Hüpfer oder Greis: So bestimmen Sie das Pferdealter
Welche Pflege brauchen ältere Pferde?

Zwischen Geburtsdatum und wahrem Alter liegen oft Jahre. Manche Pferde sind mit sechs schon Greise, andere sind mit 22 noch junge Hüpfer. Wie lassen Sie den inneren Jungbrunnen Ihres Pferds möglichst lange sprudeln?

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Foto: cavallo
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Graue Haare und kein bisschen greise: Ein topfittes altes Pferd beim Toben.

Der Schimmel Elmer Bandit lässt den weißhaarigen Entertainer Johannes Heesters ganz schön alt aussehen: Im Alter von 37 Jahren trabte der Araber-Mix aus den Vereinigten Staaten über die Ziellinie eines 29 Meilen langen Geländeritts und stellte damit einen neuen Weltrekord auf: Mit 20720 Meilen (rund 33346 Kilometer) lief Elmer weiter als jedes andere Pferd zuvor.

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Der Pferde-Senior, der unter seiner Reiterin und Besitzerin Mary Anna Woods seit dem Jahr 1976 bei Geländeritten (Competitive Trails) startet, ist einerseits ein Phänomen: Die meisten Pferde erleben dieses Alter erst gar nicht, geschweige denn flitzen sie noch im Wettkampf durch die Prärie. Andererseits ist das Ausnahme-Pferd Elmer ein typisches Beispiel dafür, dass das Geburtsdatum nicht immer das wahre Alter verrät.

Pferde können richtig alt werden

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Zeigt her die Zähne und die Beine: Pferde, die gut kauen und toben, sind in jedem Alter jung.

Und so mancher Sechsjährige ist bereits reif für das Gnadenbrot. Denn ab welchem Zeitpunkt das Alter als fünfte Lebensphase (nach Säuglingszeit, Kindheit, Jugend mit Pubertät und Erwachsensein) im Einzelfall beginnt, bestimmen keineswegs nur die Gene. Ein ganz wesentlicher Anti-Aging-Faktor fürs Pferd ist der Mensch. Er stellt schon beim Fohlen die Weichen zu einem gesunden, optimal aufgewachsenen Reitpferd oder zu einem kränkelnden Psychowrack (siehe auch CAVALLO 7/2003).

Ein solches körperliches und psychisches, sechs Jahre altes Wrack kam vor einigen Jahren zu Beatrix Schulte Wien, die auf dem Hof Thier zu Berge bei Dülmen das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) gründete. "Das Pferd war total zusammengeknallt worden; es war dadurch so steif, dass ich nicht einmal eines seiner Beine hochheben konnte", erzählt die Osteotherapeutin.

Der Geisteszustand des Wallachs war genau so übel: "Er nahm seine Umwelt kaum wahr; und wenn doch, explodierte er", so Schulte Wien. Die einstige Turnierhoffnung stand kurz vor dem Tod beim Schlachter.

Wie lässt sich das Altern stoppen

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Gut zu Fuß: In jedem Alter sollen Pferde beweglich, fit und geistig rege sein. Die Arbeit am Langen Zügel ist dafür optimal.

Sein Weg zum Jungbrunnen: "Gutes Reiten, ein maßgeschneiderter Sattel, Außenbox, täglich auf die Weide, Akupunktur, Bachblüten, das komplette Wohlfühlprogramm des DIPO, Geduld und ganz viel Zuwendung", zählt Schulte Wien auf. Eine kurze Karriere als Kinderstar prophezeite die Osteopathin auch dem Wunderpferd des internationalen Dressursports, dem Rapphengst Totilas: Das vermeintliche Gang-wunder, das bei den Europameisterschaften im britischen Windsor unter seinem Reiter Edward Gal von den Richtern mit Traumnoten überschüttet wurde, könnte schon in ein paar Jahren am Stock gehen. Sie behielt recht: Mit 15 Jahren wurde Totilas' Karriere nach einem Knochenödem beendet, doch schon in den Jahren zuvor hatte der Hengste immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen.

Knackpunkt ist wieder einmal falsches Reiten, bei dem das Pferd nicht über Hinterbeine und Rücken arbeitet. Das war auch bei Totilas der Fall. Er strampelte nur mit den Vorderbeinen noch etwas spektakulärer als seine Leidensgenossen.

"Der vordere Halteapparat mit Brustmuskel und gezacktem Brustmuskel wird durch falsches Reiten überlastet", erklärt Beatrix Schulte Wien. "Die Bewegung, die von der Hinterhand über das Kreuzbein auf den Rücken übertragen wird, kann nicht nach vorne-oben weitergeleitet werden, sondern sie wird in Grund und Boden gedrückt – deutlich sichtbar an den durchgetretenen Fesselgelenken der Vorderbeine."

Pferdeschonendes Reiten zählt

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Das unermüdliche Distanzpferd Waltraud saust mit 30 Jahren täglich mit Peter Franke durchs bayrische Gelände.

Der Senkrücken bei alten Pferden als Folge nachlassender Muskelspannung ist fürs Reiten dabei nicht zwangsläufig problematisch. Ein korrekt gerittenes altes Pferd wölbt auch sein Hängekreuz geschmeidig auf, wenn die Osteotherapeutin ihm in die Brustmuskulatur in der Gurtlage greift. "Wenn ich das bei Pferden wie Totilas machte, würden die würden vor Schmerzen in die Luft gehen."

Schmerzen sind es, die ein Pferd in jedem Alter schnell in einen Greis verwandeln. Da ist es egal, ob das Leiden im Kreuz oder in den Beinen steckt. Alles äußert sich in Lahmheiten, die dazu führen, dass sich Pferde weniger bewegen. "Ohne Bewegung altert der gesamte Organismus", sagt Pferdefachtierarzt Dr. Kai Kreling, Leiter der Tierklinik Binger Wald im rheinland-pfälzischen Waldalgesheim. Schuld sind vor allem degenerative orthopädische Erkrankungen wie verschlissene Gelenke und chronische Sehnenschäden. Die ernüchternde Erkenntnis aus der tierärztlichen Praxis: Altern beginnt früh. "Dass Pferde mit Beinproblemen behandelt werden müssen, geht in der Regel schon bei den Acht- bis Neunjährigen los", so Kreling. "Dass sie mit 17 oder 18 Jahren erstmals dem Tierarzt vorgestellt werden, kommt selten vor."

Laufen stoppt Knorpel

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Ob und wie sich ein Pferd wälzt, ist keine Altersfrage: Senioren sind nicht zwangsläufig steif.

"Bis zum Alter von zwei Jahren entwickeln Sehnen ihre maximale Belastbarkeit. Das Niveau, das sie bis dahin erreicht haben, ist die Basis, von der ein Pferd sein Leben lang zehrt", sagt Pferdefachtierarzt Dr. Christian Bingold von der Pferdeklinik Großostheim in Bayern (siehe auch den Bericht über effektive Methoden zur Behandlung kranker Sehnen in CAVALLO 5/2009).

So entwickeln Fohlen nur gesunde Gelenke, wenn sie auf der Weide groß werden. "Die meisten Pferde stehen sich kaputt", ist Tierarzt Dr. Kreling überzeugt. Denn nur beim Laufen werden die Gelenkknorpel ernährt, geschmiert und damit geschützt. Und auch die Muskeln werden nur so gestählt.

Muskelmasse entscheidet aber nicht darüber, ob ein Pferd eher jung oder eher alt ist. Dass es mit 25 Jahren nicht mehr wie ein Bodybuilder aussieht, macht nichts. "Maximale Muskelkraft ist nur das oberste Sahnehäubchen im Leistungssport. Ein Reitpferd, das Lektionen wie Galopp-Pirouetten gelernt hat und dessen Gelenke gesund und beweglich sind, braucht keine enorme Kraft für diese Lektion", sagt Schulte Wien.

Vom Menschen bekannte Altersgebrechen gibt es beim Pferd nicht. "Seine Leistungsfähigkeit nimmt im Alter deutlich weniger ab als beim Menschen; Herz- und Kreislaufprobleme spielen kaum eine Rolle, und Augenkrankheiten wie ein Alters-Star sind selten", sagt Kai Kreling. Die Unterschiede zwischen Pferd und Mensch sind für Tierarzt Kreling so groß, dass er nichts davon hält, Pferdejahre exakt in Menschenjahre umzurechnen. "Ob man das Pferdealter mal drei oder mal dreieinhalb nimmt, ist nur theoretische Berechnung, sagt aber nichts über das biologische Alter des Organismus aus."

Old Billy wurde 62 Jahre alt

"Ab etwa 20 Jahren steigt beim Warmblüter zum Beispiel der Energiebedarf, weil sich die Nährstoffaufnahme aus dem Darm verschlechtert", sagt Ernährungsexpertin Dr. Kathrin Irgang aus Berlin. Dass deshalb alten Pferden stets die Rippen herausstehen oder sich verlorene Kilos nicht mehr anfüttern lassen, ist aber ein Gerücht. Lesen Sie hier, warum.

Im Blutbild unterscheiden sich ältere Pferde nicht grundsätzlich von jüngeren. Diejenigen Messgrößen, die beispielsweise auf Leber- und Nierenprobleme hindeuten, sind gleich. "Es gibt keine Referenzwerte für Senioren", sagt Dr. Alexander Bertram vom Idexx Vet Med-Labor aus dem schwäbischen Ludwigsburg. Sind die Blutwerte top, ist das Alter egal.

Das kann dann auch mal 62 betragen: So alt wurde angeblich Old Billy aus England, der am 27. November 1822 starb.

Irrtümer übers Alter

1. Abmagern

Alte Pferde magern nicht zwangsläufig ab: Leichtfuttrige Tiere, die gesund sind, werden schließlich nicht auf einmal schwerfuttrig.

2. Kuhle überm Auge

Über den Pferdeaugen befinden sich Fettpolster. Diese schwinden auch bei jungen Tieren, die Fett abbauen, etwa durch Stress.

3. Kolikgefahr

Dass alte Pferde tatsächlich häufiger unter den gefährlichen Bauchschmerzen leiden, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Koliken sind nach wie vor die Todesursache Nummer eins bei Pferden, und der Tod lauert in jeder Altersgruppe.

4. Schlechte Sicht

Weil ein Pferd alt ist, sieht es nicht unbedingt schlechter. Trübungen der Linse (Grauer Star) sind meistens Folge der Periodischen Augenentzündung; und an dieser Infektion erkranken Pferde jeder Altersgruppe. Einen Alters-Star gibt es zwar, doch der ist selten.

5. Schwarze Rinne und Einbiss

Das Alter eines Pferds an seinen Zähnen abzulesen, funktioniert garantiert nicht, wenn man nur die Eckzähne des Oberkiefers betrachtet. Weder der Einbiss noch die dunkle Galvayne-Rinne lassen sich zuver­lässig bestimmten
Alters­gruppen zuordnen.

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2 / 2023

Erscheinungsdatum 18.01.2023

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