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Standpunkt: Offenstall und Weide - Pferde müssen raus

Boxenhaltung macht Pferde krank

Eine Frage der Haltung: Pferde müssen raus – sie brauchen viel freien Auslauf. Das klingt gut, sagt sich leicht und ist gar nicht so einfach. Aber es ist möglich – man muss nur wollen, findet Stallbau-Experte Bernd Allié.

Ist einem Pferd das Leben in einer Box zuzumuten? Müssten in Deutschland reihenweise Pferdebetriebe in Stadtnähe schließen, wenn Boxenhaltung als tierschutzwidrig beurteilt würde? Gäbe es überhaupt genügend Fläche, wenn plötzlich jeder Pferdebesitzer sein Pferd ganzjährig nur auf der Weide halten wollte? Oder würde es dann viel weniger Pferde in unserem Land geben, weil der Platz ausginge?

Solche Fragen werden unter Reitern, Stallbesitzern und Juristen spätestens seit dem Urteil des Amtsgerichts Starnberg vor einem Jahr heftig diskutiert, über das CAVALLO im Mai-Heft 2012 berichtet hat. Es ist nicht einfach, auf all diese Fragen Antworten zu geben. Eins aber ist so einfach wie klar: Pferde sollen sich entsprechend ihrer Art bewegen können. Sie sollen Weidegang, ständigen Zugang zu Wasser und Futter haben und möglichst viel an der frischen Luft sein.

Viele Pferde können davon nur träumen. Denn obwohl viel über artgerechte Haltung diskutiert wird, gibt es immer noch zig Systeme, die mal verstaubter und mal moderner sind – von der Innenbox mit 9 Quadratmetern über die Paddockbox, den Aktiv- und Offenstall bis hin zur ganzjährigen Weidehaltung. All diese Varianten unterscheiden sich deutlich, vor allem hinsichtlich der Folgen für das Wohlbefinden des Pferds.

Reiter entscheidet – Pferd leidet

Der Stall, für den der Reiter sich entscheidet, beeinflusst maßgeblich das Verhalten seines Pferds im Umgang mit Menschen, beim Training und in der Herde. Das gilt vor allem für die Aufzucht von Jungtieren, denn hier ist der Kontakt zu Artgenossen entscheidend für die positive Entwicklung und das zukünftige (Sozial-)verhalten eines Pferds.

Bei der Wahl der richtigen Haltungsform für sein Pferd muss der Reiter deshalb folgende Faktoren checken: Ist der Stall gut durchlüftet und der entstehende Staub auf ein Minimum reduziert? Haben die Pferde die Möglichkeit, auf einem Paddock, einer Weide oder auf einem Laufhof ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachzugehen, der immerhin etwa 16 Stunden pro Tag in Anspruch nimmt?

Haben sie Sicht- und Berührungskontakt untereinander? Ist im Idealfall eine Gruppenhaltung möglich? Besteht ständiger Zugang zu frischem Wasser? Ist regelmäßige Raufutteraufnahme gewährleistet?

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Miriam Kreutzer
Trauriger Anblick: Für Pferde ist hier kaum Sozialkontakte möglich.

Ganzjährige Weidehaltung für Pferde

Aus moderner Sicht aufs Pferdewohl ist unstrittig, dass Pferde am artgerechtesten in ganzjähriger Weidehaltung leben. Dabei können sie zu jedem Tageszeitpunkt ihr natürliches Verhaltensrepertoire so frei wie möglich ausleben. Neben Fressen und Saufen gehören dazu die Körperpflege – Scheuern und Wälzen –, der Sozialkontakt sowie die natürliche Installierung einer Herdenhierarchie. Durch das große Platzangebot auf der Weide hat jedes Tier die Möglichkeit, eine Individualdistanz aufzubauen und zu fliehen, wenn der Kumpel ungemütlich wird und es brenzlig zu werden droht. Das alles sind Gründe, die mich von der Weide- und Offenstallhaltung überzeugt haben.

Auch und gerade bei der Weidehaltung ist aber die Verantwortung des Pferdehalters und Stallbetreibers gefragt. Pferde dürfen nicht einfach an die Luft gesetzt werden, wo sie sich selbst überlassen sind. Denn dann wird die Pferdeweide zum Sicherheitsrisiko für die Pferde und die Allgemeinheit. Sichere und artgerechte Weide heißt: geeignete Weidezäune verwenden, für genügend Futter und Wasser sorgen, Tiere regelmäßig kontrollieren, je nach Dauer des Weidegangs Schutz vor Sonne und Regen aufbauen.

Was sichere, also vor allem ausbruchsichere Weidezäune anlangt, empfehlen sich in der Pferdehaltung Breitbänder und spezielle Zaundrähte. Ihre Besonderheit: Sie sind mit einem leitfähigen Kunststoff ummantelt, der eine gute Sichtbarkeit bietet. Durch den Drahtkern sind sie insgesamt sehr gut leitfähig und stabil. Ganz wichtig für die Sicherheit auf der Weide ist auch der Futternachschub. Denn der beste Zaun ist machtlos, wenn eine hungrige Pferdeherde beschließt, dass das Gras nebenan besser schmeckt als die abgefressene Krume auf der eigenen Koppel.

Wie oft das leider passiert, hört und liest man in den Nachrichten, wenn wieder irgendwo Pferde frei auf der Landstraße laufen. Bei Auswahl und Einteilung der Weide ist darauf zu achten, dass das Nährstoffangebot über das Jahr verteilt konstant bleibt und immer etwas zum Knabbern bleibt.

Alternativen zur großen Weide

Eine gute Alternative zur Weide ist die Gruppenhaltung in Offenställen. Darin haben die Tiere freie Wahl zwischen Unterstand, Bewegungsplatz und Raufutterstelle. Dieses System kann durch einen Weidezugang erweitert werden und bietet den Pferden einen steten Wechsel zwischen Ruhe, Laufen, Fressen, Saufen und Körperpflege.

Soll das einzelne Pferd besser kontrolliert und leistungsangepasst gefüttert werden, eignet sich der Aktivstall. Hier ist jedes Tier der Gruppe mit einem Transponder ausgestattet. Durch Futterautomaten und Fütterungssysteme wird sichergestellt, dass Pferde definierte Mengen an Heu und Kraftfutter gleichmäßig über den Tag verteilt fressen.

Eine neue Möglichkeit, ihnen einen artgerechten Lebensraum zu bieten, ist das System „Paddock Paradise“. (vorgestellt im CAVALLO Basic „Weide und Stall“ 2012, www.cavallo.de/sonderhefte). Pferde werden hier durch eine durchdachte Anordnung von Wasser- und Futterstellen, Ruhezonen und Unterstellmöglichkeiten geleitet. Sie müssen Wege zwischen einzelnen Stationen zurücklegen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Das Ziel: Ruhe, Laufen, Fressen, Saufen und Körperpflege sind gleichmäßig über den Tag verteilt abgedeckt, wobei die Pferde frei sind in Reihenfolge und Zeitpunkt dieser Aktivitäten sowie der Wahl ihrer Kumpel. Sie legen durch die animierte Bewegung mehrere Kilometer pro Tag auf unterschiedlichen Bodenbelägen zurück, was nach den ersten Erfahrungen mit Paddock Paradise eine deutliche Verbesserung von Kondition, Gelassenheit und Hufgesundheit bewirkt.

Systeme der Pferdehaltung

Solche Offenstall-Systeme haben für Reiter freilich einen Nachteil: Alltagsstress und Zeitmangel verlangen ein Reitpferd, welches fürs tägliche Training möglichst schnell und einfach zur Verfügung stehen soll. An dieser Stelle kollidieren die Bedürfnisse vieler Pferdehalter mit den Bedürfnissen ihrer Pferde. Muss das Pferd erst aus einer Gruppe oder von der Weide geholt werden, wird die Trainingszeit kürzer.

Ein Grund, weshalb die Innenbox mit Paddock nach wie vor so beliebt ist. Mehr Sozialkontakt, ständige Frischluftzufuhr und trotzdem eine schnelle Erreichbarkeit des Pferds bieten Kaltstallsysteme mit Einzelboxen. Durch einfache Abtrennungen sind Blick- und Berührungskontakt gewährleistet, das Heu wird artgerecht und bodennah durch Fressgitter gefressen, und die Gefahr der Zugluft wird durch Windschutzsysteme minimiert.

Eine gute Alternative zu Offenstall und Paddockbox, sofern die Aktivität „Laufen“ durch täglichen, mehrstündigen Weidegang ermöglicht wird. Es liegt an den Pferdehaltern und Stallbesitzern, die Bedürfnisse ihrer Tiere klar in den Vordergrund zu stellen und die Haltung zu optimieren. Denn bevor Pferde raus kommen können, müssen erst einmal die Menschen raus aus ihren alten Denkmustern kommen.

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Miriam Kreutzer
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