Äußere Hilfen Lisa Rädlein

Expertenrat

9 Tipps, wie die äußere Anlehnung funktioniert

Jeder will es, doch nicht immer gelingt es ohne Weiteres: das Pferd an den äußeren Hilfen haben. Unsere 9 Tipps und Übungen von Experten machen es leichter.

"Die äußere Hand führt", erklärt Sibylle Wiemer. Bedeutet: Sie zeigt dem Pferd den Weg. Deshalb gilt auch beim Handwechsel: "Erst wechselt die Führung, dann wechselt die Biegung!" Meint: Erst wird das Pferd über die Richtung, in die es gehen soll informiert – vor allem anhand der neuen Blickrichtung des Reiters, durch die er sich in die Bewegungsrichtung mitdreht und sein Gewicht entsprechend verlagert. Dabei wechselt auch automatisch der Führung gebende, äußere Zügel. Erst danach sind Stellung und Biegung des Pferds dran.

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Hilfstellung So klappt es mit den äußeren Hilfen
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Tipp 1: Einhändig für bessere Führung (Sibylle Wiemer)

Einhändig Reiten schult das Gefühl: Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie viel oder wenig der äußere Zügel tut, lässt Sibylle Wiemer ihre Reitschüler gern einhändig reiten. "Das schult das Bewusstsein enorm! Dabei werden beide Zügel in die äußere Zügelfaust genommen und vor einem Handwechsel jeweils umgefasst. Damit das einhändige Abwenden über die äußeren Hilfen funktioniert, sollte das Grundtempo schon vorher auf gebogenen Linien gehalten werden können und der Reiter nicht in der Hüfte einknicken."

Der innere Zügel stellt das Pferd, lässt es also ab dem Genick in die Bewegungsrichtung schauen. Deshalb wird er auf gebogenen Linien kürzer in die äußere Hand gelegt oder eben länger beim Geradeausreiten. "Das ist eine gute Übung, um dem Reiter klarzumachen, dass die äußere Hand die Wichtigere ist, weil sie dafür sorgt, dass das Pferd auf dem Weg bleibt." Sibylle Wiemer

Tipp 2: Zwei Zirkellinien zum Üben (Christine Hlauscheck)

Nicht übertreiben: "Die Aussage ,Man wendet das Pferd über den äußeren Zügel‘ ist für viele Reitschüler erst mal unverständlich. Viele übertreiben es, das Pferd kommt in Außenstellung, es fällt auf die innere Schulter", schildert Christine Hlauschek. "Wenden hat immer auch mit harmonischer Biegung durchs Pferd zu tun. Und die muss der äußere Zügel zulassen, auch wenn er seine führende Aufgabe wahrnimmt."

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Zwei Zirkellinien zum Üben.

Eine gute Übung, um das richtige Maß zu finden: Auf dem Zirkel zwei Pylonenreihen aufstellen. Eine auf der äußeren Zirkellinie und eine innere mit 1,5 Metern Abstand. "Jetzt von der äußeren Linie zur inneren übertreten lassen! Dabei sollen Schulter und Hüfte des Pferds stets auf einer Höhe bleiben!" Durch die Pylonen wird optisch klarer, ob das klappt. Wirkt der Reiter zu viel mit dem inneren Zügel ein, ist die Schulter zuerst auf der neuen Linie, die Hinterhand folgt. Wirkt der äußere Zügel zu viel ein, wird sich das Pferd nach außen stellen und mit der Hinterhand ins Zirkelinnere scheren. Zu schwer? Machen Sie vorab eine Partner-Übung ohne Pferd:

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Zwei Zirkellinien zum Üben.

Einer mimt das Pferd. Dafür werden zwei Strohkordeln an seine Gürtelschlaufen geknotet. Der zweite Mitspieler nimmt diese wie Zügel auf und geht hinter ihm her. Jetzt einfach testen: Wie fühlt sich das Wenden nur mit dem inneren Zügel an? Wie nur mit dem äußeren? Schnell wird klar: Beide müssen miteinander korrespondieren! "Führe ich den äußeren Zügel wie ein Stützrädchen mit, dann ist die Hüfte des Menschen eingerahmt", erklärt Christine Hlauschek. Gehen Sie so im Slalom durch die Pylonenreihe, ohne mit Worten zu kommunizieren. Testen Sie auch mal das Überstreichen: "Wird nur der äußere Zügel losgelassen, dann empfinden das die meisten als unangenehmer, als wenn man innen leichter wird", erzählt die Ausbilderin.

Tipp 3: Wie der verkannte Oberschenkel beim Einrahmen hilft (Elaine Butler)

"Wenig Beachtung finden in gängigen Reitlehren der Oberschenkel und das Knie, dabei sind sie sehr wichtig fürs Abwenden", sagt Sitzschulungs-Lehrerin Elaine Butler. Die äußere Oberschenkelmuskulatur des Reiters hält sie für essenziell, um das Pferd einzurahmen. Wichtig ist, dass dabei nicht die Klemmer an der Innenseite der Oberschenkel genutzt werden, sondern die Muskelpartie, die längs außen des Beins verläuft – da, wo häufig Markennamen auf Reithosen aufgestickt werden.

Unnützer Unterschenkel: "Ein über die Schulter weglaufendes Pferd gerät noch schneller aus der Spur, wenn der Reiter versucht, mit dem äußeren Unterschenkel dagegenzuarbeiten", erklärt sie. "Je nachdem, wie groß der Reiter ist und welchen Sattel er nutzt, kommt der hilfreichere Impuls aus der Region zwischen Leiste, Sitzbeinhöcker und Oberschenkelhalsknochen. Damit erreicht man nämlich die Schulter des Pferds!" Um diesen Punkt zu finden hilft es, sich auf einen Gymnastikball zu setzen.

Versuchen Sie, diesen aus Ihrem Sitz heraus nach links oder rechts zu rollen, und Sie finden diese Region. Von diesem Ausgangspunkt aus "hält das äußere Bein wie eine Eisenstange gegen das Ausscheren – das ist der Kern der verwahrenden Hilfe." So fängt der Reiter das Pferd außen ab. Die andere Hüftseite wird zeitgleich leichter und leicht nach vorn genommen, damit die Richtung einladend ist. Mit der inneren Hüfte geht auch die innere Hand etwas vor. "Macht man nämlich mit der inneren Körperhälfte Platz, dann macht man ebenso Platz für das innere Hinterbein, so dass dieses in die Wunschrichtung gehen kann. Wichtig: Alle Bewegungen sind winzig."

Tipp 4: Zweiter Hufschlag (Christine Hlauscheck)

"Äußere Hilfen sind immer Begrenzungen", sagt Pferdewirtschaftsmeisterin Christine Hlauschek. "Ich brauche sie, sobald ich es mit offenen Seiten zu tun habe." Schon wenn man ganze Bahn auf dem zweiten Hufschlag reitet, ersetzen die äußeren Hilfen – Gewichtshilfe, Schenkelhilfe, Zügelhilfe – die Bande. "Pferde ziehen naturgemäß an die Bande, zum ersten Hufschlag hin zurück."

Um sich an die äußeren Hilfen bewusst heranzufühlen, ist das Reiten auf dem zweiten Hufschlag eine gute Idee, sagt die Ausbilderin. Fehlen die äußeren Hilfen, bekommt der Reiter vom Pferd das Feedback: Es geht zurück auf den ersten Hufschlag. Schwieriger wird’s auf dem Mittelzirkel, der gleich zwei offene Seiten hat.

Tipp 5: Ausbrecher aufhalten (Elaine Butler)

Jeder Einsteiger kennt die Situation: Das Pferd geht auf dem Zirkel und entwischt auf der offenen Zirkelseite über die Schulter. Schwupps, geht’s in eine Richtung, die gar nicht vorgesehen war. Aber auch Fortgeschrittene kennen das Gefühl, wenn das Pferd über die Schulter weggeht. Sie beeinflussen dies nur schneller, so dass es nicht dazu kommt, dass sich das Pferd in die falsche Richtung bewegt.

Wer das noch nicht im Ansatz fühlt, dem hilft vielleicht dieser Tipp von Elaine Butler: "Am Widerrist sieht man als erstes, wohin sich das Pferd bewegen möchte. Daher nicht die Ohren beobachten, sondern lieber ein Auge auf den Widerrist werfen!"

Tipp 6: Wenden mit sechs Augen (Sibylle Wiemer)

Stellen Sie sich sechs Augen auf ihrem Körper vor: Die eigenen, dann noch eins auf jeder Schulter und beiden Beckenknochen. Das empfiehlt Sibylle Wiemer. Denn der Effekt ist: Automatisch dreht sich der Reiter korrekt in die Wendung und gibt die richtige Gewichtshilfe.

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Wenden mit sechs Augen.

Tipp 7: Viereck vergrößern (Eberhard Weiss)

An der kurzen Seite auf die Viertellinie abzuwenden und von dort aus in Richtung Hufschlag die Linie zu vergrößern, empfiehlt Eberhard Weiß. Es entsteht ein moderates Viereck vergrößern. Diese Übung hilft zu spüren, wie das Pferd an den Zügel herantritt und den äußeren Zügel annimmt. "Der Schüler lernt hierbei, dass sein innerer Schenkel das Pferd auffordert. Er muss den Moment herausfinden, in dem er den Impuls geben muss, damit das Pferd dem Schenkel vorwärts-auswärts folgt."

Der äußere Schenkel liegt dabei verwahrend an. Zum einen, damit das Pferd eingerahmt ist, zum anderen, um zu verhindern, dass der Reiter sich zu sehr nach innen heruntersetzt. Die halbe Parade, bei der die äußere Hand dem inneren Schenkel antwortet, ist bei dieser Aufgabe besonders gut erlernbar.

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Wenn innen und außen perfekt zusammenspielen müssen: Viereck vergrößern.

Parade aus vier Elementen: In dem Augenblick, in dem der Reiter den treibenden Schenkel einsetzt, wird der äußere Zügel leicht. Dann schließt er die äußere Faust und gibt dann wieder nach. Der Impuls kommt aus dem Unterschenkel, der Oberschenkel bleibt locker, ist unbeteiligt. Wieviel Anlehnung dabei am inneren Zügel bestehen soll, ist immer Gefühlssache. Ist er zu locker, ist das Pferd orientierungslos, ist er zu fest, blockiert er. "Ich mag den Merksatz: "Die Zunge unter dem Gebiss muss fühlen können – also Nuancen spüren." Eberhard Weiss

Tipp 8: Ein Rahmen aus Pferdefüßen (Nicole Künzel)

Lotrecht sitzen, den Kontakt an beiden Zügeln gleichmäßig fühlen, eine positive Grundspannung im Sitz halten können ist der erste Schritt, sagt Nicole Künzel. Wenn das gelingt, kann der Reiter erfühlen und bestimmen, wo das Pferd welchen Huf hinsetzt. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, empfiehlt Künzel, sich einen Rahmen um die Pferdebeine vorzustellen. "Dann merkt der Reiter leichter: Wo fällt die Vorhand hin? Wo die Hinterhand?" Ein gutes Bild, um das Pferd einzurahmen ist auch der Korridor: "Den stellt man sich gerade oder gebogen vor, je nach gerittener Linie."

Tipp 9: Aha-Erlebnis Hinterhandwendung (Christine Hlauscheck)

Für mehr Schulterkontrolle: Christine Hlauscheck nutzt gern die Hinterhandwendung im freien Raum, um Schülern die äußeren Hilfen zu erklären. "Das ist toll, um Schulterkontrolle zu üben."

So geht es: Pferd und Reiter stellen sich auf den Punkt X. Stellen Sie sich das Ziffernblatt einer Uhr unter dem Pferd vor. Die Ohren stehen auf 12 Uhr. Durch die Hinterhandwendung sollen sie auf neun Uhr kommen. Der rechte Zügel wirkt dabei begrenzend, ohne dass das Pferd in eine Rechtsstellung gebracht wird. Der Reiter sitzt in die Bewegungsrichtung nach links. Dadurch kommen der rechte Oberschenkel und das rechte Knie mehr an den Sattel. Die äußere Hand schließen, wenn das Pferd nach vorn weg will. Für ein fein gerittenes Pferd reicht die Gewichtsverlagerung. Denn dadurch kommt mehr Gewicht auf das linke Vorderbein,das rechte wird leichter und kann gut herumtreten. Reicht das nicht, mit der Gerte an die Schulter tippen. "Anfangs den Unterschenkel lieber nicht nutzen, da er das Pferd in Versuchung bringt, die Hinterhand zu bewegen."

Unsere Experten

Elaine Butler (59) ist spezialisiert auf den Reitersitz und arbeitet nach ihrem eigenen "RiderAbility"-System.

Christine Hlauschek (46) ist Pferdewirtschaftsmeisterin, Reitlehrerin und Erfinderin des kreativen Trainingskonzepts "Kreismeister". www.bewegungs-freiheit.de

Nicole Künzel (39) bildet Pferde in klassischer Dressur am Boden und unter dem Sattel aus und ist außerdem Buchautorin. www.evipo.de

Eberhard Weiss (67) ist Berufsreiter und geprägt von Egon von Neindorff, der Wiener Hofreitschule und der Kavallerie-Reitschule in Hannover.

Sibylle Wiemer (60) ist Trainerin A FN mit Zusatzausbildungen z.B. in der Sitzschulung und Ehrenmitglied der Schule der Légèreté. www.sibyllewiemer.de

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