Pferdefütterung im Wandel der Zeit: Füttern wir heute besser als früher?

Pferdefütterung im Wandel
Das Buffet ist eröffnet

ArtikeldatumVeröffentlicht am 14.03.2026
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Ein Pferd frisst Luzerne-Heu vom Boden
Foto: gjohnstonphoto/ gettyimages

Neues Wissen in Sachen Pferdefütterung

Was Pferde brauchen, wissen wir heute viel genauer. Aber welche Studien waren wegweisend? Prof. Dr. Ellen Kienzle, ehemalige Leiterin des Lehrstuhls für Tierernährung an der LMU München, und Dr. Anne Mößeler, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik, sind sich einig: Die Proteinbewertung liegt auf Platz 1. Sie zeigt, welchen (praecaecal verdaulichen) Anteil Pferde aus Rohprotein im Futter verwerten können; verankert seit 2014 im Bewertungssystem der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE).

Auch der Energiebedarf lässt sich heute genauer berechnen, "weil wir Faktoren wie Rasse, Wetter, Alter oder Haltungsform ganz exakt in die Rationsberechnung mit einbeziehen können”, sagt Dr. Anne Mößeler. Bei Gruppenauslauf und Außenklimastall gibt’s beispielsweise je 10% on top. Für die Tierärztin ebenfalls wegweisend: "Früher ist man davon ausgegangen, dass ein Pferd maximal 1,5 Prozent seines Körpergewichts als Trockenmasse futtern kann. Heute weiß man, dass manche Tiere drei oder sogar dreieinhalb Prozent schaffen." Ebenfalls wichtig für die Ration: zu wissen, wie viel Aminosäuren beim Bedampfen oder Wässern von Heu zerstört werden (das zeigten 2021 Studien der Uni Halle-Wittenberg).

Blick von oben auf weibliche Hände, die Pferdemüsli mit Kräutern und Getreide für die Pferdefütterung tragen
JackF/ gettyimages

Neues Wissen landet direkt im Futter. "In unsere Produkte sind beispielsweise Forschung zur Energieverfügbarkeit, die Rolle von Spurenelementen für den Muskelstoffwechsel, die gezielte Unterstützung der Leberfunktion oder der Einfluss der Rohfaserqualität auf die Darmgesundheit eingeflossen”, sagt Benjamin Mangelkramer von Hersteller Josera. Einige testen selbst: "Wir führen seit Jahrzehnten eigene Forschung mit der Life Science Universität in Breslau durch, wodurch Ideen, Produkte und ernährungswissenschaftliche Konzepte auf einer weiteren wissenschaftlichen Ebene überprüft werden”, so Sarai Fauerbach-Preuß von Hersteller St. Hippolyt.

Zu forschen gibt’s noch einiges, findet Prof. Kienzle: "Man könnte der Frage nachgehen, ob Pferde mit einem geringeren Energie- auch einen geringeren Nährstoffbedarf haben.” Die Fohlenaufzucht könne man mit einer besser erforschten, ausgeklügelteren Fütterung ebenfalls verbessern. Futterspezialistin und -produzentin Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand sieht ebenfalls Bedarf: "Der Anspruch an die bedarfsgerechte Nährstoffversorgung der neuen modernen Pferdegenerationen hinkt dem tatsächlichen Nährstoffbedarf hinterher. Das trifft auch auf Zucht und Aufzucht zu. Während man sich super schlau macht im Bereich von Embryotransfer oder Klonen, bleibt die Fütterung der Mutterstute komplett veraltet.”

Im grünen Bereich?

Seit der Jahrtausendwende gab es etwa so viele heftige Dürren wie in den 50 Jahren zuvor. Ausgedörrte Koppeln sind aber nicht das einzige Problem: Es wächst auch viel mehr von dem, was nicht da sein sollte.

"Als ich in den 1990ern an der Universität angefangen habe zu lehren, habe ich mich gefragt, ob ich den Aspekt Giftpflanzen überhaupt unterrichten soll", erinnert sich Prof. Ellen Kienzle; das sei abgesehen von Buchsbaum, Eibe und Herbstzeitlose kein Thema gewesen. Sie habe bis dato kein Jakobskreuzkraut in natura gesehen; das Kraut breitete seit der Jahrtausendwende rasant aus, weil es in Ansaatmischungen etwa für Autobahn-Böschungen steckte.

Auch der Trend zu mehr Naturschutz kann manchmal nach hinten losgehen: Der Landesbauernverband Brandenburg etwa listet für "artenreiches Dauergrünland" unter anderem Johanniskraut, Klappertopf oder mehrere Hahnenfuß-Arten auf; alle potenziell giftig für Pferde, wenn die Pflanzen sich auf Weide oder Heuwiesen verbreiten.

Zugenommen: Ein Problem vieler Pferde heute

Fettleibigkeit ist bei vielen Pferden ein großes Gesundheitsproblem. Etliche Studien zeigen besorgniserregende Zahlen: Rund die Hälfte der Pferdepopulation in Deutschland und Österreich ist zu dick – ein deutlicher Zuwachs seit den 1990er- Jahren, das sehen Prof. Kienzle und Dr. Mößeler so. Ursache? Die Pferde-Vielfalt ist viel breiter. Heute tummeln sich in Ställen Haflinger, Freiberger, Andalusier, Ponys, Fjordpferde, also: mehr leichtfuttrige Rassen, die bei zu viel Futter und zu wenig Bewegung dick werden.

Etliche Reiter erkennen zudem Übergewicht nicht: "Weil es viel mehr dicke Pferde gibt als früher, hat sich die Wahrnehmung in vielen Ställen verschoben. Mehrere Kunden von mir wurden schon angesprochen, weil ihre Pferde so dünn seien. Dabei waren die völlig normalgewichtig – und der Rest zu dick", erzählt Dr. Anne Mößeler. Hier müssen wir dringend wieder unseren Blick fürs gesunde Mittelmaß schärfen. "Über einen Body Condition Score von 6 sollten Pferde definitiv nicht kommen, sonst begibt man sich auf einen gefährlichen Weg", sagt Prof. Kienzle.

Füttern wir heute besser als früher?

Füttern wir heute besser als vor 30 Jahren? Teils, teils, finden Ellen Kienzle und Anne Mößeler. "Wir wissen viel mehr über die richtige Pferdefütterung als früher, aber wir kriegen es in der Praxis oft nicht umgesetzt", sagt Prof. Kienzle. Das sieht Dr. Anne Mößeler auch so: "Bei deutlich mehr als der Hälfte meiner Kunden stimmt der Ernährungszustand ihrer Pferde nicht, sie sind zu dick oder zu dünn. Und bei etlichen gibt es auch eine extreme Über- oder Unterversorgung mit Nährstoffen." Früher habe der Stallmeister gefüttert; oft mit gutem Auge fürs einzelne Tier. Heute füttern etliche Pferdebesitzer selbst; das läuft (noch) nicht immer rund. Aber es wollen viele korrekt füttern, sagt Dr. Mößeler: "Unabhängige Fütterungsberater gab es in den 1990ern überhaupt nicht. Reiter wissen heute, dass Fütterung die Pferdegesundheit positiv wie negativ beeinflusst, und suchen sich entsprechende Unterstützung."

Ein Mädchen mit Futterschüssel in der Hand steht vor ihrem Pferd
Rädlein

Kraft-Futter: Ist Getreide schädlich?

Hafer, Pellets, vielleicht mal ein Müsli – das waren die gängigen Kraftfutterarten der 1990er Jahre. "Da lag der Fokus in der Pferdefütterung klar auf der Energieversorgung für Sport und Leistung", sagt Benjamin Mangelkramer von Josera. "Das Sortiment war schlanker, stärker leistungsorientiert und getreidelastig." Und heute? Zählen wir allein bei einem Online-Shop über 200 Müsli-Sorten; der größte Teil davon übrigens getreidefrei. "Der Trend, den Hafer als Pferdefutter zu verdammen, ist durchaus durch die Futtermittelbranche befördert worden”, sagt Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand.

Der Trend ging weg vom Getreide und hin zur Spezialisierung: "Reiterinnen und Reiter suchen viel gezielter nach Lösungen für spezifische Themen – etwa im Zusammenhang mit Muskulatur, Atemwegen, Gewichtsmanagement oder einem empfindlichen Stoffwechsel", so Mangelkramer.

Labortest Hafer
Lisa Rädlein

Was Müslis vom Hafer unterscheidet: Sie sind hitzebehandelt. Dabei kann es zur sogenannten Maillard-Reaktion kommen: Wird Futter erhitzt, verbinden sich Aminosäuren mit Zuckermolekülen aus Kohlenhydratketten. "Dabei entstehen Karamellverbindungen", sagt Prof. Ellen Kienzle. "Wie gut Pferde diese vertragen, weiß man noch nicht. Bei Hunden wissen wir, dass es einen bestimmten Prozentsatz gibt, der hocherhitztes Trockenfutter nicht verträgt. Hier besteht auf jeden Fall noch Forschungsbedarf."

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