Wird der Tierarzt bald noch teurer?

Wird der Tierarzt bald noch teurer?
GOT auf dem Prüfstand

ArtikeldatumVeröffentlicht am 13.03.2026
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GOT auf dem Prüfstand
Foto: Rädlein

Es ist noch nichts passiert, und trotzdem ist die Aufregung schon groß. Denn 2026 ist das Jahr, in dem die Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) auf den Prüfstand kommt; die gibt vor, wie viel Tierärzte für welche Behandlungen und Leistungen abrechnen dürfen. Ob dieser Prüfprozess für uns Pferdehalter am Ende womöglich dazu führt, dass Tierarztrechnungen künftig (noch) höher sind? Damit rechnen einige – und der Gegenwind nimmt deshalb jetzt schon an Fahrt auf.

Dabei hat die Evaluierung an sich noch nicht begonnen; bislang trägt sie nur einen sperrigen Titel. Auf Beamtendeutsch heißt es offiziell auf der Website der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), die das Verfahren ausschreibt: "Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) benötigt externe Entscheidungshilfe zu dem Thema ‚Evaluation der Novellierung der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (Tierärztegebührenordnung – GOT) durch Prüfung des strukturellen und finanziellen Reformbedarfs mit Abschätzung der Vollständigkeit des Leistungskatalogs und der Angemessenheit der Höhe seiner Gebührensätze’."

Evaluation bedeutet, dass Prozesse oder Konzepte systematisch und empirisch untersucht werden. Untersucht wurde und wird bei der GOT aber noch nichts; der Prozess steht gerade erst in den Startlöchern.

Sind die GOT-Gebühren noch aktuell?

Ende Oktober 2025 ging die Ausschreibung für die Evaluation online; aktuell läuft der Auswahlprozess der Bewerber. Die Evaluation selbst ist auf neun Monate angesetzt; sie umfasst laut BLE "die Überprüfungen der Übereinstimmung der Einzelposten des Leistungskatalogs der GOT mit dem veterinärmedizinisch-wissenschaftlichen Stand und der Höhe der Gebührensätze der Einzelposten des Leistungskatalogs".

Klingt genauso sperrig. Worauf die Evaluation hinauslaufen soll, formuliert die BLE unter dem Stichwort "Hintergrund” konkreter: "Seit dem Jahr 2022 haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Betrieb einer Tierarztpraxis geändert (strukturelle Auswirkungen, Inflation etc.). Deshalb sollten die Gebührensätze der GOT auf Aktualität überprüft werden."

Klarer Fokus auf die Gebührensätze also. Mal angenommen, die wären nicht mehr aktuell – steigen sie dann? Wann ist mit Ergebnissen dieser Evaluation zu rechnen? Und wann mit möglicherweise steigenden Sätzen? Wer wird überhaupt in den Evaluationsprozess einbezogen? Das Landwirtschaftsministerium hält sich hier mehr als bedeckt. "Wir befinden uns gegenwärtig im Ausschreibungsprozess", so ein Sprecher des BMLEH, deshalb könnten keine Details zu diesen CAVALLO-Nachfragen genannt werden.

FN kritisiert den anvisierten Prozess

Wer hingegen schon Stellung bezieht, ist die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) – und zwar gegen die Art und Weise, wie die Evaluation ausgeschrieben ist. FN-Präsident Martin Richenhagen äußert deutliche Kritik daran: Die Ausschreibung enthalte entgegen vorheriger Zusagen keine ganzheitliche Betrachtung der GOT und entspreche damit nicht einer umfassenden Bewertung. "Hier geht es jetzt anscheinend nur um die Frage: Wie viel mehr soll es noch sein? Das schockiert uns und ist nicht in unserem Interesse.” Beispielsweise heiße es in der dazugehörigen Leistungsbeschreibung: "Da es sich nicht um eine, klassische’ Evaluation der Regelung handelt, sind deren Legitimation, Zielsetzung, Ausrichtung, Praxistauglichkeit, Zukunftsentwicklung und Handlungsoptionen im Rahmen dieser Evaluation der Novellierung der GOT nicht zu untersuchen." Aus Sicht der FN sei diese Festlegung nicht akzeptabel; das stehe im deutlichen Widerspruch zu den bisherigen und aktuellen Aussagen der Politik, die eine Gesamtevaluation in Aussicht gestellt habe.

Rädlein

Dabei sollte der Fokus nach Vorstellung der FN ein ganz anderer sein. Die Auswirkungen der GOT seien vor allem im Pferdesektor erheblich: Sowohl die Zahl der eingetragenen Turnierpferde als auch der geborenen Fohlen sei rückläufig, Reitschulen hätten Probleme, ihre Schulpferde kostendeckend zu behandeln; also so, dass Tierarztkosten über Reitstunden aufgefangen werden könnten. Daher sollte die Evaluierung auch aufdecken, ob beispielsweise weniger Tiere operiert werden oder die Zahl der Euthanasien bundesweit gestiegen sei.

Heißt unterm Strich: Hat die aktuelle GOT dazu geführt, dass das Tierwohl gefährdet ist? Genau das war auch ein Punkt der Petition, die die FN Ende 2023 gemeinsam mit der Vereinigung Deutscher Tierhalter (VDTH) sowie Pferdezucht- und Pferdesportverbänden auf den Weg gebracht hat. Die GOT gefährde durch die stark gestiegenen Tierarztkosten das Tierwohl – teilweise hätten sich die Behandlungskosten verdoppelt, so die FN – und treibe Tierbesitzer in die Schuldenfalle. Daher müsse die GOT überprüft und die Erhöhungen der Sätze maßvoll werden, hieß es damals in der Petition. 132 000 Menschen unterschrieben diese.

Die GOT wirkt sich auf Pferdegesundheit aus

Dass das Thema GOT Pferdehalter massiv umtreibt, merkte auch Elena Karthäuser. Die Agraringenieurin wertete für ihre preisgekrönte Masterarbeit Umfragen unter Pferdehaltern und Tierärzten aus, die die Folgen der GOT auf die Pferdehaltung analysieren (siehe Grafiken und Interview rechts).

Und dass sich die GOT definitiv auf die Pferdegesundheit auswirkt, zeigen die Umfrageergebnisse deutlich. 56,1% der Tierhalter stimmten voll und 38,1% teilweise zu, dass sie Tierärzte im Krankheitsfall seltener rufen und erst selbst behandeln.

Elena Karthäuser fragte Pferdehalter auch konkret nach einzelnen Erkrankungen wie Husten, plötzlicher Lahmheit, Fieber und Kolik. Wird in diesen Fällen direkt der Tierarzt gerufen, wird zwei bis vier Tage damit gewartet – oder wird auf eigene Faust therapiert und der Doc erst dann gerufen, wenn sich keine Besserung einstellt? Bei plötzlicher, starker Lahmheit und Kolik gab ein Großteil der Pferdehalter an, bis zu vier Tage abzuwarten (41,4% bzw. 25,3%). Bei Husten würden 58,3% der befragten Reiter erstmal mit Zusatzfutter oder vorrätigen Medikamenten selbst therapieren, bei Fieber 12,1%, bei plötzlicher, starker Lahmheit machen das 15,8% der Reiter.

Tierarzt-Deutsch
Fellner

Genau solche Fälle erlebte die Agrarwissenschaftlerin und Reiterin auch in ihrem eigenen Umfeld. "Viele schauen, ob sie nicht zuerst selbst was machen können, weil sie sagen: Wenn ich den Tierarzt am Wochenende rufe, haut mich die Rechnung um”, so Elena Karthäuser. Sie sieht das kritisch: "Das Tierwohl darf definitiv nicht auf der Strecke bleiben.”

Sie war überrascht, wie wenig Verständnis Pferdehalter zeigen, wenn Tierärzte mehr Geld fordern. "Wir zahlen für Stall, Futter oder Hufschmied mehr als früher. Bei der Tierarztrechnung sehen das viele nicht ein.” Vor allem die umstrittene Hausbesuchsgebühr, die pauschal mit 34,50 Euro netto bei jedem Besuch veranschlagt wird, stößt etlichen Reitern auf. "Das fühlt sich für viele einfach ungerecht an”, so Elena Karthäuser. Dabei könnte das in Zukunft tatsächlich anders gehandhabt werden.

Tierärzte hoffen auf höhere Sätze

Denn: "Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) hat im November 2025 mit der Bundestierärztekammer einen Vorschlag beim BMLEH eingereicht, der beinhaltet, dass die Hausbesuchsgebühr anteilig anrechenbar gestaltet werden sollte. Das BMLEH prüft nun die rechtliche Umsetzbarkeit. Wir gehen davon aus, dass dieses Thema im Rahmen der Evaluierung eine Anpassung welcher Art auch immer erfahren wird”, sagt Dr. Ursula von Einem, Sprecherin des bpt. Heißt: Dass die Hausbesuchsgebühr – etwa bei Sammelterminen zum Impfen – gesplittet wird und nicht jeder einzelne Pferdebesitzer die zahlen muss.

Und wie sieht es mit den übrigen Posten der GOT aus? "Der bpt geht davon aus, dass das Gebührenniveau insgesamt nicht fallen wird”, so Dr. von Einem. Die aktuelle GOT bilde lediglich den Stand von 2020 ab; "somit sind weder die Inflation noch die massiven Preissteigerungen der letzten Jahre beinhaltet, und daher ist der einfache Satz der GOT schon jetzt in vielen Bereichen bei Weitem nicht mehr ausreichend.” Ob der Dienstleister, der letztlich die GOT fürs BMLEH bewertet, zu demselben Schluss kommt? Die Debatte wird in jeden Fall weitergehen.

"Mehr Reiter stellen in Frage, ob sie künftig Pferde halten”

Porträt von Elena Karthäuser
Elena Karthäuser
Die Expertin

CAVALLO: Für Ihre Masterarbeit wollten Sie von Pferdebesitzern unter anderem wissen, ob sie die GOT als angemessen einstufen. Mehr als 80% sagten Nein oder teilweise Nein. Hat Sie das selbst überrascht?

Elena Karthäuser: Ja, definitiv. Ich habe selbst ein Pferd und habe damit gerechnet, dass das Ergebnis relativ eindeutig wird – aber nicht, dass es so klar ist. Andere Ergebnisse haben mich aber sogar noch mehr überrascht.

Und welche Ergebnisse waren das?

Ich habe Pferdehalter als auch Tierärzte gefragt, wie sehr bei der Novellierung der GOT ans Tierwohl gedacht wurde. Tierärzte waren überwiegend davon überzeugt, dass dabei sehr ans Tierwohl gedacht wurde; Pferdehalter waren hingegen größtenteils der Meinung, dass das Tierwohl gar nicht berücksichtigt wurde. Tierärzte waren auch überwiegend der Meinung, dass es eher keine zunehmende Zahl an Selbstbehandlungen gibt.

Was ja logisch ist, weil sie in den Fällen nicht gerufen werden.

Genau. Pferdehalter sehen das anders; sie versuchen oft, Erkrankungen selbst in den Griff zu bekommen.

Denken Sie, dass sich die Pferdehaltung wegen der GOT ändern wird?

Vielleicht nicht nur wegen der GOT, aber auch. Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass sich mehr Leute überlegen, ob sie sich in Zukunft nochmal ein Pferd kaufen würden.

Was kostet der Tierarzt in Nachbarländern?

Die Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) ist einzigartig – in unseren europäischen Nachbarländern gibt es die nämlich nicht. "In den meisten Ländern sind die tierärztlichen Honorare unter der Berücksichtigung bestimmter Kriterien, wie der Art und dem Umfang der Leistung, frei verhandelbar”, sagt Elena Karthäuser, die sich für ihre Masterarbeit umfassend damit beschäftigt hat).

Am nächsten kommt uns Österreich: Bis 2014 gab es dort eine von der österreichischen Tierärztekammer erlassene Abrechnungsgrundlage, vergleichbar mit der GOT, so Elena Karthäuser. Weil die EU aber festgesetzte Tarife als wettbewerbsschädigend bezeichnet, gelten seit 2016 lediglich Empfehlungen hinsichtlich der Gebührenhöhe sowie Stundensätze für tierärztliche Leistungen. Konkretes Beispiel: Für Tätigkeiten, die ein Tierarzt mit Uni-Abschluss durchführen kann, werden 172€ netto als Stundensatz empfohlen; wenn Zusatzausbildung und Fortbildung für die Behandlung nötig sind, liegt der Satz bei 258€.

Die Durchschnittseinkommen erhob der europäische Tierärzteverband FVE 2023 in einer (nicht repräsentativen) Umfrage: Demnach verdienen niederländische (91 T€), Schweizer (71 T€) und deutsche (61,6 T€) Tierärzte am meisten; in Serbien und Rumänien ist das Einkommen am niedrigsten (<14,5 T€). Die Probleme sind jedoch überall gleich: hohe Arbeitsbelastung, Fachkräftemangel, ausbaufähige Work-Life-Balance.