Medizin-Kompendium: Hufrehe
Was tun bei Hufrehe?

Hufrehe tritt das ganze Jahr über auf. In Herbst und Winter droht vorbelasteten Tieren ein weiterer Schub. Was können Besitzer und Tierarzt tun?

Medizin-Kompendium Hufrehe
Foto: Lisa Rädlein
In diesem Artikel:
  • Wissenswertes zur Anatomie
  • Was sind die Ursachen für Hufrehe?
  • Welche Symptome haben Pferde bei Hufrehe?
  • Wie stellt der Tierarzt die Diagnose Hufrehe?
  • Wie behandelt der Tierarzt Hufrehe?
  • Wie lässt sich Hufrehe vorbeugen?
  • Welche Pferde gelten als Risikopatienten für Hufrehe?
  • Der Experte

Die 17-jährige Isländerstute war eigentlich immer gesund. In den Sommermonaten neigte sie zu Übergewicht. Nach einem üppigen Sommer 2019 waren die Pfunde besonders zahlreich; bei der Stute wurde in Folge das Equine Metabolische Syndrom (EMS) diagnostiziert. Zwei Tage vor Weihnachten erlitt die Stute ihren ersten Hufrehe-Schub: Die Verbindung von EMS und winterlicher Kälte hatte zur Winterrehe (Winter-Laminitis) geführt.

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Medizin-Kompendium Folge 287
Hufrehe: Ursachen, Symptome und Behandlung
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Wissenswertes zur Anatomie

Bei Hufrehe wird nach und nach der Aufhängeapparat des Hufbeins zerstört. Dieser Hufbeinträger besteht aus den Blättchenschichten von Hornwand und Huflederhaut, die über Lamellen eng verzahnt sind. Lockert sich diese Verbindung zwischen Hufbein und Hornkapsel, führt dies dazu, dass sich das Hufbein womöglich senkt. Das kann bereits ein bis drei Tage nach Auftreten der Rehe der Fall sein.

Oft kommt es zusätzlich zu einer Hufbeinrotation: Weil die Sohlenfläche des Hufbeins von der tiefen Beugesehne nach unten gezogen wird, dreht sich seine Spitze nach unten; es droht ein Sohlendurchbruch. "Hufrehe ist keine orthopädische Erkrankung, sondern eine innere Erkrankung, bei der die Blutgefäße im Huf geschädigt werden", erklärt Tierarzt Dr. Joachim Onderka.

Was sind die Ursachen für Hufrehe?

Hufrehe kann aus verschiedenen Ursachen entstehen, etwa aufgrund von Stoffwechselerkrankungen (siehe Absatz "Risikopatienten"). Die sind in den meisten Fällen auch die Ursache für Winter-Laminitis, wie im Fall der Isländerstute.

Denn bei Kälte ziehen sich die Gefäße im Huf zusammen. Kommen zu diesen äußeren Faktoren ein hoher Insulin- oder Cortisol-Spiegel hinzu, ziehen sich die Blutgefäße noch stärker zusammen und dehnen sich nicht mehr so leicht aus, so die Vermutung. Treffen solche Hufe auf gefrorene Böden, schmerzen die Hufe – woraufhin der Körper noch mehr Cortisol ausschüttet. Das wiederum hat Einfluss auf den Insulinspiegel. Kommen dann noch weitere Faktoren wie mangelnde Bewegung und eine zu reichhaltige Fütterung hinzu, kann das zur Hufrehe führen.

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Rehe-Hufe zeigen die typische Rillenbildung und eine nach vorne gebogene Zehe.

Das Hufrehe-Risiko erhöhen vor allem leichtverdauliche Kohlenhydrate wie Stärke und Fruktan. Stärke steckt in Getreide, Fruktan im Weidegras. Dass diese langkettigen Zuckermoleküle nur in Frühjahrsgras vorkommen, ist ein Irrglaube: Ab September steigen die Fruktanwerte im Gras wieder an. Gerade auf abgegrasten Weiden droht Gefahr: Das Gras ist massiv gestresst und speichert besonders viel Fruktan. Auch Frost führt dazu, dass das Grün wegen vermehrter Photosynthese Zucker einlagert.

Gelangen plötzlich massenhaft leichtverdauliche Kohlenhydrate in den Darm, stören sie die Darmflora. Bakterien sterben, deren Reste Toxine freisetzen, die übers Blut in die Huflederhaut gelangen. Dort setzen sie komplizierte Enzymreaktionen in Gang, die zu Gewebsnekrosen und zur Trennung von Hufbein und Hornkapsel führen.

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Senkt sich das Hufbein ab, kann es im schlimmsten Fall die Sohle durchbrechen.

Eine toxische Rehe entsteht, wenn das Pferd Giftpflanzen gefressen hat. Auch Kortisonpräparate können toxische Rehe verursachen. Relativ selten ist eine Belastungsrehe. Meist ist ein Bein permanent überlastet, weil das gegenüberliegende hochgradig lahm ist, etwa durch eine Fraktur. Rehe droht auch bei Ausdauerleistungen auf hartem Boden; das dürfte auch der Grund sein, warum manche Pferde im Offenstall Rehe bekommen, wenn sie viel auf Pflastersteinen oder Beton unterwegs sind.

Welche Symptome haben Pferde bei Hufrehe?

Rehe kann innerhalb weniger Stunden ausbrechen. Das Pferd hat Schmerzen, will sich häufig hinlegen oder nicht mehr fressen. Die Sohle ist druckempfindlich, am Fesselkopf ist eine Pulsation zu spüren. Typisch ist die Rehe-Stellung, bei der das Pferd die Zehen der Vorderbeine entlastet und die Hinterbeine unterschiebt. Es will nicht laufen und verlagert das Gewicht von einem Bein aufs andere.

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Raabe
Ein spezieller Rehe-Beschlag lindert den Druck auf die Zehe.

Bereits nach etwa zwei Tagen geht diese akute in die chronische Phase über. Im schlimmsten Fall kommt es im Endstadium dazu, dass sich die Verbindung zwischen Hufbein und Hornkapsel komplett löst: Das Pferd "schuht aus". Senkt sich oder rotiert das Hufbein, kann es zum Sohlendurchbruch kommen.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose Hufrehe?

Der Tierarzt röntgt den Huf, um die Lage einschätzen zu können. Die Bilder zeigen Ausmaß und Verlauf der Krankheit. "Wir röntgen in zwei Ebenen", erklärt Dr. Onderka, "und zwar seitlich sowie als AP-Aufnahme." Die seitliche Ebene zeigt eine etwaige Rotation sowie eine Senkung. Mittels der AP-Aufnahme werden zwei Gefäßlöcher sichtbar.

"Zieht man eine Linie waagerecht durch die Gefäßlöcher, muss sie parallel zur Bodenlinie sein. Bei einer Senkung ist die Linie schräg." Einsicht ins Innere des Hufs und den Zustand der Gefäße erhält der Tierarzt über eine Phlebografie: Dabei wird Kontrastmittel injiziert, das im Röntgenbild die Gefäße sichtbar macht. Der Zustand der Gefäße gibt Hinweise auf die Schwere der Erkrankung.

Wie behandelt der Tierarzt Hufrehe?

Zur Therapie gibt es unterschiedliche Medikamente: nicht-steroidale Entzündungshemmer, blutdrucksenkende Mittel wie Azepromazin, Gerinnungshemmer wie Heparin. Wichtig ist eine wirkungsvolle Schmerztherapie, besonders bei Pferden mit EMS oder Cushing. Denn die Insulinresistenz, die bei diesen Patienten die Rehe verursacht, wird durch Schmerz (Stress) verstärkt.

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Die Zehe schwebt quasi.

Auch Kälte lindert den Schmerz. Am besten stellt man das Pferd in ein möglichst kaltes Gewässer. Im Winter kann das jedoch kontraproduktiv sein, weil sich die Gefäße in den Hufen so noch mehr zusammenziehen. Halten Sie daher Rücksprache mit Ihrem Tierarzt.

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Der zusätzliche Cast-Verband minimiert die Hufdynamik und lindert den Schmerz.Der Verband muss nach zehn Tagen entfernt werden.

Das Hufbein kann durch Gips, Verbände oder Beschläge mechanisch unterstützt werden. Das Hochstellen der Trachten soll die Rotationskräfte durch die tiefe Beugesehne auf das Hufbein reduzieren, die Sohle wird gepolstert, der Bereich der Hufbeinspitze bleibt frei. Wie der optimale Beschlag aussieht, sollten Tierarzt und Hufschmied gemeinsam festlegen.

Wie lässt sich Hufrehe vorbeugen?

Übergewicht ist zu vermeiden. Das heißt: Fütterung auf den Bedarf anpassen und die Bewegung dabei nicht vergessen. Einmal erkrankte Pferde sollten am besten auf einen Paddock oder eine Fressbremse (z.B. Shires Deluxe Maulkorb , Eldorado Weidemaulkorb oder Kerbl Fressbremse Maulkorb,) tragen.

Welche Pferde gelten als Risikopatienten für Hufrehe?

Stoffwechselkrankheiten wie das Equine Metabolische Syndrom (EMS) können das Risiko für Hufrehe erhöhen. "Das ist mittlerweile die häufigste Form", sagt Dr. Joachim Onderka.

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Eine Fressbremse kann bei anfälligen Pferden das Risiko für Übergewicht verringern.

Die langfristig erhöhten Insulinwerte bei Tieren mit EMS schädigen die Blutgefäße. "Erhöhte Insulinwerte sind ein Gefäßgift", sagt Dr. Onderka. Bei Cushing ist der Hormonhaushalt aus den Fugen; das führt ebenso zur Insulinresistenz. Pferde mit Insulinresistenz sind ebenfalls anfälliger für eine Fütterungsrehe.

Der Experte

Dr. Joachim Onderka gründete 1993 die Tierklinik Partners in Wehr (bei Lörrach/Baden-Württemberg). Der Fachtierarzt für Pferde, Turnier- und Rennbahntierarzt ist spezialisiert auf die Fachgebiete Orthopädie, Sportpferdemedizin und Atemwegserkrankungen. tierklinikpartners.de

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Erscheinungsdatum 23.11.2022

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