Das sagt die Verhaltensforscherin zu rossigen Stuten
Männliche Pferde – auch kastrierte – nehmen Einfluss auf den Hormonzyklus der Stute. Wallache, die Stuten dazu bringen, zu rossen, produzieren auch ohne Hoden noch Testosteron im Samenstrang. Das riecht die Stute und findet es möglicherweise animierend, wodurch eine Rosse ausgelöst wird. Der Testosteronspiegel beim Wallach ist individuell unterschiedlich, weshalb einige Wallache animierend auf Stuten wirken und andere hingegen uninteressant sind. Auch die Jahreszeiten spielen eine Rolle: Bei einer Integration im Frühjahr ist die Reaktion möglicherweise stärker als zwischen Oktober und Dezember. Es kann also sein, dass die Stute in der Zeit nach der Integration eine etwas stärkere Rosse zeigt. Das sollte sich allerdings wieder normalisieren im Laufe der nächsten Zyklen. Wie sich die allgemeine Dynamik in einer gemischten Herde entwickelt, hängt von den Wallachen in der Gruppe ab. In großen Herden, die genug Platz haben, beobachtet man ruhige Wallache, die mit Stuten zusammen kleinere Untergruppen bilden, und Wallache, die hengstiger veranlagt sind und sich eher in Junggesellenverbänden zusammenschließen. Ruhige Wallache werden in einer gemischten Gruppe eher weniger Probleme verursachen. Das Kernproblem sind die hengstigen Typen und ungewolltes Decken, was schnell zu Konflikten zwischen Stuten- und Wallachbesitzern führen kann.

Konstanze Krüger-Farrouj ist Professorin für Pferdehaltung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen. Mehr Infos unter www.hfwu.de/konstanze-krueger
Das sagt die Stallbetreiberin zur Begegnung von Wallach und Stute
Der letzte Wallach, der zu uns kam, wurde von einer Stute eingehend beknabbert, um nicht zu sagen bedrängt. Sie fand ihn während der Rosse ganz toll; der Wallach fühlte sich damit nicht so wohl. Im Normalfall normalisiert sich so ein Verhalten mit der Zeit wieder. Die rossenden Stuten sind zwar weiterhin etwas anhänglich, aber sie belagern den Wallach nicht mehr zu viert auf einmal. Meiner Erfahrung nach sind Stuten, die wenig zu tun haben, nur auf dem Paddock stehen und sich dick fressen, launischer und baden sich geradezu in der Rosse. Wir trainieren unsere Stuten regelmäßig und haben keine Probleme mit Zickigkeit. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gemischte Herden mit einem Überhang von Stuten besser funktionieren. Es gibt aber auch Wallachgruppen mit einer einzigen Stute, die stabil sind. Entscheidend ist die Sympathie zwischen den Wallachen: Sie sollten im Optimalfall beste Freunde sein. Generell gilt: Pferde, die ein gutes Sozialverhalten erlernt haben, sind die Nähe zu anderen Pferden gewöhnt und können dann auch Berührungspunkte besser akzeptieren und sind freundlich zu fremden Pferden. Für deckende Wallache ist in einer gemischten Gruppenhaltung meiner Meinung nach aber kein Platz. Die Besitzer der Stute haben den Schaden und der Besitzer des deckenden Wallachs bekommt den ganzen Unmut ab – keine gute Kombination für ein freundliches Miteinander im Stall.

Christiane Schiele ist LAG-Inspekteurin und Offenstallbetreiberin. Mehr Infos unter www.lag-online.de
Das sagt die Stallbau-Expertin zum Verhalten rossigerr Stuten
Natürlich ist ein neuer Wallach in der Gruppe erstmal interessant für Stuten – das ist einfach Biologie. In Studien hat man etwa herausgefunden, dass Stuten, die im jungen Alter neben Wallachen gehalten werden, früher geschlechtsreif werden. Nicht immer ist es der neue Wallach, der die Stuten verrückt macht. Es gibt auch Stuten, die den Wallach regelrecht nerven und sich anbieten. Ich kann Besitzer verstehen, die ihre Stute nicht in eine Gruppe mit einem deckenden Wallach stellen wollen. Zu groß ist das Verletzungs- und Infektionsrisiko. Wenn wir neue Gruppen eröffnen, kommt es vor, dass sich ein Wallach eine Stute aussucht und diese von den anderen Pferden abschirmt. Das muss der Betriebsleiter im Auge behalten und aktiv werden, wenn sich die Situation im Laufe der Zeit nicht bessert. In der gemischten Herde spielen die Hormone ganz klar eine Rolle. Besonders wenn Stuten oder Wallache es nicht kennen, mit dem anderen Geschlecht zusammen zu sein, bietet das anfangs Potenzial für Anpassungsschwierigkeiten.

Theresa Hiemesch ist Verhaltenstrainerin und Expertin für Pferdehaltung bei Schauer Agrotronic. Mehr Infos unter www.theresa-hiemesch.de





