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Wenn die Beine anlaufen

Wann Bandagen schaden

Stallbandagen machen keinen schlanken Fuß, sondern Pferde krank. Jetzt gibt‘s Hilfe vom Experten für Tiere mit angelaufenen Beinen.

Der Holsteiner-Wallach drehte sich unruhig in seiner Box, schwitzte und versuchte sich hinzulegen. Die Besitzer vermuteten eine Kolik und riefen den Tierarzt. Der Doc hatte eine überraschende Blitztherapie: Er entfernte die elastischen Bandagen, die das Pferd trug, weil es zu angelaufenen Beinen neigte. Als die Wickel weg waren, ging es dem Wallach schnell besser. Die Erklärung für seine Beschwerden: Die Bandagen führten zu Hitzestau und Juckreiz – und ein Pferd kann sich nun mal nicht so einfach kratzen. Doch Unbehagen ist noch das geringste Übel.

Besonders kritisch wird es, wenn auch der Fesselkopf mit einbandagiert wird. Gefäßexperte Professor Dirk Berens von Rautenfeld von der Medizinischen Hochschule in Hannover warnt seit Jahren nachdrücklich vor der übertriebenen Wickelei am Pferdebein (siehe auch CAVALLO 4/2006). „Das ist eine Unsitte, die leider immer mehr um sich greift“, kritisiert von Rautenfeld. „Der Fesselkopf ist eine Engstelle am Bein. Elastische Bandagen schnüren dort im Stand die Transportwege für den Lymph- und Blutfluss fast vollständig ab.“

Boxenruhe ist der Tod fürs Lymphsystem

Fakt ist: Pferde haben grundsätzlich eine schwache Lymphgefäßwandpumpe. Sie sind Lauftiere, die in ihrer natürlichen Umgebung nicht lange still stehen. Sie schlendern umher und grasen, zwischendurch rennen und toben sie. „Aktivität ist Leben“, betont von Rautenfeld, „ganztägige Boxenruhe dagegen der Tod für das Lymphsystem.“

Bei zu wenig Bewegung sackt die Lymphflüssigkeit nach unten und sammelt sich am tiefsten Punkt des Pferdekörpers. Die Folge sind angelaufene Beine. „Freizeitpferde“, so von Rautenfeld, „werden zudem meist zu wenig gearbeitet, häufig nicht einmal eine Stunde am Tag. Bei den Militärpferden in früherer Zeit, die zwischen drei und sechs Stunden täglich bewegt wurden, gab es kaum Probleme mit angelaufenen Beinen.

Auch Schulpferde leiden deutlich weniger darunter.“ Um das Anschwellen zu verhindern, werden aber vor allem Boxenpferde nachts bandagiert. „Eine gängige, aber völlig nutzlose und gefährliche Methode“, warnt von Rautenfeld. „Denn diese Wickelexzesse können langfristig das empfindliche Lymphsystem am Röhrbein so schwächen, dass es endgültig streikt.“ Sogar Sehnenschäden oder Drucknekrosen, bei denen Gewebe dauerhaft abstirbt, können durchs Bandagieren verursacht werden. Professor von Rautenfeld: „Elastische Bandagen üben einen so starken Druck aus, dass sogar Blutgefäße komprimiert werden.“

Das beste und billigste Gegenmittel bei angelaufenen Beinen ist und bleibt Bewegung. Die Beine schwellen dabei von selbst ab, weil die Gefäßwandmuskulatur arbeitet und die eiweißhaltige Lymphflüssigkeit wieder nach oben transportiert wird.

Die Gefäßwandpumpe braucht Training

Doch was tun, wenn das Pferd trotz viel Bewegung zu angelaufenen Beinen neigt? „Es gibt offenbar Pferde, die von Geburt an schlecht mit Lymphgefäßen ausgerüstet sind“, sagt von Rautenfeld. „Neue Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass neben Bewegung auch die manuelle Lymphdrainage eine gute Therapie für Pferde ist, die wiederholt unter angelaufenen Beinen leiden. Sie hilft, die Lymphgefäße und die Gefäßwandpumpe zu trainieren.“

Auch Kompressionsstrümpfe für Pferde unterstützen das Abschwellen wirksamer als stramm gewickelte Bandagen und können sowohl im Stall als auch bei der Arbeit getragen werden (siehe Bericht in CAVALLO 5/2003).

„Wir wissen allerdings heute, dass bei den Kompressionsstrümpfen große Vorsicht geboten ist“, warnt der Lymphologe. Bevor man als Pferdebesitzer zum Kompressionsstrumpf greift , muss nämlich unbedingt sichergestellt sein, dass das Pferd nicht unter einer akuten Phlegmone leidet.

Bei Einschuss drohen Abszess und Blutvergiftung

Diese auch als Einschuss bekannte Erkrankung ist eine Entzündung des Bindegewebes und der Lymphgefäße. Auslöser sind kleine Hautverletzungen, über die Bakterien in das Gewebe gelangen. Infizierte Pferde haben starke Schmerzen, der entzündete Bereich ist deutlich erwärmt. Im schlimmsten Fall kommt es zu Abszessen und einer lebensgefährlichen Blutvergiftung (siehe auch das CAVALLO Medizin-Kompendium zum Schock). „Hier ist ein stark wattierter lymphologischer Verband die beste Hilfe“, sagt von Rautenfeld.

Unbehandelt kann eine Phlegmone chronisch werden: Die akuten Krankheitsschübe werden immer häufiger, oder die Schwellung klingt gar nicht mehr ab (Elephantiasis). Frühe Stadien dieses Elefantenbeins werden auch von Tierärzten häufig mit angelaufenen Beinen verwechselt. Eine fatale Fehleinschätzung, wie von Rautenfeld erklärt: „Wenn hier Bandagen oder Kompressionsstrümpfe angelegt werden, um der Schwellung entgegenzuwirken, verschlimmert sich die Erkrankung, und es kommt zu betonartigen Verhärtungen im Bein, die schließlich sogar zu einem Riss in der Beugesehne führen können.“ In diesem Stadium helfen auch Medikamente nicht mehr. Am Ende bleibt nur die erlösende Spritze vom Tierarzt.

Chronische Phlegmone gehören daher unbedingt in die Hände eines lymphologisch versierten Tierarztes oder ausgebildeten Therapeuten für manuelle Lymphdrainage, die sich auch auf das Anlegen des wattierten Spezialverbands verstehen. Da Fachleute aber nicht immer in greifbarer Nähe sind, bietet Professor von Rautenfeld Pferdebesitzern jetzt ein spezielles zweiwöchiges Trainingsprogramm: Sie kommen mit Ihrem Pferd nach Hannover und erfahren, wie Sie Ihrem chronisch kranken Tier effektiv helfen können. Sie lernen die Grundlagen der manuellen Lymphdrainage, das fachgerechte Anlegen des Spezialverbands und bekommen Infos über Bewegung und Kompression – individuell abgestimmt auf Ihr Pferd.

Kosten: etwa 1000 Euro. Interessenten können sich zunächst telefonisch unter 0171-3133677 beraten lassen. Eine Liste von Therapeuten mit lymphologischer Ausbildung gibt es auch bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (www.pferd-aktuell.de).

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