Dressurkurs mit Christine Stückelberger Lisa Rädlein

Christine Stückelberger: „Weniger wäre oft mehr“

Porträt Christine Stückelberger „Weniger wäre oft viel mehr“

Die Frau fürs Feine: Christine Stückelberger mahnt im Dressurkurs zur Mäßigung bei Hand und Bein. Die Pferde danken es der Grande Dame sichtlich.

Elf Pferde wird Christine Stückelberger heute reiten, und das im Alter von 74 Jahren. Gut, nicht wortwörtlich. Doch die Dressurausbilderin begleitet jede Schülerin im Kurs so intensiv, als würde sie ihr mit ihrem feinen Schweizer Akzent direkt ins Ohr flüstern. "Man reitet doch immer mit, ich sitze immer hinten mit auf dem Pferd", bemerkt die Ausbilderin in der Pause.

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Dressurkurs mit Christine Stückelberger
Porträt Christine Stückelberger „Weniger wäre oft viel mehr“
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Christine Stückelberger ist eine zarte Person, doch ihre Präsenz spürt man bis auf die Zuschauerränge der Reithalle des Barockreitzentrums in Heimsheim bei Stuttgart. Mehrfach war Christine Stückelberger bereits hier. Mit dem Zug ist sie aus Sankt Gallen angereist.

Eine Pferdefrau mit besonderer Wirkung

Eine, die ihr regelrecht nachreist, ist Jana Willmann. Sie sie aus dem bayerischen Vaterstetten gekommen und nutzt jede Gelegenheit, um an Kursen mit Stückelberger teilzunehmen – während der Corona-Pandemie auch online per Video. Doch das sei nicht das Gleiche: "Wenn Frau Stückelberger in der Halle steht, hat sie eine sensationelle Wirkung auf meine Stute. Ich glaube, die hört ihre Stimme und denkt: Oh ja."

Die Begeisterung beruht auf Gegenseitigkeit: "Sie ist ja so ein herrliches Pferd, ist immer im Gleichgewicht", schwärmt Christine Stückelberger. "Da darf man nur nicht stören." Pferd und Reiterin arbeiten an einer Kurzkehrtwendung aus dem Schritt heraus. "Das war spitze!", rutscht es Stückelberger heraus, doch gleich darauf korrigiert sie sich: "Es war noch nicht spitze, aber besser als vorher. Es war nicht so schlecht." Dennoch: "Loben Sie die Stute, das war Ihr Fehler, da kann das Pferd nichts dafür."

Für den Reiter sei Stückelbergers Art zu reiten sehr schwer, sagt Schülerin Jana Willmann. Dafür sei sie wahnsinnig ehrlich und komme ohne Stress und Zwang aus. "Die Pferde nehmen das alle sehr gut an", hat sie beobachtet.

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Auf Tuchfühlung: Zum Respekt vor dem Pferd gehört eine sanfte Begrüßung. Für jedes Tier findet Christine Stückelberger anerkennende Worte.

Erstaunliche Wandlung in der Kursstunde

Tatsächlich verwandeln sich die Pferde unter Stückelbergers Anleitung geradezu. Eine etwas steife Rappstute, die zu Beginn immer wieder angespannt mit dem Schweif schlägt und den Hals festmacht, lässt locker, gibt im Genick nach, fängt an zu schwingen. Das Erfolgsrezept: Weniger tun! "Weniger Hilfe, weniger Hand, weniger Schenkel", souffliert Christine Stückelberger. "Lassen Sie sie mehr alleine machen."

Ein blütiger, junger Fuchswallach, der anfangs nervös und zerbrechlich wirkt, ruht am Ende der Stunde sichtlich in sich, trägt sich selbst. "Lass ihn da, treib ihn nicht zu viel vorwärts, bis er wieder auf die Hand kommt", mahnt Stückelberger seine junge Reiterin. Und entlässt sie mit einem großen Lob aus der Stunde: "Jetzt kriegt er Ausdruck und Schönheit, du hast schon ein ganz anderes Pferd."

Das Pferd mit minimalem Einsatz zum Strahlen bringen – das kann die Frau, die an der Spanischen Hofreitschule lernte und 42 Jahre lang die Partnerin und Schülerin des ehemaligen dortigen Oberbereiters Georg Wahl war. 1975 und 1977 wurde sie Europameisterin. 1976 holte sie auf ihrem Granat die Goldmedaille bei den olympischen Spielen in Montreal, Kanada, 1978 erritt sie mit ihm den WM-Sieg im südenglischen Goodwood. Viele weitere Medaillen und Starts prägten ihr Leben. Ohne Sporen und auf Trense sei sie einmal übungshalber den Grand Prix Spezial geritten, erzählt sie – das deutsche Olympiateam hatte gewettet, das gehe doch nicht.

Sporen und Hände hat sie kritisch im Blick

Wer im Kurs Sporen trägt, darf sie kaum einsetzen – alles andere ist der Ausbilderin ein Dorn im Auge. Und auch die Hände würde sie den Reiterinnen am liebsten binden. In allen Lektionen legt sie Wert darauf, dass die Hand zuallerletzt kommt – nach Sitz und Schenkel. "Probieren Sie doch einfach mal, Ihre Hände zu vergessen!" Die Biegung leitet der Schenkel ein, die Versammlung ein aufgerichteter Oberkörper. Das Pferd in Haltung zu ziehen, ist tabu. Im Übergang vom Galopp zum Schritt soll die Hand zeitweise nachgeben. Überhaupt: "Das Nachgeben ist der Schlüssel zum Erfolg. Man muss immer wieder Gelegenheit haben nachzugeben."

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„Kommen Sie mal kurz zu mir, ich will Ihnen etwas erklären“ – ein Satz, der immer wieder fällt.

Nicht hineinziehen, sondern hineindenken – so erklärt es Stückelberger einer der Schülerinnen. Und hineinspüren. Immer wieder fragt sie in den Einheiten nach: "Haben Sie das gespürt?" Alles muss hier mit Gefühl passieren. Sanftes Abspielen mit dem Zügel fordert Stückelberger immer wieder, doch zuerst muss der Reiter spüren, wo das Pferd steif ist, wo das Abspielen wirklich nötig ist. "Abspielen heißt nicht riegeln."

Um mit weniger auszukommen, hat Stückelberger einige Hilfen parat, die heute in Vergessenheit geraten sind. Im Übergang vom Galopp zum Trab sollen die Reiter lediglich leicht an den eigenen Fußspitzen ziehen, so hört die Galopphilfe automatisch auf und ein flüssiger Übergang gelingt. Eine andere Methode zum Durchparieren oder Anhalten: Einfach nur die Kniekehlen schließen. "Das ist eine uralte Technik. Die Pferde verstehen das alles, sie sind so intelligent", meint Stückelberger. Tatsächlich steht das Pferd im Kurs sofort.

Mit weniger statt mit mehr löst Stückelberger auch festgefahrene Probleme. Eine Reiterin ist verzweifelt, weil sich ihre Stute fast bis auf die Brust einrollt – obwohl sie sie nicht zusammenzieht. "Wenn man sie mit der Hand hochholen wollte, würde sie nur enger. Die Lösung ist nach vorne." Also nach vorne mit der Hand, und: weniger treiben. Nur die Bügel austreten soll die Reiterin, die Hände tief lassen, das Bein aufmachen. "Das ist eine tolle Stute, die Sie da haben. Spüren Sie mal, wie hochsensibel sie ist." Lob gibt es jedes Mal, wenn die Stute nach oben kommt und sich trägt. Und das passiert im Laufe der Stunde immer häufiger, der Knoten ist geplatzt. Andere Reitlehrer hätten wohl geraten, mit dem Bein Dampf zu machen und die Stute hochzuholen. Doch "normal" ist Christine Stückelberger eben nicht.

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„Pferde brauchen Lob, damit sie mit Freude und Motivation arbeiten und nicht auf Druck. Wie Kinder auch!“

"Mir ist bewusst, dass ich eine ganz andere Art zu reiten vermittle, als viele kennen. Das ist ein großer Schritt", sagt sie. Sabine Armbrust ist wegen genau dieser Art zu reiten zum Kurs gekommen. "Frau Stückelberger sieht einfach das Pferd." Mitgebracht hat Sabine Armbrust ihren imposanten Rappen Herzog, dessen lockerer Schritt und auffallendes Gleichgewicht Christine Stückelberger sofort begeistern. "Das machen Sie sehr schön", sagt sie an die Reiterin gewandt, "so etwas sieht man nicht alle Tage. Das ist auch für mich schön zu sehen." Ein Lob von der Grande Dame der Dressur, das selbst auf den Zuschauerrängen für Gänsehaut sorgt.

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Kontakt: Christine Stückelberer gibt Dressurlehrgänge und hält Vorträge. Reitstunden sind für Anfänger bis Grand-Prix-Reiter möglich, Pferdeausbildung auch. christinestueckelberger.ch
CAVALLO hautnah Dr. Maximilian Pick
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Portrait Daniel Suchefort
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