte Verhaltenstherapeutin
monatliche Kosten: 300–350 Euro

Virginia Kaunes Pferde grasen vor der Haustür – ein Traum. Die Schwiegereltern betreiben Landwirtschaft und bauen das Futter an. Kaune bietet mit ihren drei Vierbeinern pferdegestützte Heilpädagogik an. Dafür hat sie einen Reitplatz, den sie auch als Auslauf nutzt. Der Rinderstall wurde zum überdachten Bereich des Offenstalls. „Wir haben alles rausgerissen, damit die Liegefläche größer ist“, erzählt sie. Nachts trennt sie die Pferde, da es Streit gab. Die rangniedrige Stute schläft im Unterstand, der extra vergrößert wurde. „Eine gute Maßnahme. Streit um Ruheplätze bedeutet Stress“, sagt Dr. Gabor.

Alle fünf Stallbetreiber haben gute Ideen in die Tat umgesetzt und arbeiten weiter an Verbesserungen – damit es den Pferden gut geht.

14.05.2019
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 4/2019