Sooo viele Lieblingspferde auf einmal kann ein Mensch doch gar nicht haben? Schwer getäuscht. Die Nachwuchs-Dressurreiterin Juliane Dörr (20) führt uns von Box zu Box und stellt ihre vierbeinigen Freunde vor. "Das ist auch ein ganz besonderes Pferd!”, sagt sie nun gefühlt zum fünften Mal und ihre Augen strahlen.
Ihre Spitzenpferde "Böhnchen” (Bonito v. Boston, 13), "Lady” (Finest Black Lady v. Finest, 11), und alle anderen Pferde haben auf dem elterlichen Hof ein Zuhause fürs Leben. "Wer einmal hier ist, darf für immer bleiben”, betont Juliane. Deshalb sind auch noch ihr erstes Pony Gigi, inzwischen 21 Jahre alt, und die ehemaligen Turnierpferde Hippi (Hip Hop, 25) und "Susi” (Solida del Sol, 17) im Stall. "Auch die alten Herren werden noch geritten”, sagt die junge Frau stolz.

Treuer Freund aus Kindertagen: Alle Pferde im Stall bleiben bis zu ihrem Lebensende.
Eine große Familie – das beschreibt genau das, was Juliane mit ihren Pferden, ihren Eltern, einer Einstellerin und den fleißigen Stallhelfern hier lebt. Sitzgelegenheiten, Blumen und blankgefegtes Pflaster zeigen, dass dieser Ort liebevoll gehegt wird. Der Stall liegt ganz versteckt mitten im Stadtgebiet von Stuttgart. Doch wer einmal durch das Hoftor getreten ist, vergisst das urbane Leben sofort. Hühner scharren zwischen Grashalmen und ein Esel geht spazieren. Eine kleine Oase im Grünen, umgeben von zwei Hektar Weiden und reichlich Waldwegen. Eine große Reithalle hat Juliane hier übrigens nicht: Sie trainiert auf einem Reitplatz, der noch nicht einmal Standardmaße hat. Für die bodenständige Juliane kein Problem. Und vor allem ihre sensible Stute Lady liebt die Rundumsicht unter freiem Himmel mehr als vier Wände um sich herum.
Für die Pferde packt die ganze Familie mit an
Ursprünglich als Fuhrbetrieb aufgebaut, entstand der Hof vor etwa 40 Jahren – der Grund für die zentrale Lage in der Großstadt. Julianes Großeltern, beide über 90 Jahre jung, unternehmen heute noch Kutschen-Ausflüge. Deren Sohn, Vater Thorsten, wuchs mit Pferden auf, sitzt aber nicht mehr im Sattel, "seitdem meine Frau und meine Tochter mir freundlich zu verstehen gegeben haben, dass ich ganz tolle Bodenarbeit mache”, sagt er augenzwinkernd.
Den Job als Bodenpersonal nimmt er ernst: Dass das Hofpflaster so geleckt ist, liegt zum Teil an ihm. "Ich fahre jeden Abend nach der Arbeit her. Dann möchte ich nicht im Dunkeln in eine Pfütze tappen.” Zu seinem Feierabend-Ritual gehört der letzte Kontrollgang und die Abendfütterung der Pferde. Gegen halb zehn gibt es noch eine Portion Mash und Heu – "damit die Fresspause bis zum Morgen nicht so lang ist”. Und weil ja nachts einem Pferd etwas in seine Tränke fallen lassen könnte, kommt in jede Box noch ein Eimer Wasser.
Keiner aus der Familie geht ins Bett, bevor er sich nicht versichert hat, dass es allen Pferden gut geht. Im Stall hängen Kameras. Und auch tagsüber läuft alles streng nach Plan: Juliane und ihre Mutter Christiane, ebenfalls Reiterin, kümmern sich darum, dass jedes Pferd drei- bis viermal täglich rauskommt: Reiten, Longieren, Spazieren, Führanlage – und natürlich Paddock oder Weide. Das Bespaßungs-Programm fürs jeweilige Pferd wird inklusive seiner morgendlichen Körpertemperatur in eine Liste eingetragen. Was für ein Management!
Hengst Böhnchen (13) darf mit seinem Freund Enrico auf die Koppel. Der bei Werndls ausgebildete Fuchs ist Julianes "Goldschatz”. Mit ihm war es Liebe auf den ersten Blick. "Schon nach zehn Minuten wusste ich: Das passt”, erinnert sich Juliane an den Proberitt in Aubenhausen. Bonito war das Pferd, mit dem Juliane richtig durchstarten konnte.

Bonito ist Julianes Seelenpferd.
Doch zurück zum Anfang. Mit sechs Jahren bekam Juliane ihr erstes eigenes Pony. Es sollte ein "Fels in der Brandung sein”, entpuppte sich aber als Rodeopferdchen und warf seine kleine Reiterin regelmäßig in den Sand. Doch Juliane hat ihre Prinzipien: Als die Eltern das Pony verkaufen wollten, hielt sie solange dagegen, bis diese aufgaben. Gigi blieb. Sogar noch, als er seine Reiterin ins Krankenhaus beförderte.
Juliane beeindruckte das nicht. Sie fragte auf der Intensivstation, wann sie wieder reiten könne. Eine Bekannte der besorgten Eltern bot der damals Neunjährigen dann ihr Pferd an. Trakehner-Wallach Hip Hop war damals 15-jährig und das Gegenteil von Gigi: brav und absolut zuverlässig. Auf dem Turnier ließ er Juliane glänzen. "Er war ein Selbstläufer. Man musste auf ihm nur schön drauf sitzen”, gesteht sie schmunzelnd.
Innerhalb eines Jahres startete sie mit Hip Hop durch, vom Reiterwettbewerb bis zur L-Dressur. Irgendwann fiel sie auf. Positiv. Bei einem Auswahl-Lehrgang für den Landeskader wurde sie entdeckt. Fortan nahm die junge Reiterin an Förderlehrgängen teil; die Turnierstarts nahmen zu. Für Hip Hop wurde der Kalender zu voll. Also suchte die Familie nach einem passenden Pferd. Mutter Christiane war es wichtig, dass ihre Tochter richtig reiten lernt. "Für L-Dressuren musste kein Championatspferd her. Wichtig war mir ein Pferd mit gutem Fundament und gutem Charakter, das meine Tochter auch alleine händeln kann.” Susi ist so ein Pferd, "wie eine gute alte deutsche Eiche”, sagt Juliane. "Sie hat mir nichts geschenkt.”
Vom Selbstläufer zur harten Schule auf Susi
Mit Biss und Durchhaltevermögen, aber vor allem ihrer Liebe zum Pferd, raufte sich Juliane mit ihrer vierbeinigen Lehrerin zusammen. Während ihre Konkurrentinnen auf hochpreisigen Dressurkrachern starteten, sammelte sie schlechte Noten, weil sie ihre Stute im Rahmen derer besten Möglichkeiten vorstellte: mit "normalen” natürlichen Gängen und offenem Genick. Dörrs bedauern, dass solche Ritte nicht von den Richtern honoriert werden. "Damit machen wir uns im Turniersport viel kaputt”, findet Christiane.
Ihre Freizeit und die kompletten Sommerferien nutzte Juliane, um zu lernen: bei ihrer Trainerin Bärbel Eppinger, bei Dressurreiterin Carde Meyer und bei den Werndl-Geschwistern. "Ich habe von früh bis spät bei den Trainings zugeschaut und alles aufgesaugt. In der Mittagspause bin ich mein Pferd geritten”, erinnert sie sich. Bei Werndls standen zusätzlich Stallarbeit und Pferdepflege auf dem Programm. "Ich konnte von Menschen lernen, die Pferde lieben und nicht nur als Sportpartner sehen”, betont Juliane Dörr, die genau das ausstrahlt. Als ihr Hengst Bonito beim Lösen ein paar Frühlingsgefühle herauslässt, straft sie ihn nicht ab, sondern bleibt lässig lächelnd sitzen. "Ich möchte, dass die Pferde sich erstmal finden. Dann kann ich die Energie in die richtigen Bahnen lenken. Wenn es mir gelingt, dass die Pferde am Training Freude haben und gerne mitmachen, dann wachsen sie über sich hinaus”, sagt sie.
Spezialfall Lady in den besten Händen
Mit Bonito und Lady erritt Juliane Dörr die Erfolge, die Voraussetzung für die Aufstellung im baden-württembergischen Dressur-Landeskader der jungen Reiter sind: mindestens fünf Platzierungen in Dressurprüfungen Klasse S* an erster bis fünfter Stelle und/oder Platzierung in S**, die wie S* Platzierung an erster bis fünfter Stelle zählen.
Auch die grazile Rappstute Finest Black Lady lernte Juliane wie ihren Bonito in Aubenhausen kennen. Benjamin Werndl empfand die Stute für passend – Juliane war anfangs nicht klar, warum. "Der erste Proberitt war eine Katastrophe: Ich habe überhaupt keinen Draht zu ihr gefunden”, erzählt sie. "Mama musste überzeugt werden, dass ich das schon hinkriege”. Da Mama ein Herz für Pferde hat, zog Lady nach Stuttgart. Benjamin Werndl kannte den Hof der Familie bereits – und ahnte: Dort könnte die sensible Stute zur Ruhe kommen. Sowohl Juliane als auch ihre Mutter haben alles dafür getan, dass die Stute ankommt, mit einer Betreuung fast rund um die Uhr, die wohl kaum ein anderer Besitzer hätte leisten können – und wollen. "Lady braucht viel Zuwendung und Unterstützung”, sagt Juliane, "und es hat mich mentale Stärke und Frustrationstoleranz gelehrt, wenn die Stute zum x-ten Mal weggesprungen ist. Doch langsam finden wir zusammen – und das wird richtig gut”, freut sich die Reiterin.

Seele baumeln lassen: Ausritte sind Wellness pur für Reiter und Pferde.
Dass Lady etwas speziell ist, merken wir unter dem Sattel nicht: Die Stute achtet konzentriert auf ihre Reiterin und bewegt sich frei von Spannung. Juliane: "Hippie hat mich Huckepack genommen. Bonito hat mir die Hand hingestreckt. Und Lady versuche ich immer wieder, die Hand zu reichen. Und manchmal nimmt sie sie an.”
Info
Juliane Dörr aus Stuttgart reitet im baden-württembergischen Landeskader Dressur für junge Reiter und startet seit ihrer Teilnahme bei den Deutschen Jugendmeisterschaften 2025 international.












