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Was tun, wenn Pferde einen Schlaganfall haben?

Was tun, wenn Pferde einen Schlaganfall haben? Equine Herpes-Myeloenzephalopathie

Equine Herpes-Myeloenzephalopathie: Der "Schlaganfall des Pferds" ist die gefürchtete Variante einer Herpesvirus-Infektion. Was löst die neurologischen Ausfälle aus?

Die Bilder schnüren jedem Reiter die Luft ab: Der Fuchs liegt mitsamt seines Haltegeschirrs wie tot auf dem Boden der Reithalle. Als der Frontlader vorsichtig das Geschirr anhebt, um das Pferd aufzurichten, hebt der achtjährige Wallach nur geschwächt den Kopf. Der Fahrer des Frontladers stellt ihn langsam und vorsichtig wieder auf die Beine, doch alleine stehen kann das Pferd noch nicht: Die Hinterhand kippt sofort wieder zur Seite; nur das Tragegeschirr verhindert, dass der Fuchswallach stürzt. Dann macht das Pferd vorsichtig einige wenige Schritte, torkelt dabei und knickt immer wieder um.

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Der Fuchs, den der französische Tierarzt Christoph Schlotterer gefilmt hat, ist am Equinen Herpes-Virus erkrankt, das zur Equinen Herpesvirus-Myeloenzephalopathie (EHM) führte. Das Virus des Typs 1 hatte im Februar und März 2021 bei der Valencia Spring Tour zu mehr als 100 erkrankten Pferden und achtzehn toten Tieren geführt.

Was verursacht Equine Herpesvirus-Myeloenzephalopathie?

EHM, auch Equine Herpes Myelitis genannt, wird durch das Equine Herpes-Virus (EHV) ausgelöst, und zwar durch Viren des Typs 1 und 4 (siehe Abschnitt "Virus-Varianten"). Herpesviren brauchen einen Wirt und dessen Zellen, um sich vermehren zu können. Was die Zellen angeht, sind die Viren nicht wählerisch: Sie vervielfältigen sich in denen der Atemwege, der Genitalien oder der Nervenbahnen.

Herpesviren sind in unserer Pferde-Population weit verbreitet: "Je nach Literatur gehen Forscher davon aus, dass bis zu 85 Prozent der Pferde in Deutschland latent mit dem Herpesvirus infiziert sind", sagt Tierarzt Dr. Kai Kreling von der Pferdeklinik Waldalgesheim. Das heißt: Das Virus ist zwar vorhanden, wird aber vom Immunsystem des Pferds in Schach gehalten. Man nennt diesen Zustand "latent infiziert".

Ausbrechen kann das Virus, wenn das Immunsystem angegriffen ist – etwa durch großen Stress. "Dieser verstärkt die Virusinfektion und reduziert die Immunantwort der Pferde", erklärt Dr. Kreling. Valencia hätte die optimalen Voraussetzungen für einen solchen Herpes-Ausbruch geliefert, so der Tierarzt weiter: "Die Pferde waren zu der Zeit voll im Fellwechsel, wurden Tausende Kilometer transportiert, vor Ort in engen Stallzelten gehalten und mussten sportliche Hochleistung bringen."

In so einer Situation reicht es, wenn sich die Viren bei wenigen Pferden vermehren. Diese scheiden sie in höherer Anzahl aus und stecken so weitere Tiere an. Das Virus wird dabei von Pferd zu Pferd übertragen, etwa durch direkten Kontakt. In schlecht belüfteten Ställen verbreitet sich das Virus besser.

Hat sich ein Pferd bei einem anderen angesteckt, liegt die Inkubationszeit zwischen zwei und zehn Tagen. "Je höher jedoch die Zahl der übertragenen Viren, desto schneller verläuft die Infektion", erklärt Dr. Kreling. Die äußert sich zuerst in einem mäßigen Temperaturanstieg und kann zu Fieber (bis zu 39,5 Grad) führen. Auch Nasenausfluss und Husten sind Symptome.

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Husten und Nasenausfluss sind typische Symptome einer Herpesvirus-Infektion.

Ob es zu einer EHM kommt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, wie Immunstatus des Pferds oder Alter. Entscheidend ist zudem, ob es zu einer Virämie kommt: "In dieser zweiten Phase der Infektion verteilt sich das Virus über die Blutbahn im Körper", sagt Dr. Kreling. Die Virämie beginnt ungefähr ab Tag 5 der Infektion und geht mit hohem Fieber (bis zu 41 °C) einher.

Im Rückenmark kommt es dann zu kleinen Infarkten, einer Unterversorgung der Nervenstrukturen. Daher vergleichen Tierärzte EHM mit einer Art Schlaganfall. Je mehr Infarkte es gibt, umso schlimmer sind die Folgen: Es kommt zu neurologischen Ausfällen, die sich auf die gesamte Hinterhand auswirken. Das Pferd kann inkontinent werden, Entleerungsstörungen der Blase zeigen oder seine Gliedmaßen nicht mehr koordinieren. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Lähmung (Parese) der Hinterhand, die Pferde liegen sich fest. Das hat tödliche Folgen für Stoffwechsel und Kreislauf.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Anhand der Symptome kann der Tierarzt eine Verdachtsdiagnose stellen. Die sollte mittels PCR-Methode (polymerase chain reaction) bestätigt werden; dafür wird eine Blutprobe oder der Abstrich eines Nasentupfers ins Labor geschickt. "Eine Titerbestimmung ist nur sinnvoll, wenn man in aufeinanderfolgenden Blutproben einen Titeranstieg messen kann", so Dr. Kreling.

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Der Abstrich eines Nasentupfers bestätigt die Diagnose dann mithilfe einer Laboruntersuchung.

So behandeln Tierärzte

Viren können nicht wirksam bekämpft werden; ist ein Pferd erkrankt, kann der Tierarzt lediglich die Symptome mildern. Heißt: den Kreislauf stabilisieren und die Immunantwort des Tiers stärken. "Infusionen jeder Art dienen dazu, die Fließeigenschaften des Bluts zu optimieren und die Herzaktion so weiter zu ermöglichen", sagt Tierarzt Kreling. Entzündungshemmende und antivirale Medikamente können ebenfalls nur die Symptome lindern. Kann das Pferd die Blase nicht entleeren, benötigt es einen Harnkatheter.

Da erkrankte Pferde bis zu 20 Tage lang Viren ausscheiden, müssen sie in Quarantäne. Empfohlen werden mindestens 28 Tage. Es ist sinnvoll, vor Quarantäneende über einen erneuten PCR-Test zu überprüfen, ob das Pferd wirklich keine Viren mehr ausscheidet.

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Pferde, die unter Verdacht stehen, an Herpes erkrankt zu sein, sollten sofort in Quarantäne und vom übrigen Bestand isoliert werden.

Schweizer Forscher griffen bei einem Herpes-Ausbruch zu Heparin, einem körpereigenen Vielfachzucker. Dieser soll verhindern, dass Viren in die Zellen eintreten. In dem Versuch bekamen 31 Pferde (die an Tag 10 nach dem Ausbruch Fieber hatten) zweimal täglich an drei aufeinanderfolgenden Tagen Heparin gespritzt, 30 weitere erkrankte Tiere wurden parallel beobachtet. Von den mit Heparin behandelten Pferden entwickelte ein Pferd EHM-Symptome, in der anderen Gruppe waren es sieben Pferde. "Heparin hat einen ähnlichen Effekt wie Acetylsalicylsäure beim Menschen, es verdünnt das Blut", so Dr. Kreling: "Eine wirksame Therapie gegen EHM gibt es jedoch nicht."

Wie lässt sich EHM vorbeugen?

Da Stress als einer der Hauptauslöser von Herpes und infolgedessen auch von EHM gilt, sollten Reiter diesen so gut wie möglich vermeiden. Heißt: Die Pferde möglichst artgerecht halten, also mit Sozialkontakt, genügend Auslauf und angepasster Fütterung.

Eine vorbeugende Herpes-Impfung ist unter Tierärzten und Forschern umstritten. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) am Friedrich-Löffler-Institut empfiehlt die Impfung gegen EHV als eine sogenannte Core-Komponente; das heißt, "jedes Pferd sollte jederzeit davor geschützt sein". Die FN hat die Impfung kürzlich verpflichtend gemacht: Turnierpferde müssen ab 2023 gegen EHV-1 geimpft sein.

Derzeit gibt es zwei Impfstoffe, einen lebenden Vollvirus-Antigen EHV-1 und einen inaktivierten Vollvirus-Antigen EHV-1 und -4. Für beide gilt: Die Pferde werden zunächst im Abstand von vier bis sechs Wochen geimpft, anschließend wird die Impfung alle sechs Monate aufgefrischt.

Ob und wie gut eine Impfung vor EHM schützt, ist umstritten. Die Vakzine sorge dafür, dass sich die Viren nicht ausreichend vermehren könnten, sagt Dr. Kai Kreling. "Das gelingt aber nur, wenn alle Pferde eines Bestands geimpft sind. Dann kann eine Herdenimmunität erreicht werden." Sei ein Bestand nur teilweise geimpft, könnten bei einem Ausbruch auch geimpfte Tiere erkranken.

Klar gegen die Impfung positioniert sich hingegen Prof. Dr. Dr. Peter Thein. Der Fachtierarzt für Pferde und Mikrobiologie lehrte an der Tierärztlichen Fakultät der LMU München und war Gründungsmitglied der StiKo Vet. Die derzeitigen Impfstoffe würden weder eine Neuinfektion verhindern noch würden sie dazu führen, dass geimpfte Pferde weniger Viren ausscheiden, so Professor Thein.

Ihm zufolge könnten wiederholte EHV-1-Impfungen laut internationalen Studien sogar das Risiko für die neurologische Verlaufsform EHM erhöhen: Die Immunreaktion sei Teil des Problems, worauf auch die patho-histologischen Ergebnisse an den Gefäßen der Nervensubstanz des Rückenmarks EHM-erkrankter Pferde hinwiesen.

Virus-Varianten

Wie viele unterschiedliche Herpesviren es gibt, wird derzeit noch erforscht. Relevant sind aktuell die fünf Typen von Equines Herpes-Virus (EHV) 1 bis 5. Am gefährlichsten für Pferde sind EHV-1 und -4: Beide Virenarten können zu Atemwegserkrankungen und Lähmungserscheinungen führen, insbesondere Typ 1 zudem zu Aborten. Infektionen, die dramatisch verlaufen oder sogar zum Tod führten, wurden in den vergangenen Jahren meist durch eine Kombination von Typ 1 und 4 hervorgerufen. EHV-2 und -5 werden für Augenentzündungen verantwortlich gemacht. Zu Bläschenausschlag an den Genitalien führt EHV-3.

Der Experte

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Dr. Kai Kreling ist Gründer und Leiter der Tierklinik Binger Wald in Waldalgesheim/Rheinland-Pfalz.

Dr. Kai Kreling ist Gründer und Leiter der Tierklinik Binger Wald in Waldalgesheim/Rheinland-Pfalz. Der FEI-Tierarzt ist zudem öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter und Sachverständiger für Pferde. Er betreibt daneben die Wissensplattformen "Pferdegesundheit Online" und "Pferdegesundheitsakademie". www.kaikreling.de

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