Hauptmängel bei Pferden - das steckt hinter den Krankheiten

Hauptmängel bei Pferden - das steckt dahinter
Pferdekrankheiten in neuem Licht

ArtikeldatumVeröffentlicht am 07.03.2026
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Eine Frau mit ihrem Pferd im Stall.
Foto: FatCamera/ gettyimages

Rotz, Dummkoller, Dämpfigkeit, Kehlkopfpfeifen, Periodische Augenentzündung und Koppen – wer kennt noch die Mängelliste, die den Pferdekäufer binnen 14 Tagen zur Auflösung des Kaufvertrags berechtigte? Die "Kaiserliche Verordnung betreffend die Hauptmängel und Gewährsfristen beim Viehhandel vom 27.3.1899" ist tatsächlich erst seit Anfang des Jahres 2002 Geschichte.

Bei den "Hauptmängeln” selbst sind seither manche Irrtümer aufgeflogen, neue Erkenntnisse sowie Behandlungsmethoden haben sich aufgetan. Aber längst nicht jedes Geheimnis ist gelöst. CAVALLO bleibt dran, versprochen!

Rotz gilt seit 1950 als ausgerottet

Der letzte Fall von Rotz, einer auch für Menschen ansteckenden Tierseuche, alarmierte uns hierzulande zuletzt Anfang 2015 – da "Malleus" seit den 1950er-Jahren in Deutschland als ausgerottet galt. Rotz ist bis heute eine anzeigepflichtige Tierseuche, bei der allein der Krankheitsverdacht dem Veterinäramt gemeldet werden muss.

Im internationalen Tierhandel ist eine serologische Untersuchung u.a. auf Rotzantikörper Pflicht. Denn in Ländern Südamerikas, Afrikas und Asiens ist die Krankheit noch verbreitet; in der Türkei wurden 2019 mehrere Fälle von Rotz bekannt.

Koppen könnte auch mit einem veränderten Mikrobiom zusammenhängen

Ums Koppen ranken sich bis heute diverse Urteile und Vorurteile. Weil Pferde sich tatsächlich die erstaunlichsten Sachen abschauen, etwa das Öffnen von Futterboxen, löst der rülpsende Laut koppender Pferde in vielen Ställen reflexhafte Abneigung aus. Klar gesagt: Dass sich der Boxennachbar "ansteckt", ist Humbug. Das Öffnen des Schlundkopfs ist viel zu kompliziert zum Nachahmen und außerdem unsichtbar. Wenn sich Kopper in einem Stall häufen, häufen sich hier auch meist die Auslöser der Stereotypie: Stress, Schmerzen, Haltungs- und Fütterungsdefizite.

Eventuell sind auch Veränderungen beim Mikrobiom im Darm schuld; laut aktueller Studie unterscheiden sich die Bakterienstämme bei koppenden und nicht-koppenden Pferden.

Fakt ist hingegen: Koppen, Koliken und Magengeschwüre bilden oft einen teuflischen Dreiklang. Wie es um den Pferdemagen steht, sehen Tierärzte heute mittels Gastroskopie. Die Magenspiegelung beim Pferd ermöglicht ein Endoskop, das den langen Weg vom Schlund durch die Speiseröhre bis in den Verdauungstrakt hinunterreicht. Mitte der 2000er-Jahre war diese Diagnose-Methode in vielen Pferdekliniken allerdings noch Neuland. Die Einblicke in den Pferdemagen zeigten erst, wie verbreitet das Leiden ist: 80 bis 100 Prozent der Galopprennpferde sowie der Distanzpferde sind betroffen sowie ca. 60 Prozent der Sport- und mehr als die Hälfte der Freizeitpferde.

Der Pferdemagen ist eine Black Box

Dennoch bleibt der Magen bis heute eine Black Box – je nach betroffenem Areal. Bei ESGD (Equine Squamos Gastric Disease) im drüsenlosen Bereich des Magens lassen sich die Ursachen grob drei Bereichen zuordnen: Fütterung, Haltung, Training. Was zu EGGD (Equine Glandular Gastric Disease) mit betroffener Drüsenschleimhaut führt, wissen Tierärzte hingegen noch nicht genau; EGGD hat sich erst vor rund zehn Jahren als eigenständige Form herauskristallisiert.

Wir wissen aber: Heu (in guter Qualität und ausreichender Menge, mind. 1,5 kg je 100 kg Körpergewicht) beugt Magenproblemen doppelt vor: Beim Kauen bilden Pferde Bicarbonat-reichen Speichel, der Magensäure auf natürliche Weise puffert. Und gekautes Heu bildet im Magen eine Art Futtermatte, die den unteren Teil des Magens mitsamt Magensäure quasi ‚abdeckt’.

Dämpfigkeit heißt heute Equines Asthma Syndrom

Die Pferdelunge ist ebenfalls extrem empfindlich. Statt von Dämpfigkeit, Chronisch Obstruktiver Bronchitis (COB/COPD), IAD oder RAO sprechen wir heute vom Equinem Asthma Syndrom – als Oberbegriff für Entzündungen der tiefen Atemwege. Diese existiert grob in zwei Varianten: einer milden (gering- bis mittelgradigen) und einer hochgradigen Form.

Während die milde Form (früher IAD, Inflammatory Airway Disease) heilbar ist und eher jüngere Pferde betrifft, ist das hochgradige Equine Asthma (früher RAO, Recurrent Airway Obstruction) immer noch unheilbar – was den "Dampf" damals auch zum Hauptmangel machte; betroffen sind geschätzt rund 20 Prozent der erwachsenen Pferde in der nördlichen Hemisphäre. Die Tiere reagieren sensibler auf Umweltreize, ihre Immunreaktion ist dramatischer.

Eine Pferdelunge umfasst in Ruhe rund 40 Liter.
Rädlein

Die Therapie für vierbeinige Asthmatiker zielt darauf ab, die entzündlichen Prozesse möglichst zu stoppen. Über Inhalatoren lassen sich heute Medikamente vernebeln und die Wirkstoffe direkt an den Ort des Geschehens transportieren, was mögliche Nebenwirkungen auf ein Minimum reduziert. Den Staub in der Umgebung des Patienten drastisch zu verringern, ist allerdings das Wichtigste.

Trockenes, unbehandeltes Heu ist für Asthmatiker nicht zu empfehlen, weil beim Fressen permanent Staub in die Atemwege gelangt. Eine Alternative ist hochwertige Heulage. Oder das Heu hygienisch aufzubereiten, etwa mit Bedampfern, die auch Keimen den Garaus machen.

Kehlkopfpfeifen, schon um 1580 unter dem Begriff des "Rorers" bekannt, zählt nach wie vor zu den wichtigsten Erkrankungen der oberen Atemwege – auch wenn die Liste der Probleme in diesem Bereich mit zunehmendem Wissen immer länger geworden ist.

Kehlkopfpfeifen liegt oft an einer Kehlkopflähmung

Meist beruht das Kehlkopfpfeifen auf einer linksseitigen Kehlkopflähmung. Behandlungstrend der letzten Jahre: die funktionelle Wiederherstellung des gelähmten Kehlkopfmuskels. Ob sich ein Kehlkopfpfeifer für die Verpflanzung eines Nervs eignet, setzt eine intensive präoperative Diagnostik voraus. Dazu gehört die "Overground-Endoskopie", die ein spezielles mobiles Endoskop ermöglicht, das sich seit Ende der 2000er-Jahre mehr und mehr etablierte. Selbst im Highspeed auf der Rennbahn können Tierärzte so einen Blick auf Kehlkopf & Co. werfen.

Die meisten Fälle versorgen Tierärzte allerdings mittels einer OP-Methode, die sich kombiniertes Marx-Williams-Verfahren nennt. Geübte Chirurgen können diese Operation sowie die Reinervation heute sogar ohne Vollnarkose im Stehen durchführen.

Die neusten Ekenntnisse und Irrtümer zu allen Hauptmängeln findest du im kompletten Artikel: