Neid im Pferdesport und vergiftetes Stallklima: Wie geht man als Reiter damit um?

Vergiftetes Stallklima?
Neid im Pferdesport

ArtikeldatumVeröffentlicht am 03.02.2026
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Eine Frau von hinten mit Blick in Richtung einer Turnierreiterin auf dem Abreiteplatz
Foto: Zbynek Pospisil/ gettyimages

Neid gedeiht im Verborgenen, als kleiner mieser Stachel, tief in uns drin. Immer dann, wenn ein anderer etwas erreicht hat, das wir insgeheim gerne selbst hätten. Trotzdem gibt kaum jemand zu, dass er neidet – das Thema ist ein No go. Nicht erst, seit die Kirche Neid zu den sieben Todsünden zählte.

Tatsächlich ist Neid ein gefährlicher Cocktail aus den Grundemotionen Angst, Trauer und Wut. Gemischt mit Bewunderung und Begier, Scham, Mangel und Missgunst enthält er jede Menge soziale Sprengkraft. Neider, so fanden Forscher in Versuchen heraus, können sich weniger gut in das Gefühlsleben der Mitmenschen versetzen; das wirkt sich auf ihr gesamtes Umfeld aus. So nimmt in Studien bereits die gegenseitige Unterstützung in einer Gruppe ab, sobald sich die Teilnehmer nur rein theoretisch mit Neid auseinandersetzen.

Umso heftiger ist es, wenn Neider ihre Gefühle ungefiltert ausleben. Bestimmt kennst du das beklemmende Gefühl, wenn Lästermäuler sich tuschelnd auf der Stallgasse abwenden, Grüppchen verstummen oder ein Reiter und sein Pferd offen klein geredet werden. Das vergiftet das ganze Stallklima.

Zwei junge Frauen reiten mit ihren Pferden im Grünen aus.
sergio_kumer/ gettyimages

Emotionen und Vergleiche nähren Neid im Pferdesport

Aber tummeln sich in Reithallen und Stallgassen tatsächlich mehr Neider als bei anderen Sportarten? "Es gibt dazu leider keine Studie", sagt Professorin Kathrin Schütz aus Brühl/NRW, "aber es könnte durchaus sein. Neid ist überall dort ein Thema, wo wir emotional besonders viele Aktien im Spiel haben."

Reiten unterscheidet sich von anderen Sportarten durch die Besonderheit, dass Pferde Emotionen wie kaum etwas anderes bündeln: Sie sind Beziehungspartner und binden enorme Ressourcen an Zeit, Geld und Gefühl. Wer sein Pferd allein versorgt, verbringt mit ihm wöchentlich etwa so viel Zeit wie in einem Halbtagsjob und gibt monatlich mehrere hundert Euro für dessen Wohlergehen aus. Gefühlsmäßig stecken Reiter in ihrem Hobby also ziemlich tief drin.

Wie kaum ein anderer Sport lebt Reiten außerdem von Ästhetik, Optik und Visualität. Wir spiegeln uns in den Blicken der anderen, werden durch Richteraugen gewertet und schulen durch jahrelange Beobachtung unseren Blick für gutes wie schlechtes Reiten, schön gebaute und weniger ideale Pferde.

Wer nicht an sich glaubt, der neidet eher

"Der eigentliche Startschuss für Neid ist aber immer der soziale Vergleich, und zwar nach oben", weiß Psychoanalytiker Ingo Focke aus Stuttgart, der dem Thema ein ganzes Buch gewidmet hat. Sich zu vergleichen ist ein typisch menschliches Bedürfnis, um herauszufinden, wo man im sozialen Gefüge steht. In unserer Leistungsgesellschaft sind wir von Kindesbeinen an genau darauf gedrillt. Erlebt man sich im Vergleich unterm Strich aber als Mängelwesen, kann das am Ego nagen.

Und zwar umso heftiger, je ähnlicher der Vergleichspartner einem ist und je schlechter es um das Gefühl der Selbstwirksamkeit bestellt ist, "also das Vertrauen in unsere Fähigkeiten, eine Situation erfolgreich lösen zu können”, ergänzt Prof. Schütz. Verfolgt ein Freizeitreiter den Profi beim Goldritt im Fernsehen, pikst praktisch nie der Neidstachel – zu abgehoben wäre der Vergleich. Weh tut es, wenn ein anderer das erreicht oder bekommt, was einem selbst erstrebenswert scheint und theoretisch im Rahmen der eigenen Möglichkeiten liegt. Sportorientierte Reiter sind übrigens nicht unbedingt neidischer als jene, die sich nicht im Wettkampf messen.

Teenager-Dressur-Reiterin in der Reithalle zum Turnier
Mlenny/ gettyimages

Abhängig von Interessen und reiterlicher Nische lässt sich im Reitsport praktisch alles neiden: die Reitsachen der neuesten Kollektion, die Gunst des Reitlehrers, die tiefere Bindung zum Pferd, mehr Follower auf Insta, die elegantere Hilfengebung. "Man muss bei solchen Vergleichen aufpassen und sie bewusst reflektieren, um nicht in die hedonistische Tretmühle zu geraten, bei der man immer mehr und noch mehr haben will", warnt Kathrin Schütz. Sie empfiehlt, sich gelegentlich aktiv ein imaginäres Stoppschild vorzustellen, um die Vielzahl der möglichen Vergleiche und deren Impact etwas einzudämmen.

Besonders schmerzhaft sind Vergleiche, wenn mehrere Reiter dasselbe Pferd reiten. Man sieht sofort, wer schöner sitzt, besser einwirkt, mehr kann. Nicht jeder Reiter hat die charakterliche Größe, mit diesem Schmerz souverän umzugehen; einige kaufen sich aus diesem Grund irgendwann ein eigenes Pferd. Oder vergraulen die Reitbeteiligung, die besser reitet als man selbst.

Für Neidforscher zeigt sich in solchen Situationen deutlich der Unterschied zwischen positivem und negativem Neid. Guter Neid wirkt im besten Fall konstruktiv, ist die Schwester des Ehrgeiz, lose verwandt mit Bewunderung. Er weckt unangenehme Gefühle, aber auch den Ansporn besser zu werden. Er beflügelt, der Reiter versucht, seine Fähigkeiten auszubauen und so das beneidete Ziel zu erreichen – oder ihm näher zu kommen.

Wie gehe ich als Reiter mit meinen eigenen Neidgefühlen um?

Ob Neid Teamkiller oder Triebfeder wird, hängt davon ab, wie wir mit ihm umgehen. Coaching-Expertin Kathrin Schütz hat ein paar Tipps für leidende Neider:

  • Auf das schauen, was man hat und kann: Ein Dankbarkeitstagebuch führen, in das man täglich für mehrere Monate lang die kleinen Dingen einträgt, für die man dankbar ist.
  • Den "Social Media Positivity Bias" anerkennen: Online ist die Welt schöner, besser, bunter als in der Realität. Wer sich das klar macht, ist weniger empfänglich für Tiktok, Insta und Co.
  • Nicht gerade hohe Schule, aber manchmal hilft ein sozialer Vergleich nach unten: Was habe oder kann ich schon, was andere (noch) nicht haben? Achtung: Es geht dabei um dich, nicht um Überlegenheit!
  • Weg vom Zerrbild: Genau hinschauen und nachfragen, bevor man urteilt. Oft sehen wir nur, was wir wirklich sehen wollen. Etwa das gefühlvolle Reiten mit dem schönen Sitz – nicht aber den steinigen Weg auf sehr schwierigen Pferden dorthin.
  • Neid-Gefühle als Wegweiser zu unseren wirklichen Wünschen annehmen.

Wie entsteht negativer Neid?

Negativer Neid entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, der andere habe den Vorteil vermeintlich "nicht verdient". Dieser Schmerz ruft die Missgunst auf den Plan. Man gönnt dem anderen den Erfolg nicht und versucht, diesen zu schmälern. Das soll das eigene Ego wieder aufwerten. Solche Neider reden Erfolge klein ("da hat der Richter weggesehen", "wenn ich so ein Pferd hätte, dann.."). Sie ätzen und lästern, sie grenzen aus, spinnen Intrigen; manche gehen so weit, dem Beneideten oder seinem Pferd aktiv zu schaden und ihn aus der Gemeinschaft hinauszuekeln.

Eine junge Frau verkabelt ihren C-Coach auf dem Pferd vor dem Reitunterricht.
rudi_suardi/ gettyimages

In der Spanischen Hofreitschule in Wien konnte Dressurausbilder Michael Laußegger das selbst erleben. Weil es den persönlichen Status und den Gehaltszettel aufbesserte, Pferde in der Morgenarbeit zu präsentierten, versuchte jeder genügend Hengste zu haben.

Wer auf Tourneen mitreiten konnte, konnte zeitweise bis zu einem Viertel des Jahresgehaltes dazu verdienen. "Das System belohnte und sollte dafür sorgen, dass wir fleißig ausbilden und der Nachwuchs guter Hengste gesichert ist", sagt Laußegger. Es sorgte aber auch für Neid unter den Reitern und manchmal Sabotagen. "Ältere Reiter haben den Jüngeren immer wieder skrupellos die frisch in Ausbildung genommenen Pferde abgeknöpft, um mehr Status für sich reklamieren zu können. Das hat in Einzelfällen sogar Karrieren beendet", erinnert sich Laußegger.

Tatsächlich können Neidgefühle so heftig und existenziell werden, dass Neider auch vor Straftaten nicht zurückschrecken. Neid macht blind, weiß der Volksmund.

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass wir bei unseren Vergleichen immer nur subjektive Ausschnitte wahrnehmen. "Die eigene Wahrnehmung führt uns zu falschen Schlüssen – weil wir das herauspicken, was wir sehen wollen, was uns relevant erscheint und in unsere Wirklichkeitskonstruktion passt", weiß Professorin Schütz. Wie verquer diese manchmal ist, erlebt Schütz nicht nur in ihren Coachings, sondern kürzlich auch auf einem Abreiteplatz. Dort hörte sie zwei Reiterinnen: "Mensch", sagt die eine, "bei dir sieht das alles so leicht aus, ich bewundere dich so für deine Gelassenheit!” Darauf die andere: "Du hast ja keine Vorstellung! Das sieht nur so aus, ich war vor Aufregung schon zweimal auf Toilette!" Und schon war die Luft raus, das falsche Bild durch offenes Ansprechen korrigiert.

Neid unter Vier Augen klären

Für Michael Laußegger gehört es genau deshalb auch zur Aufgabe jeden Trainers und Stallbetreibers, aufkommenden Neid unter Reitern sofort unter vier Augen zu klären und dadurch im Zaum zu halten: Er machte die Erfahrung, dass Schüler sich benachteiligt fühlen können, wenn der Reitlehrer sich öfter auf das eine Schülerpferd setzt als auf das andere. "Dafür gibt es gute Gründe, die man im direkten Gespräch klar vermitteln muss. Diese Chance darf man nicht vertun."

Trotz offener Kommunikation werden wir mit Neidgefühlen im Stall trotzdem nie allein sein. Denn Pferde fühlen etwas, das unserem Neid ähnlich ist: Am sichtbarsten, wenn der Nachbar Futter bekommt. Neidende Eifersucht nagt auch, wenn "ihr" Mensch ein anderes Pferd mit Aufmerksamkeit verwöhnt. Anders als unsere Pferde können wir aber zumindest versuchen, unsere Neidgefühle in positiven Ansporn zu verwandeln – und so sowohl für uns selbst als auch für das Stallklima Kraft daraus schöpfen.