„Die Richtlinien weisen den Weg”: Martin Plewa über den Reitsport

20 Jahre Xenophon
„Die Richtlinien weisen den Weg”

ArtikeldatumVeröffentlicht am 13.02.2026
Als Favorit speichern
Martin Plewa erklärt, wie eine gute Anlehnung funktioniert.
Foto: Rädlein
CAVALLO: Blicken wir 20 Jahre zurück. Wie war das damals, als Ihr Verein gegründet wurde?

Susanne Ridderbusch: Grund für die Idee, einen Verein zu gründen, waren die damaligen Missstände im Reitsport. Es war die Zeit, wo Rollkur in Mode kam und in der extremsten Form von erfolgreichen Reitern praktiziert wurde. Initiiert wurde die Vereinsgründung von Familie Balkenhol. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten namhafte Menschen aus der Szene, wie Christine Stückelberger, Gerd Heuschmann und Hans-Heinrich Isenbarth.

Susanne Ridderbusch im Porträt
Susanne Ridderbusch
Erste Vorsitzende von Xenophon e.V.

Martin Plewa: Ich war zuvor als Trainer des Vielseitigkeits-Bundeskaders mit dem damaligen Bundestrainer Klaus Balkenhol bei den Olympischen Spielen in Sydney. Wir beobachteten dort, wie Siegerhengst Bonfire mit Schlaufzügeln, Führkette und Kandare aus dem Stall zum Vorbereitungsplatz geführt wurde. Obwohl das Pferd bis in die Ohren verspannt war und weder halten noch einen korrekten Schritt gehen konnte, wurde er Olympiasieger. Auch andere Reiter bereiteten ihre Pferde mit Schlaufzügeln und in viel zu enger Kopf-Hals-Haltung auf die Prüfung vor. Wir waren entsetzt. Balkenhol sagte, dagegen müsse man doch was tun. Ich habe ihn und seine Mitstreiter seit der Vereinsgründung gerne unterstützt.

Porträt von Martin Plewa
Martin Plewa
Mitglied des Aufsichtsrats bei Xenophon e.V.
Sie haben den Verein "Xenophon" getauft. Er war Schriftsteller, Feldherr und ein Pferdemann durch und durch…

Plewa: Obwohl Xenophon um 400 vor Christus lebte, ist seine Reitlehre immer noch brandaktuell. Seine zehn Regeln für Reiter nehme ich immer in meinen Vorträgen auf. Sie könnten heute noch genauso in den Richtlinien stehen. Viele der alten Reitlehren, die danach verfasst wurden, kamen in der Qualität nicht an Xenophons Auffassungen heran – und hatten auch nicht den ethischen Hintergrund, den ich so schätze. Ich würde vielen Reitern gerne sagen, dass sie doch wenigstens mal die Aussagen von Xenophon lesen sollen, wenn sie schon unsere Richtlinien fürs Reiten nicht lesen. Da steht das drin, was man heute Horsemanship nennt.

Wie kommen Sie zu dem Eindruck, dass die Reiter die Richtlinien nicht lesen?

Plewa: Es macht mir den Anschein, als ob Reiten und Lesen nicht unbedingt vereinbar ist. Ein Beispiel: In den Richtlinien ist wunderbar beschrieben, wie ein losgelassenes Pferd gehen soll und wie man dahin kommt. Trotzdem sehe ich, dass rund 90 Prozent aller Reiter meinen, ihre Pferde zum Lösen tief einstellen zu müssen. Wo steht das bitte in den Richtlinien? Nirgends. Weil es aus biomechanischer Sicht völlig verkehrt ist. Ich kann ein Pferd, das durch tiefes Einstellen aus dem Gleichgewicht gebracht wird, nicht lösen. Ich sehe es also als Hauptaufgabe unseres Vereins, die Reiter für die Richtlinien zu sensibilisieren – und diese vor allen Dingen so zu erklären, dass sie auch verstanden werden können. Die Umsetzung muss gelingen. Es gibt Fehlentwicklungen, auf die wir hinweisen, aber wir sind kein Mecker-Verein. Wir möchten Wege aufzeigen, wie es besser geht. Da sind wir momentan gemeinsam mit der FN auf einem guten Weg.

Ridderbusch: Ein wichtiger Bestandteil unserer ehrenamtlichen Arbeit sind zum Beispiel die Sonderehrenpreise, die wir für pferdegerechtes Abreiten regelmäßig auf Turnieren verleihen. Beim Bundeschampionat 2025 waren wir wieder aktiv an der Vergabe des Tierschutzpreises in den einzelnen Finalprüfungen beteiligt. Wir möchten pferdegerechte Ausbildung belohnen. Wer sein Pferd besonders korrekt und fein auf die Prüfung vorbereitet, soll dafür auch Anerkennung bekommen.

Was kann man tun?

Ridderbusch: Wir bieten zahlreiche Lehrgänge und Vorträge an, um die Reiter weiterzubilden. Hier tüfteln wir auch gerne an neuen Ideen, um auf Augenhöhe zu vermitteln, anstatt mit erhobenem Zeigefinger zu agieren. So unterrichtete ich etwa vor Kurzem gemeinsam mit einer Trainerin deren Schüler. Anstatt ihr das Heft aus der Hand zu nehmen oder ihren Unterricht zu kritisieren, haben wir uns konstruktiv ausgetauscht und sie konnte die Anregungen gleich selbst mit ihren Schülern umsetzen. Das ist ein tolles Konzept, das ich gerne weiterführen möchte.

Plewa: Wir konzentrieren uns verstärkt auf die Multiplikatoren. Denn diejenigen, die die richtige Reitlehre weitergeben und beurteilen, sind vor allen Dingen Trainer und Richter. Um hier mehr in Austausch zu kommen, arbeiten wir mit der Bundesvereinigung der Berufsreiter, der FN und der Deutschen Richtervereinigung zusammen. Wir führen gemeinsame Veranstaltungen durch, wie die Tierschutztagung der FN in Warendorf im vergangenen Jahr.

Und welche Veranstaltungen stehen in diesem Jahr an?

Plewa: 2026 möchten wir mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen unter dem Motto des Tierwohls anknüpfen. Wir planen mehrere Pilotveranstaltungen, mit denen wir aktuelles Wissen aus der Forschung zum Ausdrucksverhalten von Pferden verbreiten möchten. Im Idealfall möchten wir damit alle Trainer und alle Richter in Deutschland erreichen. Wir möchten zeigen, dass das Wohlbefinden des Pferds die Grundlage für die Harmonie zwischen Reiter und Pferd ist, die ja das Ziel der Ausbildung sein soll. Der harmonische Gesamteindruck muss mehr zählen als die hundertprozentig perfekte oder gar spektakulärste Ausführung einer Lektion. Alles, was wir mit dem Pferd tun, muss sich an seiner Natur orientieren. Das ist der einzig pferdegerechte Weg.

Ridderbusch: Ich denke, der moderne Reiter sollte sich unbedingt um die Skala der Ausbildung und das passende Equipment kümmern. Das Pferdeverhalten ist ein Thema, das in der Zukunft dringend mehr Beachtung finden sollte. Wie Herr Plewa es ausführte, spielt das Ausdrucksverhalten des Pferds beim Reiten eine ganz wichtige Rolle. Ebenso sind die Haltungsbedingungen entscheidend, also ob sich das Pferd auch außerhalb der Reitbahn wohlfühlt. All dies trägt letztlich zum Trainingserfolg bei.

Ihr Verein engagiert sich auf nationaler Ebene. Die Zusammenarbeit mit der FN klappt, wie Sie sagen, gut. Wie stehen Sie zum internationalen Reitsport und dem Einfluss der FEI?

Plewa: Mit unseren Anregungen stoßen wir bei der FN auf offene Türen. Wir pflegen einen regelmäßigen Austausch. Zur FEI habe ich momentan kein großes Vertrauen, weil ich das Gefühl habe, dass sie vor allen Dingen von Lobbyisten bestimmt wird. So hat sich bei der aktuellen Änderung der Blutregel die Lobby der Springreiter deutlich durchgesetzt. Ein anderes Beispiel: Die FN hatte den Vorschlag gemacht, die Gebissregelungen im Springsport zu überdenken. Darauf hat die FEI meines Wissens noch gar nicht reagiert. Für uns gibt es jedoch auf nationaler Ebene genug Aufgaben und hier können wir auch etwas erreichen. Wir möchten lieber Initiativen der FN unterstützen. Was ich für die Zukunft wichtig finde, ist, dass alle Pferdeleute an einem Strang ziehen. Es gibt nur zwei Reitweisen, eine gute und eine schlechte. Egal aus welchem reiterlichen Lager wir kommen – wir alle haben die Verpflichtung, uns um das Ansehen des Pferdesports zu kümmern.

Ridderbusch: Daran knüpfen wir beispielsweise am 8. März im Landgestüt Marbach in Baden-Württemberg an. Uta Gräf präsentiert die klassische Reitweise und ihr Mann Stefan Schneider die Working Equitation. Der Austausch ist das, was uns weiterbringt. Und nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen.