7 Kriterien: Welche Führung passt zu Ihrem Pferd?

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Foto: Thomas Hartig Welche Führung passt zu Ihrem Pferd?

Unterschied: Mädels und Jungs

Stuten: … sind meist sehr sensibel, was ihren Körper betrifft: Angenehmes Kraulen, um die soziale Fellpflege zu imitieren, oder auch T-Touches nach Linda Tellington-Jones helfen dabei, sich das Vertrauen einer Stute zu erarbeiten.
… geben uns klar zu verstehen, wenn sie Ruhe und Abstand brauchen, etwa durch angelegte Ohren und häufiges Abwenden. Das sollte der Mensch wenn möglich respektieren und der Stute eine Pause und etwas Abstand gönnen.
… bevorzugen es, auf dem energetischen Level zu kommunizieren anstatt durch Körperkontakt. Versuchen Sie daher viel mit Körperspannung und über Ihre Energie mit der Pferdedame zu kommunizieren. Die meisten Stuten reagieren darauf sehr fein, auch unterm Sattel: Wollen Sie beispielsweise, dass das Pferd in einer Gangart schneller wird, stellen Sie sich vor, wie Sie viel Energie in sich aufbauen, die wie ein helles Licht strahlt und direkt in den Pferdekörper hineinstrahlt. Soll das Pferd langsamer werden: Bewusst entspannen, ruhig atmen und das Energielevel zurückfahren.

Wallache: … zeigen meist auch im höheren Alter einen ausgeprägten Spieltrieb. Den kann der Mensch ausnutzen, um sie zum Folgen und Mitmachen zu animieren. Gemeinsam einen großen, bunten Gymnastikball durch den Sand zu schubsen, macht Spaß; auch Suchspiele fördern die Motivation: Zeigen Sie dem Pferd, wie Sie Leckerli unter Pylonen oder umgedrehten Eimern verstecken und lassen Sie den Vierbeiner dann nach der Belohnung suchen.

Hengste: … erfordern besonders viel Ruhe und Konsequenz. Denn es liegt in ihrer Natur, ständig die Führung anderer zu hinterfragen. „Enge Führung und strikte Regeln schon bei der Arbeit mit Junghengsten zahlen sich aus“, erklärt Trainerin und Verhaltensexpertin Ann-Kathrin Maraun. Lassen Sie sich nicht in einen Machtkampf verwickeln, etwa wenn der Junghengst ein typisches Beißspiel anzettelt. Beginnen Sie mit kurzen, machbaren Trainingseinheiten mit einem klaren Fokus, fordern Sie dabei konzentriertes Mitmachen. Soll der Junghengst zum Beispiel im selben Tempo geradeaus neben Ihnen gehen, loben Sie ihn, wenn er dies tut, und gehen Sie noch nicht darauf ein, wenn er ab und an spielerisch nach dem Führstrick oder Ihrer Jacke schnappt. „Dringt der Junghengst jedoch immer wieder in Ihren persönlichen Bereich ein und versucht zu beißen, sollten Sie separat an dem Problem arbeiten“, rät Ann-Kathrin Maraun. Lassen Sie das Pferd dazu seitwärts-rückwärts weichen. Dabei gehen Sie auf das Vorderbein zu, das Ihnen am nächsten ist, und fokussieren das diagonal gegenüberliegende Hinterbein. Zusätzlich können Sie das Pferd mit einer Berührung am Atlas (1. Halswirbel) dazu bringen, den Kopf wegzudrehen und zu weichen.

Unterschied: Youngster und alte Hasen

„Eine Theorie zur Unternehmensführung von Paul Hersey und Ken Blanchard, das sogenannte Reifegradmodell, besagt, dass Mitarbeiter jeweils eine enge oder weite Führung brauchen, je nachdem, wie erfahren und selbstständig sie arbeiten können“, sagt Ann-Kathrin Maraun. Diese Theorie lässt sich auf Pferde übertragen. Die Führung variiert, je nachdem wie alt und erfahren die Tiere sind:
Junge Pferde: Enge Führung
- Brauchen Aufgabenstellungen, die sie gut bewältigen können und kleine, motivierende Lektionen, die die Entwicklung und Selbstständigkeit fördern wie Stangentraining für ein besseres Körperbewusstsein.
- Viele Wiederholungen unterstützen den Lernprozess besser als Strafen.
- Kleine Schritte, viele Wiederholungen und häufiges Loben, schon wenn der Youngster gute Ansätze zum richtigen Verhalten zeigt, fördern das Selbstvertrauen.
- Junge Pferde müssen oft erst lernen, sich auf das Geforderte zu konzentrieren und sich nicht von Umweltreizen ablenken zu lassen. Aufmerksamkeit des Pferds immer wieder sanft, aber konsequent durch das Ampelprinzip einfordern, indem man bei Ablenkung solange stört, bis das Pferd den richtigen Lösungsansatz anbietet.

Ältere Pferde: Weite Führung
- Brauchen anspruchsvollere Aufgaben, die Sie geistig fordern und Ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung gerecht werden, zum Beispiel höhere Dressurlektionen oder komplizierte Trail-Hindernisse.
- Vereinzelte Impulse genügen meist, dann wissen ältere Pferde, was zu tun ist und arbeiten weitgehend selbstständig.
- Arbeit und Verhalten werden nur punktuell kontrolliert – sofern die Beziehung zwischen Mensch und Pferd geklärt ist. Ab und zu Basisübungen abfragen (Weichen, Rückwärtsrichten, Folgen, Stopp).

Ähnlichkeit macht gehorsam

Das sollte man bei der Pferdewahl berücksichtigen. Ein extrovertierter Mensch kommt mit einem eher extrovertierten Pferd oft gut zurecht, weil er dessen Bedürfnisse und Charakter besser einschätzen kann. „Ein Pferd, das sehr verspielt und aufgeweckt ist, viele eigene Ideen hat, braucht einen Menschen, der dafür offen ist und dieses Verhalten nicht ständig unterbinden will“, sagt Cornelia Weidenauer. Genauso habe ein introvertierter Mensch häufig einen besseren Zugang zu einem reservierten oder schüchternen Pferd, weil er sich besser in das Tier hineinversetzen kann.

TIPP: Bevor Sie sich entscheiden, ein eigenes Pferd zu kaufen, ist es sinnvoll, zum Beispiel mit einer Reitbeteiligung zu testen, welcher Pferdetyp Ihnen liegt.

Vierfache Motivation für träge Vierbeiner

1. Energie erhöhen: Schlurft Ihr Pferd zum Beispiel an der Longe mit den Hinterbeinen durch den Sand, bauen Sie viel Energie in sich auf. Erhöhen Sie dazu Ihre Körperspannung, und stellen Sie sich vor, wie Sie diese gezielt wie einen hellen, glühenden Sonnenstrahl in die Hinterhand des Pferds schicken.

2. Überforderung vermeiden: „Spielerische Lektionen und kleine Lernschritte, bei denen die Tiere schnell ein Erfolgserlebnis bekommen, wirken motivierend“, so Herdis Hiller. Fordern Sie deshalb nicht schon im ersten Anlauf Perfektion, sondern setzen Sie Ihrem Vierbeiner nach und nach Teilziele, die er sicher erreichen kann. Beispiel: Ihr Pferd soll rückwärts durch ein Stangen-L treten. Halten Sie es an, wenn es mit der Hinterhand die Ecke des Hindernisses erreicht hat. Lassen Sie es dann selbst nach einem Lösungsweg suchen. Sobald es die Hinterhand einen Schritt in die richtige Richtung um die Kurve versetzt hat, loben Sie es sofort und lassen Sie es aus der Übung heraus. Nach ein paar Minuten noch einmal versuchen – so arbeiten Sie sich stressfrei Schritt für Schritt vor.

3. Vorlieben ausnutzen: Seien Sie offen für das, was das Pferd machen will. „Mein Wallach hatte anfangs wenig Lust auf Bodenarbeit. Dann bot er mir öfter den Spanischen Schritt an. Der machte ihm Spaß und brachte ihn dazu, die gesamte Arbeit an der Hand interessanter zu finden“, erzählt Cornelia Weidenauer.

4. Langeweile vermeiden: Hoch ausgebildeten, intelligenten Pferden wird es schnell zu langweilig, wenn sie während des Trainings keine anspruchsvollen Aufgaben gestellt bekommen. Kurze Reprisen, zackige Übergänge und Abwechslung in der Bahn durch Hütchen und Stangen machen träge Vierbeiner wieder munter, weiß Sabine Ellinger. Top-Tipp für Schlaumeier: Ein großangelegtes Labyrinth aus Quadraten und Gassen (siehe Grafik) mit teilweise erhöhten Stangen (grün) eignet sich prima, um Ihren Vierbeiner mental auf Trab zu halten.

Ranghohe Pferde

Vor allem, wenn ein Pferd die zweite oder dritte Position in der Herdenhierarchie innehat, ist es natürlicherweise darauf aus, die Rangfolge regelmäßig in Frage zu stellen. Solche Pferde testen uns häufig und überprüfen, ob wir als Chef der Mensch-Pferd-Beziehung noch souverän sind.

Nicht lange fackeln: Wenn jeder Handgriff sitzt und sich der Mensch ruhig, aber zielstrebig bewegt, imponiert das ranghöheren Tieren. Ist man dagegen unsicher oder nicht fokussiert genug, weil man sich von anderen Reizen ablenken lässt, nutzen ranghohe, selbstbewusste Pferde das sofort aus.

So testen Pferde den Reiter: In den persönlichen Freiraum des Menschen eindringen; unaufgefordertes Anstubsen oder gar Anrempeln oder auch einfach mal wie eine Salzsäule stehen bleiben, wenn der Mensch das Signal zum Rückwärtstreten oder Weichen gibt.

So setzen Sie sich durch: Bauen Sie sich mit hoher Körperspannung vor Ihrem Pferd auf und schicken Sie ein Stimmsignal hinterher. Hilft das nicht, steigern Sie die Intensität der Signale, bis das Pferd reagiert, heben Sie beispielsweise den Arm oder tippen Sie mit der Gerte an die Brust. Hat der Vierbeiner reagiert, entspannen Sie sich wieder.

Temperamentvolle Pferde

Feurige Vierbeiner mit viel Vorwärtsdrang brauchen ruhige Führung, die sie ausbremst. „Beim Training hilft diesen Pferden anspruchsvolle, aber gleichförmige Arbeit“, rät Sabine Ellinger. Reiten Sie etwa viele großangelegte Bahnfiguren mit wiederholten Richtungswechseln, zum Beispiel Achter im Arbeitstrab, kombiniert mit Annehmen und Zulegen sowie Übergängen zum Schritt. Oder longieren Sie das Pferd über eng gelegte Stangenfächer (etwa 1,10 bis 1,20 Meter Schrittlänge zwischen den Stangen). So können Pferde mit viel Go ihre Power herauslaufen, ohne dass sie sich bei der Aufgabe aufheizen.

Ängstliche, rangniedere Pferde

Diese Vierbeiner brauchen einen ruhigen Menschen, der seine Energie und seine Emotionen managen kann, wenn es brenzlig wird. „Seien Sie außerdem aufmerksam und behalten Sie die Umgebung im Blick, um nicht von kritischen Situationen überrascht zu werden“, empfiehlt Herdis Hiller.

Sicherheit vermitteln: Scheut Ihr Pferd, etwa vor einem großen, lauten Traktor, versuchen Sie ruhig und souverän zu bleiben. Unvermitteltes, hektisches Eingreifen verunsichert das Pferd nur noch mehr und wird es in seiner Entscheidung zur Flucht bestärken. „Wird Ihnen die Situation im Sattel zu heikel, steigen Sie ab und führen Ihr Pferd vorbei“, empfiehlt Alexandra Schmid.

Mit dieser Trockenübung lernt Ihr Pferd, dass Sie ein verlässlicher Partner sind: Sie stehen ruhig neben dem Pferd; dann bitten Sie einen Helfer, mit einem Gegenstand näher zu kommen, vor dem sich das Pferd fürchtet, etwa ein Regenschirm. Reden Sie in ruhigem Tonfall mit Ihrem Vierbeiner und streicheln Sie ihn am Widerrist, sobald er sich anspannt. Bevor Ihr Pferd zu viel Angst bekommt, geben Sie dem Helfer das Signal, sich mit dem gefährlichen Gegenstand zu entfernen. Das Pferd lernt so, dass Sie beide in der Lage waren, die Gefahr gemeinsam zu überwinden.

Eine Komfortzone schaffen: „Wenn sich das Pferd zu sehr fürchtet etwa vor einem neuen Hindernis in der Working Equitation und sich gar nicht herantraut, arbeite ich ruhig weiter, lasse das Pferd bewusst in der Nähe des angsteinflößenden Gegenstands pausieren“, sagt Ausbilderin Andrea Jänisch (www.andreajaenisch.de). „Das wiederhole ich, bis es das Hindernis mit dieser Komfortzone verknüpft.“
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