Pferdegrippe: Symptome, Diagnose & Behandlung
Equine Influenza vorbeugen

Die Pferdegrippe kann sich in Windeseile ausbreiten, dann müssen Stallbetreiber schnell handeln. Dabei lässt sich der Krankheit gut vorbeugen.

Medizin Kompendium Equine Influenza
Foto: Lisa Rädlein
In diesem Artikel:
  • Was verursacht die Pferdegrippe?
  • Wie äußert sich die Pferdegrippe?
  • Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?
  • So behandeln Tierärzte
  • Was ist bei einem Ausbruch zu tun?
  • Wie lässt sich der Pferdegrippe vorbeugen?
  • Welche Risikopatienten sind besonders anfällig?
  • Die Expertin

Die Equine Influenza ist eine hochansteckende Virusinfektion, auch bekannt als Pferdegrippe. Pferde inhalieren die Erreger, die bei nichtgeimpften Tieren in kürzester Zeit den gesamten Atmungsapparat befallen. Von der Ansteckung bis zum Auftreten erster Symptome liegen oft nur zwei Tage.

Was verursacht die Pferdegrippe?

Man unterscheidet vier Influenza-Virustypen (A bis D). Influenza-A-Viren stammen ursprünglich aus Wassergeflügel, infizieren neben Vögeln aber auch zahlreiche Säugetierarten einschließlich Menschen. Sie weisen zwei spezielle Oberflächen-Moleküle auf: das Hämagglutinin (H) und die Neuraminidase (N). Über das Hämagglutinin bindet sich das Virus an die Zellen der Atemwegs-Schleimhäute und dringt in diese ein. Dort zwingen die Viren den Zellstoffwechsel, unzählige neue Viruspartikel zu produzieren. Mittels der Neuraminidase werden die Viren freigesetzt und damit verbreitet. Gegen beide Molekül-Arten werden vom Immunsystem des Pferds Antikörper gebildet.

Allerdings kommt es bei der Vermehrung der Grippeviren zu Mutationen: Es entstehen neue H- und N-Subtypen, die dem Abwehrsystem entwischen. Gegen die vorherigen Moleküle gebildete Antikörper können die neue Virusversion nicht mehr komplett neutralisieren. "Damit Impfstoffe gegen Influenza-Viren passende Antikörper zu kursierenden Mutationen enthalten, müssen sie stets aktualisiert werden", betont Prof. Dr. Kerstin Fey, Fachtierärztin für Innere Medizin. In Europa zirkuliert seit 2019 ein Influenza-Virus A equi 2 (H3N8) einer erstmals in Florida (Clade 1) nachgewiesenen Linie.

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Erkrankte Pferde wirken abgeschlagen.

Schon wenige Stunden nach Infektion kann der Erreger mit Nasensekret ausgeschieden werden. Heißt: Noch bevor Fieber oder weitere Symptome auftreten, sind infizierte Pferde ansteckend. Vier bis fünf Tage nach Infektion scheiden Pferde die meisten Grippeviren aus. Nach etwa zehn Tagen werden meist keine Viren mehr freigesetzt. Das sind allerdings Werte von ungeimpften Pferden. Junge oder immungeschwächte Pferde können länger ansteckend sein. Regelmäßig geimpfte Pferde sind gar nicht oder deutlich kürzer ansteckend.

Wie äußert sich die Pferdegrippe?

Ungeimpfte Pferde zeigen plötzlich hohes Fieber um die 40°C (normal: 37,0 bis 38,0 °C). Manchmal steigt es bis 42 °C und hält bis zu drei Tage an. Auch weitere Fieberschübe sind möglich. Mit dem anfänglichen Fieber geht bei etwa der Hälfte der Pferde auch Abgeschlagenheit und Appetitlosigkeit einher. Es tritt regelmäßig zunächst wässriger, nach zwei bis drei Tagen schleimiger Nasenausfluss auf. Augenausfluss ist dagegen eher selten.

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Zunächst wässriger, dann schleimiger Nasenausfluss gehört ebenfalls zu den Anzeichen einer Influenza.

Charakteristisch ist der bereits nach zwei oder drei Tagen einsetzende, laute Husten (anders als etwa bei Druse oder Equinem Herpes). Jeder Hustenstoß setzt enorme Virusmengen frei. Pferde in bis zu 40 Metern Entfernung können so infiziert werden.

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Husten ist ein typisches Symptom von Equiner Influenza. Solche Pferde dürfen keinesfalls mehr auf die Weide, sondern müssen in Boxen isoliert werden.

Bei schweren Verläufen schädigen Influenza-Viren neben dem Epithel (oberste Zellschicht des Schleimhautgewebes) der kleinen Atemwege Bronchitis) auch die Lungenbläschen; es kommt zur Lungenentzündung (Pneumonie). Weitere seltene Folgen sind Herzmuskelentzündung oder auch überschießende Immunreaktionen (Morbus maculosus).

Nur sehr selten sterben Pferde an Influenza. Die angegriffenen Schleimhäute bieten allerdings Bakterien einen guten Nährboden: Eine bakterielle Bronchopneumonie (entzündetes Lungengewebe und Bronchien) oder Brustfellentzündung (Pleuritis) können die Folge sein.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

"Tritt bei mehreren Pferden fast gleichzeitig Fieber und Husten auf, werden Tierärzte schnell den Verdacht auf eine Influenza äußern. Diese Symptomatik ist typisch für die Atemwegserkrankung", so Prof. Dr. Kerstin Fey.

Da in vielen Beständen zumindest ein Teil der Pferde geimpft ist, sind die Symptome aber oft milder. Schnelltests können Influenza nachweisen beziehungsweise ausschließen. Solche Tests entstammen der Humanmedizin und entsprechen dem Prinzip von Corona-Schnelltests.

In den meisten Fällen ist es jedoch sinnvoller, Rachentupfer beziehungsweise Rachenspülproben zu entnehmen. Sie können auf alle gefährlichen Erreger von Atemwegsinfekten untersucht werden, wie beispielsweise auch auf Equine Herpesvires und den Druse-Erreger (Streptococcus equi).

So behandeln Tierärzte

"Ein wichtiger Therapieschritt ist die absolute und sofortige Ruhigstellung erkrankter Pferde", betont Prof. Dr. Kerstin Fey. Fällt dem Pferd das Fressen schwer, sollte eingeweichtes Futter angeboten werden. Nasses Heu und ausreichend Einstreu vermeiden Stäube und Gase, die die Atemwege zusätzlich reizen. Bei Schonung und guten Luftverhältnissen verschwindet der Husten meist binnen zehn Tagen.

Allerdings braucht die vollständige Regeneration der Schleimhäute deutlich länger: Auch wenn das Pferd symptomfrei erscheint, sollte es ein bis zwei Wochen lediglich im Schritt oder leichten Trab bewegt werden, um starke Atemluftströmungen zu vermeiden. Als Faustregel gilt: Jeder Fiebertag bedeutet eine Woche ruhige Bewegung.

Es gibt keine Wirkstoffe gegen Influenza-Viren, die für Pferde zugelassen sind. Arzneimittel werden rein symptomatisch eingesetzt: Leidet das Pferd unter hohem Fieber, verabreichen Tierärzte fiebersenkende und das Allgemeinbefinden verbessernde Substanzen. Bei Atemnot können Bronchospasmolytika nötig werden.

Hält das Fieber länger als drei bis vier Tage an, tritt ein weiterer Fieberschub auf oder entwickelt sich ein gelber Nasenausfluss, so muss an eine bakterielle Sekundärinfektion gedacht werden. In den Fällen entnehmen Tierärzte erneut Proben für bakteriologische Untersuchungen. Nur wenn die verursachenden Bakterien angezüchtet werden können, lässt sich herausfinden, welche Antibiotika wirksam sind. Solche Untersuchungen dauern mindestens drei Tage. Bei Verdacht auf bakterielle Pneumonie oder andere Komplikationen muss zunächst ein breit wirksames Antibiotikum eingesetzt werden.

Was ist bei einem Ausbruch zu tun?

Um zu verhindern, dass sich die Grippeviren epidemisch ausbreiten, ist der betroffene Bestand umgehend zu sperren. Nach Abklingen des Hustens sollte er zur Sicherheit für weitere zwei Wochen gesperrt bleiben. Selbst bei einem raschen Verlauf ist mit einer mindestens vierwöchigen Sperre zu rechnen.

Das Equine Influenza-Virus ist für Menschen ungefährlich. Allerdings ist bekannt, dass in seltenen Fällen Hunde erkranken und weitere Artgenossen anstecken können.

Um eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden, müssen erkrankte Pferde isoliert werden. Bedeutet: zunächst diejenigen, die durch Fieber auffallen. Das ist die wichtigste Maßnahme, selbst dann, wenn bereits Viren ausgeschieden wurden. Denn je mehr Pferde erkranken, umso höher ist auch die Anzahl an ausgeschiedenen Viren – und je höher die Viruslast, desto eher erkranken auch geimpfte Boxen-Nachbarn oder ungeschützte Pferde schwer.

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Erkrankte Pferde brauchen Ruhe; pro Fiebertag eine Woche. Weil die Viren an Oberflächen über Wochen anstreckend sein können, müssen Boxenwände desinfiziert werden – jedoch besser in Schutzkleidung.

Um Viren auf kontaminierten Oberflächen zu entfernen, sollten Stallwände, Hänger und andere Gegenstände zuerst gründlich gereinigt und getrocknet werden. Hierfür eignen sich gewöhnliche Reinigungsmittel. Auch heißer Wasserdampf kann sie zerstören – allerdings können nicht-abgetötete Viren durch Hochdruckreinigung wieder in die Atemluft geraten.

Anschließend können geprüfte Mittel zur Stalldesinfektion aufgebracht werden. Wer erkrankte Tiere versorgt, sollte Schutzkleidung tragen und den infizierten Bereich nicht ohne Reinigung und Desinfektion verlassen.

Generell gilt: Eine schnelle Reaktion im Umgang mit Equiner Influenza ist entscheidend, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es empfiehlt sich, dass Betriebe bereits vor einem Ernstfall Notfallmaßnahmen ausarbeiten. Vorschläge für solche Maßnahmen lassen sich im Hygieneleitfaden der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) finden.

Wie lässt sich der Pferdegrippe vorbeugen?

Impfstoffe, die an die aktuell kursierenden Subtypen der Equinen Influenza-Viren angepasst sind, schützen das einzelne Pferd wie auch den Bestand vor einem epidemischen Verlauf. Für einen korrekten Impfschutz muss das Pferd grundimmunisiert und alle sechs oder zwölf Monate nachgeimpft werden. Die Grundimmunisierung beginnt bestenfalls im Fohlenalter: Die erste Impfung erfolgt ab dem sechsten Lebensmonat. Nach sechs bis acht Wochen folgt die zweite Spritze, nach sechs Monaten eine weitere. Werden Pferde erst nach dem Fohlenalter geimpft oder wurde der Impfrhythmus vernachlässigt, muss erneut eine Grundimmunisierung erfolgen.

Achtung: Etwa sechs Monate nach der Impfung ist der Antikörperspiegel bereits soweit gesunken, dass sich Pferde infizieren und zu Ausscheidern werden können. Das Gefährliche: Diese Pferde erscheinen nicht krank. Das führt zu Ansteckungen, gerade dort, wo viele Pferde mit unterschiedlichen Immunstati zusammentreffen – wie auf Rennbahnen oder bei Turnieren. Die FN schreibt für Turnierpferde daher Influenza-Impfungen im Abstand von sechs Monaten vor.

Welche Risikopatienten sind besonders anfällig?

Besonders gefährdet sind immunologisch ungeschützte Fohlen. Wird die Stute vor der Geburt geimpft, so nimmt das Fohlen mit dem Kolostrum (der ersten Form der Muttermilch) Antikörper auf, die es bis zur ersten Impfung schützen können.

Nicht oder nicht korrekt geimpfte Pferde sind ebenfalls bedroht, da ihnen Antikörper gegen das Virus fehlen. Bei älteren Pferden können Impfungen mitunter nicht mehr gut wirken.

Die Expertin

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privat
Prof. Dr. Kerstin Fey ist Fachtierärztin für Innere Medizin sowie Diplomate des European College of Equine Internal Medicine (ECEIM). Sie leitet an der Justus-Liebig-Universität Gießen die Abteilung Innere Medizin der Klinik für Pferde und hat hier die Professur inne. Ihr Forschungsschwerpunkt sind Erkrankungen des Respirationstrakts. vetmed.uni-giessen.de

Prof. Dr. Kerstin Fey ist Fachtierärztin für Innere Medizin sowie Diplomate des European College of Equine Internal Medicine (ECEIM). Sie leitet an der Justus-Liebig-Universität Gießen die Abteilung Innere Medizin der Klinik für Pferde und hat hier die Professur inne. Ihr Forschungsschwerpunkt sind Erkrankungen des Respirationstrakts.

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2 / 2023

Erscheinungsdatum 18.01.2023

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