Die Macherinnen der Studie zum Reitsport-Image:

ist Reiterin und Professorin für Rechnungswesen und Controlling im Fachbereich Wirtschaft an der Hochschule Mainz, University of Applied Sciences.

ist Reiterin und Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing und digitale Medien, an der Hochschule Mainz, University of Applied Sciences.
Prof. Dr. Isabelle Hillebrandt: Gemeinsam haben meine Kollegin Britta Rathje und ich beobachtet, wie dem Reitsport in der Öffentlichkeit, vor allem auf Social Media, viel Kritik entgegengebracht wird. Das hat sich nicht mit unserer Erfahrung im persönlichen Umfeld gedeckt. Dort sind die Reaktionen auf das Thema Pferdesport fast immer positiv. Diese Diskrepanz hat uns beschäftigt. Deshalb wollten wir herausfinden, wie der Reitsport über Social Media hinaus in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
Prof. Dr. Britta Rathje: Unser Vorhaben ist gleich auf Interesse gestoßen. Schon bei der Vorbereitung hat uns unter anderem Christoph Hess unterstützt. Er hat uns für den Fragebogen der Studie wichtige Inhalte geliefert und zu den Ergebnissen in seinem gleichnamigen Podcast interviewt.
Prof. Dr. Isabelle Hillebrandt: Absolut nicht. Wir waren tatsächlich positiv überrascht von den Ergebnissen. Sie zeigen, dass fast jeder irgendwann einen Berührungspunkt mit dem Pferdesport hatte, vor allem über die Nachrichten. Und wenn keine Berührungspunkte bestehen, dann gibt es doch zumindest generelles Interesse daran. Zum Zeitpunkt der Befragung im Herbst 2024 war zum Beispiel die Olympiade in Paris gerade ein Thema. Durch die Erfolge der deutschen Reiter wurde der Sport öffentlich sehr positiv wahrgenommen. Eine Hoffnung der Befragten ist, dass der Reitsport im Fernsehen und in der allgemeinen Medienberichterstattung präsent bleibt bzw. wieder stärker präsent wird. Und das allgemeine Interesse an Angeboten, um mit Pferden in Kontakt zu kommen, ist groß. Das merken wir auch als Reiterverein: Im Rahmen unseres Turniers gab es zum Beispiel einen Senioren-Tag, der gut angekommen ist. Pferde werden schon allein wegen ihrer Größe als etwas Besonderes gesehen und die Menschen erfahren gerne etwas über ihre Haltung und das Training.
Prof. Dr. Britta Rathje: Zunächst haben wir den Online-Fragebogen innerhalb unserer Netzwerke verteilt. Das waren hauptsächlich Frauen aus den Bereichen Hochschule und Reitsport. Um ein repräsentatives Befragungsbild zu bekommen, haben wir anschließend ein Marktforschungsunternehmen hinzugezogen. Darüber wurden gezielt weitere Teilnehmer akquiriert, sodass wir auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Reitern und Nichtreitern, Geschlechtern, Altersgruppen, Regionen und verschiedenen Bildungsniveaus gekommen sind. Von den über 1 300 Teilnehmern ist ungefähr die Hälfte männlich, das Durchschnittsalter liegt bei 45 Jahren und etwa ein Viertel hat keinen Bezug zum Reitsport.

Turnier- und Freizeitreitersind sich einig: Beide Gruppen glauben an die Vereinbarkeit von Sport und Tierwohl.
Prof. Dr. Isabelle Hillebrandt: Wir haben eine Clusteranalyse genutzt, um Gruppen mit ähnlichen Merkmalen zu identifizieren. Daraus haben sich vier Gruppen ergeben: die "positiv eingestellten Turnierreiter" (aktive und ehemalige Turnierreiter), die "kritischen Freizeitreiter" (aktive Freizeitreiter), die "neutralen Beobachter" (selbst nicht im Reitsport aktiv, aber Aktive sind ihnen bekannt) und die "skeptischen Nicht-Reiter" (Nicht-Reiter ohne Kontakt zu Pferden). Die Gruppen unterscheiden sich in erster Linie durch ihren Bezug zum Reitsport und darüber hinaus in ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Die Turnier- und Freizeitreiter sind sich im Großen und Ganzen recht einig. Beide Gruppen glauben an die Vereinbarkeit von Reitsport und artgerechtem Tierwohl und an eine gute Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd. Lediglich bei den Freizeitreitern ist das Interesse am Sport naturgemäß nicht so groß und sie nehmen den Umgang mit Pferden kritischer wahr als die Turnierreiter. Die "neutralen Beobachter" haben dazu keine klare Position Auffällig ist die Gruppe der "skeptischen Nichtreiter". Sie sind tendenziell der Meinung, dass man Pferde nicht reiten, sondern ausschließlich auf die Weide stellen sollte. Sie unterscheiden sich von den anderen Gruppen auch in dem, was sie mit dem Reitsport verbinden: Während die anderen Gruppen besonders Begriffe wie "Verantwortung" ,"Vertrauen" und "Leidenschaft" assoziieren, sind es für sie eher "Geld", "Leistungsdruck", "Risiko" und "Ehrgeiz".
Prof. Dr. Britta Rathje: Ja, es hat sich herausgestellt, dass die Männer tendenziell kritischer waren. Frauen assoziieren eher gute Eigenschaften mit dem Reitsport und sie nehmen ihn positiver wahr. Sie sprechen sich jedoch dafür aus, dass es mehr Aufklärung gibt und auf Turnieren mehr Kontrollen erfolgen. Männer sind eher dafür, dass der Reitsport oder einzelne Disziplinen abgeschafft werden sollten. Die Unterschiede könnten zum einen daher rühren, dass in der Gruppe der "skeptischen Nicht-Reiter" die Mehrheit Männer sind. Vielleicht haben Männer nicht so dieses "Kümmer-Gen", das Frauen eher zugeschrieben wird. Die stark ausgeprägten Assoziationen sind auch eher männlich und umfassen zum Beispiel "Ehrgeiz", "Risiko" und "Geld".

Besonders kritisch sind Männer: Sie sind eher dafür, dass der Reitsport abgeschafft werden soll. Ein Grund könnte sein, dass sie häufiger wenig Kontakt zu Pferden haben.
Prof. Dr. Britta Rathje: Viele wünschen sich niederschwellige Einstiegsangebote. Es sollte einfacher sein, mit Pferden in Kontakt zu kommen, etwa bei einem Tag der Offenen Tür in Reitställen, speziell für Familien. Es gibt tolle Initiativen, wie beispielsweise die Initiative "100 Schulpferde plus" von Pferdesport Deutschland oder die Aktionswoche von "Vielfalt Pferd", die genau das aufgreifen und neben zahlreichen Events auch Einstiegsangebote über Reitunterricht anbieten. Prof. Dr. Isabelle Hillebrandt: Viele konkrete Vorschläge kamen auch aus der Gruppe der Reiter: mehr positive Berichterstattung, mehr Einblicke hinter die Kulissen, mehr Aufklärung über die Bedürfnisse und die Ausbildung von Pferden, die Förderung von Reitschulen, mehr Fokus auf Tierwohl und harmonisches Reiten auf Turnieren.
Prof. Dr. Britta Rathje: Ich würde hier einen Bogen schlagen zur gesamten gesellschaftlichen Entwicklung, die möglicherweise zu einer kritischeren Haltung gegenüber dem Reitsport führt. Heute haben viele Menschen zu wenig Kontakt zur Natur, insbesondere zu Tieren. Fast jeder, der schon mal mit Hunden Kontakt hatte, hat gespürt, dass die Tiere gerne mit dem Menschen interagieren. Da liegt es nahe, dass Pferde uns ebenso zugetan sind.

Kinder lieben Pferde! Sie sollten mehr Berührungspunkte zu den Tieren haben.
Prof. Dr. Isabelle Hillebrandt: Es wird sicher am Schwierigsten sein, die Gruppe der "skeptischen Nicht-Reiter", die überhaupt nichts mit Pferden zu tun haben, zu erreichen. Wenn wir die Meinung dieser Gruppe positiv beeinflussen wollen, muss es Kontaktpunkte mit dem Thema Pferd geben. Wir sollten uns daher dafür einsetzen, dass der Reitsport in den reichweitenstarken, allgemeinen Medien präsent ist. TV und Tageszeitungen spielen da nach wie vor eine große Rolle. Und darüber hinaus kann jeder von uns aktiv werden und als Botschafter im eigenen Netzwerk gezielt Nicht-Reiter einbeziehen und für unseren Sport begeistern.





