Medizin Kompendium Arthrose Lisa Rädlein

Medizin-Kompendium: Behandlung bei Arthrose

Was tun, wenn das Pferd Arthrose hat?

Die chronische Entzündung Arthrose kann jedes Gelenk und jedes Pferd treffen. Neue Behandlungsmöglichkeiten lassen auf Besserung hoffen.

Dressur, Springen, Vielseitigkeit – an allem hatte die elfjährige Bella Spaß. Doch nach und nach bewegte sich die Stute schlechter; die Seitengänge fielen ihr schwer, beim Springen verweigerte sie hin und wieder, und immer wieder lahmte sie ohne ersichtlichen Grund. Tierärztliche Untersuchungen und chiropraktische Behandlungen brachten ebensowenig Besserung wie eine mehrmonatige Koppel-Auszeit, schrieb ihre Besitzerin im Blog auf pferdetrends.com.

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Medizin Kompendium Arthrose beim Pferde - Wenn die Gelenke schmerzen
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Was die Ursache für die Bewegungsprobleme der Stute war, ergab erst eine umfangreiche Szintigrafie: Bella hatte an mehreren Stellen im Körper Arthrose – im Sprunggelenk, den Fesselgelenken der Vorderbeine und einem Halswirbel.

Wissenwertes zur Anatomie

Ohne sie wären wir alle nur steife Zinnsoldaten: Denn erst die Gelenke sorgen dafür, dass die rund 250 Knochen des Pferdeskeletts beweglich sind. Wo Knochen aufeinander treffen, sind die Enden von einer dünnen Knorpelschicht überzogen. Die sorgt dafür, dass die Knochenenden reibungslos übereinander gleiten. Der Spalt zwischen den Knochen ist mit Gelenksflüssigkeit (Synovia) gefüllt; sie besteht hauptsächlich aus Hyaluronsäure und wird von der inneren Zellschicht der Gelenkkapsel gebildet.

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Tut Gelenken immer gut: ruhiges und ausreichend langes Aufwärmen vor der Arbeit.

Diese Flüssigkeit hat gleich mehrere Aufgaben: Sie dämpft Stöße, schmiert die Gelenke und sorgt so für Beweglichkeit. Die Synovia versorgt aber auch den Knorpel mit Nährstoffen. Das funktioniert über das Schwamm-Prinzip: Durch regelmäßige Be- und Entlastung des Gelenks werden die Nährstoffe in den Knorpel gepumpt.

Wird der Knorpel nicht ausreichend versorgt oder ist er geschädigt, reibt er sich stärker ab. Der Knochen wird daraufhin dichter und härter, um das Gelenk zu stabilisieren. An den Rändern können sich knöcherne Zacken bilden. Langfristig können die Veränderungen dazu führen, dass sich der Gelenkspalt verengt und das Gelenk versteift.

Was verursacht Arthrose?

Arthrose (chronische Gelenksentzündung) kann jedes Gelenk und alte wie junge Pferde treffen. Oft geht ihr eine Arthritis (akute Gelenksentzündung)voraus. Die kann viele Ursachen haben:etwa Verletzungen oder Überlastungen, die durch zu frühes und hartes Training, abrupte Stopps oder enge Wendungen entstehen.

Auch Fehlstellungen oder fehlerhafte Hufbearbeitungen führen zur Überlastung von Gelenken. Chips (Osteochondrosisdissecans, OCD) sind ebenfalls Verursacher: Dabei lösen sich Knochen- oder Knorpelfragmente im Gelenk, das sich entzündet. Wird Arthritis nicht fachgerecht behandelt, wird aus der akuten eine chronische Entzündung.

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Zusatzfutter kann manchen Pferden helfen.

Arthrose kann aber auch durch falsche Fütterung entstehen: Das Pferd braucht Nährstoffe wie etwa Silizium, Kupfer oder Mangan, um Knorpelgewebe zu erhalten oder zu regenerieren, betont Fütterungsexpertin Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand. Leiden ältere Vierbeiner an Arthrose, steckt oft Verschleiß dahinter; der Knorpel nutzt sich über die Jahre ab. Die chronische Entzündung lässt sich nicht umkehren, aber verlangsamen oder sogar aufhalten.

Wie macht sich Arthrose beim Pferd bemerkbar?

Ist ein Gelenk akut entzündet, ist es warm und geschwollen; betrifft das ein Gelenk der Gliedmaßen, lahmt das Pferd. Auch Gallen oder schwammige Gelenke sind Hinweise auf eine Veränderung im Inneren. Arthrose kann aber auch lange Zeit unbemerkt bleiben. "Im Alter ist der Prozess sehr schleichend", sagt Dr. Rüdiger Brems, Pferdefachtierarzt von der Pferdeklinik Wolfesing. "Die Pferde haben meist lange Zeit keine oder nur sehr geringe Schmerzen und gehen daher auch nicht zwingend lahm."

Das deutlichste Symptom ist das Einlaufen des Tiers: Zu Beginn des Trainings sind die Pferde meist unwillig, ihre Bewegungen sind steif. Je länger sie sich bewegen, umso runder werden die Bewegungen. Manche Pferde zeigen nach dem Aufwärmen keine Beschwerden mehr; andere führen dagegen Lektionen gar nicht oder nur in Schonhaltung aus. Tritt Arthrose an den Halswirbeln auf, biegt sich das Pferd etwa nur ungern.

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Blick ins Innere: Gelenkkopf (A) und Gelenkpfanne (B) sind mit einem schützenden Gelenkknorpel überzogen (C). Umgeben ist das Gelenk von einer mit Flüssigkeit (Synovia) gefüllten Kapsel (D). Die Flüssigkeit schmiert das Gelenk.

Auch aufs Verhalten des Tiers kann sich die Krankheit auswirken: Die Pferde wälzen oder legen sich nicht zum Schlafen hin, weil ihnen das Aufstehen Mühe bereitet. Haben die Tiere Schmerzen, meiden sie oft auch soziale Kontakte zu anderen Pferden oder verlieren ihren bisherigen Rang in der Herde.

Arthrose macht sich nicht jeden Tag gleich stark bemerkbar. Oft haben betroffene Pferde Schübe, vor allem an (nass-)kalten Tagen. Grund dafür ist der Stoffwechsel, der zu einer zäheren Gelenkflüssigkeit führt. Dadurch werden die Gelenke nicht richtig geschmiert, die Knochen reiben verstärkt aufeinander.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose Arthrose?

Besteht der Verdacht auf Arthrose in den Beinen, untersucht der Tierarzt, wie beweglich die Gelenke sind oder ob es mögliche Schwellungen gibt, und lässt sich das Tier vorführen. "Für eine aufschlussreiche Diagnose und genaue Lokalisierung sollte eine diagnostische Anästhesie genutzt werden", so Dr. Rüdiger Brems.

Das heißt, einzelne Abschnitte des Beins werden nacheinander anästhesiert und das Pferd erneut vorgeführt. Verschwindet die Lahmheit durch die direkte Betäubung der betroffenen Gelenke, ist die Diagnose abgesichert. Bei akuten Entzündungen eignet sich dieser Schritt auch bei Arthrose in anderen Gelenken wie dem Kiefergelenk oder der Halswirbelsäule.

Zusätzlich kann man durch verschiedene bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall, Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) oder Szintigrafie eine Veränderung des Gelenks feststellen. Die Gelenkspiegelung (Arthroskospie) gibt genaue Auskunft über Struktur und die innere Beschaffenheit des Gelenks. "Mit dieser Methode haben wir die Möglichkeit, das Stadium der Krankheit mithilfe von Details wie etwa Knorpelschäden zu erkennen", sagt Dr. Brems. Er war einer der ersten Pferdetierärzte, die in Deutschland eine solche Arthroskopie durchführten.

So behandeln Tierärzte und Therapeuten

Hat das Pferd akut Schmerzen, erhält es Entzündungshemmer und Schmerzmittel. Daneben gibt es unterschiedliche Präparate, die eingesetzt werden; "die meisten versuchen den Abbau von Knorpel zu verhindern und dessen Qualität zu verbessern", sagt Dr. Rüdiger Brems, der festgestellt hat: "Eine Behandlung mit Hyaluronsäure, entweder lokal ins Gelenk injiziert oder intravenös gegeben, bewährt sich immer wieder." Daneben sind auch Glucosamin, Muschelextrakt und Chondroitin Substanzen, die den Knorpelabbau verhindern können.

Autologe Blutpräparationen (wie Platelet Rich Plasma, PRP oder Plättchen-Lysat, PL) können die Entzündung eindämmen und Schmerzen reduzieren, wie eine Studie vom Februar 2020 einer Forschergruppe der Universität in Buenos Aires/Argentinien zeigte: 23 Arthrose-Patienten bekamen PRP gespritzt; die Entzündungen gingen spürbar zurück, Schmerzen und Lahmheit nahmen ab.

Im vergangenen Jahr brachte Pharmakonzern Boehringer mit Arti-cell fortedas erste auf Stammzellen basierendeTierarzneimittel in der EU auf den Markt. Die Stammzellen sollen sich zu Knorpelzellen entwickeln. "Damit haben wir in vielen Fällen schon gute Erfahrungen gemacht", berichtet Dr. Brems. Die Stammzellen sind tiefgefroren und werden unmittelbar nach dem Auftauen ins Gelenk gespritzt. In einer Feldstudie erhielten 50 Pferde mit Fesselgelenks-Arthrose das Mittel. Sechs Wochen später wurde rund die Hälfte davon (52 Prozent) als "nicht lahm" eingestuft.

Bei akuten Fällen oder verletzungsbedingter Arthrose kann eine Operationhelfen. "Die Chance, dass sich Knorpel und Gelenk besser erholen, ist so oft größer", sagt Dr. Brems. Mithilfe einer Arthroskopie wird das Gelenk bestmöglich von Unebenheiten und losen Teilchen befreit. Von der OP erholen sich Pferdemeist in wenigen Tagen. Bei älteren Tieren empfiehlt Dr. Brems zunächst eine medikamentöse Behandlung, ehe eine OP in Betracht gezogen wird.

Alternativmedizinisch können Akupunktur und Blutegel für Linderung sorgen. Ingwer, Teufelskralle oder Hagebutte können phytotherapeutisch unterstützend wirken. Sprechen Sie den Einsatz mit einem Therapeuten ab.

Wie lässt sich Arthrose vorbeugen?

"Ein Pferd braucht ausreichend lange und vor allem regel- und gleichmäßige Bewegung", sagt Dr. Rüdiger Brems. Mehrstündiger, täglicher Auslauf tut den Gelenken gut, ebenso wie Minimum 20 Minuten Schritt in der Aufwärmphase. Zu tiefe oder harte Böden schaden auf Dauer den Gelenken, und Mangelernährung zerstört den Knorpel.

Hufprobleme als Auslöser für Arthrose

Fehlstellungen der Hufe können fatale Auswirkungen haben: "Kippt" das Pferd etwa nach innen oder außen, werden Gelenke falsch belastet. Das kann langfristig zu Verschleiß und somit zu Arthrose führen. Solche Fehlstellungen sollten vom Hufbearbeiter oder Schmied behoben werden, allerdings nicht im Hauruck-Verfahren: Das führt nur dazu, dass durch die schnelle "Korrektur" an anderen Stellen Probleme auftauchen können.

Auch angepasster Beschlag kann Arthrose-Beschwerden lindern: Spezielle orthopädische Beschläge können dem Pferd etwa das Abrollen des Hufs erleichtern und Stöße dämpfen. Im Idealfall tauschen sich Tierarzt und Hufschmied über den fürs Pferd optimalen Beschlag aus.

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