Wie sieht die Zukunft unseres Reitsports aus? Skandale und negative Bilder haben Reitern in der öffentlichen Wahrnehmung ein schlechtes Image beschert. Doch jeder, der sein Pferd liebt, weiß: Was durch die Medien flimmert, ist nicht repräsentativ für die vielen Menschen, die das Pferd zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht haben. Reiten kann pferdegerecht sein. Auch im Sport. Was müsste sich ändern, um die dringend nötige Wende einzuleiten? Wir haben mit Experten gesprochen, die sich täglich aktiv fürs Pferdewohl engagieren – und viele Ideen und Visionen haben.
Experten im Gespräch über die Zukunft des Reitsports

Anja Beran bildet auf ihrem Gut Rosenhof im Allgäu Reiter und Pferde nach klassischen Grundsätzen aus. Ihr Schwerpunkt: die klassische Reitkunst zu erhalten und zu vermitteln. Mehr Infos unter: anjaberan.de

Hannes Müller ist erster Vorsitzender der Bundesvereinigung der Berufsreiter (BBR) und ehemaliger Ausbildungsleiter der Deutschen Reitschule in Warendorf. Mehr Infos unter www.berufsreiter.com

Uta Gräf bildet auf Gut Rothenkircherhof in Rheinland-Pfalz mit Ehemann Stefan Schneider Dressurpferde bis Grand-Prix-Niveau aus. Mehr Infos unter www.gutrothenkircherhof.de

Regine Mispelkamp ist Pferdewirtschaftsmeisterin mit Stensbeck-Plakette in Bronze und Silber, erfolgreich in der Para-Dressur bis Grand Prix. Mehr Infos unter www.mispelkamp.com

Stefan Schneider ist Tierarzt und Dressurausbilder, liebt die feine Kommunikation mit Pferden in der Langzügelarbeit und bei der Working Equitation. Mehr Infos unter www.gutrothenkircherhof.de
CAVALLO Chefredakteurin Linda Krüger und Redakteurin Nadine Szymanski moderierten das Gespräch.
War früher alles besser?
Hannes Müller: Was heißt "früher"? Das wird immer so pauschal formuliert. Grundsätzlich reden wir über die klassische Reitlehre. Die Bundesvereinigung der Berufsreiter (BBR) hat sich diese als Grundlage ihres beruflichen Handelns auf die Fahne geschrieben und geschafft, dass sie als immaterielles Kulturerbe anerkannt ist. Diese Konzeption ist ein von der Natur abgelauschtes, allzeit gültiges System. Wer sich mit der Literatur alter Meister auseinandergesetzt hat, weiß, dass es schon immer Irrungen und Wirrungen gab: Wenn ein Pferd früher geplinznert wurde, war das nicht viel anderes als Low, Deep and Round. Man muss nicht kramen, was früher besser war, sondern schauen, wo wir stehen.
Regine Mispelkamp: Ich finde es wichtig, dass wir nach vorne schauen. Reiter müssen wieder mehr zusammenrücken. Ob wir Springen oder Dressurreiten oder nur das Tier durch den Wald führen möchten – letztendlich beschäftigen wir uns alle aus tiefstem Herzen mit den Pferden, und das sollten wir wieder mehr nach außen tragen.
Uta Gräf: Da hast du total recht. Ich finde übrigens gar nicht, dass früher alles besser war. Wenn man sich die Haltung anguckt – das war eine Katastrophe. Der Umgang mit dem Pferd und den Reitschülern war auch nicht lustig. Da hat sich viel zum Positiven verändert.
Anja Beran: Das sehe ich genauso. Aber ich denke, wir müssen aufpassen, dass die Art des Reitens, wie sie in der Öffentlichkeit gezeigt wird, auch wirklich klassisch ist. Da sind wir, so denke ich, ein bisschen abgedriftet. Und daher kommt auch die lauter werdende Kritik. Dabei müssen wir doch gar nicht definieren, was richtig ist. Es ist bereits genau definiert. Wir müssen uns einfach wieder an die Richtlinien halten. Dann wäre alles wieder gut.

Uta Gräf und Stefan Schneider: Brücken zu bauen zwischen verschiedenen Disziplinen und Herangehensweisen leben sie bereits vor.
Was ist denn "klassisch”?
Anja Beran: Es ist für mich erstens, wenn wir die drei Grundgangarten des Pferds erhalten. Zweitens, wenn wir auf die Psyche und den Körper des Pferds in der Ausbildung Rücksicht nehmen. Und zum Dritten, wenn wir Pferde nicht überfordern und keine Aufgaben stellen, die das Pferd nicht auch in der Bewegung in Freiheit zeigen würde. Ob jemand klassisch reitet oder nicht, hat deshalb für mich ganz und gar nichts mit der Reitweise zu tun. Wer klassisch-barock, akademisch oder nach der deutschen Reitlehre reitet: Entweder entspricht es der Natur des Pferds oder nicht. Klassisch ist die Basis jeder Pferdeausbildung.
Hannes Müller: Wir machen oft den Fehler, die FN als verantwortlich für eine Reitweise zu nehmen. Sie ist aber ein Sportverband. Die Form der sportlichen Betätigung mit dem Pferd ist ein Ding der Neuzeit. Daher kommen die meisten Entwicklungen, die in die falsche Richtung führen: Wenn ein Sportverband, und dazu gehört auch der Weltverband, Regel-änderungen herbeiführt, die den Boden der Klassik hier und da verlassen. Ein Sportverband hat andere Interessen als diejenigen, die Pferde für andere reitbar machen.

Klassische Dressur: Anja Beran bei der täglichen Arbeit.
Hat Turnierreiten heute zu viel Show-Charakter?
Hannes Müller: Wir sind wohl der einzige Sport, der einen sehr lukrativen Geschäftsteil im Handel von ausgebildeten Pferden in sich trägt. Gerade das hat vor allem in meinen Augen dafür gesorgt, dass das Spektakuläre als Preistreiber Einzug gehalten hat und auf die Spitze getrieben wurde. Denn für den Zuschauer ist klassisches Dressurreiten in meinen Augen nicht langweilig. Die Leute lieben es, wenn sie die Schönheit darin erkennen können. Harmonie sieht immer gut aus, und das würdigt das Publikum auch. Diese Werte wieder in den Vordergrund zu stellen und zu vermarkten, wäre der richtige Weg, um den Reitsport wieder ins positive Licht zu rücken. Auch im gehobenen Sport gibt es ja glücklicherweise positive Beispiele wie Uta Gräf.
Uta Gräf: Es gibt bereits Strömungen, die vom ganz Spektakulären wegführen. Wenn das nicht so wäre, hätte Justin Verboomen mit seinem Zonik Plus nicht so großen Erfolg haben können. Er ist für mich der Wegweiser des letzten Jahres. Ich glaube, der Weg für einen Wendepunkt ist frei.
Anja Beran: Aber wer könnte dafür sorgen, dass diese Wende auch stattfindet? Eigentlich doch nur die Richter. Bei mir war neulich ein über 90-jähriger früherer Grand-Prix-Richter zu Besuch, der mir von einem schlechten Ritt erzählte, den er entsprechend gewertet hatte. Der Turnierveranstalter reagierte erbost: Damit wurde der Hauptsponsor des Turniers auf einen der letzten Plätze verwiesen. Ab dann wurde der Richter nicht mehr eingeladen. Dieser Mann möchte heute keinen Grand-Prix mehr sehen. Er würde auch keinen mehr richten wollen. Und damit ist eigentlich alles gesagt. Richter dürfen nicht vom Veranstalter eingeladen werden. Sie müssten zugeteilt werden, damit sie auch unparteiisch sein können.
Stefan Schneider: Genau meine Meinung! Und ich finde, die Richter müssen dann auch gut bezahlt werden. Und dann muss einfach das gerichtet werden, was man sieht. Dahin muss der Trend gehen.
Uta Gräf: Ich glaube, dafür brauchen wir auch dringend mehr Richter-Schulungen. Sicherlich wollen viele Richter einen guten Job machen, aber manchmal habe ich den Eindruck, es fehlt die Kompetenz und das gute Auge, ein natürliches Gangbild von künstlich erzeugten Spannungstritten unterscheiden zu können.
Stefan Schneider: Manchmal ist es auch Geschmacksache. Wir kennen zwei Richter, die wir beide sehr schätzen. Ich weiß immer, welches Pferd bei dem einen vorne ist und welches bei dem anderen. Der eine legt Wert auf Harmonie, der andere achtet mehr auf Bewegungsqualität.
Anja Beran: Das kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Es ist ganz klar definiert, wie ein Schritt oder eine Piaffe auszusehen hat. Das bietet eigentlich nicht viel Raum für hochgerissene Füße oder Taktfehler.
Uta Gräf: Dann müsste einer der beiden Richter wohl in die Schulung…

"Richter dürften nicht vom Veranstalter eingeladen werden. Sie müssen unabhängig sein." Anja Beran
Hannes Müller: Ich habe während meiner Laufbahn 30 Jahre lang die Richterausbildung begleitet und kann bestätigen: Das System, welches hier gerade von mehreren beschrieben wurde, funktioniert. Der Richter ist für den Veranstalter ein Erfüllungsgehilfe. Deshalb bin ich der Meinung, das Problem liegt weniger in der fehlenden Schulung, sondern daran, dass Richter Erwartungen erfüllen. Ich bin schon lange der Meinung, dass Richter rotierend eingesetzt und für ihren Einsatz ordentlich bezahlt werden müssten. Bei der Richterorganisation würden wir damit auf offene Türen stoßen. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Richter dürfen nur richten.
Regine Mispelkamp: Ich hatte die Richterlaufbahn auch mal eingeschlagen. Es hat mich schockiert, wer sich anmaßt, sich zum Richter ausbilden zu lassen. Die Richterausbildung ist gut, aber der Fokus sollte mehr darauf liegen, sich ins Pferd hineinzuversetzen.
Hannes Müller: Ich glaube, dass jetzt auch die Zeit dafür gekommen ist. Es gibt immer mehr Verantwortliche, auch Ausbilder, die klassische Werte wieder schätzen und nach außen tragen. Sie werden mutiger, weil sie Rückhalt spüren und nicht das Gefühl haben, gegen den Mainstream zu schwimmen. Um beurteilen zu können, ob ein Pferd korrekt geht, gehört natürlich auch, erlebt zu haben, wie sich das unter dem Sattel anfühlt.
Dann müssen wir nicht nur bei den Richtern ansetzen, sondern auch bei der Ausbildung?
Hannes Müller: Das Problem: Wir haben zwar keinen Mangel an Menschen, die das Reiten lehren. Aber wir haben zu wenig gute und qualifizierte klassische Ausbilder. Dazu kommt, dass Lehrbetriebe nur gering wertgeschätzt werden. Es gibt kaum noch Reitschulen. Reitvereine werden in den Ruin getrieben, weil Unterricht billig sein muss. Dieser kann aber nicht billig sein! Allein für die Schulpferde entstehen hohe Kosten. Und wie wichtig sind unsere Lehrpferde, im Englischen "Schoolmaster” genannt. Eine Bezeichnung, die ihrer Leistung viel mehr entspricht. Denn die besten Lehrmeister sind die erfahrenen, gut ausgebildeten Pferde, die den Reitern wirklich etwas vermitteln können.
Stefan Schneider: Das ist der Punkt. Eine Reitstunde muss mehr Geld kosten. Dann kann ich als Ausbilder auch etwas bieten. Der Schoolmaster muss ja nicht nur versorgt und gefüttert, sondern auch korrekturgeritten werden.

"Justin Verboomen mit seinem Hengst Zonik Plus ist für mich der Wegweiser des letzten Jahres." Uta Gräf
Anja Beran: Schon Oberst von Heydebrecht sagte, dass die Reitkunst wahrscheinlich aussterbe, weil das Problem der Schulpferde existiert. Früher gab es Lehrpferde am Hof, dann beim Militär. Lediglich Institutionen wie die Spanische Hofreitschule in Wien haben den großen Vorteil, immer Lehrpferde für die nächste Generation zu haben. Auf ihnen können die Bereiteranwärter spüren, wie sich ein Pferd anfühlt, das bereits weit ausgebildet ist. Schulpferde waren früher Hohe Schule-Pferde. Das heißt, das bestgerittenste Pferd war für den Anfänger gerade gut genug. Heute muss er oft mit Pferden zurechtkommen, die tot im Maul sind und nicht auf den Schenkel reagieren. Dann ist der beste Schüler derjenige, der es schafft, das Tier in Gang zu halten. Dass es solch qualitätsvolle Schulpferde nicht mehr gibt, ist aufgrund der hohen Kosten verständlich. Es dauert mindestens sechs Jahre, bis so ein Pferd ausgebildet ist. Dann darf es nicht jeden Tag drei Stunden gehen. Es braucht Korrekturberitt. Und wenn man viel Pech hat, dann bekommt das Tier eine Kolik und ist nicht mehr da. Das können Privatbetriebe kaum noch leisten.
Uta Gräf: Wir haben bei uns das Glück, dass wir unsere Azubis immer auf gut ausgebildete Pferde setzen können. Diese Möglichkeit haben nur wenige Betriebe. Doch nur so kann man wirklich gute Ausbildung bieten.
Stecken Reiter genug Geduld und Energie in ihre Ausbildung?
Hannes Müller: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Reitschüler bereit sind, sich durchzubeißen, wenn sie ehrliche Anleitung erhalten, anstatt mit Floskeln abgespeist zu werden. Sie möchten wissen, warum etwas funktioniert, wie es funktioniert und wie sie mit Problemen umgehen können. Und sie müssen in ihrem Bemühen wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Dann brennen sie dafür, mehr zu lernen und sehen den Weg als Ziel.
Regine Mispelkamp: Es fehlt manchmal an Verständnis für den Wert eines vierbeinigen Lehrmeisters. Wenn es mit einem Pferd nicht so gut klappt, wird es einfach gegen ein neues ausgetauscht. Dabei können Reiter doch am meisten davon lernen, dass sie sich mit einem Tier wirklich auseinandersetzen, es kennen und verstehen lernen. Im Parasport zeigen wir ganz deutlich, wie wichtig eine solide Grundausbildung der Pferde für den Reiter ist.

"Turniere sollten als Ausbildungsveranstaltungen konzipiert werden. Das könnte wieder Nachwuchs locken." Hannes Müller
Uta Gräf: Viele Reiter sind frustriert, weil sie keinen Erfolg haben, obwohl sie sich bemühen. In jedem Kurs habe ich mindestens eine Person, die keine Dressurprüfungen mehr reiten möchte, aber dafür in die Working Equitation einsteigen will. Damit sind wir wieder bei den Richtern.
Wie können wir wieder Menschen für den Reitsport und Turniere begeistern?
Stefan Schneider: Es muss theoretisch möglich sein, mit einem Pferd, das gut klassisch ausgebildet ist, in korrekter Anlehnung geht, die Nase vorn hat und zufrieden geht, Weltmeister zu werden. Aber die Grundqualität der Pferde wird zu hoch bewertet. Wer sich kein Pferd leisten kann, das dreimal eine Acht in den Grundgangarten vorweist, hat kaum eine Chance. Der große Dressursport ist bald nur noch etwas für Millionäre. Wenn wir diese Blase nicht anstechen, gehen uns darunter alle verloren, fürchte ich.
Anja Beran: Das System im Spitzensport funktioniert. Alle verdienen und deshalb gibt es für die Beteiligten keinen Grund, etwas zu ändern. Der Spitzensport steht jedoch in der Öffentlichkeit und hat eine Vorbildfunktion. Der Druck von außen ist groß, wieder mehr positive Bilder zu liefern.
Hannes Müller: Wir können aber auch von unten etwas ändern. Wenn Turnierveranstalter nicht jedes Jahr die gleiche Ausschreibung aus der Schublade holen, sondern andere Konzepte ausprobieren. Ich könnte mir etwa vorstellen, Amateur- und Profi-Prüfungen auszuschreiben. Es ist doch unfair, wenn derjenige, der nach Feierabend auf seinem Haflinger sitzt, gegen jemanden antritt, der täglich mehrere Championatspferde unterm Sattel hat.

Unterricht auf einem ausgebildeten Lehrpferd ist die Voraussetzung für eine gute Reiterausbildung.
Wir müssen Turniere als Ausbildungsveranstaltungen austragen, mit kompetenten Menschen, die Prüfungen kommentieren, den Reitern Hilfestellung geben, mit ihnen den Parcours abgehen, Fehleranalysen betreiben. Und dann müssen wir das Pferd wieder mehr in die Gesellschaft bringen, dessen Faszination erlebbar machen. Zum Beispiel Pferde in Kindergärten und Schulen bringen – oder die Kinder in die Pferdebetriebe holen. Wir Reiter müssen uns zusammenraufen und Mitstreiter suchen, anstatt gegeneinander zu sticheln. Es gibt viele tolle Pferdemenschen und Reitbetriebe, die wir in den Vordergrund rücken müssen, um zu zeigen: Schaut her, Reiten kann auch pferdegerecht sein! Ich glaube: Aufklärung und positive Beispiele sind die entscheidenden Faktoren für die Zukunft unseres Sports.












