Der Bundestrainerinnen-Gipfel
Sie haben ihre Teams zu Gold bei den Europameisterschaften geführt – jetzt standen und stehen die Deutschen Meisterschaften und Aachen 2026 an. Die Weltreiterspiele vor heimischem Publikum werden das Highlight für die Bundestrainerinnen der Dressur und Para-Dressur. Ausruhen können sich Monica Theodorescu und Silke Fütterer-Sommer in diesem Jahr nicht. Wir erwischen sie zwischen Training, Lehrgängen und den Vorbereitungen auf die Championate. Die gemeinsamen Meisterschaften der Regel- und Para-Dressur waren für beide in den vergangenen Jahren etwas Besonderes. Dennoch nur der Anfang von vielen weiteren Schritten. Kerstin von der Linden, Botschafterin des deutschen Para-Dressur-Teams, hat beide zum Interview getroffen.
Im Gespräch

Monica Theodorescu konnte in ihrer langen Karriere nahtlos als Bundestrainerin an ihre Erfolge als Dressurreiterin bei Deutschen und Europa- Meisterschaften sowie Weltreiter- und Olympischen Spielen anknüpfen. Ihre Teams gewannen seit 2016 jeweils Gold in Rio, Tokio und Paris, 2025 zudem den Titel bei der Europameisterschaft. Dazu kommen zahlreiche Einzelmedaillen im internationalen Viereck. Sie ist als erste Frau auf dieser Position und seit 2012 aktiv.

Silke Fütterer-Sommer ist seit 2023 Bundestrainerin der deutschen Para-Equipe. Sie hat ihr Team bei den Europameisterschaften 2025 zu fünf Goldmedaillen geführt, darunter zum ersten Mal der Mannschaftstitel. Aufgewachsen in Warendorf, ist die Grand-Prix-Reiterin, Ausbilderin und Trägerin des Goldenen Reitabzeichens im Rheinland tätig. Erfolgreiche Para-Dressurreiterinnen und Reiter wie WM- und Olympia-Medaillengewinnerin Regine Mispelkamp trainiert sie schon länger.

Kerstin von der Linden ist Journalistin (ausgezeichnet mit dem Silbernen Pferd), Moderatorin und gibt viel zu viel Geld für den Reitsport aus. Als Para-Botschafterin des Deutschen Teams setzt sie sich für eine Sportart ein, bei der die Höchstleistungen der Reiterinnen und Reiter nicht selbstverständlich sind. Unverbindliche Anfragen von neuen Sponsoren für die Para-Dressur leitet sie diskret und zuverlässig weiter und bringt sich auf Wunsch gerne persönlich mit ein.
Monica Theodorescu, Bundestrainerin Dressur: Wir sind uns hier und da schon einmal über den Weg gelaufen und ich verfolge die Para-Dressur oft. Vor allem, welche Erfolge erzielt werden. Auch dort haben sich Dinge verändert und man bekommt das als Bundestrainerin viel schneller mit, weil wir uns auch in Warendorf oder eben bei den Championaten sehen. Silke Fütterer-Sommer, Bundestrainerin Para-Dressur: Es ist eine wahnsinnige Erfahrung, die Monica hat, und ich versuche immer, genau hinzuhören, wie sie Dinge einschätzt. Ich hatte sie ja schon kennengelernt, als ich als Heimtrainerin (Anm.d.Red. von Regine Mispelkamp) unterwegs war. Inzwischen hat es sich sogar ergeben, dass Monica auch unsere Paras als Trainerin begleitet hat – das war für alle echt spannend. Monica Theodorescu: Ich bekomme dann immer direkt mit, wie die Pferde reagieren und doch ein wenig anders arbeiten müssen. Das ist schon faszinierend: In den verschiedenen Grades, in die die Para-Dressur unterteilt ist, werden vom Tier andere Sachen verlangt. Die Partnerschaften sind anders, die Herausforderungen – und das alles muss Silke im Blick behalten. Das ist sehr anspruchsvoll. Silke Fütterer-Sommer: Wir haben natürlich das Pferd auf der einen Seite, aber auch den Faktor Mensch auf der anderen. In der Para-Dressur gibt es Reiterinnen und Reiter, die durch Krankheitsschübe von jetzt auf gleich eingeschränkt sein können. Das müssen wir immer mitdenken. Monica Theodorescu: Wobei ich mit den Regeln Eurer Wettkampfklassen immer noch nicht ganz klar komme (lacht). Silke Fütterer-Sommer: (muss auch lachen) Das bekommen wir schon hin. Ist nicht schwer, das erkläre ich nochmal in Ruhe.
Die Erfolge der vergangenen Meisterschaften2023 hatte Riesenbeck den Auftakt gemacht und die Para-Dressur bei den Europameisterschaften zeitgleich stattfinden lassen. Im vergangenen Jahr war das aus Platzgründen nicht möglich, was im Profi-Sport sehr bedauert wurde. Die Regelsportler starteten im französischen Crozet, kamen mit Team-Gold und zwei Bronzemedaillen für Isabell Werth zurück. Die Paras räumten im niederländischen Ermelo zum allerersten Mal den Team-Titel ab. Zudem jeweils Gold im Einzel und in der Kür für Heidemarie Dresing (Grade II) und Regine Mispelkamp (Grade V).
Wie ist das aber für die Teams, zusammen bei Meisterschaften anzutreten?Silke Fütterer-Sommer: Die Deutschen Meisterschaften in Balve sind zum Beispiel wirklich toll! Ganz großer Sport, im wahrsten Sinne. Wir fühlen uns seit 2024 sehr willkommen. Die Reiterinnen und Reiter waren sehr, sehr glücklich über die Organisation. Es war einfach normal, dass alle hier zusammen reiten, ohne dass wir darüber nachdenken mussten. Monica Theodorescu: Das ist ja auch das Ziel: Einfach reiten. Und wir haben durch Euch einen Tag frei, damit die Wettbewerbe alle reinpassen.(lacht) Aber schon bei der EM 2023 in Riesenbeck haben wir vor allem Selbstverständlichkeit gespürt. Das ist dann einfach klasse, wenn wir alle auf solchen Championaten sind. Da gibt es viel Austausch, gegenseitiges Daumendrücken. Silke Fütterer-Sommer: Ja, bei der EM in Deutschland war es so schön, dass Euer ganzes Team da war und uns zugeschaut hat. Das bedeutet den Paras so viel, das fand ich toll. In Balve sind die Wege kurz und natürlich nutzen wir das auch aus. Da wird bei den Regelsportlern immer am Abreitplatz zugeschaut; das machen, glaube ich, ja alle gerne. Die Paras klauen dann mit den Augen, wie was geritten wird. So oft haben sie ja nicht die Gelegenheit, sich das hautnah anzuschauen.
Monica Theodorescu: Die Reiterinnen und Reiter wollen genauso behandelt werden, wie alle anderen in unserem Sport. Sie wollen ihr Bestes geben, wollen lernen, viel wissen. Man darf ja nicht vergessen, dass diese Sportlerinnen und Sportler Dinge erlebt haben, die zu ihren Handicaps führten. Da ist es schon bemerkenswert, wie sie sich in den Sport reinhängen, auch eine gewisse Härte sich selbst gegenüber haben. Die mussten schon mit anderen Sachen fertig werden, das merkt man jeder und jedem an. Silke Fütterer-Sommer: Gleichzeitig war es für unser Team großartig, dass nicht die Handicaps im Mittelpunkt standen. Da geht es um Kleinigkeiten: Bei der Siegerehrung in Balve gibt es statt Wassergraben einen Eimer Wasser, um die anderen nass zu spitzen. Steffen Zeibig (Anm.d.Red.: Bronze 2024 Grade I-III) hat sich gefreut wie sonst was und die beiden anderen Gewinnerinnen mussten sich überlegen, wie sie sich vor ihm retten. Das war so lustig. Dann gab es richtige Sektflaschen – einfach alles, wie im Regelsport auch. So müsste das immer sein.

Erster EM-Einsatz für Silke Fütterer-Sommer 2023 in Riesenbeck: Melanie Wienand holte mit dem deutschen Para-Team Silber.
Monica Theodorescu: Die Vorfreude auf die WM in Aachen ist riesig! Vor allem, weil die Dressurprüfungen im Springstadion stattfinden. Die Atmosphäre mit dem tollen Aachener Publikum wird sicher gigantisch sein – da freue ich mich sehr drauf. Silke Fütterer-Sommer: Ja, das stimmt. Ich hoffe natürlich, dass wir durch den kleinen Heimvorteil ganz viel Publikum haben und die Leute für die Para-Dressur begeistern können. Das trägt einen natürlich durch so ein großes Championat, wenn man die Stimmung von den Rängen spürt. Toll ist auch, dass mehr Support von zuhause mit dabei sein kann, weil Familie oder Freunde nicht so weit anreisen müssen. Auch die Tatsache, dass wir bei der WM wieder die Chance haben, einfach alle zusammen zu reiten, Regel- und Para-Sportler, ist klasse. Da gibt es immer jede Menge Austausch und Kontakt.
Monica Theodorescu: Sicher geht es um die Verbindung von Pferd und Reiter, um Harmonie und wie sie sich ausdrücken soll. Das sollte in allen Disziplinen gleich sein. Es geht uns darum, noch besser zu bewerten, wie und woran man eine Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd, auch die Freude an der Arbeit beim Tier erkennt. Deshalb hat die FEI Regelwerk und Richtverfahren überarbeiten lassen. Letztlich ist das die Grundlage für alle.
Fünf GradesIn der Para-Dressur werden die Reiterinnen und Reiter in fünf Startklassen, den sogenannten Grades eingeteilt. Die Einteilung erfolgt nach bestimmten Vorgaben und richtet sich nach den jeweiligen Einschränkungen. In Grade I starten z.B. Para-Sportler mit den stärksten Beeinträchtigungen. Sie reiten ausschließlich im Schritt. In Grade V sind Beeinträchtigungen nicht unbedingt von außen erkennbar. Hier werden bei Prüfungen Aufgaben geritten, die von Pferd und Reiter mindestens M-Niveau erfordern.
Para-Dressur ist Hochleistungssport auf Weltklasse-Niveau, die Kosten sind ähnlich, nur die Unterstützung ist, vorsichtig formuliert, ausbaufähig. Was wäre ein großer Wunsch?Silke Fütterer-Sommer: Für uns gibt es natürlich Herausforderungen ganz anderer Art. Wenn nur einer aus meinem Team ausfällt, bricht mir unter Umständen die ganze Mannschaft weg. Wir waren bei der EM 2025 in Ermelo mit fünf Goldmedaillen so stark, weil alles gepasst hat. Was uns wirklich auf Dauer fehlt, sind gute Pferde. Ich wünsche mir so sehr, dass nicht nur die Zuschauer uns mehr entdecken, wie in den letzten Jahren. Sondern auch die Sponsoren, mehr Leute, die Spaß haben, uns zu unterstützen. Ich habe noch keinen erlebt, den dieser Sport, die Geschichten hinter den Menschen, nicht gepackt hat. Aber wenn man die Leute dann anspricht und um Unterstützung bittet, ducken sich viele weg. Klar: Wir sind nicht der Regelsport. Aber wir sind erfolgreich – das letzte Jahr hat das doch wirklich gezeigt.
Monica Theodorescu: (atmet yogamäßig tief aus) Ruhe bewahren. Vertrauen auf die Kompetenz der Athleten und ein Zutrauen, dass es schon wird. Silke Fütterer-Sommer: Oh, das stimmt und werde ich noch einmal beherzigen. Im Wettkampf ist es ja oft ein wilder Hühnerhaufen, da muss man schon Ruhe ausstrahlen. Das wirkt sich dann bis zu den Pferden hin aus. Das hat bei den Paralympics in Paris, den Europameisterschaften in Ermelo und auch bei den Deutschen Meisterschaften echt super geklappt.












