High Five beugt die Hanken und piaffiert im Takt eines unhörbaren Metronoms. "So sieht eine klassische Piaffe aus”, sagt Klaus Balkenhol. Der Reitmeister und Olympiasieger sitzt am Rand des Dressurvierecks auf dem Regiestuhl, seine Tochter Anabel im Sattel des Hannoveraners High Five FRH. Klaus Balkenhol hat mit seinen 86 Jahren fast alles gesehen, was der Pferdesport in dieser Zeit hergegeben hat – Olympiagold, den Streit um die Rollkur, den Wandel einer ganzen Sportkultur. Geblieben ist eine Überzeugung: Das Pferd entscheidet. Klassische Ausbildung ist kein Stil, sie ist Verantwortung und Tierschutz. Tochter Anabel trägt diese Haltung heute im Sattel – und weiter.
Mit High Five (Hohenstein x De Niro) ist sie aktuell Mitglied des Perspektivkaders, das ist so etwas wie die Vorstufe zum Bundeskader. Mit ihren Eltern lebt sie in Rosendahl, auf einem typisch münsterländischen Hof: weiße Sprossenfenster, grüne Fensterläden, efeuumrankte Backsteingebäude. Im Sportstall stehen 23 Pferde – jedes mit einem Fenster zum Hof. Die Forsythien leuchten gelb, die Zierkirsche rosa. Amseln zwitschern. Klaus Balkenhol deutet in den Himmel: "Hier sieht man sogar Rohrweihen. Und früh morgens wandert manchmal Damwild über das Viereck.”

Anabel Balkenhol auf ihrem Spitzenpferd High Five FRH.
Vater und Tochter: ein eingespieltes Team
Klaus Balkenhol spricht ins Coachphone: "Abfangen und loslassen!” Anabel hört es über den Ohrstöpsel, geht in den leichten Sitz, streichelt den Pferdehals. "Vertrauen kommt noch vor der Losgelassenheit – und das fehlt völlig in der Skala der Ausbildung.” Fast jeden Satz von Klaus Balkenhol könnte man als Postkartenspruch rahmen.
Das ist der Alltag von Vater und Tochter. Sie trainieren zusammen, auch wenn Anabel längst eigene Sport- und Ausbildungspferde auf dem Hof hat. Anabel Balkenhols Philosophie ist der langsame Aufbau der jungen Pferde: So wie mit "Mopsi", der eigentlich For Future heißt. Er kam als Fünfjähriger hier an. Heute ist er zwölf Jahre und hat im Januar gleichmal die S-Dressur beim Agravis-Cup in Münster gewonnen. Zu ihren Zukunftshoffnungen gehört Dami Amore. "Das ist unser letztes selbstgezogenes Fohlen", stellt Anabel Balkenhol die braune Stute vor, während sie sich vertraut krabbeln lässt. Mit dickem Winterfell steht die junge Stute mit zwei weiteren Pferden im Offenstall und wird "altersgerecht gearbeitet", Anabel Balkenhol möchte ihr die nötige Zeit geben. "Aktuell habe ich auch einen Beritt-Platz frei”, zwinkert sie. Zu ihrem Bereiter-Team gehören Klaus Balkenhols Patenkind Stella Sabrina Wittek, Pferdewirtschaftsmeisterin, und der Portugiese João Diaz.
Auf Polizeipferden zum Olympiatreppchen
Wie anders war das früher: Klaus Balkenhol lief noch als kleiner Junge in den 1940er-Jahren hinter den Pferden auf dem Acker, Seite an Seite mit der Pflugschar. Er hat den Wandel vom Arbeitspferd zum Sportpferd miterlebt.
Vater Balkenhol streichelt High Five über die Nase. Der Wallach klebt förmlich mit seinen Augen an ihm – er weiß: Es gibt Leckerli. "Vertrauen gewinnt man mit Wiederholungen – und dem Konditionieren. Durch Leckerli”, schmunzelt das Familienoberhaupt. So streng er wirken kann, so oft hat er ein Lachen im Gesicht. Drei olympische Medaillen, Bundestrainer in Deutschland und den USA, Reitschüler aus aller Welt – und trotzdem sagt er: "Mich überraschen die Pferde jeden Tag wieder und ich studiere sie jeden Tag.”

Auch mit 86 Jahren studiert Klaus Balkenhol die Pferde jeden Tag.
Klaus Balkenhol ist 1939 in Velen geboren, etwa 25 Kilometer vom heutigen Zuhause entfernt. "Ich ging mit 14 Jahren aus der Schule und beim Vater in die landwirtschaftliche Lehre. Früh um vier habe ich die Kühe per Hand gemolken, um sechs die Pferde geputzt.” Den Weg zur Polizei fand er, weil die Landwirtschaft nicht mehr lief und er nicht zur Bundeswehr wollte. Mit 24 zog er nach Mettmann, hielt am Straßenrand den ersten Trecker an und fragte nach einem Zimmer. "Das bekam ich für 90 D-Mark und war Mitglied der Familie!” Im Schwimmbad lernte er Judith kennen. Beim Dressurtraining trafen sie sich wieder – sie hätte ihn fast umgeritten. 1968 haben sie geheiratet. Ein Jahr später kam Klaus Balkenhol zur berittenen Polizei, 1971 traf er dort auf den Wallach Rabauke.
Vom Dressur-Bundestrainer Willi Schultheis entdeckt, mischte Polizeireiter Balkenhol plötzlich in der deutschen Dressurszene mit. "Der Sport war damals schon teuer und es ritten so etablierte Sportler wie Josef Neckermann und Liselott Linsenhoff.” Dennoch war 1979 sein Rabauke das erfolgreichste Dressurpferd der Welt. Auf dem Kaminsims steht noch heute ein verblichenes Farbfoto – der 30-Jährige mit lockigem Winterfell auf der Koppel.
Rabaukes Nachfolger war Goldstern – ein Polizeipferd, das auch bei Fußballspielen Streife ging. Anfangs. 1992 gewann der Hannoveraner mit dem damals 52-jährigen Klaus Balkenhol in Barcelona olympisches Teamgold und Einzel-Bronze. 1996 in Atlanta kam das zweite Teamgold. Danach: Bundestrainer, Reitmeister, Nationaltrainer der US-amerikanischen Dressurreiter. Goldstern wurde 1999 auf der Equitana aus dem Sport verabschiedet – und verbrachte seine Rentenzeit auf den Koppeln in Rosendahl.

1996 entdeckte Klaus Balkenhol den Rosenhof. "Da standen zwei Hochsilos und sonst war nur Wiese." Hier lebt die Familie unter einem Dach.
Pferdeduft kennt Anabel schon seit Kindheitstagen
Im Erdgeschoss gibt es ein "Medaillenzimmer”. Dort funkeln die olympischen Medaillen – zwischen Fotos, Glückwunschkarten, Schärpen, Krügen, Zinntellern. "Heute gibt es eher praktische Dinge als Ehrenpreise”, sagt Anabel erleichtert. Ihre Schleifen und Pokale hat sie in ihrer Wohnung "einfach im Regal".

In der täglichen Mittagspause von 12 bis 14.30 Uhr trifft man sich gerne im Kaminzimmer.
Anabels Wohnung liegt im Dachgeschoss, schräg über dem Stall. "Ich höre alle Pferde.” Die Nähe kennt sie seit Kindheitstagen. Mit fünf Jahren schenkten die Eltern ihr ein Shetlandpony. "Pünktchen hat leider alles runtergeschmissen, was zwei Beine hatte.” Vom Reiten hatte sie erst einmal die Nase voll. Mit zehn stieg sie wieder auf – auf die Großpferde der Eltern. "Mit Eichkater bin ich von der Jugendreiterprüfung bis zur S-Dressur alles geritten.” Der Vater fand, es müsse ein besseres Pferd her. "Das Durchsetzungsvermögen meines Vaters war größer.” Auf einer hessischen Auktion ersteigerten sie den fünfjährigen Laudatio – mit ihm schaffte sie den Sprung in den Grand Prix. Das Studium der Sonderpädagogik brach sie für die Reiterei ab. Es folgten eine kaufmännische Lehre, ein Job bei der FN, zwei Jahre in den USA bei Günther Seidel. Wieder zuhause, machte sie sich auf dem Familienhof selbständig.
Und immer ein Blick über den Tellerrand
Auf dem Rosenhof sind die Wege manchmal zu lang für Klaus Balkenhol. Wenn seine Sprunggelenke schmerzen, flitzt er auf dem Segway übers Gelände. Im Sattel saß er ein letztes Mal im vergangenen November. "Aufhören ist nie etwas Gutes.” Dann, selbstironisch: "Mit dem Alter wird man nicht beweglicher – es sei denn, man tut etwas dafür.” Sein Trost: "Wenn ich Unterricht gebe, reite ich förmlich mit.” Auf der Tribüne der Reithalle hat er dafür einen verglasten Raum, ausgestattet mit Heizstrahler und Fachliteratur. "Ich schlage immer mal was nach – kürzlich über den Schritt. Schritt ist eine unglaublich schwierige Gangart zu reiten.”

Auf dem Segway schafft Klaus Balkenhol auch mal weitere Wege auf dem Hofgelände.
Zu Balkenhols kommen viele zur Fortbildung. Umgekehrt blickt die Familie selber gerne über den Tellerrand. Linda Tellington-Jones war regelmäßig zu Gast. Ebenso Peter Kreinberg – "er hat uns gezeigt, wie wir nervöse Pferde in der Grußaufstellung zur Ruhe bekommen", erzählt Judith Balkenhol. Klaus Balkenhol war außerdem 2006 Mitbegründer des Vereins Xenophon. "Wir wollten zeigen, dass die Rollkur, wie sie etwa Anky van Grunsven zeigte, der falsche Weg war."
"In der Ausbildung sind uns dieselben Dinge wichtig – allerdings schaut mein Vater im Training etwas mehr auf das Pferd, ich eher auf den Reiter”, unterscheidet Anabel. Klaus Balkenhol: "Vor zehn Jahren haben noch viele belächelt, wenn es hieß, der Reitsport könne verboten werden. Heute sind wir nicht mehr weit weg – aber wir haben das in der Hand.” Anabel legt nach: "Wir müssen das Positive hervorheben. Wir holen das gute Reiten in den Vordergrund – es hilft mehr, als sich an schlechten Bildern festzubeißen.” Im Spitzensport habe sich vieles bereits zum Positiven verändert: Infostände auf den Abreiteplätzen, sensibilisierte Stewards, Reiter wie Justin Verboomen. Klaus Balkenhol bringt die Basis ins Spiel und fragt: "Wo sind die gut ausgebildeten Lehrpferde, auf denen die Leute lernen zu fühlen, wie ein Pferd reell durchs Genick geht?”
Pferde – ein unerschöpfliches Thema. Und nach wie vor ist Klaus Balkenhol vom Grundsätzlichen fasziniert: "Es geht immer um Verständigung zwischen Pferd und Mensch.” Der gemeinsame Nenner aller Reiter.

Judith Balkenhol (li.), Klaus Balkenhol und Tochter Anabel Balkenhol: Ihren Turnier- und Ausbildungsstall im münsterländischen Rosendahl betreiben Tochter und Vater gemeinsam. Reitmeister Klaus Balkenhol, ehemaliger Bundestrainer, gewann zweimal Gold bei den Olympischen Spielen, war zweimal Europa- und einmal Weltmeister. Auch Tochter Anabel reitet erfolgreich im Spitzendressursport und bildet Pferde bis Grand Prix aus. Mehr Infos unter www.team-balkenhol.com












