Wertermittlung Lisa Rädlein

Sachverständiger Rat

Worauf es bei der Wertermittlung von Pferden ankommt

Wir schauen einer Sachverständigen für Pferde-Wertermittlung über die Schulter: Worauf achtet sie und welche Punkte beeinflussen den Preis eines Pferds?

Den Wert eines Pferds zu erfahren, hat seinen Preis. 500 bis 800 Euro kostet eine sogenannte "sachwertige Einschätzung" in mündlicher Form, erklärt Martina Kratzer. Für ein schriftliches Gutachten, das vor Gericht verwendet werden soll, müssen schon bis zu 2.500 Euro kalkuliert werden. Wir wollen genauer wissen: Was steckt hinter einer solchen Analyse, wie geht die öffentlich bestellte Sachverständige bei der Beurteilung von Pferden vor? Und was kann man sich von der 58-Jährigen für Pferdekauf und -verkauf abschauen?

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Wertgeschätzt So funktioniert die Wertermittlung von Pferden
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Ein Wertgutachten umfasst viele Seiten

Kratzer wird von Pferdekäufern für eine solide Preiseinschätzung, beim Abschluss von Lebensversicherungen oder in Versicherungsfällen herangezogen. Bei Kaufrücknahmeklagen, nicht selten im Fall einer Wertminderung etwa durch Unreitbarkeit, erstellt sie gerichtliche Wertgutachten auf gut 20 Seiten. Ein Beispiel zeigt sie – mit geschwärzten Namen – beim Termin. Einer der ersten Punkte lautet: "Gewähltes Wertermittlungsverfahren". Was steckt dahinter?

  • Sachwertverfahren: Zum Beispiel bei Fohlen oder jungen, noch unausgebildeten Pferden, Wert in Relation zu den Kosten für Aufzucht und Haltung.
  • Ertragswertverfahren: Hier wird berücksichtigt, wie hoch die Einnahmen durch das Pferd waren oder voraussichtlich sein werden. Bei einem Schulpferd zählt etwa, wie viele Stunden es im Unterricht gehen kann, bei einer Zuchtstute die Nachkommen.
  • Vergleichswertverfahren: Dieses Verfahren wird bei der Pferde-Wertbestimmung am häufigsten verwendet. Dabei werden die Informationen zum Pferd geprüft und der Preis mit ähnlich zu bewertenden Pferden verglichen.

Tipp: Wer selbst Preise vergleichen möchte, sollte sich bewusst sein, dass gerade Preise für Freizeitpferde auf Plattformen im Internet sehr subjektiv gewählt sind. Wichtiger ist, das eigene Budget oder den eigenen Wunschpreis festzulegen.

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Beim Exterieur achtet die Sachverständige besonders auf Punkte, die Rittigkeit und Gangbild beeinflussen können.

Und wie geht es weiter, wenn das Wertermittlungsverfahren gewählt ist? "Ich mache mir nicht nur ein gegenwärtiges Bild vom Pferd, sondern versuche lückenlos die Geschichte des Pferds zu recherchieren. Dazu rufe ich Züchter, Ausbilder oder Richterkollegen an, die das Pferd kennen und schon beurteilt haben", erklärt Kratzer.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Fachlich qualifizierte und objektive Quellen sind wichtig für die Sachverständige. "Wenn der Kaufinteressent beim Verkäufer selbst nachfragt, sind dessen Informationen immer sehr subjektiv gefärbt. Obwohl der Verkäufer aus seiner Sicht sicher legal handelt, gilt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Die Abstammung löst sich teils in Nichts auf

Die Abstammung eines Pferds ist zwar wichtig, für sich allein jedoch nicht aussagekräftig. "Ein Junghengst kann zum Beispiel der Abstammung entsprechend 20.000 Euro wert sein. Wenn er ein stark verstelltes Vorderbein und dadurch keine korrekten Gänge hat, kann er nicht gekört werden. Er kann wenn überhaupt nur freizeitmäßig geritten werden und wird weit unter diesem Preis angeboten."

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Stute Queen Charlotte benimmt sich im Umgang tadellos.

Wichtige Details an Exterieur und Gang erkennt man nur vor Ort. Deshalb schaut die Expertin sich jedes Pferd an – wenn das möglich ist. Denn bei Versicherungsfällen geht es manchmal auch um Pferde, die nicht mehr leben. "Eine Wertermittlung ist dann nur möglich, wenn etwa Videos, Erfolgsnachweise, Untersuchungsberichte oder Einschätzungen von Trainern vorhanden sind", erklärt die Sachverständige.

Tipp: Lassen Sie sich von Verkäufern vor einer Besichtigung Videos schicken. Und es ist sinnvoll, vom eigenen Pferd Videos, Fotos und Prüfungsprotokolle zu sammeln, falls eine Werteinschätzung plötzlich nötig wird, etwa durch einen Scheidungsfall.

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Ihr Schritt ist raumgreifend.

Für uns zeigt Kratzer an einer quicklebendigen achtjährigen Stute, worauf sie bei der Besichtigung eines Pferds achtet. Hannoveranerin Queen Charlotte ist Dressurpferd und startet in Prüfungen bis zur Klasse M**. Kratzer beobachtet genau, wie sie sich beim Putzen und Satteln verhält und lässt sich die Stute in der Halle vorreiten. Sie achtet dabei auf die Punkte der Ausbildungsskala. Besonders auf Takt, Losgelassenheit und Anlehnung hat sie ein Augenmerk. "Wenn es ein Freizeitpferd ist, lasse ich es mir möglichst auch im Gelände zeigen", so die Sachverständige. Queen Charlotte überzeugt sie sowohl in der Halle mit ihren Grundgangarten und ihrer Rittigkeit als auch im Gelände, wo sie sich bei kaltem und windigem Wetter aufgeweckt, aber rittig und gehorsam zeigt. Sie hat keine Gebäudemängel.

  • Leistungsbeeinträchtigende Exterieurmängel: Dazu gehören nicht korrekte Stellungen der Beine und Hufe, die das Fundament weniger belastbar machen sowie starke Überbautheit, dicke Ganaschen oder ein extrem tief angesetzter Hals. "Entscheidend sind letztlich aber vor allem Rittigkeit und Ausdruck in der Bewegung", so Kratzer.
  • Erfolg zählt: Ist zum Beispiel ein Springpferd sehr überbaut, kann aber eine erfolgreiche Turnierkarriere ohne Lücken (Hinweis auf gute Gesundheit) vorweisen, ergibt sich (wenn überhaupt) nur ein minimaler Preisabzug.

Wie Krankheiten den Wert mindern

Und wie beurteilt Kratzer die Gesundheit, den alles entscheidenden Faktor?

  • Geschichte des Pferdes: "Weiß ich vom behandelnden Tierarzt, dass das Pferd jahrelang gesund war, ist das schon mal ein sehr gutes Zeichen", so Kratzer.
  • Tierärztlicher Untersuchungsbericht: Die kleine Ankaufsuntersuchung bestätigt den Gesundheitszustand.
  • Röntgenbilder: "Wenn die klinische Untersuchung keine Mängel zeigt, das Pferd sich korrekt bewegt und lebenslang lahmfrei war, ist das für die Wertbestimmung eines nicht mehr ganz jungen Freizeitpferds höher zu bewerten als die Röntgenbilder", so Kratzer. Bei jungen sowie Sport- und Zuchtpferden sind die Röntgenbefunde dagegen der entscheidende Faktor im Bereich Gesundheit.
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„Ich frage nach, wie das Pferd heute geht: Wie immer? Ist es ein guter Tag?“

Und was ist mit akuten Wehwehchen? Beim Termin hat Stute Queen Charlotte leichte Mauke in der Fesselbeuge. "Den Wert für das Pferd kann ich trotzdem schätzen, vorausgesetzt, ich bekomme in wenigen Wochen die Bestätigung, dass die Mauke abgeheilt ist und es sich nicht um einen Dauerzustand handelt."

Bei chronischen Erkrankungen, etwa bei Ekzem, kann man nicht einfach die voraussichtlichen Behandlungskosten vom Preis abziehen. Schrumpft durch starkes Ekzem aber die Käuferschicht, wirkt sich das auf den Preis aus. "Das geht von Wertminderungen von 10 bis 20 Prozent bis zur Unverkäuflichkeit", sagt Kratzer. Ähnlich ist es bei Verhaltensstörungen wie Koppen oder Weben. "Auch für solche Pferde gibt es weniger potenzielle Käufer, weil sie zum Beispiel nicht in jeden Stall aufgenommen werden und bestenfalls im Offenstall stehen sollten." Bei einem 10.000-Euro-Pferd könne starkes Koppen zu einer Preisminderung von ca. 2.000 Euro führen.

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Im Pass sollten Besitzerwechsel und Impfungen korrekt eingetragen sein. Martina Kratzer erfragt das beim Besitzer.

Tipp: Vereinbaren Sie bei Unsicherheit über die gesundheitliche oder leistungsmäßige Entwicklung eine Zahlung auf Raten: einmal den Preis, den das Pferd aktuell für Sie wert ist, die zweite Rate erhält der Verkäufer bei Gesundung/guter Entwicklung.

Und welchen Preis würde Martina Kratzer nun für Queen Charlotte veranschlagen? "Mit ihren Erfolgen und ihrem Wesen: um die 35.000 Euro. Für so feine Damenpferde ist die Nachfrage groß." Doch auch ihre Besitzerin weiß, was sie an ihrer Charlotte hat – die Stute ist unverkäuflich.

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Begehrt: ein Dressurpferd, das auch geländetauglich ist.

Mehr zum Wert: Möchten Sie den Pferdewert selbst besser einschätzen? Martina Kratzer bietet am 13. Juni 2020 einen Lehrgang zur Wertermittlung an (mehr Infos: die-pferdesachverstaendige.de). Das Seminar findet auf der Reitanlage Sonnenland in 85646 Neufarn/Vaterstetten statt und kostet 95 Euro. CAVALLO-Leser erhalten bei Anmeldung per Mail unter dem Stichwort "CAVALLO" an artina.kratzer@t-online.de einen Rabatt von zehn Prozent.

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