Studie zur Pferd-Mensch-Beziehung: Die Rolle von Selbstwert für pferdegerechtes Reiten

Studie zur Pferd-Mensch-Beziehung
Wie der Selbstwert die Beziehung zum Pferd prägt

ArtikeldatumVeröffentlicht am 13.07.2026
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Frau umarmt ihr Pferd
Foto: Guido Mieth / GettyImages

Bestimmt deine Persönlichkeit die Beziehung zwischen dir und deinem Pferd – und auch, wie pferdegerecht du reitest? Ja! Eine aktuelle explorative Studie der Wissenschaftlerin Prof. Dr. Manuela Kesselmann zeigt: Bestimmte Eigenschaften, etwa ein gutes Selbstwertgefühl, können sich positiv auf die Beziehung zum Pferd und die Art des Reitens auswirken. Interessant: Zwischen Freizeit- und Turnierreitern gibt es deutliche Unterschiede. Wir haben mit der Forscherin über die wichtigsten Ergebnisse gesprochen – vorab hier die wichtigsten Ergebnisse der Studie auf einen Blick:

  • Personen mit einem höheren Selbstwertgefühl gaben an, eher gutes Reiten auf Basis von Fachwissen zu praktizieren. Sie berichteten von einer positiveren Beziehung zum Pferd und weniger Dominanzverhalten.
  • Personen, die angaben, sich leicht verändern zu können, neigten eher dazu, fachlich fundiertes Reiten zu praktizieren und berichteten häufiger von einer positiven Beziehung zum Pferd und einem respektvollen Umgang.
  • Ein signifikanter positiver Zusammenhang zeigte sich auch zwischen der Überzeugung, dass das Pferd eine positive Ressource ist, und der Angabe, pferdegerecht zu reiten sowie eine gute Beziehung zum Pferd zu haben.
  • Besonders deutlich war der Unterschied zwischen den Gruppen der Freizeitreiter und der Turnierreiter: Freizeitreiter berichteten von einer positiveren Beziehung zum Pferd. Sie gaben ein höheres Selbstwertgefühl an als Turnierreiter (Amateure und Profis).

Für die Datenerhebung wurde im April 2025 ein Online-Fragebogen über verschiedene Social-Media-Kanäle geteilt. Dieser erfasste im ersten Teil Alter, Geschlecht und reiterlichen Status (Freizeit-, Turnier- oder Berufsreiter), die Erfahrung als Reiter und im Umgang mit Pferden, die Reitdisziplin und die Art der Weiterbildung (Reitunterricht, Fachliteratur etc.). Im zweiten Teil wurden die Konstrukte Selbstwert, Empathiefähigkeit, pferdegerechtes Reiten auf Basis von Fachwissen, die Pferd-Mensch-Beziehung, das Pferd als Ressource und die Veränderungsfähigkeit abgefragt. An der Studie nahmen 484 Reiter ab 16 Jahren vollständig teil (98 % weiblich, 2 % männlich). 76 % der Befragten waren Freizeit-, 20 % Turnier- und 2 % Berufsreiter. 86 % gaben eine Pferde- und Reiterfahrung von mehr als zehn Jahren an, 8 % eine Erfahrung zwischen sechs und zehn Jahren. Regelmäßigen Reitunterricht (ein- bis zweimal pro Woche) nahmen 24 % der Befragten, 34 % ein- bis zweimal im Monat. 16 % nahmen zwischen ein und sechs Mal im Jahr Unterricht, 26 % gar keinen Unterricht. 98 % gaben an, sich regelmäßig fortzubilden, etwa durch Fachbücher, Kurse, Social Media oder Online-Tutorials.

Porträtaufnahme von Manuela Kesselmann. Sie trägt ein dunkles Sakko, eine weiße Bluse und eine Kette.
Prof. Dr. Manuela Kesselmann
Die Expertin
CAVALLO: Wie kamen Sie auf die Idee, zur Pferd-Mensch-Beziehung zu forschen?

Prof. Dr. Manuela Kesselmann: Es gibt bisher wenig Untersuchungen darüber, welchen Einfluss Persönlichkeitsmerkmale des Menschen auf seine Beziehung zum Pferd, den Umgang mit ihm und auf pferdegerechtes Reiten haben. Wir möchten diese Forschungslücke schließen. Unsere explorative Studie ist ein erster Aufschlag.

Sie sind Reiterin. Interessiert Sie das Thema auch aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen mit Pferden?

Ich habe eine junge Stute und arbeite im therapeutischen Kontext mit Pferden. Seither beschäftige ich mich wissenschaftlich mit der Interaktion zwischen Mensch und Pferd und publiziere seit vergangenem Jahr auch einzelne Forschungsprojekte. Im Rahmen meiner Professur für Gesundheitsmanagement interessiert mich, welchen Effekt das Pferd auf unser körperliches und psychisches Wohlbefinden und unsere Widerstandskraft haben kann. Dass Pferde eine positive Wirkung auf unsere Resilienz haben, ist anzunehmen, aber bislang wenig belegt. Umgekehrt wussten schon die alten Meister, dass unsere Persönlichkeit den Umgang mit dem Pferd beeinflussen kann. Das ist ein wichtiges Forschungsfeld, um Ausbildung und Training möglichst pferdegerecht zu gestalten.

Wie haben Sie Persönlichkeitsmerkmale, die für die Beziehung mit dem Pferd relevant sind, für Ihre Studie identifiziert?

Zunächst galt es, die Faktoren zu identifizieren, die für die Mensch-Pferd-Interaktion besonders relevant erscheinen. Hierzu gehören Persönlichkeitsmerkmale, die nachweislich bedeutend dafür sind, Beziehungen eingehen und gestalten zu können. Dazu gehören ein gutes Selbstwertgefühl, Empathiefähigkeit und soziale Kompetenzen. Um etwa das Merkmal Selbstwert zu erfassen, haben wir fünf Items(Punkte) aus der Literatur ausgewählt, die verschiedene Facetten des Selbstwertes abbilden, die für Reiter besonders relevant erscheinen. Faktoren, die zu einem positiven Selbstwertgefühl beitragen, sind Fähigkeiten zur Selbstreflexion, bewusst Beziehungen zu gestalten sowie bewusst Gefühle zu empfinden, wahrzunehmen und zu kommunizieren. Bei der Pferd-Mensch-Beziehung zielten die Fragen darauf ab, abzubilden, ob der Umgang mit dem Pferd eher dominanzgeprägt ist. Etwa dadurch, dass Reiter eine"Chef-Rolle” einnehmen, Pferdebedürfnisse bewusst übergehen oder Druckmittel einsetzen. Neben den Persönlichkeitsfaktoren könnte der Stellenwert, den das Pferd für seinen Besitzer einnimmt, von Bedeutung sein. Erleben wir das Pferd als wertvolle Ressource, wirkt sich das nicht nur auf den Umgang, sondern auch auf das Training aus. Pferdegerechtes Reiten haben wir für die Studie nach den FN-Richtlinien für Reiten und Fahren definiert: Zum einen mit dem Faktor Losgelassenheit als Basis der Ausbildung und zum anderen mit der Grundregel, dass Reiter auf Widersetzlichkeiten des Pferds beim Reiten mit Verständnis statt mit Gewalt reagieren.

Eine junge Frau mit ihrem Pferd bei sonnigem Wetter auf dem Feldweg.
standret/ gettyimages
Waren die Ergebnisse der Studie für Sie überraschend?

Dass sich Unterschiede zwischen Turnier- und Freizeitreitern zeigen, hätten wir nicht erwartet: Freizeitreiter berichteten von einer positiveren Beziehung zum Pferd und gaben an, ein höheres Selbstwertgefühl zu haben. Welch bedeutende Rolle der Selbstwert spielt, ist ein wichtiges Ergebnis unserer Studie. Denn wer sein Selbstwertgefühl niedriger einschätzte, berichtete über eine schlechtere, eher auf Dominanz ausgerichtete Beziehung zum Pferd. Die gute Nachricht: Am Selbstwert können Reiter arbeiten.

Was können Reiter und Ausbilder aus der Studie lernen?

Unfaires Verhalten gegenüber dem Pferd scheint weniger ein reines Wissensproblem als ein Selbstregulations-Thema zu sein. Ausbilder sollten deshalb – gerade im Hinblick auf den Selbstwert des Reiters – Korrekturen vielleicht weniger technisch formulieren, sondern emotional einrahmen. Anstatt dem Schüler lediglich zu sagen, er solle nicht so viel treiben oder ruhiger sitzen, könnte man ein Klima schaffen, in dem Fehler als Lernsignal gelten und nicht als persönliches Versagen. Heißt auch: Unfaires Verhalten des Reiters dem Pferd gegenüber nicht nur unterbinden, sondern ihm helfen, es zu reflektieren. Etwa mit den Fragen: Was wolltest du gerade erreichen? Was hat dich unter Druck gesetzt? Wir Reiter könnten uns bemühen, eigene Unsicherheiten bewusster wahrzunehmen. Selbstwert stärken wir, indem wir den Fokus auf unseren Fortschritt legen, anstatt uns mit anderen zu vergleichen. Das ist im Stallumfeld enorm wichtig – und natürlich auch auf dem Turnier. Mein Tipp: Nicht immer daran denken, was wir noch nicht können, sondern stolz darauf sein, was wir schon gelernt und erreicht haben. Wenn mal etwas nicht geklappt hat, sollten wir uns nicht selbst global abwerten, indem wir uns sagen, wir können nicht reiten. Und mehr lachen! Warum müssen wir immer so ernst gucken, wenn wir auf dem Pferd sitzen? Lasst uns mehr Freude und Spaß an unseren Pferden haben!

Eine Reiterin sitzt auf einem weißen Pferd, während eine Trainerin neben ihr steht und Anweisungen gibt. Die Szene spielt auf einem Reitplatz im Freien. Das Pferd ist gesattelt und trägt eine Trense, die Reiterin trägt Reitbekleidung und einen Helm.
Wolff
Persönlichkeitsmerkmale wie Selbstwert und Empathie machen uns vielleicht zu besseren Pferdemenschen. Ehrgeiz dagegen mag kontraproduktiv sein. Wie gehen wir am besten damit um?

Wir können sowohl Selbstwert als auch Empathie entwickeln und trainieren. Das sind keine angeborenen Eigenschaften. Zur Persönlichkeitsentwicklung und für genau diese Skills gibt es entsprechende Angebote. Menschen, die leistungsorientiert sind und auch Wettbewerbe bestreiten, sind nicht per se schlechtere Partner für ihre Pferde. Ehrgeiz wird nur dann problematisch, wenn er an Selbstwert gekoppelt ist. Reiter, bei denen Freude und die gemeinsame Entwicklung mit dem Pferd im Vordergrund stehen, erleben Fehler nicht als Bedrohung. Solche Menschen empfinden es nicht als Weltuntergang, wenn die Lektion verpatzt oder eine Stange gerissen wurde. Wer aber nur an sein Leistungsziel denkt, erlebt bei Fehlern Frust, hat sich selbst im Fokus und verliert sein Pferd aus den Augen. In diesen Fällen wäre es hilfreich, Wettbewerbe anders zu gestalten und anders damit umzugehen.

In Ihrer Studie sprechen Sie von konstruktivem Wettbewerbsverhalten. Was beinhaltet das?

Wer die innere Haltung hat, dass sein Pferd sein Team-Partner ist, der kann mit möglicherweise auftretenden Problemen auch fairer umgehen. Frust, Nervosität und negativ ausgerichtete Wettbewerbsgedanken stören die Beziehung zum Pferd. Um solche Gefühle zu bewältigen, ist Mentaltraining hilfreich. Ebenso wichtig ist, nicht auf das Ergebnis fixiert zu sein. Ich halte es für sinnvoll, zusätzlich andere Ziele zu definieren. Nicht auf die Platzierung oder den Gedanken, besser als andere Reiter zu sein, hinzuarbeiten. Sondern sich eher ein Prozess-Ziel zu stecken. Hier wären alternative Prüfungs-Konzepte hilfreich, bei denen die Ausbildung als Weg im Fokus steht. Wäre es nicht wünschenswert, wenn Reiter sich für ein Turnier mit ihrem persönlichen Leistungsziel anmelden könnten, etwa mit besonders feinen Hilfen oder mit Losgelassenheit des Pferds? Und dann gäbe es keine Platzierungen, sondern fachliches Feedback von den Richtern. Erfolg sollte nicht nur an der Platzierung gemessen werden, sondern an der Leistung – und die kann auch beinhalten, auf das Pferdewohl Rücksicht genommen zu haben.

Junge Frau auf einem braunen Pferd beim Springreiten über ein Hindernis auf einem Außenplatz unter blauem Himmel.
Akihiro Sugimoto / GettyImages
Woran müsste nun weitere Forschung anknüpfen?

Unsere explorative Studie wirft viele Hypothesen auf. Spannend wäre nun zum Beispiel, nach der Kausalität zu forschen, also etwa, ob ein geringes Selbstwertgefühl zu dominanterem Reiten führt oder umgekehrt. Ebenfalls interessant wäre, zu ergründen, ob sich die Beziehung zum Pferd und das Reiten verändern, wenn man gezielt Selbstwert und Empathie trainiert. Auch eine denkbare Frage: Wie beeinflusst der Unterrichtsstil des Trainers den Selbstwert des Reiters? Im Turnier-Kontext könnte man schauen, welche spezifischen Stressoren den Selbstwert im Leistungssport angreifen. Das wäre für mich ein sehr wichtiges Forschungsfeld, denn es könnte viel zum Pferdewohl im Reitsport beitragen.

Thesen aus der Studie:

  • Persönliche Faktoren des Reiters wirken sich auf pferdegerechtes Reiten und die Beziehung zum Pferd aus.
  • Ein stabileres Selbstwertgefühl könnte dazu beitragen, emotionale Reaktionen auf Kritik im Reitkontext angemessener zu regulieren und Rückmeldungen eher als Lernchancen zu nutzen.
  • Bei Turnierreitern könnten Leistungsdruck, Konkurrenzvergleich, Fokus auf Fehler und Identifikation mit der eigenen Leistung erklären, wenn sie sich weniger kompetent fühlen und weniger Selbstwert empfinden als Freizeitreiter. Dass der Sport öffentlich und sozial bewertet wird, kann sich durch unerfüllte Erwartungen negativ auswirken.
  • Bei Freizeitreitern könnten Spaß und Freude im Vordergrund stehen, was intrinsische Motivation stärkt und Autonomie sowie Kompetenzgefühle fördert.

Tipps für dein Training:

Du willst pferdegerechter reiten? Dann könntest du dir zum Beispiel diese Fragen stellen:

  • Mache ich das gerade für mich (persönliches Leistungsziel) oder für mein Pferd (Ausbildungsziel)?
  • Was könnte mein Pferd gerade erleben (angemessene Forderung, Über-/Unterforderung)?
  • Was kann ich gerade aus dieser Situation lernen (um mein Pferd besser zu unterstützen)?
  • Wie ging es meinem Pferd im Training/in der Prüfung (Anzeichen von Wohlbefinden, Stress etc.)?

Fazit