Mit Herz und Stil
Sie macht sich ein schönes Leben. Absolut! Aber im positiven Sinne: Giulia von Crailsheim ist eine Macherin. Mit ganz viel Power, einer großen Portion Mut, Organisationstalent und kreativem Schöpfergeist hat sie ihr ehrwürdiges Zuhause Schloss Amerang im Chiemgau zu einem Märchenschloss gemacht. Als Schlossherrin rund um die Uhr gehören gleich mehrere Full-Time-Jobs zu ihrer Stellenbeschreibung: Bauplanerin, Hotelchefin, Veranstaltungsmanagerin, Hochzeitsplanerin, Gestütsleiterin, Stallfee, Putzfrau – und auch noch Mama.

hat auf ihrem Gestüt Schloss Amerang einen neuen, exklusiven Pensionsstall mit Rundum-Service errichtet. Wer hier nur kurz wohnen will, kann mit dem eigenen Pferd Urlaub machen. schloss-amerang.de
Als sie uns über das Anwesen führt, hatte kurz zuvor ein Unwetter gewütet. Giulia von Crailsheim ist das unangenehm. "Es sieht schlimm aus hier", entschuldigt sie sich und beauftragt im Vorbeigehen eine Mitarbeiterin, die zerzausten Blumen in den Kästen zu ersetzen. Als diese fragt, wo und was sie denn auf die Schnelle besorgen könnte, reagiert die Chefin pragmatisch: "Ich besorge welche." Am nächsten Tag soll eine Hochzeit stattfinden – doch der Sturm hat den Stand der Vorbereitungen um viele Arbeitsstunden zurückgeworfen.
Wenn’s von Herzen kommt
Dass die Sturmschäden Giulia von Crailsheim im Magen liegen, merkt man ihr ein paar Minuten später nicht mehr an. Jetzt schon haben wir zwei ihrer großen Stärken kennengelernt. Die eine: Probleme lösen und selbst in die Hand nehmen. Und die andere: Prioritäten setzen und präsent sein für das, was gerade wichtig ist. Und so fühlen wir uns als Besucher an diesem betriebsamen Tag genauso herzlich willkommen wie das Einsteller-Ehepaar im luxuriösen Pensionsstall, das gerade angereist ist, um das Pferd zu besuchen. Wer am Anfang möglicherweise noch denken mag, das strahlende Lächeln könnte aufgesetzt sein, der spürt im direkten Gespräch schnell, dass die Herzlichkeit von Herzen kommt.
Ihr ganzes Herzblut hat Giulia von Crailsheim in den neuen Pensionsstall gesteckt, der im März fertiggestellt wurde. Das Schmuckstück ist eine echte Augenweide. Etwas abseits vom Schloss, idyllisch gelegen, ist der Stall eine Oase für die hier residierenden Vierbeiner – und auch die dazugehörigen Zweibeiner, die dem Alltagsstress mit hundertprozentiger Sicherheit entfliehen können. Bevor der Bau begann, wurde die Schlossherrin von ihren Bekannten für verrückt erklärt: Warum sie sich freiwillig den Stress antun möchte, sich Einsteller ins Haus zu holen? "Ich war früher selbst Einstellerin", betont Giulia von Crailsheim. "Und genau deshalb will ich meinen Pensionsstall betreiben wie ein Fünf-Sterne-Hotel. Da darf es an nichts fehlen, weder für die Pferde noch für die Menschen. Und dann sind doch alle glücklich, oder?" Das Tor zum Traumstall öffnet sich per App, damit nicht jeder neugierige Besucher hineinspazieren kann. "Meine Einsteller schätzen sehr, dass sie für sich sind. Da wir nur 13 Boxen haben, ist es sehr ruhig", sagt Giulia von Crailsheim. Das Gebäude ist innen und außen hell, im mediterranen Stil gestaltet. Pflanzen und viele nette Deko-Details sorgen für ein gemütliches Ambiente fast wie im Wohnzimmer. Die Boxenwände bestehen aus hellem Lärchenholz –"das dunkelt nicht nach", erklärt Giulia von Crailsheim.
Zwischen Finca, Nordsee und Jagdschloss
In vielen Ecken wird sichtbar, was der leidenschaftlichen Jagdreiterin gefällt: Jagdmotive in Waldgrün geben dem Stall eine persönliche und ganz besondere Note. Ein bisschen Stilbruch, aber gekonnt, das ist die kreative Handschrift der Schlossherrin. Deshalb fügt sich auch das beeindruckende Reetdach überm Eingang harmonisch ins südländisch-britische Flair des Stalls ein("Ich lieeebe Reetdächer! Dafür habe ich extra jemanden aus Norddeutschland kommen lassen, der mir das macht.").
Auch das Alter der Baumaterialien ist ein gelungener Mix: Beim Bauen steht Giulia von Crailsheim auf Second Hand. Alte Steine und Holzbalken aus der Region haben im neuen Gemäuer ihre Plätzchen gefunden. Im Inneren des Stalls führt hinter der schicken Futterkammer eine Treppe nach oben zu einem Aufenthaltsraum. Hier kann man auch arbeiten – High Speed Internet ist vorhanden.
Terrassen mit Weitblick für die Pferde
Draußen hinter dem Stall sind die überdachten Pferde-Terrassen. Dahinter hat jedes Tier einen eigenen Sandpaddock(zwischen 90 und 120 m2), der immer geöffnet ist, und eine große Koppel, die das ganze Jahr über bei jedem Wetter zugänglich ist. Boxen und Außenbereich sind offen gestaltet, damit die Pferde sich gegenseitig das Fellchen kraulen können. Willkommen sind hier auch Hengste und natürlich Pferde aller Rassen – am Tag zuvor ist ein Isländer eingezogen, der in der ruhigen Atmosphäre wirkt, als ob er hier schon lange zuhause ist.
Dass der neue Pensionsstall nun steht, darauf kann die Bauherrin stolz sein. Die Planung begann bereits vor zwei Jahren – unter ihrer Federführung. Kurz vorm ersten Spatenstich an Ostern 2025 machte der damalige Bauleiter einen Rückzieher. Ihm war das Projekt über den Kopf gewachsen. Giulia von Crailsheim erholte sich schnell von diesem Schock – und übernahm seinen Job. "Ich war sowieso schon so stark involviert, dass ich mir dachte, das bekomme ich auch noch hin", erzählt sie und winkt lächelnd ab, als wir große Augen machen."Entwerfen, Zeichnen und Gestalten, das mache ich einfach gerne. Ich habe bewusst nur mit Gewerken zusammengearbeitet, die hier im Umkreis von 30 Kilometern sind. Das hat wunderbar funktioniert." Giulia von Crailsheim hat sich mitnichten ins gemachte Nest gesetzt, als sie ihren Mann Ortholf heiratete. Kurz bevor sie ihn im schönen Chiemgau kennenlernte, wollte sie eigentlich für einen neuen Job als Physiotherapeutin für Sportpferde nach Frankreich ziehen. Doch bei den beiden war es Liebe auf den ersten Blick – und aus dem ersten Treffen im "Wirth von Amerang" wurde ein langer Abend. 2003 heirateten die beiden. Gemeinsam stemmten sie damals das schuldenschwere Erbe, statt sich ihrer ursprünglich geplanten Karrieren zu widmen: 1995 hatte Ortholf von Crailsheim Schloss Amerang als baufälliges Gemäuer übernommen und brach dafür seine Banklehre ab. Dank hoher eigener Investitionen und Spenden konnte er das Schloss vor dem Verfall retten. Im Gegenzug verpflichtete er sich, das Schloss als kulturellen Veranstaltungsort zu bewahren. Das Anwesen ist bei dem Ehepaar in den besten Händen. In jeder Ecke spüren wir, wie das Schöne wertgeschätzt und erhalten wird. Etwa die vielen verschiedenen Bäume, die im Park rund um den großen Reitplatz am Gestüt wachsen."Die haben wir aus dem Arboretum im Schloss geholt, damit sie hier groß werden können", erzählt die Schlossherrin.
Leben, lieben und ganz viel arbeiten
Neben alten Schätzen, die bewahrt werden, kamen immer wieder neue dazu. Giulia von Crailsheims erstes Herzensprojekt war ihr PRE-Gestüt. 2010 übernahm sie die Bauleitung für sieben Gebäude auf zwei Hektar Fläche plus zwei Einfamilienhäuser, 2020 kam der Marstall dazu, und 2025 ließ sie den Hofstall errichten. Mit nur einem Helfer stemmt sie den Zuchtbetrieb seit 2008 inklusive Abfohlen, Aufzucht und Anreiten.
Die"Pura Raza Espanola" ist für sie etwas Besonderes. "Das erste Mal auf einem PRE war ein Reitgefühl, dass ich bis zu diesem Tag nicht kannte", schwärmt sie. Ihre eigene Stute Trinidad (8) ist selbstgezogen und selbst ausgebildet."Trini" verkörpert den Typ, der hier gezüchtet wird: einen quadratisch-barocken Körperbau, gepaart mit einem ruhigen Gemüt, "das aber durchaus mal zünden kann, wenn es drauf ankommt", so die Züchterin. Momentan ist der Bestand reduziert, da die Mutter nach der Geburt ihrer Tochter nicht mehr beinahe rund um die Uhr arbeiten konnte. Doch die Kleine, inzwischen fünf, ist längst eine große Pferdenärrin."Wenn sie die Leidenschaft mit mir teilen würde, wäre das ein riesiges Glück für mich", hofft Giulia von Crailsheim. Auch die Schlossherrin selbst war schon als Kind den Pferden verfallen. Die Großeltern der Halb-Italienerin züchteten Trakehner und so saß die kleine Giulia schon auf dem Pferd, bevor sie laufen konnte. Ihr Reitlehrer in Frankfurt, wo sie aufwuchs, war von der alten Schule:"Hat man einmal mit dem Schenkel geklopft, musste man danach drei Tage an die Longe.” Der Grundstein für ihre Power und ihre Liebe zu schönen Dingen wurde wohl in ihrer Kindheit gelegt: Die Eltern arbeiteten sieben Tage die Woche, der Vater als Banker, die Mutter beim Fernsehen. Regelmäßig unternahm man einen Ausflug nach Frankreich, um Antikmärkte zu besuchen und lecker zu essen. Und nebenbei wurde der Grundbesitz in Italien restauriert, umgebaut und bewirtschaftet. Giulia von Crailsheim war es immer wichtig, sich ihr Geld selbst zu erarbeiten: Mit elf Jahren half sie in einem Antiquitätenladen, mit 14 übernahm sie nach einem Schulpraktikum beim Tierarzt die Assistenz der Praxis – nach der Schule, oft bis in den späten Abend hinein. Als 16-Jährige spendierte sie ihren Eltern den Familienurlaub in den Sommerferien. Da wundert es kaum, dass ihre Tage auf Schloss Amerang 12 bis 14 Stunden zählen. Gemeinsam mit nur vier Festangestellten und ihrem Mann wuppt sie den gesamten Betrieb. Trotzdem hat sie noch Zeit und Kraft für neue Ideen. Sie plant gerade ein neues Baugebiet mit zehn Wohneinheiten nahe Schloss und Hofstall. Ab sofort können Gäste mit bis zu zwei eigenen Pferden auf dem Schloss Urlaub machen. Giulia von Crailsheim möchte eine Genusswelt für Menschen und Pferde schaffen. Reiter können hier eine schöne Zeit verbringen, Fachleute zusammenfinden und über Pferdegesundheit referieren. Und bestimmt wird sie auch ihre weiteren Träume verwirklichen: ein Restaurant, einen Reiter-Pub und eine eigene Hundemeute, mit der sie ihre Gäste auf Jagden führen kann.





