Der Haus- und Hofherr steckt seine Nase in alles hinein, kontrolliert jede Ecke seines Territoriums mehrmals täglich – und netterweise dürfen noch andere neben ihm leben. Keine Frage: Pino ist der Boss im Stall. "Als wir den Hof übernommen haben, war er schon hier – und er bleibt es bis an sein Lebensende”, sagt Sabine Angemeer und streicht Pino über den Schopf. Der 40-jährige Shettywallach lebt völlig frei auf der Anlage von Gut Scheidt bei Düsseldorf. Seine vierbeinigen Mitbewohner auf der Gutsanlage sind fast genauso frei: Denn die 25 Pferde futtern, ruhen und spielen das ganze Jahr auf einer weitläufigen Trailanlage.

Sabine Angemeer führt den Bewegungs- und Trainingsstall Gut Scheidt gemeinsam mit ihrem Mann Bastien seit Herbst 2013. Die Sportwissenschaftlerin und Pferdetrainerin bildet Pferde aus, unterm Sattel wie am Boden. Gastboxen, Ferienwohnung, Reithalle und Seminarraum können für Veranstaltungen gemietet werden. www.gut-scheidt.de
Ein Gut mit über tausenjähriger Geschichte
"Die Geschichte des Guts selbst ist über Tausend Jahre alt. Ab den 1970ern baute eine Vielseitigkeitsreiterfamilie das Gut zum Stall mit Geländestrecke aus”, erzählt Sabine Angemeer, während sie durch einen Durchlass im Zaun zu den Pferden schlüpft; wir folgen ihr und stehen auf einem rund 1100 Quadratmeter großen, befestigten Paddock. An zwei Raufen mümmelt eine bunt gemischte Pferdetruppe am Heu: Shetty, Warmblut, Quarter, Spanier, Fuchs, Brauner, Schimmel… alles dabei. "Beim alten Stallgebäude”, sagt Sabine und zeigte auf den ursprünglichen Trakt im Hintergrund, "haben wir die Boxentüren, Fenster und Innenwände entfernt und es zum Liegebereich umfunktioniert.” Der gepflasterte Bereich davor wird demnächst ebenfalls überdacht. Heute will hier aber kein Pferd drin liegen; der Großteil der Truppe verstreut sich über den Trail. Der schlängelt sich hufeisenförmig vom Paddock aus an der Außengrenze des Guts entlang, einmal rund um Stallgebäude, Wohnhaus, Reithalle und Platz. Und der fordert Trittfestigkeit: Wir klettern über Wurzeln, bücken uns unter tiefhängenden Ästen und weichen Bäumen aus. "Wir wollten den Trail so naturnah wie möglich halten, mit möglichst wenig versiegelten Flächen”, erklärt Sabine Angemeer. Kein Wunder also, dass am Trail auch ein kleiner Teich liegt; "an heißen Tagen nehmen die Pferde hier gerne ein Bad.” Der Vorteil des naturnahen Trails: Er ist problemlos ganzjährig nutzbar; nur an einem Tag musste er bislang wegen massiven Blitzeises geschlossen bleiben.
Der Traum vom eigenen Stall war ursprünglich deutlich kleiner
Der wilde Trail endet auf einem weiteren, rund 1 500 Quadratmeter großen Paddock – ebenfalls mit zwei Heuraufen, einem kleinen Wetterunterstand und einem großen, mit Sand eingestreutem Bereich, den die Pferde zum Wälzen, Chillen und Schlafen nutzen. Auf die Befestigung der Paddocks legten Sabine und Bastien Angemeer besonders Wert: "Das war das erste, was wir damals angegangen sind; wir haben mehrere zehntausend Euro in Gitterraster und Befestigung gesteckt. Das hat sich über die letzten Jahre bewährt.”

Dass es so ein großer Gutshof für die vierköpfige Familie wird, war eher ungeplant, gibt Sabine zu. "Mein Mann und ich hatten immer den Traum von einem Häuschen im Grünen mit unseren Pferden hinterm Haus, um trotz unserer damals kleinen Kinder jeden Tag reiten zu können. Als ich die Verkaufsanzeige des Guts damals sah, dachte ich: Könnte was sein, ruf da mal an.” Es war was, die Familie zog im Herbst 2013 um – von einer Stadtwohnung in Düsseldorf auf den Hof mit sechs Hektar Fläche. "Das war wie Auswandern für uns.” Das Paar musste ordentlich anpacken: Neben der Befestigung der Paddocks noch Zäune setzen, Reithalle, Reitplatz und Wohnhaus komplett kernsanieren – und Stück für Stück den Stall umbauen. "Wir hatten zuerst zwei Stallsysteme: Im alten Stall vermieteten wir Boxen und bauten dazu eine Offenstallgruppe auf.” Einige der Boxen gibt es noch; sie werden aber nur noch für Gastpferde genutzt oder kranke Vierbeiner. Ansonsten ist Gut Scheidt ein kompletter Bewegungsstall – mit klarem Fokus auf Bewegung und Training der Pferde. "Mir ist es wichtig, dass die Leute ihre Pferde hier nicht nur abstellen, sondern auch arbeiten”, betont Sabine. "Sonst werden die Pferde zu dick. Und ich finde, sie sind gefälliger in der Gruppe, wenn sie ausgelastet sind.”

Alle packen gemeinsam an für gutes Heu und saubere Weiden
Nicht nur die Vierbeiner, auch die Einsteller müssen was tun: Jeder Reiter muss pro Woche zwei Schubkarren Pferdeäpfel vom Trail einsammeln. Und im Frühjahr macht die gesamte Stallgemeinschaft einen Tagesausflug in den Westerwald, zum Heulieferanten: "Der macht fantastisches Heu. Aber weil in den letzten Jahren der Bewuchs mit Jakobskreuzkraut zugenommen hat, stechen wir dort alle die Giftpflanzen aus, damit sie nachher nicht im Heu landen.” Nicht nur die Heu-, auch die Weidequalität ist den Angemeers wichtig. "Das ist das Steckenpferd meines Mannes”, gibt Sabine die Lorbeeren weiter." Dieses Jahr hat er Oregano mit eingesät, für die Atemwege. Und er hat generell die Weideflächen in den letzten Jahren weg von Hochleistungsgräsern hin zu möglichst artenreichen Kräuterweiden umgewandelt.” Versteht sich von selbst, dass die Weiden täglich abgelesen werden. Die Weidepflege macht sich bemerkbar: "Bei der selektiven Entwurmung haben wir kaum mit Würmern belastete Pferde, und beim Anweiden haben deutlich weniger Pferde Kotwasser als früher.”

Gepflegte Offenstallhaltung: Dafür soll Gut Scheidt stehen
Kaum zu glauben, dass das Paar den Betrieb des Gutshofs trotz allen Aufwands nur im Nebenerwerb führt: Bastien ist Fernseh-Regisseur, Sabine arbeitet als freiberufliche Dozentin an mehreren Hochschulen wie etwa dem IST-Studieninstitut und zudem als Pferdeverhaltenstrainerin.

Im Alltag dreht sich trotzdem das Meiste um die Pferde: "Ich mache morgens im Bademantel die erste Kontrollrunde, ob es allen Pferden gut geht”, sagt Sabine. "Dann bin ich am Institut, arbeite meine Berittpferde, gebe Unterricht oder wusele auf dem Hof rum; irgendwas gibt’s schließlich immer zu tun. Abends mache ich die letzte Kontrollrunde.” Und zwischendurch fegt sie immer wieder: Denn Gut Scheidt soll zeigen, dass "Offenstallhaltung auch gepflegt ablaufen kann. Ich möchte mich hier problemlos mit weißen Sneakern bewegen können.” Das gelingt hier wirklich: Ihre Turnschuhe sind so weiß wie Pino.





