Wenn Bailey im vollen Galopp auf einen fahrenden Anhänger zusteuert, laute Musik aus den Boxen dröhnt und Scheinwerferlicht die Arena flutet, hält das Publikum den Atem an. Alles scheint möglich – auch das Scheitern. Doch Bailey zögert nicht. Die braune Ponystute springt auf die Rampe, als wäre es das Normalste der Welt. Wenige Sekunden später balanciert sie über eine zwei Meter hohe Wippe, um dann über eine riesige, flatternde Plane zu traben. Für die Zuschauer ist es spektakulär. Für Bailey und ihre Reiterin Yvonne Gutsche ist es vor allem eines: das sichtbare Ergebnis von Vertrauen und einer guten Ausbildung.

Yvonne Gutsche züchtet Quarter Horses und bildet Pferde reitweisenübergreifend aus. Sie hat ein Händchen für besonders schwierige oder traumatisierte Tiere. www.yvonne-gutsche.de
Ein Pferd mit Vergangenheit
Dass Bailey heute so souverän durch Extremsituationen geht, war keineswegs selbstverständlich. Als die Kurgestütler-Stute mit sechs Jahren zu Yvonne kam, galt sie als gefährlich und unreitbar. "Bailey war richtig sauer", erinnert sich die Stuntreiterin aus Bad Wimpfen in Baden-Württemberg. Mehrere Reiter hatte Bailey abgeworfen, einige landeten im Krankenhaus. Die Vorbesitzer sahen keinen Ausweg mehr. Die Stute sollte zum Schlachter.

Bailey wurde Yvonne Gutsche als Problempferd überlassen.
Dann kam der Zufall dazwischen. Die Vorbesitzer lernten Yvonne kennen und vertrauten ihr Bailey an. "Sie wurde mir auf dem Papier als Problempferd überlassen", berichtet die 45-Jährige heute.
Ein Umweg, der alles veränderte
Yvonne entschied sich bewusst gegen Konfrontation. "Ich wollte mich nicht einfach draufsetzen und mein Glück versuchen", sagt sie. "Das wäre mir zu gefährlich gewesen. Ich wollte erst verstehen, was überhaupt los ist." Ein Gesundheitscheck brachte keine Befunde. Also bekam Bailey zunächst das, was solche Pferde brauchen: Zeit.
Wochenlang stand die Stute auf der Weide. Yvonne besuchte sie täglich – ohne Forderung, ohne Erwartung. "Bailey zeigte überhaupt kein Interesse an mir", erinnert sie sich. Erst nach mehreren Wochen kam die Stute von sich aus näher und schnupperte an ihren Händen. "Das war der Moment, in dem das erste zarte Vertrauensband geknüpft war", sagt Yvonne.

Vorbeifahrende LKW? Interessieren Bailey und Yvonne herzlich wenig.
Die Beziehung der beiden wuchs zunächst über Bodenarbeit. "Ich fing mit Bailey an wie mit einem Jungpferd, das noch nichts kennt", erzählt Yvonne. Schritt für Schritt tastete sie sich voran. Das eigentliche Reitproblem ließ sie nach wie vor bewusst außen vor. "Manchmal ist es sinnvoller, erst einen Umweg zu gehen."
Als das Führtraining sicher und zuverlässig klappte, ging es weiter mit Gelassenheitstraining. "Mit Müllsack, Fahne und Schirm simuliere ich unter kontrollierten Bedingungen Situationen, die Pferden Angst machen können", erklärt Yvonne. "So lerne ich das Verhalten des Pferds genau kennen und kann zugleich seine Toleranzgrenze gezielt nach oben verschieben."
Gelassenheit kann man trainieren
Dabei zeigte sich schnell Baileys Talent: Anstatt die Flucht zu ergreifen, spitzte die Stute neugierig die Ohren, näherte sich den vermeintlich furchteinflößenden Gegenständen und untersuchte sie aufmerksam. "Das machte ihr ganz offensichtlich Spaß", sagt Yvonne.
Von Tag zu Tag wuchs das Vertrauen zwischen Bailey und Yvonne. "Das ist die allerwichtigste Basis", betont die Trainerin. Als Yvonne schließlich aufstieg, ging sie behutsam vor – und wurde bis heute kein einziges Mal von ihrem Lieblingspferd Bailey abgeworfen. Auf dieser Grundlage wagten die beiden den nächsten Schritt: Die Trainerin begann, ihre Gelassenheitsübungen mit dem Reiten zu verknüpfen – mit Erfolg. Schon bald zeigten sie ihre ersten kleinen Stuntshows auf dem Kurgestüt im Odenwald. Mit dabei waren bereits spektakuläre Elemente wie ein fahrender Streitwagen, auf den Bailey hüpfte und anschließend ruhig mitfuhr.

Gelassen im Galopp übers Stoppelfeld.
Zu Hause experimentierte Yvonne weiter. "Jedes Jahr musste etwas Neues her", sagt sie. Immer anspruchsvollere Hindernisse entstanden, wie der Galopp auf den fahrenden Pferdeanhänger und eine Wand aus Kartons, durch die Bailey sprang. Dabei erkannte Yvonne, warum Bailey so stuntsicher war. "Die beste Sturzversicherung? Ausbildung", sagt sie. "Ein Pferd, das an den Hilfen steht, lässt sich regulieren, auch wenn es mal erschrickt." Diese Erkenntnis wurde zur Grundlage ihres Trainingskonzepts "Sicher Reiten".
Der Sprung auf die große Bühne
Vier Jahre nach Trainingsbeginn folgte der nächste große Schritt: die Pferdemesse Eurocheval in Offenburg. "Unsere erste richtig große Show", erinnert sich Yvonne. "Mit Hängebrücke, Schaukel, Anhänger und Wippe – ich habe alles auf eine Karte gesetzt." Es lief grandios. "Bailey und ich waren ein richtig gutes Team", sagt Yvonne.
Mittlerweile haben die beiden unzählige Autobahnkilometer hinter sich. "Es sind so viele Dinge Realität geworden, von denen ich früher nur geträumt habe", sagt Yvonne. "Das Pfingstturnier in Wiesbaden etwa. Oder das CHIO in Aachen, Partner Pferd in Leipzig, Shows in den Niederlanden und der Schweiz...." Welche Show besonders im Gedächtnis bleibt? "Die Pferdenacht im Wiesbadener Schlosspark – da war einfach alles perfekt", sagt Yvonne.

Mit Vollgas übers Stoppelfeld. Bailey strotzt selbst mit 22 Jahren noch voller Energie.
Und dann ist da noch Aachen. "Im Dressurstadion beim CHIO ist aus dem größten Fail der größte Stunt geworden." Bei der Show ritt Yvonne über eine riesige blaue Plane, die anschließend von Helfern in die Luft gezogen werden sollte. Dabei stürzte ihr Vater – die Plane kam von hinten über Pferd und Reiter. "Man hat uns nicht mehr gesehen", erzählt Yvonne. "Und ich hörte nur meinen Dad rufen: ‚Bailey, der Opa ist da. Ich hol euch da raus!’ Das war so süß!" Am Ende wurde aus dem Missgeschick ein spektakulärer Moment. Lieblingspferd Bailey blieb ruhig – und das Publikum tobte vor Begeisterung.
Die Queen hat klare Regeln
"Bailey ist eine echte Messlatte und verdammt hart im Nehmen", sagt Yvonne stolz. Aber die Queen, wie Yvonne sie auch gerne nennt, hat klare Arbeitsbedingungen. "Die kann im Zweifel eine Gewerkschaft gründen", sagt Yvonne. Das bedeutet: Wenn etwas nicht passt, verweigert Bailey Stunts. Deshalb gibt es vor jeder Show eine Generalprobe. "Bailey prüft sehr genau, ob alles so sicher ist wie zu Hause, besonders wenn fremde Helfer aufgebaut haben", sagt Yvonne. "Darauf muss ich eingehen, sonst könnte es gefährlich werden."
In der eigentlichen Stunt-Show gibt es ein besonderes Wechselspiel: Yvonne gibt die Route vor, bei den Stunts selbst vertraut sie fast vollständig auf Bailey. Die Stute entscheidet, wie schnell sie die Wippe betritt oder auf den Anhänger springt. Yvonne begrenzt nur seitlich – aus Sicherheitsgründen. "Manchmal brezelt sie im vollen Tempo durch die Show", erzählt Yvonne. "Und ich weiß genau: Wenn ich sie jetzt bremsen wollte, wäre sie richtig sauer. Also lasse ich sie laufen." Das ist Vertrauen in Reinform.
Showstar mit Eigenleben
Aber nicht alles ist steuerbar. Stute Bailey ist auch bekannt für ihre legendären "Special Effects". Bei einer Show legte Bailey sich auf der Plane plötzlich komplett auf die Seite, beim CHIO in Aachen stieg sie gleich zweimal hintereinander – beides Show-Einlagen, die die Trainerin nicht eingeplant hatte. Yvonne Gutsche nahm es mit Humor. Doch genau diese unvorhersehbaren Momente machen ihren gemeinsamen Auftritt so besonders.

Bailey ist das Lieblingspferd von Yvonne Gutsche.
Auf Shows ist Bailey stets präsent, wach und leistungsbereit. Im Alltag ist sie die gute Seele im Stall: zuverlässig, freundlich, unkompliziert. Regelmäßig wird sie von anderen versorgt und geritten. "Das schmälert unsere Bindung nicht", sagt Yvonne. "Im Gegenteil." Yvonne kann sich 100 Prozent auf Bailey verlassen. Auch am Filmset: "Beim Kinofilm Ponyherz trug sie souverän die Schauspieler vor der Kamera", berichtet Yvonne stolz. Auch sie selbst ließ sich einmal von Bailey tragen: Nach einem schweren Unfall mit Unterschenkelbruch war der erste Ritt eine große Hürde. Zurück in den Sattel half Bailey.
Der Traum von Urlaub am Meer
Heute ist Bailey 22 Jahre alt, fit wie ein Turnschuh und voller Ideen. "Je oller, desto doller", lacht Yvonne. Neulich ließ Yvonne sie frei über den Hof laufen. Plötzlich war Bailey verschwunden. Yvonne suchte die Stute und entdeckte sie im Anhänger. "Die wollte schon zur nächsten Show fahren."
Bailey ist Yvonne Gutsches Lieblingspferd – und weit mehr als das. Sie ist Stuntpartnerin, Lehrmeisterin und die beste Freundin zugleich. Ein Traum, der noch offen ist? "Ich möchte mit ihr am Meer entlang fetzen", sagt Yvonne. "Einfach Urlaub machen und Erinnerungen sammeln."
Vielleicht liegt darin das Geheimnis dieser Partnerschaft: Sicherheit entsteht nicht durch Mut allein, sondern durch Ausbildung und gemeinsame Erfahrungen. Bailey hat Yvonnes Leben geprägt – und tut es jeden Tag aufs Neue.





