
Katrin Obst ist Physiotherapeutin mit Zusatzqualifikation in Osteopathie. Sie bildet Pferdemenschen auch in einem mehrtägigen Seminar zu Reha-Trainern aus. Infos unter www.katrinobst.de
Sehnenschäden: Ein Reiter-Alptraum
Sehnenschäden sind der Alptraum für jeden Reiter: eine langwierige, monatelange Reha-Phase – und immer der Gedanke im Hinterkopf, dass das Pferd vielleicht nicht mehr so belastbar wie früher sein wird. Keine Frage, bei dieser Verletzung brauchen Reiter Geduld – aber sie können auch selbst was tun. Und sollten es sogar!

Unterhalb des Karpal- und des Sprunggelenks ist keine Muskulatur mehr, deshalb sollte man bei Verletzungen immer passiv das Gewebe bewegen.
Das hat mit der Anatomie des Pferdekörpers zu tun, erklärt Physiotherapeutin Katrin Obst: "Unterhalb des Karpal- und des Sprunggelenks ist keine Muskulatur mehr. Muskeln sind aber sehr gut durchblutet; wenn hier ein Schaden auftritt, heilt das schneller, weil wegen der besseren Durchblutung Abfallprodukte schneller abtransportiert werden können.” Auch schon die reine Schrittbewegung führt durch die Muskelkontraktion zu einer Art Massage der umliegenden Strukturen. Bei einem Sehnenschaden fällt dieser Mechanismus weg. "Deshalb kann und sollte man bei solchen Verletzungen immer passiv das Gewebe bewegen”, erklärt Katrin Obst. Denn das regt den Stoffwechsel und damit die Heilung an. Dazu kommt: Sehnen sind fasziales Gewebe, sie sind durchzogen und umhüllt von Faszien. Wer die Sehnen behandelt, behandelt damit auch gleichzeitig die Faszien – und weil die Faszien im ganzen Körper verbunden sind, wirken sich die positiven Effekte ganzheitlich aus.
Beginn der Rehabilitation nach der akuten Phase
Und wann kann man mit dem Sehnen-Support starten? Das hängt individuell vom Pferd ab. Grundsätzlich gilt, dass keine Anzeichen für Entzündungen wie Wärme oder Umfangsvermehrung mehr vorliegen sollten. Und der Tierarzt sollte grünes Licht geben. Unsere Handgriffe eignen sich übrigens auch super für gesunde Sehnen.
Reha für Pferde: Dehnen und Bewegen für Sehnen, Fesselträger und Bänder
Sehnen müssen dehnfähig sein, vor allem in höheren Gangarten. Nach einer Verletzung ist es daher wichtig, dass das Gewebe nicht verkürzt – deshalb greift Katrin Obst zu Keilen aus stabilem Schaumstoff oder festem Gummi: "Wenn die Pferde darauf stehen, dehnt das die gesamten palmaren Strukturen, also oberflächliche und tiefe Beugesehne sowie Fesselträger und Bänder.”

Keile aus stabilem Schaumstoff, hier die Sure Foot von Wendy Murdoch, helfen dabei, dass Sehnen und Co. dehnfähig und flexibel bleiben.
Beim Dehnen hilft der Sure Foot von Wendy Murdoch (ca. 200 Euro) oder eine "Bordsteinrampe” (ca. 20 Euro, Baumarkt).
Dafür hebst du das Pferdebein an, schiebst den Keil unter und stellst das Bein darauf ab. "Starte mit wenigen Sekunden und steigere die Zeit nach und nach auf wenige Minuten.” Ab wann gedehnt werden kann, sollte individuell mit dem Tierarzt nach einer Ultraschallkontrolle entschieden werden.

Auch sogenannte "Bordsteinrampen" aus dem Baumarkt eignen sich fürs Dehnen.
Schöpfgriff & Faszienlift
Sehnen sind nichts anderes als fasziales Gewebe, sagt Katrin Obst. "Mit zwei Handgriffen können wir aktiv, gezielt und lokal die Sehnen angehen und entlasten”, erklärt die Physiotherapeutin.
Der erste Griff ist der sogenannte Schöpfgriff: Dafür umfasst du das Pferdebein etwas oberhalb der Fessel mit beiden Händen. Schiebe das Gewebe locker nach oben (etwa 0,5 cm), halte die Position für etwa zehn Sekunden und "begleite das Gewebe dann aus der Dehnung wieder in die Ausgangsposition”, so Katrin Obst. Fahre so fort, bis du am Karpalgelenk angekommen bist.

Mit dem Schöpfgriff wird das Gewebe Stück für Stück nach oben geschoben, bis man am Karpalgelenk angekommen ist.
Der zweite Griff ist der Faszienlift: derselbe Ablauf, nur mit flachen Händen. "Mit den Griffen kann man starten, sobald keine Entzündungsanzeichen mehr vorliegen”, so Katrin Obst. Die Übung kannst du dann täglich für fünf Minuten durchführen. Hilft auch unverletzten Sehnen!

Der Faszienlift wird mit flachen Händen durchgeführt.
Querfriktionen für bessere Mobilität
Damit Sehnen besser gleiten können und sich Verklebungen lösen, nutzt Katrin Obst gerne Querfriktionen.
Nimm dafür das Bein deines Pferds auf (siehe Foto unten). Greife mit Daumen und Zeigefinger den Bereich der tiefen und oberflächlichen Beugesehne im Knick des Karpalgelenks. Verschiebe das Gewebe mit deinen Fingern vorsichtig von einer Seite zur anderen und wieder zurück (Querverwringungen der einzelnen Sehnen); wandere so langsam am Pferdebein herunter bis zum Fesselkopf.

Für Querfriktionen verschiebst du das Gewebe von einer Seite zur anderen und streichst die Sehnen danach sanft von oben nach unten aus.
Diesen Durchlauf kannst du zwei- bis dreimal wiederholen; kann dein Pferd das Bein nicht solange hochhalten, lass es zwischendurch absetzen. Mit der Übung kann man etwa zwölf Wochen nach dem Sehnenschaden starten (grünes Licht vom Tierarzt!), ein bis zwei Minuten täglich.
Sanft berühren mit TTouch
TTouches wirken über Hautschichten auf Faszien und Myofaszialketten – ideal, um das Gewebe um den Sehnenschaden zu entspannen. Setze dafür Zeige-, Mittel- und Ringfinger im Bereich des Ellbogens/Unterarms an. Stelle dir das Ziffernblatt einer Uhr vor: Du beginnst auf 6 Uhr, verschiebst die Haut einmal im Uhrzeigersinn und endest auf 9 Uhr (Eineinviertel-Basiskreis, 1 bis 3 Sek. Dauer). Arbeite mit möglichst wenig Druck. Du kannst den TTouch auch direkt auf der Sehne anwenden; wandere damit langsam von oben nach unten.

TTouches entspannen Muskeln – und das Nervenkostüm, etwa bei Boxenruhe.
Kinesio-Tapes als Sehnen-Unterstützung
Kinesio-Tapes entlasten den Fesseltrageapparat, sobald die akute Entzündungsphase vorbei ist. "Dafür schneidet man das Tape auf eine Länge zu, die vom Karpalgelenk bis zum Fesselkopf und wieder zurück zum Karpalgelenk reicht”, erklärt Katrin Obst. Das Tape setzt man unterhalb des Fesselkopfes an und streicht beide Enden an der Sehne entlang bis zum Karpalgelenk. Wichtig: nicht mit Zug kleben! Das Tape kann für 48 Stunden am Bein bleiben.

Kinesio-Tapes halten und stützen den Fesselkopf von unten; über diesen taktilen Reiz werden die Sehnen entlastet.
Die Kraft des Magnetfelds
Bei pulsierenden Magnetfeldern erzeugen metallene Spulen ein Magnetfeld mithilfe elektrischer Spannung. Damit imitieren die Magnetimpulse einen natürlichen Mechanismus im Körper; denn auch Durchblutung und Stoffwechsel funktionieren mithilfe von elektromagnetischen Ladungen und Entladungen. Das Magnetfeld von außen soll diese Impulse im Körper gezielt verstärken und so die Heilung anregen.

Magnetfeld-Impulse sollen die Heilung und den Stoffwechsel anregen.
Als schulmedizinische Behandlung ist die Magnetfeldtherapie bislang nicht anerkannt. Katrin Obst hat mit der Therapieform trotzdem gute Erfahrungen gemacht und wendet sie gerne bei Sehnenschäden an. Die Reha-Expertin empfiehlt eine tägliche Behandlungsdauer von zehn bis 15 Minuten; damit kann – grünes Licht vom Doc oder Therapeuten vorausgesetzt – schon relativ bald nach dem Sehnenschaden gestartet werden. Oft haben die Hersteller von Magnetfeld-Geräten vorinstallierte Programme für die Behandlung.
Kompression fürs Pferdebein
Ist die Sehne geschädigt, bilden sich durch die damit einhergehende Entzündung Flüssigkeiten im Gewebe. Das führt zu Schwellungen; die wiederum behindern die Lymphgefäße, es kann zum Lymphstau kommen – und der wiederum blockiert die Heilung. Manuelle Lymphdrainage oder spezielle Kompressionsbandagen (beispielsweise von Equicrown, ab ca. 100 Euro, hier bei Amazon erhältlich) unterstützen das Lymphsystem und unterstützen so den Heilungsprozess. "Die Bandagen können ganztags am Bein bleiben, für das Training werden sie ausgezogen.”

Spezielle Kompressionsbandagen unterstützen den Lymphfluss im Pferdebein.
Balance-Übung auf der Turnmatte
Katrin Obst ist ein großer Fan des propriozeptiven Trainings: "Das verbessert die Balance und das Körperbewusstsein des Pferds”, so die Therapeutin – und kann so weiteren Schäden vorbeugen. "Normalerweise kann man Pferde dafür über unebene Böden wie Waldböden führen; aber nach einem Sehnenschaden und in der Rekonvaleszenz ist das Verletzungsrisiko hier zu groß. Die Lösung: Turnmatten. "Hier kann man propriozeptives Training verletzungssicher im Stand ausführen”, so Katrin Obst.

Turnmatten schulen die Propriozeptoren im Pferdekörper und so die Balance.
Dafür brauchst du eine Turnmatte (etwa EquiGym von Flex-KS, ab 100 Euro, oder andere handelsübliche Turnmatten in unterschiedlichen Höhen und Festigkeiten). Lass dein Pferd erstmal dran schnuppern und führe es dann darauf; wenn es gelassen ist, lass es auf der Matte anhalten. "Das Pferd zeigt sehr direkt, wie lange und gerne es darauf stehen bleiben will”, so Katrin Obst. Ihr Tipp: mit einer Minute Dauer starten und nach und nach steigern (etwa auch das Pferd beim Putzen darauf stellen). Auf die Matte geht es, sobald sich im Ultraschallbild zeigt, dass sich die ersten Sehnenfasern neu gebildet haben; baue das zwei- bis dreimal pro Woche ein.





